Reise

Entschleunigung auf Frachtschiffreise

Ich bin dann mal an Deck

Statt Jakobsweg: Sieben Tage dauert die Überfahrt mit dem Containerschiff von Port Klang in Malaysia nach Australien. Sieben Tage ohne Internet und andere Ablenkungen. Grund genug, an Bord der "CMA CGM Rossini" zu gehen.

Melanie Maier
Von Melanie Maier
Mittwoch, 25.09.2019   07:40 Uhr

Die Kajüte schaukelt und vibriert. Der Wind pfeift durch das Fenster, draußen knarzen die Container. Die "CMA CGM Rossini" befindet sich rund 350 Kilometer vor der Küste Australiens. 48 Stunden wird sie noch auf hoher See verbringen, bevor sie im Hafen von Fremantle, nahe Perth, festmachen wird. Dort wird sie entladen und mit neuen Gütern beladen werden.

Für die vier Passagiere des Containerschiffs, die bereits fünf Tage seit dem Ablegen in Port Klang in Malaysia an Bord sind, gibt es um zehn Uhr nicht viel zu tun - außer Lesen auf dem Zimmer. Auf dem Außendeck, unter den Containern, mag an diesem Vormittag niemand spazieren. Es ist stürmisch, ein Zyklon wirbelt nur wenige Hundert Kilometer entfernt über das tiefblaue Meer. Um die Mittagszeit sind die schaumgekrönten Wellen vier Meter hoch. Das Schiff rollt ächzend übers Wasser.

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Frachtschiff "CMA CGM Rossini": Sieben Tage auf See

Trotzdem tischt Jaypee Abar pünktlich um 12.15 Uhr das Mittagessen im Speiseraum der Offiziere auf. Als Steward ist der 29-jährige Philippiner für das Reinigen der Zimmer der Offiziere und der Passagiere sowie für das Servieren der Mahlzeiten zuständig. Mittags und abends trägt er ein Vier-Gänge-Menü auf. Die "Rossini" fährt unter französischer Flagge, Baguette und Käse stehen täglich auf dem Speiseplan. Auch Wein gibt es, nur für die Passagiere. Mit dabei sind neben der Autorin und ihrem Freund Alex Schulz, die ohne Flugzeug um die Welt reisen, zwei Männer aus den USA und Baden-Württemberg.

Jakobsweg oder Containerschiff?

"Das Essen ist sehr gut, auf meinem letzten Schiff war es aber noch besser", sagt Friedrich Probst aus Waldshut. Der 63-jährige Rentner hat kurze graue Haare und blaue Augen, trägt ein blaues Radlerhemd. "Ich hab' dem Koch immer gesagt: Du bist der einzige Sternekoch auf See." Drei Kilogramm habe er während seiner 25-tägigen Fahrt von Venedig nach Kuala Lumpur zugenommen, trotz täglicher Runden um das Schiff.

Die Idee, auf einem Frachtschiff mitzureisen, hatte er bereits, als er noch als Maschinenschlosser in der Schweiz arbeitete, erzählt Probst seinen Mitfahrern. Mit 62 ging er in Rente, die gewonnene Zeit wollte er für ein längeres Abenteuer nutzen. "Zur Auswahl standen der Jakobsweg und das Containerschiff", sagt er. Nun fährt er schon auf dem zweiten mit. Eigentlich wollte er direkt von Europa nach Sydney reisen, aber die Verbindung wurde kurz vor der Abreise gestrichen.

Die Reise hat ihm trotzdem gut gefallen. Auf dem Mittelmeer sei der Seegang am schwersten gewesen. Im Golf von Aden, vor Somalia, fiel der Motor dann fünf Stunden aus, das Schiff trieb auf dem Wasser. "Ich vermute ja, dass das damit zusammenhing, dass die Crew in Piratengegenden das doppelte Gehalt bekommt."

Nach dem Essen zieht Probst sich auf sein Zimmer zurück. Seine Englisch-Sprachbücher und der tägliche Mittagsschlaf warten. Auf dem Frachter gibt es zwar einen Aufenthaltsraum mit DVDs und Büchern, einen Sportraum mit Geräten und ein kleines Schwimmbecken, das auf hoher See gefüllt wird. Ein Programm mit Shows oder Fitnesskursen wie auf Kreuzfahrtschiffen üblich wird aber nicht angeboten. Die Passagiere sind die meiste Zeit sich selbst überlassen.

Känguru auf dem Armaturenbrett

Für Douglas Patton war genau das der Grund, die Frachtschiffreise anzutreten: "Mitten auf dem Ozean, ohne Internet oder sonstige Ablenkungen, hat man die Möglichkeit, ganz bei sich zu sein."

