Reise

Irland und USA

Wo Halloween ein echtes Fest ist

In Sachen Halloween sind wir Deutschen immer noch Anfänger. Wer erleben will, wie wild und witzig das keltische Fest sein kann, muss in seine Ursprungsländer - und erlebt ein Event zwischen Kultur und Karneval.

macnas.com
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Donnerstag, 27.10.2016   17:59 Uhr

Kein Zweifel, Halloween ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Durchgesetzt hat es sich schon in den Teilen des Landes, in denen auch der Karneval lebendig gefeiert wird. Vor allem bei Kindern: Im Rheinland hat es die traditionellen Sankt-Martin-Feiern schon weitgehend verdrängt - seit Jahren gibt es weit mehr "Süße oder Saures!"-Rufer als Laternen schwenkende Martinssänger.

Ältere Jahrgänge fremdeln hingegen noch, wenn es um das keltische Fest geht. Keine größere Stadt, in der es in der Nacht zum 1. November keinen Halloween-Schwoof gäbe. Aber so richtig "echt" ist das alles noch nicht - wir üben da noch.

Wer Halloween mit Gefühl erleben will, muss ins Flugzeug steigen. Die größten, professionellsten Umzüge und Partys finden natürlich in den USA statt - und nicht zu schlagen ist hier die legendäre Village Halloween Parade, denn Hauptstadt des US-Halloweens ist und bleibt natürlich New York. Von dort schwappte das irische, ursprünglich ziemlich düstere Fest zum Herbstkarneval mutiert zurück über den Atlantik.

Und nirgendwo wurde Halloween freudiger wiederbelebt als in seinem eigentlichen Ursprungsland Irland. Dort hat das später zu Halloween verballhornte Samhain (gesprochen "Sao-ihn") noch immer starke historische und kulturelle Wurzeln, an die sich die Iren wieder zunehmend gern erinnern.

Die Wurzeln des Halloween

Historie: Der Angsttag der Kelten
Halloween beruht auf dem keltischen Fest Samhain (gesprochen: "Sao-ihn"). Das vorchristliche Fest war einer der vier heiligsten Tage im keltischen Kalender. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November berührten sich in der Vorstellung der Kelten die reale Welt und die Anderswelt, der Bereich der Geister und Verstorbenen. Nur zu Samhain kam es zum Austausch dieser Welten - eine Ehrfurcht, aber eben auch Furcht weckende Festivität.

Die Kelten hielten schon in vorchristlicher Zeit mit Feten und Gelagen hinter verschlossenen Türen dagegen, mit Rauschritualen, die Böses abhalten und den freundlichen Kontaktschluss erleichtern sollten. Daher das ganze Halloween-Brimborium mit Schreckgestalten und Geistern einerseits, mit ausschweifenden Partys andererseits - beides gehört dazu. So wie auch die Lichterdeko: Vor ihren Türen ließen die Kelten Fackeln flackern, weil das "die anderen" auf Abstand halten sollte - heute übernimmt das der lustig leuchtende Kürbis.

Halloween und Allerheiligen
Der Kirche gefiel das Fest überhaupt nicht. Deshalb griff sie im achten Jahrhundert zu einer bewährten Taktik, um den ungewollten, heidnischen Festtag zu verdrängen: Sie legte den thematisch verwandten Allerheiligentag auf Samhain. Dessen Traditionen hatten sich bis dahin als zu tief verwurzelt erwiesen, um sie einfach per Verbot ausmerzen zu können - auch Mittel- und Südeuropa waren ja etwa von der Ruhrlinie im Norden, von der Donau, dem nördlichen Alpenraum und Tschechien bis zur Bretagne und hinab bis Portugal kulturell keltisch geprägt.

Die Strategie des "Ersatzfeiertags", die auch schon bei Weihnachten gegriffen hatte, das die keltisch-germanischen Winterfeste ersetzte, verdrängte das Keltenfest im Laufe der Zeit - Halloween geriet in Vergessenheit.

