Reise

Whiskey-Trails in Kentucky

Geschenk an die Engel

Wer Bourbon sagt, meint Kentucky. Denn hier im Süden der USA wird aus Mais der amerikanische Whiskey destilliert. Zwei Routen führen zu großen Herstellern wie Jim Beam und zu Handwerkern, die noch im Hinterzimmer abfüllen.

TMN
Donnerstag, 08.09.2016   14:19 Uhr

Jede Reise braucht eine gute Geschichte, die man zu Hause erzählen kann. Und eine gute Geschichte braucht auch jeder gute Drink. Beides gibt es in Kentucky: Es ist das Land des Bourbon Whiskey, von hier stammen mehr als 90 Prozent der weltweiten Produktion. Ausgerechnet hier kann man ihn aber oft nicht kaufen und öffentlich trinken.

Denn in dem Bundesstaat im Süden der USA gilt die Mehrzahl der Landkreise als trocken, genannt "dry counties". Hier ist der Alkoholverkauf und -ausschank verboten. Und in vielen weiteren Landkreisen ist er eingeschränkt. Das geht auf die Prohibition zurück: Von 1920 bis 1933 war es in den USA offiziell verboten, Alkohol herzustellen und zu konsumieren. Obwohl das Verbot von der Regierung fallengelassen wurde, bestanden viele Kreise weiterhin darauf. Bis heute.

In Clermont aber darf getrunken werden. Zum Glück: In dem Ort steht die Destillerie des weltbekannten Jim Beam, einer von neun Stopps entlang des Bourbon Trails durch Kentucky. Im Lager stapeln sich große Fässer bis zur Decke. Es riecht nach muffigem Holz. Hier erklärt Gästeführerin Megan Brier Besuchern den Unterschied zwischen Bourbon und schottischem Whisky - korrekt: in diesem Fall Whiskey ohne "e".

Bourbon reift in neuen Eichenfässern. "Im warmen Sommer dehnt sich der Whiskey aus, er dringt in das Holz ein. Im kalten Winter zieht er sich wieder zurück - und nimmt die Geschmäcker des Holzes mit", sagt Brier. Daher ist ein Bourbon tendenziell im Abgang süßlicher, da die jungen Fässer stärkere Holztöne abgeben. Ein Scotch, der in gebrauchten Fässern lagert, hingegen schmeckt eher rauchig und erdig.

Der Geschmack des Bourbon wird aber auch von den Inhaltsstoffen bestimmt: "Kentucky eignet sich zur Whiskey-Produktion besonders, vor allem wegen seines Wassers", sagt Brier. Es fließt durch einen Boden mit viel Kalkstein. Und in Kentucky wächst Getreide gut, vor allem Mais: "Bourbon nennen darf sich ausschließlich ein in den USA hergestellter Whiskey mit einer Getreidemischung, die zu mehr als 51 Prozent aus Mais besteht."

Steak in Whiskey, Cocktail mit Whiskey

Bei Jim Beam wird nicht nur der Whiskey, sondern auch die Geschichte der Fabrik perfekt vermarktet: Das Gründergebäude, Marke Holzbau, wurde nachgebaut, davor steht die Statue Jim Beams. Oldtimer-Busse fahren Besucher über das weitläufige Areal, und es gibt einen Verkaufsraum voller Souvenirs, von Grillsoße mit Bourbon bis zum T-Shirt mit Sprüchen wie "Real girls drink Bourbon".

Die Tour durch die Werkshallen wird hier und da von speziellen "Erlebnisstopps" für die Touristen unterbrochen: Sie dürfen an Vorführungsgeräten selbst Hand anlegen, lassen Getreide aus einem Silo, fügen Wasser hinzu. Und natürlich öffnet die geführte Gruppe selbst ein Fass. "Es wird nicht ganz voll sein", warnt Brier.

Der angel's share - ein Anteil für die Engel - verdunstet, etwa zehn Prozent im ersten Jahr seien das. "Wir hoffen, dass nach neun Jahren noch 60 Prozent da sind, ungefiltert", erklärt die Gästebetreuerin. Mindestens zwei Jahre Lagerzeit sind nötig. Deswegen riecht es nahe der Fabrik auch besonders: Der angel's smell, der Duft des Engelsanteils, liegt in der Luft.

