Reise

Schottische Inseln

Okay, Orkney!

Der Herbst und ganz viel Himmel: Ganz im Norden Schottlands kommt Gutes zusammen. Ein Reisetipp für alle, die gern die Weite suchen.

iStockphoto/ Getty Images
Von Dörte Nohrden
Dienstag, 29.10.2019   09:21 Uhr

"Libby-J" schaukelt vor und zurück, zerrt an ihrer Leine, als könne sie es nicht erwarten, zurück aufs Meer zu kommen. In die Freiheit. Doch Keith Harcus hat sein kleines Fischerboot für heute festgemacht und seinen Fang auf den Pier gehievt. Mehrere Holzkisten und ein schweres Netz voller Samtkrabben, dazu ein paar Hummer und ein Riesenkrebs.

Es ist acht Uhr morgens am Hafen von Kirkwall auf Mainland, der größten der schottischen Orkney-Inseln. Ein Transporter rollt pünktlich rückwärts die Rampe herunter. "Diese Ladung geht nach Spanien, in vier Tagen sind die Krebse dort", sagt Harcus, während er die Kisten verlädt.

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Orkney-Inseln: Überall ist Horizont

Der 42-Jährige arbeitet im zweiwöchigen Wechsel. Auf einer Fähre, die zwischen Kirkwall und seiner Heimatinsel Westray pendelt - und als Fischer. "Ich fange 300 bis 400 Kilogramm Krebse pro Woche", sagt Harcus. "Für ein Kilo bekomme ich rund 2,20 Pfund, und an Weihnachten verdreifachen sich die Preise. Das ist ein gutes Geschäft."

Mehreren verschiedenen Jobs nachzugehen, ist typisch für die rund 22.000 Orcadier, von denen fast die Hälfte in Kirkwall lebt. Umgeben ist die Hauptinsel Mainland von weiteren fast 70 Inseln, 17 von ihnen sind bewohnt. Per Brücken, Fähren oder Propellermaschine sind sie miteinander verbunden.

Palmen auf 59 Grad Nord

Auf der Landkarte erinnert der Archipel an Tintenkleckse eines Rorschachtests. Doch statt von Schwarz sind die Eilande im Herbst überzogen von einem Patchwork grüner und goldener Felder, von braunen verblühten Heidelandschaften. An ihren Rändern blitzen hier und dort karibisch leuchtende Buchten hervor. Das soll der Norden Schottlands sein?

"Oh ja, auf Orkney haben wir paradiesische Sandstrände, insbesondere auf den nördlichen Inseln wie Sanday und Westray", erzählt Lorna Brown, am Nachmittag in einer Ausstellung.

Dörte Nohrden

Lorna Brown: "Überall ist Horizont"

Wie Keith Harcus ist auch sie auf Westray aufgewachsen. Man kennt sich, natürlich. "Aber die Inseln unterscheiden sich sehr, jede hat ihren ganz eigenen Charakter." Wer etwa Rousay, Westray und das bergige Hoy besucht, fände drei Welten vor. "Überall ist Horizont", schwärmt Brown.

Vor sieben Jahren ist die Touristenführerin nach Kirkwall gezogen. Davor war sie Jugendbetreuerin, Altenpflegerin, Verkäuferin und Greenkeeperin auf einem Golfplatz. Sie hat in einer Bäckerei gearbeitet, eine alte Burg beaufsichtigt, vor allem aber war sie Bäuerin. Zusammen mit ihrem Ehemann bewirtschaftete sie eine Rinderfarm. "Ich bin selbst auf einem Hof aufgewachsen und habe ziemlich blauäugig den Jungen von nebenan geheiratet. Es stellte sich heraus, dass der bis heute ganz in Ordnung ist", sagt Brown - und lacht. "Doch das Geldverdienen war hart und wir beschlossen, den Hof zu verkaufen."

Dramatischer Himmel, weiter Horizont

Inzwischen hat Brown sich zusammen mit ihrer Tochter selbstständig gemacht und zeigt vor allem Individualtouristen ihre Heimat. Neben der Landwirtschaft ist der Tourismus ein wachsender Wirtschaftsfaktor. Auch Kreuzfahrtschiffe machen in Kirkwall fest. Die Fischerei dagegen, einst groß, geht zurück. "Immer mehr Besucher bleiben länger als nur einen Tag", sagt Brown in ihrem besten English ("Meinen Orkney-Dialekt würdest du nicht verstehen").

Viele kommen wegen der archäologische Stätten. Auch Browns Firmenlogo zeigt die Umrisse des berühmten Ring of Brodgar, Orkneys Wahrzeichen.

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Wahrzeichen: Ring of Brodgar

Auf der Landzunge zwischen zwei großen Seen formen 27 Megalithen einen 5000 Jahre alten Steinkreis von mehr als 100 Metern Durchmesser, größer als Stonehenge. Er gehört - zusammen mit drei weiteren Orten wie der uralten Siedlung Skara Brae - zum "Herz des neolithischen Orkneys", Unesco-Weltkulturerbe seit 20 Jahren.

Wer hier, unter dem dramatischen Himmel, dem weiten Horizont innehält, kann gedanklich Tausende Jahre in die Vergangenheit reisen und sich Szenen von Ritualen ausmalen, die bis heute rätselhaft geblieben sind.