Halloween und USA
Nur in den keltisch geprägten Regionen am Westrand Europas funktionierte diese Verdrängung lange Zeit nicht. Von dort nahmen irische und schottische Auswanderer, durch die katastrophale Hungersnot der "Famine"-Jahre ins transatlantische Exil getrieben, ihren Samhain Mitte des 19. Jahrhunderts mit nach Amerika.

Dort wurde aus dem keltischen Fest gegen die Angst das heute bekannte Halloween, in dem sich die düsteren Samhain-Rituale nur noch spielerisch-witzig spiegeln. Rund einhundert Jahre, nachdem es in die USA "exportiert" worden war, kam es als eine Art Herbstkarneval zurück nach Europa - und erlebte vor allem in seinem eigentlichen Ursprungsland Irland ein so mächtiges wie kreatives Revival.

Vor allem aber feiern sie gern: Herausragend sind das Galway Aboo Halloween Festival (noch am 31. Oktober) und das Dubliner Bram Stoker Festival (bis 31. Oktober). In beiden Städten beleben die riesigen, fantasievollen Figuren der Künstler und Freiwilligen des Künstlerkollektivs Macnas die nächtlichen Paraden.

Während in Galway Party pur angesagt ist, nutzt das Stoker-Festival Halloween als Anlass für eine Reihe extravaganter, teils morbider Events: Literatur, Kino und Theater treffen auf Party, wenn im Irish Museum of Modern Art zu Musik der Zwanzigerjahre getanzt wird und blutrote Getränke geschlürft werden oder sich im Poetry Brothel "Jazzmusiker, Burlesque-Tänzerinnen, Körpermaler, Magier und Tarotkartenleger" unter das Partyvolk mischen.

Europas angeblich größte Halloween-Parade findet allerdings in Nordirland statt - und das ist nur ein Teil des Spaßes: Ulsters Party-Hauptstadt Derry feiert 2016 den 30. Banks of the Foyle Halloween Carnival und erklärt sich für fünf Tage, noch bis zum 31. Oktober, zur "City of Bones". Derry ist so etwas wie das Köln von Irland - wenn es etwas zu feiern gibt, dann aber bitte richtig. Die 85.000-Einwohner-Stadt hat die höchste Nachtklub- und Kneipendichte in Irland - und darunter sind einige der coolsten Musik-Locations des Landes.

Zu schrill? Dann ist vielleicht das Samhain-Kontrastprogramm für Heidenromantiker und bekennende Esoteriker etwas für Sie: Wiccas, Neo-Heiden, Druiden, Unabgeschreckte und Neugierige treffen sich in der Halloweennacht mit Fackeln in der Hand auf dem Grabhügel der Druidin Tlachtga, circa 45 Minuten von Dublin.

Dort, glaubt man, wurden die ersten großen Samhain-Feuer entzündet, die dann mit Fackeln in die Dörfer getragen wurden - ursprünglich ein Ritus, der den Beginn des Winters markierte.

Tlachtga dürfte in der Nacht zum 1. November die höchste Hexendichte Irlands aufweisen, was man den Damen und (wenigen) Herren aber nicht unbedingt ansehen muss: Für die ist das keine Party, sondern die wichtigste Zeremonie in ihrem an Riten nicht armen Kalender. Sozusagen Weihnachten und Silvester auf einmal.

Fotostrecke

Workshop: Kürbisschnitzen leicht gemacht

Hier auch zum Ausdrucken: unsere Kürbis-Schnitzanleitung.

