Reise

J'Ouvert in Trinidad

Das Spiel mit den Trieben

Der J'Ouvert ist die wilde Seite des karibischen Karnevals: In der Nacht zu Rosenmontag wird auf Trinidad jeder mit knalligen Farben eingepudert. Die Straßenparty ist ein erotisches Spektakel.

Martin Cyris
Von Martin Cyris
Montag, 16.02.2015   06:29 Uhr

Zack. Im Nu ist das T-Shirt, das eben noch blütenweiß war, von oben bis unten mit Farbe beschmiert. Von einem Wildfremden, der in der Hand zwei Farbeimer hält. Seine weibliche Begleitung streut dem überrumpelten Passanten eine Ladung Puder über den Kopf. Als Garnierung obendrauf, sozusagen. Sind die alle jeck? Ja.

Der J'Ouvert ist die wohl eigenartigste Veranstaltung im karibischen Karneval. Vor allem auf Trinidad wächst sie sich zu einer wilden Straßenparty und wüsten Farbschlacht aus. J'Ouvert ist die Kurzform von Jour ouvert, französisch für Tagesanbruch. In aller Herrgottsfrühe versammeln sich die Teilnehmer vor allem in Port of Spain, der Hauptstadt von Trinidad und Tobago.

Schon gegen drei Uhr morgens rotten sich die Feierwütigen zusammen. Die Augen der meisten sind geschwollen oder gerötet. Diagnose: durchgefeiert oder durch den Wind. Wer jetzt noch nicht ganz wach ist, wird durch wummernde Bässe wachgerüttelt: "De bouncing start, de bouncing start!" heißt es in einem karibikweiten Karnevalshit. Frei ins Partydeutsch übersetzt: "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse!"

Die Ersten beginnen zu wippen, vereinzelt kreisen Hüften zu den lauten Soca-Rhythmen. Manche trinken Kaffee, manche Rum. Schon oder schon wieder. Manche schminken sich und manche werden geschminkt - unfreiwillig.

Wenige Minuten vor vier. Gleich wird sich der Tross in Bewegung setzen. Die Luft ist lauwarm, der Himmel schwarz. Die Stimmung ist ein merkwürdiger Mix aus Ausgelassenheit und Anspannung. Was nicht nur an der Vorsicht liegt, die im karibischen Karneval ein ständiger Begleiter sein sollte. Nein, eine gewisse Beklemmung im bunten Treiben ist gewollt, sie gehört zur Tradition.

"Wasser und Puder"

Der J'Ouvert geht in die Zeit der Sklaverei zurück. Zum Karneval äfften die Sklaven das Verhalten ihrer Unterdrücker nach. Um nicht erkannt zu werden, beschmierten sie sich mit Farbe. Aber auch mit Schlamm und Schokoladenpulver.

Das ist heutzutage zu wertvoll. Deshalb muss Babypuder herhalten. Damit sich eine fiese Masse ergibt, wird hin und wieder Wasser hinterher gegossen. "Water and powder" heißt es in einer markanten Liedzeile. Immer wieder preschen Quälgeister, wendig wie Quecksilber, durch die Menge und pudern und schmieren alles ein, was nicht rechtzeitig in Sicherheit ist. Auch auf Touristenkameras wird keine Rücksicht genommen.

J'Ouvert ist ein Spiel mit der Aggression. Mit Provokationen. Mit Dämonen und Trieben. Mit den dunklen Seiten und den menschlichen Untugenden.

Die - je nach Blickwinkel - mit einem Mal Spaß machen können. Wer sich auf den J'Ouvert einschwingt, erfährt ein magisches, fast archaisches Spektakel. Und wenn erst einmal die Klamotten besudelt sind, lässt ohnehin auch der Letzte seine Hemmungen fallen. Dann entfaltet auch der Karneval auf Trinidad seine transformatorische Wirkung - und die zuvor geschwollenen Augen beginnen mit einem Mal zu leuchten.

