Reise

Inselhopping zu Fuß

Von Amrum nach Föhr? Einfach durchs Watt

Von einer Insel zur anderen laufen - bei Ebbe ist das möglich. Dark Blome führt 14 Kilometer weit durch den Nationalpark Wattenmeer, von Amrum nach Föhr. Eine Wanderung zu Würmern, Muscheln und Baby-Seehunden

Oliver Franke/ Foehr Tourismus GmbH/ TMN
Montag, 09.09.2019   07:57 Uhr

Völlig losgelöst. So fühlt es sich an. Mitten im Watt scheinen die Küsten der drei Nordseeinseln endlos weit entfernt zu liegen: Dabei sind es nur dreieinhalb Kilometer bis Sylt, vier Kilometer bis Föhr, drei Kilometer bis Amrum.

Auch nach 20 Jahren im Watt packt diese Freiheit den Amrumer Dark Blome. "Das hier ist eine der schönsten Ecken, die ich kenne", sagt der Wattführer und zeichnet in den Sand, wie Ebbe und Flut entstehen. Sonne, Erde, Mond - das Geheimnis der Gezeiten.

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Wandern im Wattenmeer: Schritte im Matsch

Neun Menschen sind es an diesem Morgen, die von der Ortsmitte in Norddorf auf Amrum bis nach Dunsum auf der Nachbarinsel Föhr laufen wollen. Neben dem Haus, in dem er geboren wurde, wartet Blome um acht Uhr auf seine Gäste.

Schnell noch ein letzter Biss ins Frühstücksbrötchen vom Inselcafé Schult. Dort hat der gelernte Bäcker selbst mal gearbeitet. Schon lange aber sind die Wanderungen durchs Watt sein Broterwerb. Fast 350 Tage im Jahr ist Blome, nach eigenen Angaben der einzige anerkannte Nationalpark-Wattführer auf Amrum, in dem Unesco-Weltnaturerbe unterwegs. Gerade hat das Wattenmeer sein fünfjähriges Jubiläum auf der Liste der Uno gefeiert.

14 Kilometer hat der 56-Jährige für die heutige Tour veranschlagt - ein sportliches Programm. Statt auf der direkten Route Richtung Föhr will Blome die Gruppe in einem Schwenk über die Kormoraninsel führen, einer großen Sandbank vor den Küsten der Inseln Amrum, Sylt und Föhr. Die Luft ist mild, aber der Wind frisch. Noch zeigt sich der Himmel Grau in Grau.

Das letzte Klo vor Föhr

Die ersten drei Kilometer bleiben die Schuhe an. Ein Asphaltweg führt zwischen den Marschwiesen hindurch Richtung Deich. Blome erzählt über die historische Entstehung der Insel durch eine Eiszeit und vom aktuellen Problem mit den brütenden Nonnengänsen.

Am Ende des letzten Bohlenweges beginnt das Abenteuer: Füße freimachen, Schuhe und Strümpfe verstauen. Fast alle huschen noch einmal ins Klohäuschen. "Dies ist die letzte Toilette vor Föhr", sagt Blome. So weit scheint die Nachbarinsel gar nicht entfernt. Am Horizont kann man ihre Silhouette deutlich erkennen. Doch die Distanzen in der einförmigen Gezeitenzone können täuschen.

Wer sich ins Watt begibt, sollte das nur mit einem kundigen Wattführer tun. Dieser kennt sich aus, weiß, wie Wetter, Ebbe und Flut den Weg beeinflussen, und bringt einen gefahrlos von einer Insel zur anderen.

Dark Blome nimmt es auch nach unzähligen Jahren im Watt genau. Kartenmaterial und Kompass hat er in seinem Rucksack verstaut. Und für den Fall der Fälle einen zusätzlichen Ersatzkompass dabei. Der Start der Führungen variiert je Zeitpunkt von Ebbe und Flut: Rund zwei Stunden vor Niedrigwasser startet die Wanderung.

Für einige Teilnehmer ist heute Premiere, andere sind Wiederholungstäter. Bei Blome laufen nicht mehr als 35 Personen mit. So hat er genug Zeit für jeden Einzelnen. Der geschützte Lebensraum vieler Tiere und Pflanzen wirft jedes Mal andere Fragen auf.