insgesamt 62 Beiträge
5b- 27.10.2016
1. Wir Deutschen sind keine Anfänger
Ich finde, dass Halloween ruhig kulturell örtlich gebunden bleiben kann. Es muss nicht in Deutschland gefeiert werden. Die Love-Parade musste ja auch nicht abgehalten werden. Da ich an Halloween kein Interesse habe, fange ich [...]
Ich finde, dass Halloween ruhig kulturell örtlich gebunden bleiben kann. Es muss nicht in Deutschland gefeiert werden. Die Love-Parade musste ja auch nicht abgehalten werden. Da ich an Halloween kein Interesse habe, fange ich nicht damit an. Ich bin also, ohne das Ritual je mitgemacht zu haben, kein Anfänger in Sachen Halloween.
lullylover 27.10.2016
2. Herr Sauerbier
Nervt, wenn den ganzen Abend geklingelt wird und wider Überzeugung Kindern schädliche Süßigkeiten herausgegeben werden sollen. Nicht ganz so nervig wie der ebenfalls oktroyierte Valentinstag. Typisch deutsch dann? Aber gerne. [...]
Nervt, wenn den ganzen Abend geklingelt wird und wider Überzeugung Kindern schädliche Süßigkeiten herausgegeben werden sollen. Nicht ganz so nervig wie der ebenfalls oktroyierte Valentinstag. Typisch deutsch dann? Aber gerne. Bei mir kommt der Weihnachtsmann auch nicht durch den Schornstein.
zaunreiter35 27.10.2016
3. Respekt, Herr Patalong!
Da haben Sie sich ja ordentlich ins Zeug gelegt. Nur....eines haben Sie vergessen, aber das kann ja mal passieren ;-) In alter Zeit begann mit der Abenddämmerung auch ein neuer Zeitabschnitt, somit war die "normale" [...]
Da haben Sie sich ja ordentlich ins Zeug gelegt. Nur....eines haben Sie vergessen, aber das kann ja mal passieren ;-) In alter Zeit begann mit der Abenddämmerung auch ein neuer Zeitabschnitt, somit war die "normale" Abenddämmerung der Beginn des neuen Tages und die Abenddämmerung im Jahr, markierte einen neuen Jahresbeginn. So wie Beltaine (Walpurgisnacht vom 30.04.) den Beginn der "hellen Zeit" darstellt, so ist auch Samhain der Beginn der "dunklen Jahreszeit" und gleichzeitig Abschied vom Sommer und auch vom alten Jahr. Also wird am Montag Silvester gefeiert... Ihre Formulierung find ich gelungen: "Wiccas, Neo-Heiden, Druiden, Unabgeschreckte und Neugierige treffen sich in der Halloweennacht mit Fackeln in der Hand auf dem Grabhügel der Druidin Tlachtga, circa 45 Minuten von Dublin." Die "Unabgeschreckten und Neugierigen"...die werden zuerst in die Feenhügel entführt. *schmunzel*
anna cotty 27.10.2016
4. Nun ja,
ich finde auch Halloween in Deutschland eine 'aufgesetzte' Sitte und waere deswegen nicht wild drauf. Aber in meiner Kindheit sind wir am Rosenmontag verkleidet von Haus zu Haus gezogen, haben gesungen und um Suessigkeiten [...]
Zitat von lullyloverNervt, wenn den ganzen Abend geklingelt wird und wider Überzeugung Kindern schädliche Süßigkeiten herausgegeben werden sollen. Nicht ganz so nervig wie der ebenfalls oktroyierte Valentinstag. Typisch deutsch dann? Aber gerne. Bei mir kommt der Weihnachtsmann auch nicht durch den Schornstein.
ich finde auch Halloween in Deutschland eine 'aufgesetzte' Sitte und waere deswegen nicht wild drauf. Aber in meiner Kindheit sind wir am Rosenmontag verkleidet von Haus zu Haus gezogen, haben gesungen und um Suessigkeiten gebettelt. Vielleicht haben wir damals auch Leute genervt, aber fuer mich war das eines der besten Kindheitsfeste.
keksen 27.10.2016
5.
Mir geht diese Halloween-feierei ziemlich auf den Senkel. Lustig ist, dass die Leute die an diesem Abend auf die diversen Partys fahren alle gleich aussehen. Weiß geschminktes Gesicht mit Schatten a la Totenkopf/Zombie etc.. [...]
Mir geht diese Halloween-feierei ziemlich auf den Senkel. Lustig ist, dass die Leute die an diesem Abend auf die diversen Partys fahren alle gleich aussehen. Weiß geschminktes Gesicht mit Schatten a la Totenkopf/Zombie etc.. Ausgefallen kreativ.
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