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Klimadebatte

Warum ich nicht mehr fliege

Eine Vielfliegerin war sie nie - trotzdem hat Meike Lobo sich entschieden, auch auf ihren einzigen Urlaubsflug pro Jahr zu verzichten. Hier erklärt sie, warum ihr trotzdem nichts fehlt.

balipadma/ iStockphoto/ Getty Images
Samstag, 13.07.2019   12:55 Uhr

Es gab nicht den einen Moment, in dem ich beschloss, nicht mehr zu fliegen. Es war eher ein mehrmonatiger Bewusstwerdungsprozess, an dessen Ende ich zu meinem Mann sagte: "Ich glaube, ich will nicht mehr fliegen". Sein Lächeln nach diesem Satz wirkte etwas schief. Denn mein Entschluss bedeutete, dass wir den Weißensee in Kärnten, an dem wir jährlich unsere Seelen für ein paar Tage zum Trocknen über die Leine hängten, nicht mehr wiedersehen würden.

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Heft 29/2019
Richtig und gut leben
Die Welt retten, ohne sich einzuschränken - geht das?

Da wir grundsätzlich nur Kurztrips unternehmen, würden sich Urlaube an Orten, die außerhalb eines sechsstündigen Zugreiseradius um unseren Wohnort Berlin liegen, nicht mehr lohnen. In die Zufriedenheit über meine Entscheidung mischte sich bei uns beiden ein gehöriger Anteil Wehmut. Trotzdem bin ich überzeugt, das Richtige zu tun. Ich fliege nicht mehr, weil mir die Klimakrise im Genick sitzt.

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Aufs Fliegen verzichten: So nah, so spannend

Genau genommen sitzt sie uns allen im Genick, auch wenn manche das Ziehen im Nacken noch für einen blockierten Halswirbel halten. Der Klimawandel lässt uns wahrscheinlich nicht noch zweihundert Jahre Zeit, in denen wir uns an den Gedanken gewöhnen können, irgendetwas gegen ihn zu unternehmen. Die Klimakrise ist jetzt, heute, in jeder Minute. Und jede Handlung im Alltag kann sie beschleunigen oder eben auch nicht. Ich habe beschlossen, dass ich sie nicht mehr als unvermeidbar beschleunigen will.

Zwar ist der Anteil der Fliegerei am weltweiten CO2-Ausstoß mit zwei bis drei Prozent nicht riesig, doch der Pro-Kopf-Wert ist es schon, weil diese Menge nur von einer winzigen Gruppe Menschen erzeugt wird. Nur geschätzte 18 Prozent der Weltbevölkerung sind überhaupt schon einmal geflogen und nur drei Prozent im vergangenen Jahr. Bei ansonsten klimaneutralem Verhalten ruiniert allein Fliegen den mit eiserner Disziplin geschrumpften CO2-Abdruck.

Einfach nicht notwendig

Meine Entscheidung gegen das Fliegen hat also eine verhältnismäßig große Wirkung. Während ich andere Maßnahmen zur CO2-Reduktion nicht unbegrenzt durchführen kann, weil ich nun einmal in einem beheizten Gebäude wohne und durch mehr oder weniger klimaschädliche Landwirtschaft erzeugte Lebensmittel essen muss, ist das Fliegen für mich absolut optional. Kein Zwang macht es für mich zu einer unausweichlichen Notwendigkeit, die ich zähneknirschend hinnehmen muss.

All diese Gründe erleichterten mir die Entscheidung, künftig auf das Fliegen zu verzichten enorm. Hinzu kommt, dass ich noch nie viel geflogen bin. Meine Eltern waren früher zu hoch verschuldet, um an regelmäßige Familienurlaube in entfernte Länder auch nur denken zu können.

Als ich Kind war, klangen die Namen fremder Orte in meinen Ohren wie die Namen ferner Planeten. Und so wenig es mir unter den Nägeln brennt, endlich mal einen Abstecher zum Saturn zu machen, so wenig entwickelte ich Fernweh nach diesen unerreichbaren Ländern.

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Kleine, große Wunder überall

Inzwischen weiß ich, wie wenig mir fehlt. Auch wenn ich in Österreich Augenblicke magischen Glücks empfunden habe, so verpasse ich ohne die Reisen nicht zwingend etwas. Denn Wunder habe ich auch im Brandenburgischen Hinterland oder an der Mecklenburgischen Ostseeküste erlebt.

Ich habe gemerkt, dass das Wichtigste zum Erweitern des eigenen Horizonts nicht das Bereisen eines fremden Land ist, sondern die eigene Neugier. Wenn man darauf vertraut, dass jeder Ort kleine und große Wunder bereithalten kann, dann offenbaren sie sich fast überall. Für mich als Biologin sind unsere heimischen Schmetterlinge nicht weniger spektakulär als tropische Arten. Vollkommen war unser Urlaubsglück im ganz Nahen, als wir nach einer anstrengenden Nachtwanderung in Teltow-Fläming auf unserem Zimmer zwei kalte Biere und einen Riesenteller Butterbrote vorfanden, den uns die Wirtin zurecht gemacht hatte.

