Reise

Thomas-Cook-Pleite auf Kreta

"Das Geld werde ich wahrscheinlich niemals sehen"

Die griechische Insel Kreta trifft die Pleite von Thomas Cook hart: Hoteliers fürchten Einbußen von mehreren Millionen, die Unsicherheit ist groß. Die Urlauber selbst bleiben aber gelassen - vorerst.

De Agostini/ Getty Images

Strandlandschaft auf Kreta

Von , Kreta
Dienstag, 24.09.2019   16:22 Uhr

Die Nachricht, dass Thomas Cook pleite ist, erreichte Nikos Chalkiadakis in der Nacht zum Montag, kurz nach Mitternacht. "Ich habe eine E-Mail von einem Freund bekommen, der bei einem Tourismus- und Finanzportal arbeitet", sagt Chalkiadakis, der fünf Hotelanlagen auf der griechischen Ferieninsel Kreta führt. "Seitdem habe ich nicht viel geschlafen."

Chalkiadakis, 54, klein gewachsen, athletisch, leger gekleidet, sitzt in der Nähe des Pools seines Cactus-Beach-Hotels, eines Resorts mit Bungalows, grünen Kakteen und üppigen Gärten in der Nähe der Inselhauptstadt Heraklion. "Es war wie ein Schlag ins Gesicht", sagt er. "Aber wenn man in dieser Branche ist, muss man damit rechnen." In der Hotelbranche ist der Geschäftsmann schon seit Jahrzehnten. Er habe bereits einige Niederlagen erlebt, sagt er, aber keine wie diese.

"Mit Thomas Cook und seinen Tochterfirmen haben wir in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 25 Millionen Euro eingenommen." Jetzt schulde der Reiseveranstalter ihm rund 650.000 Euro, die letzte Zahlung habe er Mitte Juli erhalten. "Das Geld werde ich wahrscheinlich niemals sehen", sagt er. "Die Versicherer werden nur für die Kosten nach der Insolvenzanmeldung aufkommen."

Am Montag habe er noch eine E-Mail von Thomas Cook erhalten: "Sie haben von allen Hotels, mit denen sie zusammenarbeiten, einen Preisnachlass von 20 Prozent erbeten, um das Unternehmen zu retten", sagt Chalkiadakis, der auch Präsident des Hotelierverbands auf Kreta ist. Ob das überhaupt gereicht hätte, sei fraglich.

"Stärkster Schlag seit Finanzkrise"

Thomas Cook war einer der Hauptakteure im Tourismussektor auf Kreta. Mehr als 70 Prozent der Hotels auf der Insel haben Deals mit dem Reiseveranstalter, 20 Prozent der Reservierungen gehen auf Thomas Cook zurück. Hotelbesitzer auf Kreta erwarten nun Einbußen von 80 bis 100 Millionen Euro.

REUTERS/Stefanos Rapanis

Urlauber vor einem Thomas-Cook-Schalter am Flughafen Heraklion

Griechische Tourismusverbände gehen davon aus, dass die Insolvenz des Reisekonzerns der Branche bis zu 500 Millionen Euro kosten könnte. Es sei für die Wirtschaft "der stärkste Schlag seit der Finanzkrise", schrieb die Wirtschaftszeitung "Naftemporiki".

Im Ranking der fünf wichtigsten Destinationen von Thomas Cook lag Griechenland auf Platz drei, 2018 brachte das Unternehmen rund 2,8 Millionen Besucher ins Land. Vor allem Hoteliers auf Kreta, Rhodos und Kos arbeiteten eng mit den Briten zusammen. Zudem betrieb Thomas Cook in Griechenland vier eigene Hotels und beschäftigte 640 Mitarbeiter. Was nun mit den Beschäftigten und den Hotels geschehe, sei unklar, berichten griechische Medien.

Ein großer Teil der Touristen auf Kreta kommt aus Deutschland: Rund 15.000 der 20.000 Thomas-Cook-Urlauber, die gerade auf der Insel sind, sind Deutsche. Die meisten haben über das Tochterunternehmen Neckermann Reisen gebucht. Auch im Cactus-Beach-Hotel nächtigen viele Deutsche, daher hofft Chalkiadakis, dass Neckermann nicht auch noch Insolvenz anmelden muss.

Vorerst haben die Deutschen vor Ort kein vorzeitiges Urlaubsende zu erwarten: Diejenigen, die bereits im Ausland sind, können ihre Reise regulär zu Ende bringen. Derzeit leiden nur Kunden der deutschen Tochter - zu der auch die Marken Neckermann, Öger Tours und Bucher Reisen gehören -, deren Reise noch bevorsteht: Sie können ihre Reisen nicht zu ihrem Urlaubsziel starten, die Veranstalter können seit Montag die Durchführung nicht mehr garantieren. (Lesen Sie hier ein Interview mit einem Verbraucherschützer zu dem Thema.)

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Mehr Abenteuer als erwartet - trotzdem entspannt

"Wir haben eine Nachricht bekommen, dass unsere Unterkunft und unsere Flugtickets nicht betroffen sind", sagt eine Familie aus Hessen, die am Tag der Insolvenz auf Kreta angekommen ist. "Wir haben aber bisher unser Gepäck noch nicht bekommen. Jetzt wird es eben ein abenteuerlicherer Urlaub, als wir erwartet haben."

Die Pleite von Thomas Cook ist auf Kreta zwar überall Thema, dennoch wirken die meisten Kreta-Urlauber recht entspannt - selbst die Briten, die derzeit nach und nach von der Regierung zurückgeholt werden, lassen sich die letzten Urlaubsstunden nicht vermiesen.