Die Lebensgeister erwachen. Immer mehr pusten in mitgebrachte Trillerpfeifen. Sie gehören zur Grundausstattung. Einige Veranstalter haben sie an ihre Kundschaft verteilt. Wer nicht ganz auf sich gestellt feiern will, schließt sich nämlich Gruppen an, sogenannten bands, und bezahlt dafür einen Obolus. Als Gegenleistung wird Sicherheitspersonal gestellt. Aber auch Pfeifen, ein Kaffeebecher mit Nachfüllgarantie, Einwegrasierer und feuchte Tücher. Die sind allerdings im Handumdrehen verschlissen. Ortsunkundigen sind diese "bands" anzuraten.

J'Ouvert ist vor allem eine Veranstaltung für die unteren sozialen Schichten. Für jene, die kein Geld für die teuren Kostüme haben, in denen am Tag darauf Hunderttausende beim prächtigen Straßenumzug "Pretty Mas" durch die Hauptstadt paradieren. Wenn sich die Karnevalsgruppen mit ihrer Kostüm- und Tanzkunst vor den Zuschauern präsentieren.

Der J'Ouvert dagegen ist die Stunde für jedermann. Jeder kann live dabei sein, mittendrin. Zuschauer gibt es hierbei so gut wie keine. Denn jeder Besucher ist gleichzeitig Teilnehmer. Jeder wird in das Spektakel hineingerissen. Ob freiwillig oder unfreiwillig.

"Gib ihm Saures!"

"De bouncing start!" Wie in Hypnose folgen die Massen den ungezählten Lautsprecherboxen. Sie thronen auf Trucks, die langsam zu rollen beginnen. Es geht durch die City von Port of Spain, in Richtung Hasely-Crawford-Stadion.

Am Freitag vor J'Ouvert wird dort traditionell der "Soca Monarch" gekrönt. Jener Künstler, der den jeweiligen Karnevalssuperhit stellt. Das Lied wird immer und immer wieder gespielt. Sobald auch nur die ersten Takte erklingen, gibt es kein Halten mehr: Springen und Hüpfen, Johlen und Jauchzen. Der Soca-König ist ein wahrer Herrscher - über die Gefühle des Karnevals.

Die mitunter sehr erotisch sind. Wer nicht hüpft und springt, bleibt mit beiden Beinen fest auf dem Boden und kreist mit den Hüften. Und das nicht lang allein. Hinzugeeilte Tanzpartner beziehungsweise Tanzpartnerinnen verrichten eindeutig zweideutige Bewegungen. "Wining" nennt sich der anzügliche Tanz.

Das Wining und der knappe Fummel vieler Besucher sollten trotzdem nicht missverstanden werden. Der J'Ouvert mag ein verrücktes Tollhaus sein, eine anarchische Spielwiese, eine emotionale Massenentladung - aber ohne Anfassen. In einem weiteren berühmten Karnevalshit gibt es deshalb die Empfehlung: "Wenn er sich nicht benimmt, gib ihm Saures." Einige Radiostationen spielen zur Einstimmung das ganze Jahr über Soca - und der besteht eben zu einem großen Teil aus Karnevalstiteln.

Das Stadion ist in Sichtweite, die Teilnehmer wirken wie müde Krieger. Fast jeder sieht aus wie in den Malkasten gefallen. Bis zum Sonnenaufgang des Rosenmontags dauert das bunte, wilde Treiben für jedermann. Live und in ziemlich viel Farbe.

Karneval auf Trinidad

Veranstaltungen
Der Karnevalssuperhit wird am Freitag vor Rosenmontag beim "Soca Monarch" gekürt. Tausende Zuschauer zieht am Samstag die Prämierung prächtiger Kostüme in die Savannah-Arena von Port of Spain. Anschließend findet dort zu nächtlicher Stunde das "Panorama" statt, bei dem die beste Steelband des Landes ermittelt wird. In den frühen Stunden des Rosenmontags steigt der J'Ouvert. Schlusspunkt setzt der Pretty Mas, ein prächtiger Straßenumzug am Faschingsdienstag mit Hunderttausenden Teilnehmern und Besuchern. Touristen können daran teilnehmen.

Beliebte bands, sprich: Umzugswagen, sind Tribe (www.carnivaltribe.com) und Bliss (www.blisscarnival.com).