Dass die spaghettiartigen Sandhäufchen auf dem Meeresboden von Wattwürmern stammen, ist für Nordseeküsten-Urlauber fast Allgemeinbildung. Warum sie am Anfang des Watts allerdings noch zart und klein sind, erklärt Blome. "Hier ist unser Jugendzentrum für die jungen Würmer", sagt er. Und weist den Weg Richtung "Seniorenheim".

Große Wellen, kleine Rillen, enge Rippel

Bei jedem Schritt graben sich die Zehen in den feinen Sand. Doch nicht überall hat sich das Meer komplett zurückgezogen. Beim Gang durch den großen Priel vor Amrum ist barfuß nicht genug. Als Priel wird ein Wasserlauf im Watt bezeichnet.

Also ein kurzer Zwischenstopp zum Hochkrempeln der Hose. Wer sichergehen will, zieht sie einfach aus. Konzentriert folgt die Gruppe Blome, der zielstrebig durch das graue Einerlei der Nordsee läuft. Immer wieder spritzen kleine Wellen bis an die Oberschenkel. Zwölf Grad Wassertemperatur sind weniger unangenehm als gedacht. Hineinplumpsen möchte trotzdem niemand.

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Der Blick bleibt auf den Boden gerichtet. Jetzt kommen die Muschelbänke, warnt Blome. Verstreut liegen große und kleine Exemplare scharfkantiger Austern auf dem Boden. Keiner will eine Schnittwunde riskieren. Zudem zeigt der Meeresboden immer andere Wellenzeichnungen. Große Wellen, kleine Rillen, enge Rippel - ein Naturkunstwerk in reduzierten Farben.

Dass unter dieser Oberfläche viel Leben steckt, stellt Dark Blome kurz darauf unter Beweis. Mit der Forke, die er am Rucksack trägt, gräbt er einen Wattwurm aus dem Sand: "Das ist ein ganz schöner Johnny, so einen großen hatte ich noch nie", sagt Blome.

Dann hält er den Speiballen einer Möwe in die Höhe. Die Vögel schlucken ganze Muscheln herunter und würgen die Schalenreste wieder hoch. "Für Möwenkotze riecht das ganz okay", sagt Blome. Die Flut kommt, die Zeit drängt. "Ich möchte euch bitten, mein Tempo beizubehalten", sagt der Wattführer. Minutenlang hängt jeder seinen Gedanken nach.

Baby-Seehund in Sicht

An der Kormoraninsel versammelt die Gruppe sich wieder. Blome zeigt nach vorn und reicht sein Fernglas herum. Ein Baby-Seehund liegt nur wenige Meter entfernt auf dem trockenen Untergrund. "Wir wollen ihn nicht stören, sonst rutscht er auf seinem frischen Nabel zum Wasser", sagt er.

Am Rand der Sandbank ruht ein zweites, größeres Tier, dann robbt es überraschend schnell Richtung Wasser. In Sichtweite des Deichs in Dunsum auf Föhr stoppt Blome die Gruppe und blickt auf seine Uhr. "Um zehn nach eins müsste sie kommen", sagt er. Sie, das ist die Flut. Minute um Minute verstreicht - und dann geht es rasend schnell.

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Eine weiße Linie schiebt sich immer näher heran, feines Rauschen begleitet sie. Dann strömt das Meerwasser über den Sandboden, auf dem die Gruppe steht, umspült nackte Füße und Knöchel und fließt weiter Richtung Ufer. Die Kraft der Gezeiten - hier wird sie erfahrbar für einen Moment.

Ein Bus bringt die Gruppe anschließend nach Wyk, mit der Fähre geht es später zurück auf die Nachbarinsel.

