Reise

Touristenabzocke in Italien

Der große Nepp

Weltweit machte der Fall Schlagzeilen: In Rom bekamen zwei Touristen eine Restaurantrechnung über 430 Euro - für Pasta und ein bisschen Fisch. Gegen solchen Nepp sollen und wollen Italiens Behörden vorgehen. Einfach ist es nicht.

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Restaurant in Italien: Zwei Teller Pasta und ein bisschen Fisch für 430 Euro

Von , Rom
Sonntag, 06.10.2019   10:56 Uhr

Japaner trifft es offenbar besonders häufig. Sie werden gern von illegalen Taxifahrern abgefangen, wenn sie am römischen Flughafen Fiumicino ankommen. Die Fahrt ins Zentrum kostet dann nicht die üblichen 48 Euro, sondern leicht das Doppelte und manchmal noch viel mehr.

Die meisten Japaner können die Schilder nicht lesen, die Sprache nicht verstehen und sich vor allem gar nicht vorstellen, wie ehr- und schamlos sie in Europa ausgeplündert werden können.

Ein solcher Fall ging gerade durch die Medien in ganz Europa und löste heftige Reaktionen aus. "Touristen mussten 430 Euro für zwei Teller Spaghetti bezahlen" überschrieb die britische Zeitung "Independent" einen Artikel, nachdem ein japanisches Ehepaar einen Rechnungsbeleg auf die Plattform TripAdvisor hochgeladen hatte, auf der die Gäste auch das betreffende Restaurant Antico Caffè di Marte bewerten können.

Das tun viele schon lange - und meistens sehr negativ. Einer schrieb, im Juni 2019, "Schlechtestes Restaurant... Touristenabzocke", ein anderer warnte schon im Jahr davor: "Pasta war widerlich". 2017 schrieb ein Schweizer Gast: "Das schlechteste Restaurant, in dem ich jemals war. Meidet dieses Restaurant!" Und deshalb steht das Etablissement von den 10.423 Restaurants in Rom bei der Plattform TripAdvisor nur auf Platz 9764.

Gleichwohl findet es Kunden, das nichts ahnende japanische Paar zum Beispiel. Das kam, aß und wurde abgeschöpft. Zwar nicht ganz so, wie es der "Independent" und nach ihm andere Medien darstellten: Es hatte außer den Nudeln auch noch zwei Portionen gegrillten Frischfisch gegessen, und deren Preis, so der Restaurantinhaber, stehe klar auf der Speisekarte: 6,50 Euro pro 100 Gramm. Daraus wurden auf der Rechnung schon mal 315 Euro. Gut, wenn die beiden nach den Nudeln noch üppige 4,8 Kilo Fisch gegessen haben, stimmt das wohl. Dazu kamen Getränke und die "Mancia" - die mit 80 Euro auf dem Rechnungsbeleg steht. "Mancia" heißt Trinkgeld, und das hätten sie freiwillig "spendiert", sagt der Anwalt des Restaurateurs laut der Internetzeitung "RomaToday". So kommen eben 429,80 Euro für ein Mittagessen zusammen.

Viermal Steak und Meeresfrüchte: 1143 Euro

Aber das Antico Caffè di Marte ist ja nicht das einzige, das von Gästen so negativ bewertet wird. Über 600 müssten, nach dem Ranking von TripAdvisor, ein noch schlechteres Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Und das könnte durchaus sein: So kassiert, laut dem "Corriere della Sera", eine Bar auf der Viale Vaticano für zwei Hamburger 50 Euro und für einen doppelten Café Americano acht Euro, andere Bars nehmen Touristen für den kleinen Espresso fünf Euro und für die Dose Cola sechs Euro ab und so weiter.

Freilich ist solcher Nepp nicht auf Rom beschränkt, ein Spritz in einer Bar in Mailand will auch mit dem absurden Preis von 15 Euro bezahlt sein. In Florenz kassiert eine Eisdiele für ein Eis im Hörnchen zehn Euro.

Und in Venedig machte, schon im vorigen Jahr, ein grober Fall von Touristenabzocke von sich reden.