In der Nebensaison hat man diesen magischen Ort fast für sich allein. Um ihn herum fügen sich Felder zu einer saftig grünen, baumlosen Hügellandschaft zusammen. Ungebremst fegt der Wind über sie hinweg. Riesige, runde Strohballen verteilen sich abholbereit auf den Äckern - Streu für die Tiere, die den nahenden Winter im Stall verbringen werden.

Mainland wirkt fast wie ein "Teletubbyland": Hier und dort verstreut liegen Häuser, Höfe, kleine Ortschaften, in der Ferne Windkrafträder, das Meer ist niemals weit. Im Westen, wo der ungestüme Nordatlantik gegen die hohen Klippen von Yesnaby kracht, offenbart die Insel ihre wilde, raue Seite.

Gefühl von Freiheit und Weite

"Die Natur hier bietet so viel Inspiration", sagt Möbeltischler Kevin Gauld. Der 39-jährige Insulaner präsentiert einen typischen "Orkney Stuhl", an dem er gerade arbeitet. Die Form erinnert an einen schützenden Ohrensessel. Doch statt aus Polstern fertigt Kevin die hohe Rückenlehne aus Haferstroh - ein Jahrhunderte altes Handwerk.

Die Stühle sind Kult - und sehr gemütlich. Es gibt sie für Kinder und Erwachsene, manche Lehnen gehen in eine schützende "Kappe" über. "Damals waren sie ein guter Schutz in zugigen Häusern, in denen auch mal Wasser von der Decke tropfte", erklärt Gauld. Und da es an Bäumen auf den Inseln mangelt, fertigten Orcadier das Gestell oft aus Treibholz oder Altholz.

Gauld verwendet heute zwar schottische Eiche, doch der Hafer stammt von der Insel: "Das Getreide gebe ich den Hühnern, das Stroh wird zum Stuhl." Rund zwei Wochen arbeitet er an einem großen Exemplar, einem "gent's chair". Er sei dankbar, auf Orkney Teil einer "guten Community" zu sein und an einem "sicheren Ort" zu leben.

In den Tagen auf Orkney breitet sich ein Gefühl von Freiheit und grenzenloser Weite aus. Und schließlich, am Ende der Reise, die Frage, was Menschen hier in weiteren 5000 Jahren wohl vorfinden mögen. Zwei Dinge ziemlich sicher: viel Horizont. Und viel Wind.

insgesamt 25 Beiträge
Fotografikus 29.10.2019
1. Schade ... oder?
Wieder eine Geheimtipp-Destination die an die grosse Öffentlichkeit gezerrt wird. Und damit eben kein Geheimtipp mehr ist. Ich bin da immer etwas hin- und hergerissen. Finde ich das nun gut (man ist ja innerlich irgendwie stolz, [...]
Wieder eine Geheimtipp-Destination die an die grosse Öffentlichkeit gezerrt wird. Und damit eben kein Geheimtipp mehr ist. Ich bin da immer etwas hin- und hergerissen. Finde ich das nun gut (man ist ja innerlich irgendwie stolz, wenn man einen der Geheimtipps kennt), oder finde ich das eher weniger gut bis schlecht. Wir kennen das ja nur zu genüge, dass gewisse Destinationen durch solche Aktionen vom Massen- oder schlimmer Instagram-Tourismus überrollt wurden.
muellerthomas 29.10.2019
2.
Ich glaube, da müssen Sie bei Orkney keine zu große Angst haben. Dafür liegen die Inseln zu weit ab von allem, vor allem vom nächsten (größeren) internationalen Flughafen und auch nicht auf dem Weg irgendeiner typischen [...]
Zitat von FotografikusWieder eine Geheimtipp-Destination die an die grosse Öffentlichkeit gezerrt wird. Und damit eben kein Geheimtipp mehr ist. Ich bin da immer etwas hin- und hergerissen. Finde ich das nun gut (man ist ja innerlich irgendwie stolz, wenn man einen der Geheimtipps kennt), oder finde ich das eher weniger gut bis schlecht. Wir kennen das ja nur zu genüge, dass gewisse Destinationen durch solche Aktionen vom Massen- oder schlimmer Instagram-Tourismus überrollt wurden.
Ich glaube, da müssen Sie bei Orkney keine zu große Angst haben. Dafür liegen die Inseln zu weit ab von allem, vor allem vom nächsten (größeren) internationalen Flughafen und auch nicht auf dem Weg irgendeiner typischen Rundreise.
serum_user 29.10.2019
3. Umweltverschmutzung!
Ich hoffe, der grüne Punkt hat diese Landschaft verschont und wird für seine Schandtaten verurteilt. Jahrzehnte sortiert man seinen Müll, zahlt hohe Gebühren für eine saubere Umwelt und was wird gemacht?? Der Plastikmüll [...]
Ich hoffe, der grüne Punkt hat diese Landschaft verschont und wird für seine Schandtaten verurteilt. Jahrzehnte sortiert man seinen Müll, zahlt hohe Gebühren für eine saubere Umwelt und was wird gemacht?? Der Plastikmüll wird in armen Ländern in die Natur gekippt. Schämt euch!
pon2013 29.10.2019
4. Whisky
Gibt es dort keinen guten Whisky?
Gibt es dort keinen guten Whisky?
c.PAF 29.10.2019
5.
Doch, aber psst, die sind ein Geheimtip. ;-)
Zitat von pon2013Gibt es dort keinen guten Whisky?
Doch, aber psst, die sind ein Geheimtip. ;-)
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