Eine Übersicht über sämtliche Termine und Veranstaltungen unter www.ncctt.org/new

Anreise
Zum Beispiel ab Frankfurt mit Condor (www.condor.com) oder British Airways (www.britishairways.com) (nach Port of Spain auf Trinidad beziehungsweise auf die Schwesterinsel Tobago. Von dort mit der Fähre (Termine und Preise: www.patnt.com) oder mit Caribbean Airlines nach Trinidad.
Hotels
Manche Hotels erwarten nach dem J'Ouvert die Gäste mit einer Außendusche, Bademantel und Müllsäcken (zur Entsorgung der unbrauchbar gewordenen Kleidung).

In einem ruhigen Stadtteil nahe des Savannah Parks liegt das bunte Coblentz Inn Boutique Hotel, Mittelklassekomfort ab 70 US-Dollar pro Person im DZ, www.coblentzinn.com

In Fußnähe zum Crawford-Stadion befindet sich das Courtyard by Marriott, im Lobby-Café gibt's rund um die Uhr Sandwiches, Personal ist karnevalsaffin und hilft mit Tipps, ab 143 US-Dollar pro Person, www.marriott.de

Allgemeine Informationen
Die offizielle Seite des Fremdenverkehrsamts auf Englisch im Internet unter www.gotrinidadandtobago.com

insgesamt 2 Beiträge
isoko 16.02.2015
1. Trinidad & Tobago
2007 hatte ich kurz vor Ende meines Studiums ein Praktikum gemacht und war insgesamt drei Monate dort. über Kontakte konnte ich eine sehr günstige Bleibe bei einer staatlichen Einrichtung für ausländische Medizinstudenten [...]
2007 hatte ich kurz vor Ende meines Studiums ein Praktikum gemacht und war insgesamt drei Monate dort. über Kontakte konnte ich eine sehr günstige Bleibe bei einer staatlichen Einrichtung für ausländische Medizinstudenten organisieren. Diese Einrichtung war günstig, sauber und ganz wichtig für günstige Unterkünfte sicher. Trinidad und Tobago haben neben dem Karneval unglaubliches zu bieten, die Riesen Schildkröten im Norden, den Vinyl See, die beiden geschützten Urwälder inkl deren Geschichten und natürlichen Sehenswürdigkeiten. Die vielen kleinen und unglaublich schönen Strände nicht zu vergessen. Außerdem ist wandern (hiking) in Gruppen ein kleines Abenteuer auf Trinidad, durch Regenwälder zu Bächen und Wasserfällen wo je nachdem ein erfrischendes Bad genommen werden darf. Weitere Stichwörter sind neben dem im Artikel erwähnten Wining das Liming. Eine kulturell hochentwickelte Form des Nichts- bzw Wenigtuens dem überall begegnet wird. Weiße, besonders Touristen, werden von der schwarzen Bevölkerung teils abschätzig teils witzig Whiteys genannt. Bei Rundreisen empfiehlt sich nur so viel Bargeld und Wertvolles mitzunehmen wie wirklich benötigt.
MehrSeinalsSchein 16.02.2015
2. Tolles Land - toller Karneval
Ich dürfte ein paar Jahre dort leben und arbeiten - tolles Land, wenn man bereit und in der Lage ist sich auf die Lebensweise der jeweiligen sozialen Peer-Group einzulassen, sich entsprechend zu integrieren und die anderen [...]
Ich dürfte ein paar Jahre dort leben und arbeiten - tolles Land, wenn man bereit und in der Lage ist sich auf die Lebensweise der jeweiligen sozialen Peer-Group einzulassen, sich entsprechend zu integrieren und die anderen Gruppen zu akzeptieren. Der Karneval war über die jeweils ganze Session das Beste was ich an Party, Tanz, Event und Erlebnis bisher erfahren habe. Ausgelassen, erotisch, exotisch, chaotisch - einfach toll. Die Teilnahme am J'ouvert hat das dann noch getoppt. Wichtig ist aber, dass man sich - und das gilt auch für die jeweiligen Locals - nie ohne Back-Up ins Getümmel begibt und kein Problem damit hat mit allen Schichten und Gruppen in regelmäßig engen Kontakt zu kommen. Dabei muß man echt auch einen Absturz nicht erlebten Ausmaßes in Kauf nehmen - einfach, weil es halt so ist! Ich werde sicher noch mal teilnehmen!!!
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