Vier Japaner aßen im Restaurant Osteria da Luca Steaks und frittierte Meeresfrüchte, tranken Wasser dazu - und mussten 1143 Euro bezahlen. Das empörte nicht nur die japanischen Studenten, die, kaum zurück an ihrem Studienort Bologna, den Fall bei der Polizei anzeigten. Auch die venezianische Bürgervereinigung und der Bürgermeister der Lagunenstadt, Luigi Brugnaro, forderten, den Fall zu klären. "Wenn dieses beschämende Ereignis sich bestätigen sollte", twitterte Brugnaro, "tun wir alles, was möglich ist, um die Verantwortlichen zu bestrafen". Aber seine Kommunalverwaltung stellte schnell fest: Um überhöhte Preise oder falsch ausgestellte Rechnungen zu bestrafen, fehlt ihr die Kompetenz. Das wäre Sache der Justiz. Und die ist sehr, sehr langsam in "Bella Italia".

Andrea Ronchini/ NurPhoto/ Getty Images

Touristen in Rom: Jetzt ein stärkendes Kohlenhydrat! Allerdings lauert in einschlägigen Restaurants der Nepp

Der größte Nepp

Vielleicht hat ein Eintrag im TripAdvisor-Fundus die Venezianer auf die gute Idee gebracht, was man trotzdem tun kann. Denn unter der Überschrift "Abzocke zu Mittag", hatte ein Gast schon im Oktober 2017 seine Warnung dort eingestellt: "Der größte Nepp, den wir je erlebt haben... WC vollkommen verdreckt, ohne WC-Papier, sechs Personen einfaches Mittagessen, ein Gang, über 400 Euro".

Also gingen die kommunalen Polizisten zur teuren Osteria und überprüften die Einhaltung der Hygiene-, feuerpolizeilichen und weiteren Vorschriften in Küche, Lager und Toiletten. Weil leider manches nicht okay war, soll der Osteria-Chef nun eine Strafe von 9000 Euro zahlen. Darüber streitet man allerdings noch.

Auch in Rom wählt die Kommune nun diesen Weg, um dem umstrittenen Cafébetreiber beizukommen. Die städtischen Polizisten kommen, messen und stellen Strafbescheide aus: Weil die Tische und Stühle des Antico-di-Marte-Cafés immer mal wieder illegal auf städtischem Grund stehen. Kurzfristig war der Laden deshalb sogar geschlossen, jetzt läuft der Streit über die Höhe der Strafe.

Manchmal sind sie auch Opfer

Natürlich sind nicht nur Japaner von der Touristen-Nepperei betroffen, auch Dänen, Deutsche, Touristen aus aller Welt. Und gewiss sind nur die wenigsten Bars und Restaurants darauf aus, ihre Kunden übers Ohr zu hauen. Die meisten sind - auch in Rom und in Venedig, überall in Italien und vermutlich überall in der Welt - ehrlich und freuen sich über zufriedene Kunden.

Manchmal sind auch sie die Opfer. In einem Restaurant in Val di Vara zum Beispiel, am Rand des Cinque-Terre-Gebiets, orderte eine Frau telefonisch einen Tisch für zehn Personen zum Geburtstag des Großvaters. Der trinke aber nur den französischen Pays-d'Oc-Reserve-Wein. Der Wirt warnte, es werde nicht leicht, den Wein zu besorgen. So gab die Frau ihm die Telefonnummer ihres Lieferanten. Der Wirt bestellte sechs Flaschen, der Lieferant kam, brachte sechs Flaschen, kassierte 480 Euro plus Mehrwertsteuer in bar und verschwand. Wer nicht kam, war die Feiergesellschaft.