Nicole Jankowski, dpa/abl

insgesamt 11 Beiträge
sunny20128 09.09.2019
1. Im Watt zieht man Schuhe an!
Komischer, wenn einangeblich zertifizierter Wattführer den Gästen erlaubt, die Schuhe auszuziehen. Wie bereits bemerkt, gibt es sehr viele scharfkantige Muscheln und das Verletzungsrisiko ohne Schuhe ist kaum kalkulierbar.
Komischer, wenn einangeblich zertifizierter Wattführer den Gästen erlaubt, die Schuhe auszuziehen. Wie bereits bemerkt, gibt es sehr viele scharfkantige Muscheln und das Verletzungsrisiko ohne Schuhe ist kaum kalkulierbar.
dasbeau 09.09.2019
2. Watt?
Da kann ich ja nur sagen: Watt? Schuhe im Watt? Wo gibt's denn sowas? Das "angeblich" können Sie ganz schnell wieder einkassieren. Zwischen Amrum und Föhr (oder gerne auch anders herum) läuft man seit jeher ohne [...]
Zitat von sunny20128Komischer, wenn einangeblich zertifizierter Wattführer den Gästen erlaubt, die Schuhe auszuziehen. Wie bereits bemerkt, gibt es sehr viele scharfkantige Muscheln und das Verletzungsrisiko ohne Schuhe ist kaum kalkulierbar.
Da kann ich ja nur sagen: Watt? Schuhe im Watt? Wo gibt's denn sowas? Das "angeblich" können Sie ganz schnell wieder einkassieren. Zwischen Amrum und Föhr (oder gerne auch anders herum) läuft man seit jeher ohne Schuhe. (Abgesehen davon, dass das Erlebnis viel eindrücklicher ist, würde mich auch nicht wundern, wenn dies streckenweise nicht evtl. sogar verboten ist, weil die Gefahr, dass die Schuhe im Watt steckenbleiben und somit die Umwelt verschmutzen, zu groß ist. Das ist aber reine Spekulation)
strixaluco 09.09.2019
3. Bitte unbedingt mit Führer!!
Den Satz, dass man Wattwanderungen nur mit Führer unternehmen sollte, muss man eigentlich rot unterstreichen. Es kommt immer wieder vor, dass "Landeier" per Hubschrauber gerettet werden müssen. Die Priele steigen bei [...]
Den Satz, dass man Wattwanderungen nur mit Führer unternehmen sollte, muss man eigentlich rot unterstreichen. Es kommt immer wieder vor, dass "Landeier" per Hubschrauber gerettet werden müssen. Die Priele steigen bei auflaufender Flut so schnell, dass selbst kleinste Rinnsale sich in tiefe Flüsse verwandeln können. Die Lage der Priele ändert sich ständig. Gerade am Rand von Prielen gibt es auch in Küstennähe oft hässliche Schlicklöcher, in denen man unvermittelt bis über die Knie versinken kann, und in denen man an manchen Stellen auch verschwinden könnte. Muscheln sind vor allem im Schlickwatt ein Problem, das gibt hässliche, vom Salz brennende Schnitte in den Fusssohlen. Ich habe noch eine Narbe davon. Schuhe oder Stiefel helfen da aber nur bedingt, die bleiben schnell stecken und gehen gegebenenfalls mit kaputt, man spürt ja nicht mehr so gut, auf was man tritt.
ratingia1275 09.09.2019
4.
Bin noch nie mit Schuhen durchs Watt gelaufen....fahre seit '86 nach Amrum...hab da auch noch nie jemanden mit Schuhen gesehen -außer Kindern in Gummistiefeln vllt...
Bin noch nie mit Schuhen durchs Watt gelaufen....fahre seit '86 nach Amrum...hab da auch noch nie jemanden mit Schuhen gesehen -außer Kindern in Gummistiefeln vllt...
spon-facebook-10000151392 09.09.2019
5. habe immer noch, nach fast 70 Jahren ein Grauen
vor dem Watt. Mussten als Kinder immer UNTER der Bruecke in St Peter Ording auf die Sandbank laufen, denn Vater wollte "Brueckengeld" sparen. Die Wuermer zwischen den Zehen!!!! ein Krebs beisste in den kleinen Zeh!!! [...]
vor dem Watt. Mussten als Kinder immer UNTER der Bruecke in St Peter Ording auf die Sandbank laufen, denn Vater wollte "Brueckengeld" sparen. Die Wuermer zwischen den Zehen!!!! ein Krebs beisste in den kleinen Zeh!!! daher als Erwachsener immer nach Kampen/Sylt, nie nach Rantum...
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