Eine Führung durch den Maschinenraum ist für den 60-jährigen Rentner aus Ohio dennoch eine willkommene Abwechslung. Mit gelber Schutzweste und weißem Helm ausgestattet folgt er Chefingenieur Sven Leroy in den Kontrollraum oberhalb des Motors. Im Maschinenraum selbst ist es sehr laut und heiß - kein guter Ort, um die Funktionsweise des Schiffs zu erläutern.

Obwohl die "Rossini" erst 2004 gebaut wurde, erinnert der Kontrollraum an eine Installation aus den Achtzigerjahren, mit viereckigen Monitoren sowie roten und grünen Knöpfen. Auf dem mintgrünen Armaturenbrett sitzt ein aufblasbares gelbes Känguru mit grünen Boxhandschuhen. Es riecht nach Öl, der Motor ist auch hinter verschlossenen Türen zu hören.

277 Meter lang ist die "Rossini", bis zu 40 Meter breit. Bis zu 5782 Container kann sie transportieren und bis zu 25,3 Knoten schnell sein, normalerweise ist sie eher mit 16 Knoten unterwegs - das sind rund 30 km/h.

Der Motor werde mit Schweröl betrieben, sagt Leroy. "Je nach Geschwindigkeit verbraucht er pro Tag 80.000 bis 150.000 Liter." Für den Notfall gebe es noch drei Dieselgeneratoren. Überhaupt gebe es für so gut wie alles ein Back-up, so der 37-Jährige: "Das Wichtigste ist, dass das Schiff rechtzeitig sein Ziel erreicht."

Zur See gekommen ist Leroy einst, weil er nicht nur im Büro sitzen wollte. Drei Monate am Stück verbringt er in der Regel auf dem Meer, anschließend hat er genauso lange Urlaub. Zu Hause, in der Nähe des ikonischen Mont-Saint-Michels im Norden Frankreichs, verbringt er viel Zeit mit seiner Familie und in der Natur. "Nach drei Monaten auf dem Blauen brauche ich drei Monate im Grünen."

Die meiste Zeit ist um das Schiff tatsächlich nichts zu sehen als blaue Wellen. Nur zu Beginn der Reise und zum Ende hin ist die Aussicht landschaftlich reizvoller. Vom Containerhafen Port Klang aus passiert die "Rossini" zunächst die Straße von Malakka, bevor sie zwischen den indonesischen Inseln Sumatra und Java hindurch aufs offene Meer fährt.

"Wenn man Kinder hat, ist der Job sehr hart"

Insgesamt 28 Crewmitglieder begleiten die "Rossini" auf ihrem Weg nach Fremantle. Während die Offiziere und Ingenieure Franzosen sind, kommt die Mannschaft, bis auf zwei Inder, von den Philippinen. Für sie gelten andere Arbeitsbedingungen als für ihre europäischen Kollegen, sagt Ronel Bello während seines Diensts auf der Kommandobrücke.

Vier Stunden lang hält der 29-jährige Philippiner dort die Armaturen im Blick und beobachtet das Meer. Manchmal schwimmen Delfine nahe dem Schiff, auch Wale hat Bello schon gesehen. Alles, was verdächtig wirkt, gibt er an den Wachoffizier weiter. Auf Piraten treffe man vor Australien zum Glück aber so gut wie nie.

Bellos Vertrag läuft neun Monate, danach hat er drei Monate unbezahlten Urlaub. Für ihn ist diese Regelung in Ordnung. "Die Philippinen sind ein sehr günstiges Land", sagt er. "Als Vollmatrose verdiene ich vergleichsweise sehr gut - und auf dem Schiff sind wir sowieso alle gleich."

Nicht alle seiner Landsmänner sehen das so. Vor allem die lange Zeit getrennt von der Familie ist für viele sehr belastend. Das Kontakthalten auf hoher See ist schwierig. Internet gibt es zwar auf der "Rossini", doch jede Minute kostet. "Ich mache diesen Job natürlich auch wegen des Geldes", sagt Bello. "Wenn man Kinder hat, ist er sehr hart. Mein dreieinhalbjähriger Sohn wächst ohne mich auf. Wenn ich nach Hause komme, erkennt er mich nicht wieder."

Gegen die Einsamkeit hilft ihm das Karaoke-Singen. An diesem Abend sind auch die Passagiere zur Party im Aufenthaltsraum der Mannschaftsgrade eingeladen. Die Karaoke-Maschine läuft auf voller Lautstärke, es riecht nach Bier und Zigaretten. Die Seemänner singen abwechselnd philippinische Schnulzen, System of a Down und Ed Sheeran. "Ich soll singen? No way!", sagt Douglas Patton und lacht, als Jaypee Abar sich nach seinem Lieblingslied erkundigt. "Das will wirklich keiner hören."

Der Abend wird trotzdem sehr gesellig - und unüblich lang. Erst kurz nach 22 Uhr herrscht Schiffsruhe. Draußen pfeift der Wind.