Ach, und der Wein war aus dem Supermarkt - für 2,50 Euro pro Flasche.

insgesamt 356 Beiträge
claus7447 06.10.2019
1. Ja, so ist es...
.. sitze am Ufer eines norditalienischen Sees, genieße einen Espresso für 80 Cent... kaum Touristen hier, auch schön. Der alte Bürgermeister winkt mir gerade zu....entspannend.
.. sitze am Ufer eines norditalienischen Sees, genieße einen Espresso für 80 Cent... kaum Touristen hier, auch schön. Der alte Bürgermeister winkt mir gerade zu....entspannend.
Die blaue Katze 06.10.2019
2. Die wichtigste Info fehlt wie immer
es müsste doch eine Speisekarte geben, aus der die Preise ersichtlich werden.
es müsste doch eine Speisekarte geben, aus der die Preise ersichtlich werden.
Piak 06.10.2019
3. Nichts neues
Das ist eigentlich ein Uraltproblem. Mir und meinen Mitschülern ist das schon in den 1990ern auf Klassenfahrt beim Mittagessen in einem venezianischen Restaurant passiert. Wir haben uns so leidlich erfolgreich gewehrt, weil wir [...]
Das ist eigentlich ein Uraltproblem. Mir und meinen Mitschülern ist das schon in den 1990ern auf Klassenfahrt beim Mittagessen in einem venezianischen Restaurant passiert. Wir haben uns so leidlich erfolgreich gewehrt, weil wir als Jugendliche natürlich überhaupt nicht über so viel Geld verfügten und außerdem einen italienischen Mitschüler dabei hatten. Trotzdem haben wir noch ungefähr das 5fache bezahlt, aber nicht das geforderte 50fache.
tempus fugit 06.10.2019
4. In Italien ist es ....
...m.W. vorgeschrieben, dass die Speisekarte mit Preisen und Zusatzkosten am/vorm Eingang stehen muss. Bei teuren Gerichten - wie z.B. Fisch oder speziellem Fleisch sind die Angaben in 100 gr. -Werten angegeben. Das es hier [...]
...m.W. vorgeschrieben, dass die Speisekarte mit Preisen und Zusatzkosten am/vorm Eingang stehen muss. Bei teuren Gerichten - wie z.B. Fisch oder speziellem Fleisch sind die Angaben in 100 gr. -Werten angegeben. Das es hier Abzocker gibt, zweifellos aber mit ein bisschen Vorkenntnissen zum Land, wo man sich hinbegibt, sollten solche Ausreisser vermeidbar sein. Ich nehm' mal an, dass auch ein Italiener in Japan da seine Erfahrung machen würde, wenn er dann diesen ganz besonderen Fisch oder dieses komische - Kobe? - Rind bestellt und nicht auf den Grammpreis oder 100-Grammpreis guckt sondern meint, das wäre für eine Portion. Und so ein 500 Gr. schwere Costata vom besten toskanischen Rind kann dann 'schweinteuer' werden. Ich kenne aber auch andere Erfahrungen, z.B. 5-Terre, wo man uns bei 'gesunden' aber berechtigten und der Leistung entsprechenden Preisen vom Kellner empfohlen hat, auf den einen oder anderen Gang zu verzichten, weil da zuviel aufgetischt würde... Und auch dort laufen viele ausnehmbare Asiaten und Amis und und rum.... Tipp wenn man etwas Italiensich kann? Beim Apotheker oder beim Pfarrer, wenn er gerade nahe der Kirche ist, nach Restaurantstips fragen - wurde nie enttäuscht... Vom Dorfpolizisten sollte man da eher Abstand halten....
Andersstern 06.10.2019
5. Leider in Italien System
Folgen Sie in Lucca der öffentlichen Ausschilderung für einen kostenpflichtigen Parkplatz am Rande der Stadt, um so entspannt zu Fuß die Stadt zu erkunden. 11 Monate später erhalten Sie ein Strafzettel der Gemeinde indem man [...]
Folgen Sie in Lucca der öffentlichen Ausschilderung für einen kostenpflichtigen Parkplatz am Rande der Stadt, um so entspannt zu Fuß die Stadt zu erkunden. 11 Monate später erhalten Sie ein Strafzettel der Gemeinde indem man Ihnen mitteilt, dass Sie auf dem Weg zu dem ausgeschilderten Parkplatz durch eine durchfahrtsbeschränkte Straße gefahren sind und wenn Sie bis gestern gezahlt hätten, hätte es 95, jetzt leider 125 und in zwei Wochen 165€ kostet. Das Ganze hat in diesem wunderschönen Land System, sodass es fast dazu führen könnte nicht mehr hinzufahren.....

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