Reise

Unsicherheit weltweit

Deutschland wird als Reiseziel beliebter

Terror in Brüssel und Berlin, Putsch in der Türkei: Viele Urlauber sind in ihren Plänen verunsichert. Profitiert Deutschland davon? Ein neuer Übernachtungsrekord scheint dafür zu sprechen.

DPA
Mittwoch, 08.03.2017   14:41 Uhr

Dieses Gefühl, dass die Welt aus den Fugen zu geraten scheint - das hatte im vergangenen Jahr sicher der eine oder andere. In Zeiten von Chaos kann Deutschland da durchaus ein sicherer Hafen sein - vor allem, wenn es um das Thema Urlaub geht.

Und die Zahlen scheinen das widerzuspiegeln: Deutschland hat einen neuen Spitzenwert bei den Übernachtungen erreicht und damit einen Rekord zum siebten Mal in Folge. Rund 447 Millionen Übernachtungen von in- und ausländischen Gästen zählte das Statistische Bundesamt für 2016 in Deutschland, das ist ein Plus von drei Prozent gegenüber 2015.

Einen Zusammenhang zwischen weltweiten Unsicherheiten und Deutschlandtourismus allerdings möchte man beim Deutschen Tourismusverband (DTV) nicht feststellen. Deutschland sei da nicht der Notnagel, erklärt Präsident Reinhard Meyer anlässlich der Reisemesse ITB in Berlin. Die Deutschen entschieden sich eben für das Naheliegende.

Der Trend der vergangenen Jahre sei vor allem: kurz und spontan. Meyer hebt hier besonders die Städtereisen hervor. Nicht nur die großen Städte wie Hamburg, Berlin oder München könnten hier punkten. Auch mittelgroße Städte wie Lübeck, Trier oder Regensburg hätten viel zu bieten - vor allem ihre besondere Architektur.

Deutschland kann Sonnenziele wie Türkei nicht ersetzen

Auch Torsten Kirstges, Tourismusexperte an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven, erklärt: "Deutschland ist für Urlauber nach wie vor die wichtigste Destination." Auch er sieht nicht, dass Deutschland vom Terror in anderen Ländern unbedingt profitiert. "Wenn jetzt gewisse Auslandsdestinationen wegbrechen, dann werden die nicht unbedingt von Deutschland substituiert." Denn das, was südliche Länder wie Ägypten oder Türkei bieten - Strand, Wärme und natürlich Auslandsgefühl -, könne Deutschland nicht ersetzen.

Und so ganz richtig ist das mit dem Terror anderswo und dem sicheren Hafen Deutschland allerspätestens seit dem 19. Dezember 2016 auch nicht mehr. Damals steuerte der Tunesier Anis Amri einen Lastwagen auf einen Berliner Weihnachtsmarkt und tötete zwölf Menschen. Islamistischer Terror - auch in Deutschland.

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Hat das Auswirkungen auf den Tourismus in der Hauptstadt? "Wir haben derzeit keinen Hinweis darauf, dass sich die Vorkommnisse dämpfend ausgewirkt haben", sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von Visit Berlin. Man warte zwar noch auf die Zahlen, aber von dem, was etwa Hoteliers berichten, ließe sich nicht auf einen Rückgang der Urlauber schließen.

Kieker geht auch davon aus, dass die Art und Weise, wie Berlin mit dem Attentat umgegangen ist, eine wichtige Rolle spielt. "Die Stadt war trotzig und wollte sich nicht aus dem Takt bringen lassen", sagt er. "Typisch Berlin - und das wurde auch gesehen." Was er allerdings schon länger beobachtet: Das Wachstum bei Reisenden aus Asien flacht ab.

Das bestätigt auch die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT). Europa verzeichnete 2016 ein einstelliges Minus bei Reisen von Asiaten nach Europa. Deutschland sei mit einem Plus von drei Prozent aber immer noch gut aufgestellt, heißt es. Insgesamt aber wuchsen die Übernachtungen ausländischer Gäste mit 1,4 Prozent auf rund 81 Millionen unterdurchschnittlich. Sie waren während des siebenjährigen Booms seit 2010 die Wachstumstreiber.

Bei Sicherheitsfragen müsse man Europa im Kontext sehen, erklärt DZT-Chefin Petra Hedorfer. Terror in Brüssel, Paris, Nizza - aus der Ferne werde Europa als eine Destination wahrgenommen. Reisende differenzierten hier nicht unbedingt zwischen einzelnen Ländern. Und auch schon vor dem Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt stand Deutschland durch mehrere Attacken in den Schlagzeilen.

Dresdens Ruf hat gelitten

Tourismusexperte Kirstges glaubt allerdings nicht an eine allgemeine Unsicherheit in Deutschland und geht nicht davon aus, dass etwa Städtereisen deutscher Urlauber von diesen Entwicklungen betroffen sind. "Städte besichtigen, Musicals anschauen - ich denke nicht, dass die Leute das jetzt weniger machen", sagt er. Da müsse schon regelmäßig etwas passieren.

"Sicherheitsbedenken haben zum ersten Mal für Deutschland eine Rolle gespielt", sagt allerdings auch Bettina Bunge von Dresden Tourismus. Ihre Stadt hat aber mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, im In- und Ausland: dem schlechten Image durch Pegida. "Der gute Ruf hat gelitten", sagt sie. Dresden verzeichnete 2016 zwar wieder über vier Millionen Übernachtungen, es waren jedoch etwas weniger als 2015 und 2014.

Bunge setzt auf einen offensiven Umgang mit der Thematik und betont auch, dass es durch die Entwicklungen mehr Dialog zwischen Bürgern und Politik gebe. "Es rüttelt in der Stadt alle auf, es verändern sich viele Dinge."

Trotz des neuerlichen Rekords bei Übernachtungen bleibt der Touristikverband vorsichtig: "Ich glaube nicht zwingend daran, dass nach sieben fetten Jahren sieben magere folgen müssen, aber wir müssen uns darauf einstellen, dass es schwächer werden könnte", sagte Klaus Laepple, DZT-Verwaltungsratschef, auf der ITB. Wenn die Lage politisch stabil bleibe und keine weiteren Anschläge kommen, sei ein Wachstum des Deutschlandtourismus um zwei Prozent zu erwarten, sagte Hedorfer.

Julia Naue, dpa/abl

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