Aber auch, wenn man es etwas urbaner mag: ein Streifzug durch das örtliche Historische Museum ist nicht weniger bereichernd als ein durch Billigflieger ermöglichter Besuch des British Museum in London. Einem friesischen Kapitän die Krabben direkt vom Kutter abzukaufen und sie dann auf der Hafenmole sitzend zu pulen, ist nicht weniger exotisch als einen Springbock-Burger in Namibia zu probieren.

Ich bin inzwischen seit zweieinhalb Jahren nicht mehr geflogen. In dieser Zeit habe ich im Berliner Naturkundemuseum einen echten Tyrannosaurus rex getroffen, von einem Ruderboot aus über dem Parsteiner See in Brandenburg kreisende Seeadler beobachtet und mit meinem Mann viele entspannende Abende in unseren Lieblingsrestaurants verbracht. Warum soll ich fliegen? Wohin? Ich weiß es nicht.

insgesamt 273 Beiträge
tmmk 13.07.2019
1. Europa erleben
Man kann wunderbar in Deutschland Urlaub machen. Aber ich finde es auch wichtig, dass wir als Europäer zusammenwachsen. Dazu gehört eben auch andere Länder und Kulturen kennenzulernen und Freundschaften mit anderen Europäern [...]
Man kann wunderbar in Deutschland Urlaub machen. Aber ich finde es auch wichtig, dass wir als Europäer zusammenwachsen. Dazu gehört eben auch andere Länder und Kulturen kennenzulernen und Freundschaften mit anderen Europäern zu knüpfen. Wenn jeder nur noch im Heimatland Urlaub macht wird mehr und mehr das Verständnis für die Probleme unserer Nachbarn zurückgehen und Europa wird kleinstaatlicher und nationalistischer... ich fände diese Entwicklung schade und fände es schön wenn der europäische Austausch erleichtert würde und nicht die Flugtickets künstlich verteuert werden!
AFH 13.07.2019
2. ..
Richtig. Ich bin seit 2003 nicht mehr geflogen - und in meinem ganzen Leben nur insgesamt sechs mal. Ferien kann man auch mit der Bahn machen.
Richtig. Ich bin seit 2003 nicht mehr geflogen - und in meinem ganzen Leben nur insgesamt sechs mal. Ferien kann man auch mit der Bahn machen.
hibee 13.07.2019
3. Kann man so machen
Wir machen seit einigen Jahren nur Urlaub in Mitteleuropa, zugegebenermaßen mit dem Auto. Man kann viel erleben und es stimmt schon, die Qualität eines Urlaubs hängt nicht von der Entfernung zum Wohnort ab. Andererseits wird [...]
Wir machen seit einigen Jahren nur Urlaub in Mitteleuropa, zugegebenermaßen mit dem Auto. Man kann viel erleben und es stimmt schon, die Qualität eines Urlaubs hängt nicht von der Entfernung zum Wohnort ab. Andererseits wird man ohne Flugreisen viele Ziele in seinem Leben niemals sehen. Die deutsche Küste ist schön, es war aber auch ein Erlebnis einmal in Australien gewesen zu sein. Vielleicht sollte man sinnvoll planen, vor allem für kurze Stecken keine Flüge. Auf ein, zwei ausgewählte Fernreisen im Leben hätte ich aber ungern verzichtet.
kraftmeier2000 13.07.2019
4. Nach Kärnten
kommt man sicher auch auf anderem Wege, wozu muss man da fliegen? Somit verstehe ich auch den Text nicht so richtig, oder bin vielleicht au zu … . Ich werde mir den einen Urlaub (Flug) im Jahr sicher nicht vermiesen lassen so [...]
kommt man sicher auch auf anderem Wege, wozu muss man da fliegen? Somit verstehe ich auch den Text nicht so richtig, oder bin vielleicht au zu … . Ich werde mir den einen Urlaub (Flug) im Jahr sicher nicht vermiesen lassen so Er denn ansteht, und Urlaub im In- und Umland mache ich schon Zeit meines Lebens jedes Jahr, da brauchte es die CO² Diskussion gar nicht..
Koana 13.07.2019
5. Sollte dies ein authentischer Bericht sein....
..gratuliere ich der Autorin, ich sehe die Dinge bezüglich Freude und Glück in meinem Lebensraum seit 40 Jahren so, als Mensch habe ich nicht die Eigenart in Ozeanen um die Welt zu schwimmen, oder mit den Jahreszeiten durch die [...]
..gratuliere ich der Autorin, ich sehe die Dinge bezüglich Freude und Glück in meinem Lebensraum seit 40 Jahren so, als Mensch habe ich nicht die Eigenart in Ozeanen um die Welt zu schwimmen, oder mit den Jahreszeiten durch die Lüfte zu ziehen. Es wäre sicher spannend, doch noch ist der Mensch nicht in der Lage sich all dies zu erlauben, ohne seine Lebensgrundlagen zu zerstören. Fortschritt ist erst sinnvoll, wo er den Lebensraum bereichert und bewahrt, nicht ihn vernichtet. Der Mensch hat seinen Spieltrieb leider nicht unter Kontrolle.
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