Reise

Kodiak Island in Alaska

Schönes Schauermärchen

Berge, Fjorde und große Tiere: Wer die Insel Kodiak an der Südküste Alaskas besucht, trifft nicht nur auf bis zu 700 Kilogramm schwere Bären - sondern entdeckt auch Zwiebeltürme und französische Patisserie.

Frank Rumpf / TMN
Montag, 27.04.2015   14:40 Uhr

Auf dem Laternenmast landen zwei Weißkopfseeadler. Im Hafen von Kodiak beobachten sie, was die heimkehrenden Fischerboote geladen haben. Ein leichtes Salzaroma liegt in der Luft und das frühe Abendlicht spiegelt sich auf dem dunkelgrauen Nordpazifik - kühl, schön, unverkitscht.

Die Insel Kodiak an der Südküste Alaskas ist - wie der 49. Bundesstaat der USA insgesamt - kein Ort für Anhänger lieblicher Natur. Die Luft hat hier im Jahresschnitt acht Grad, Nieselregen durchweicht fast täglich Jacken und Hosen. Ein dunkler Regenwald überzieht den Nordosten der Insel mit dicht bemoosten Bäumen wie aus einem nordischen Schauermärchen. Hier lebt der Kodiakbär, eines der größten Raubtiere der Erde.

"Entweder du liebst Kodiak oder du hasst es", fasst Sue Rohrer die gegensätzlichen Empfindungen über das Leben am 58. Breitengrad zusammen. Sie kam vor 44 Jahren aus Pennsylvania in diese raue Einsamkeit. Der Liebe wegen. "Ich mag die Ruhe, die Berge, Wälder und Fjorde." Nirgendwo anders wolle sie mehr leben. Und zum Trost für schlechtes Wetter gibt es in "Henry's Great Alaskan Restaurant" am Hafen für sechs Dollar einen halben Liter "flüssigen Sonnenschein" - so heißt ein lokales obergäriges Bier.

14.000 Einwohner verteilen sich auf einer Fläche halb so groß wie Sachsen. Die nächste größere Stadt, Homer, ist 300 Kilometer entfernt. Alles ist so weit weg von Kodiak, dass das Football-Team der High School den Schulmannschaften vom Festland die Anreise bezahlt. Damit überhaupt jemand kommt.

100 Jahre lang gehörte Alaska den Russen

Touristische Hauptattraktionen sind das Fischen und die Bären. Von Kodiak aus fliegen verschiedene Tour-Anbieter mit Wasserflugzeugen an die gegenüberliegende Katmai-Küste. Hier werden die bis zu 700 Kilogramm schweren Tiere gejagt.

Doch Kodiak hat mehr als nur besondere Tiere und Landschaften zu bieten: Die Insel ist Schauplatz eines wesentlichen Teils der Kolonialgeschichte im ehemaligen nordamerikanischen Reich des Zaren. 100 Jahre lang gehörte Alaska, nur 80 Kilometer von der Küste Ostsibiriens entfernt, den Russen. 1867 verkauften sie es für 7,2 Millionen Dollar an die USA. Das waren nicht mal fünf Dollar pro Quadratkilometer für ein Land, das drei Jahrzehnte später einen Gold- und dann einen Öl-Boom erlebte.

Alexander Andrejewitsch Baranov aus der Nähe von St. Petersburg errichtete Ende des 18. Jahrhunderts in Kodiak eine erste russische Siedlung mit Kirche, Schule und Handelsniederlassung. Von der Insel aus regierte er das weite subpolare Land und schickte Expeditionen auf der Jagd nach wertvollen Pelzen bis hinunter nach Kalifornien.

Ein Vulkanausbruch, ein Erdbeben und eine Ölflut

Ein weißes Holzhaus von 1808 am East Marine Way, fußläufig vom Hafen entfernt, erinnert als Baranov-Museum an den russischen Gouverneur. Es erzählt nicht nur die Kolonialgeschichte, sondern dokumentiert auch Kodiaks drei große Katastrophen der Neuzeit. 1912 ein Vulkanausbruch, der die Insel unter einem halben Meter Asche begrub; am Karfreitag 1964 ein großes Erdbeben mit Tsunami; 1989 schließlich ein menschengemachtes Übel: die Ölflut des auf Grund gelaufenen Tankers "Exxon Valdez". Aus den Reparationszahlungen des Tankerunglücks wurden ein Museum für Geschichte und Kultur der Ureinwohner und ein maritimes Forschungszentrum finanziert.

Das russische Erbe ist auch noch im Stadtbild erkennbar. Die blauen Zwiebeltürme der orthodoxen Kirche und des Priesterseminars ragen in den grauen Himmel, manche Straßennamen erinnern an die Vorfahren vom anderen Ufer der Beringsee. Russisch gesprochen wird allerdings so gut wie nicht mehr - dafür aber Französisch, etwa in einer kleinen Bäckerei an der Mill Bay Road.

Martine Chenet, eine elegante grauhaarige Dame mit rosenroten Lippen, ließ sich vor 16 Jahren hier nieder. Ebenfalls der Liebe wegen. Mit ihrem Mann Joel bereitet sie großartige Sandwiches und Kuchen zu. Sogar frisch eingelegten grünen Spargel und kleine Walderdbeeren bietet sie an - woher auch immer sie die hat. "Ich bin mitten in Paris in der Nähe des Louvre aufgewachsen", erzählt Chenet. Das einzige, was ihr fehle, seien die Museen. Die Einsamkeit und Naturverbundenheit Kodiaks will sie jedoch nicht mehr missen: "Müsste ich wählen, träfe ich heute lieber auf einen Braunbären als auf einen hektischen Pariser."

Frank Rumpf/dpa/kha

insgesamt 1 Beitrag
lapetrovna 07.06.2015
1. Museum in Anchorage
Zeigt wie Alaska sich entwickelt hat, von Inuits ueber Russland ...ich selber verbrachte ganze zwei Tage dort, bei weitem nicht lang genug.......Mal googeln...Sehr beindruckend Unbedingt mal besuchen.....
Zeigt wie Alaska sich entwickelt hat, von Inuits ueber Russland ...ich selber verbrachte ganze zwei Tage dort, bei weitem nicht lang genug.......Mal googeln...Sehr beindruckend Unbedingt mal besuchen.....
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