Reisen per Frachtschiff

Dauer
Wer eine Frachtschiffreise unternehmen möchte, muss flexibel sein: Sowohl die Route als auch die Abfahrtszeit können sich kurzfristig ändern. Die Dauer der Reise hängt von der gebuchten Strecke ab. Bei vielen Routen haben Passagiere die Möglichkeit, an einem anderen Hafen als dem Start- beziehungsweise Zielhafen ein- beziehungsweise auszuschiffen, also nicht die gesamte Strecke mitzufahren.
Voraussetzungen
Für einige Routen gelten Altersbeschränkungen. Da sich an Bord in der Regel kein Arzt befindet, müssen die Passagiere ein aktuelles Gesundheitszeugnis vorweisen. Je nach Strecke benötigen sie zudem bestimmte Impfungen, eine Auslandskrankenversicherung und/oder Visa. Mit der Planung sollte man deshalb möglichst früh beginnen.
Kosten
Pro Nacht und Person fallen in der Doppelkabine circa 90 bis 110 Euro an, Verköstigung inklusive. Auf dem Schiff gegen Kost und Logis zu arbeiten, ist nicht möglich.
Anbieter
Containerschiffreisen kann man über spezialisierte Reiseagenturen buchen, zum Beispiel bei Langsamreisen oder Frachtschiffreisen Pfeiffer

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde der Chefingenieur mit der Aussage zitiert, dass die "Rossini" pro Stunde 80.000 bis 150.000 Liter Schweröl verbrauche. Tatsächlich verbraucht das Schiff diese Menge pro Tag. Wir haben dies korrigiert.

insgesamt 7 Beiträge
brux 25.09.2019
1. Hinweis
Der Treibstoffverbrauch ist mit Sicherheit nicht 80 bis 150 Tonnen pro Stunde, sondern am Tag. Ansonsten ist der Bericht stimmig. Ich habe vor Jahren eine 28-tägige Reise mit dieser Reederei von Europa nach China gemacht, davon [...]
Der Treibstoffverbrauch ist mit Sicherheit nicht 80 bis 150 Tonnen pro Stunde, sondern am Tag. Ansonsten ist der Bericht stimmig. Ich habe vor Jahren eine 28-tägige Reise mit dieser Reederei von Europa nach China gemacht, davon waren 20 Tage auf See. In den Häfen hat man 6-20 Stunden freie Zeit, je nachdem wie schnell die Docker arbeiten. Unser Kapitän hat da sogar einen Tagesausflug nach Dubai mit einem Mietwagen spendiert. Bei Hunderten verschiedenen Frachtschiffreisen gibt es eine grosse Auswahl. Ganz billig ist das Ganze aber nicht. Schon damals musste man 100 Euro pro Tag ansetzen und natürlich kommt der Rückflug hinzu, wenn man nicht alles ein zweites Mal erleben will. Denn Abweichungen gibt es nicht, alles an Bord ist Routine.
nadja_romanowa 25.09.2019
2. Frage an die Kenner:
Wie ist es eigentlich mit dem Sternenhimmel, wenn man allein auf weiter See ist? Der muss doch mächtig beeindruckend sein, oder? Da draußen fehlt doch jedes Fremdlicht, so dass man sehr tief blicken sollte. Kann das jemand so [...]
Wie ist es eigentlich mit dem Sternenhimmel, wenn man allein auf weiter See ist? Der muss doch mächtig beeindruckend sein, oder? Da draußen fehlt doch jedes Fremdlicht, so dass man sehr tief blicken sollte. Kann das jemand so bestätigen?
skilliard 25.09.2019
3.
Je nachdem wo man ist. Bewölkung / Dunst / Luftfeuchtigkeit kann es ja auch über dem Meer geben, je nachdem wo man ist. Aber ansonsten ist es richtig - das fehlende Fremdlicht lässt auch weniger leuchtstarke Sterne sichtbar [...]
Je nachdem wo man ist. Bewölkung / Dunst / Luftfeuchtigkeit kann es ja auch über dem Meer geben, je nachdem wo man ist. Aber ansonsten ist es richtig - das fehlende Fremdlicht lässt auch weniger leuchtstarke Sterne sichtbar werden. Allerdings war der dramatischste Sternenhimmel, den ich je erleben durfte, im Himalaya. Kein Fremdlicht und eine knochentrockene Luft.
Analog 25.09.2019
4. Könnte ich mir jetzt auch gut vorstellen.
Eine Tüte voll Bücher, gute Jazz Musik am Handy und keine Verpflichtungen und Termine...
Eine Tüte voll Bücher, gute Jazz Musik am Handy und keine Verpflichtungen und Termine...
fatherted98 25.09.2019
5. Wenn es einem...
....Langweilig ist, hat der Kapitän sicher die eine oder andere Aufgabe im Reinigungsbereich zu bieten.
....Langweilig ist, hat der Kapitän sicher die eine oder andere Aufgabe im Reinigungsbereich zu bieten.
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