Im Cook's Club, einem eleganten Hotelkomplex mit 148 Zimmern, Strandzugang und zwei beleuchteten Pools, sitzen junge Briten am Montagabend an der Hotelbar und trinken Cocktails. "Wir machen uns keine Sorgen", sagt ein Pärchen. "Die britische Regierung wird uns zurückholen, und das Hotel sagt, es gebe kein Problem mit unserer Unterkunft."

Die Straßen vor dem Hotel sind belebt, die Bars hier tragen britische Namen, wie etwa "Lions". Zwei Freunde aus der schottischen Stadt Aberdeen sitzen am Tresen. Auch sie haben ihre Pauschalreise auf Kreta mit Thomas Cook gebucht. "Ich bin heute aufgewacht und habe die Nachrichten gehört", sagt der 22-jährige Robbie. "Wir haben nur eine E-Mail von unserem Veranstalter bekommen, dass wir unsere E-Mails checken und nachschauen sollen, ob wir versichert sind."

Sie hätten herausgefunden, dass sie um die gleiche Zeit nach Glasgow zurückfliegen - lediglich mit einer anderen Fluglinie. "Bis dahin genießen wir noch unsere letzte Nacht hier in der Bar", sagen sie. "Wir bereuen nicht, hergeflogen zu sein, es war so günstig." 350 Pfund hätten sie inklusive der Flüge, Hotel und Frühstück bezahlt - ein guter Deal. "Um ehrlich zu sein, ist das wahrscheinlich der Grund, warum Thomas Cook pleitegegangen ist."

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Nikos Chalkiadakis sei Präsident des griechischen Hotelierverbands. Tatsächlich ist er Präsident des Hotelierverbands auf Kreta. Wir haben die Stelle korrigiert.

Mit Material von dpa

insgesamt 13 Beiträge
kiwi.pro 24.09.2019
1. Kreta
Es gibt zum Glück noch andere Möglichkeiten nach Kreta zu kommen. Es lohnt sich - insbesondere wenn es weniger Ballermann Angebote für 350 Pfund gibt.
Es gibt zum Glück noch andere Möglichkeiten nach Kreta zu kommen. Es lohnt sich - insbesondere wenn es weniger Ballermann Angebote für 350 Pfund gibt.
newliberal 24.09.2019
2. Na ja,
ein Lieferant geht pleite, man ist in Vorkasse gegangen und sieht seine Kohle nie wieder. Irgendwann kommt ein Schrieb vom Amtsgericht, Schlussverteilung steht an - gibt aber nix zu verteilen. Das wars dann. Kommt ständig vor, [...]
ein Lieferant geht pleite, man ist in Vorkasse gegangen und sieht seine Kohle nie wieder. Irgendwann kommt ein Schrieb vom Amtsgericht, Schlussverteilung steht an - gibt aber nix zu verteilen. Das wars dann. Kommt ständig vor, ist der Lauf der Dinge. TC hatte schon seit Jahren Probleme, jeder in der Branche wusste das - falls nicht eigene Doofheit. Tipp - eine Vielzahl von Lieferanten und Kunden minimiert das Risiko. So, gibts sonst noch irgendwas neues von Bedeutung ?
jogola 24.09.2019
3. Die Veranstalter gehen - die Schulden bleiben
Kaum eines der Hotels dürften die Besitzer bar bezahlt haben, der Schuldendienst läuft weiter, das Geld ist im UK. Auf Ihren Schulden bleiben sie sitzen und "freuen" sich vielleicht sogar, wenn wir demnächst für [...]
Kaum eines der Hotels dürften die Besitzer bar bezahlt haben, der Schuldendienst läuft weiter, das Geld ist im UK. Auf Ihren Schulden bleiben sie sitzen und "freuen" sich vielleicht sogar, wenn wir demnächst für (umgerechnet) 250 Pfund kommen.
mwroer 24.09.2019
4.
Es gibt immer Alternativen - ich finde den Artikel nur von daher wichtig dass er zeigt dass es wahrlich keinen Militäreinsatz oder Rettungsaktionen vom Staat braucht um ein paar Urlauber nach Hause zu holen ... Das war ja [...]
Zitat von kiwi.proEs gibt zum Glück noch andere Möglichkeiten nach Kreta zu kommen. Es lohnt sich - insbesondere wenn es weniger Ballermann Angebote für 350 Pfund gibt.
Es gibt immer Alternativen - ich finde den Artikel nur von daher wichtig dass er zeigt dass es wahrlich keinen Militäreinsatz oder Rettungsaktionen vom Staat braucht um ein paar Urlauber nach Hause zu holen ... Das war ja teilweise grausam zu lesen in den anderen Foren wo Fakten irgendwie, keine Ahnung, stellenweise wohl nicht erwünscht waren.
Haudegen 24.09.2019
5. Mein Miteid mit den in den Urlaub fliegenden ...
hält sich sehr in Grenzen. Es wird sowieso zu viel geflogen und aktuell mehr denn je - trotz des aufflammenden Klima Bewusstseins. In den Tickets sind die Umweltschäden nicht eingepreist! Der Steuerzahler soll's nun wieder [...]
hält sich sehr in Grenzen. Es wird sowieso zu viel geflogen und aktuell mehr denn je - trotz des aufflammenden Klima Bewusstseins. In den Tickets sind die Umweltschäden nicht eingepreist! Der Steuerzahler soll's nun wieder richten. Pech gehabt - seht doch zu wie ihr nach Hause kommt. Unternehmen können pleite gehen - ist so! Kann man wissen! MfG

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