Bourbon gehört für viele Einheimische trotz der traditionellen Alkoholverbote vielerorts einfach dazu. Und wenn es nur darum geht, Steaks darin zu marinieren, die es auch in vielen Restaurants gibt. Oder man serviert seiner Familie und den Freunde gute, altbekannte Südstaaten-Cocktails auf Bourbon-Basis - Touristen können sich die Rezepte von Colonel Michael Masters beibringen lassen.

Masters gibt Cocktailklassen und empfängt seine Gäste in einem alten Herrenhaus von 1787 in traditioneller Südstaatenoptik in Bardstown, dem Kentucky Bourbon House. Der Colonel - der Titel Kentucky Colonel ist kein militärischer, sondern ein Ehrentitel für besondere Verdienste für die Gemeinschaft - thront in einem breiten Sessel. Er strahlt so viel Autorität aus wie ein Südstaatenadeliger aus alten Filmen.

"Esst, trinkt", ruft er immer wieder und stört sich nicht daran, dass es gerade erst 10 Uhr morgens ist. "In Kentucky gehört Gastfreundlichkeit zum Charakter, Gäste brauchen gutes Essen und gute Drinks." Das ist für ihn vor allem der Mint Julep mit Minze und Zucker. Der Cocktail wird traditionell auch beim weltbekannten Pferderennen, dem Kentucky Derby, serviert. Stilecht im Silber- oder Zinnbecher.

Destillieranlage im Wohnzimmer

Steuert der Bourbon Trail eher die großen Destillerien an, sind es bei seinem Ableger, der Bourbon Trail Craft Tour, neun Handwerksbetriebe. Wie der Corsair Artisan Distillery, in der Steve Whitledge die Gäste in ein Hinterzimmer führt. Der Destillateur trägt Vollbart, T-Shirt und einen Kapuzenpulli.

An der Wand hängt ein Katzenbild. Ein paar Fässer stapeln sich an einer Seite, in der Mitte des Raumes stehen Paletten voller Whiskeyflaschen, Papierrollen mit Etiketten liegen darauf. Eine Abfüllmaschine steht auf improvisiert wirkenden Tischen. Es liegen Leitern herum und Krimskrams - das ist kein steriler Produktionsraum, wie man ihn in den großen Hallen der Massenproduzenten vorfindet.

Und das Herz der Destillerie bemerkt man erst auf den zweiten Blick: In einem mit Glaswänden abgetrennten Bereich, kleiner als manches Wohnzimmer, steht die Destillieranlage. Ein nicht sonderlich großer, brauner Kessel mit vielen Kolben, ein paar Leitungen, das war's. Aber auch das schindet Eindruck, hier wird Whiskey quasi noch handgemacht.

Genauso sympathisch liest sich auch die Geschichte der drei Gründer: Kindheitsfreunde brauen in Garagen Bier und setzen Wein an. Irgendwann wurde daraus Whiskey, der seit dem Jahr 2007 laut Unternehmensangaben immerhin 41 Auszeichnungen bei internationalen Wettbewerben erhielt. Dabei beliefert Corsair nicht einmal die ganzen USA. "Wir sind ein kleiner Produzent, aber hier bekommt ihr etwas zu trinken, was ihr sonst nicht bekommt", sagt Steve zu seinen Gästen.

So geht es auch den Touristen, die in den Bars von Kentucky landen. Die Bourbon-Karte umfasst oft ganze Seiten - und natürlich weit mehr als selbst gute Whiskey-Bars in Deutschland bieten können. Sogar bei den Verkostungen weltbekannter Destillerien finden sich nur in den USA erhältliche Edelgetränke - und die sind natürlich schöne Mitbringsel. Denn zu Hause soll man ja bei einem guten Drink die guten Geschichten von der Reise durch Kentucky erzählen können.

Kentucky

Reiseziel
Kentucky im Süden der USA ist größer als Portugal und geprägt von Flüssen und Seen - darunter der Ohio und der Mississippi River. Der höchste Berg, der Black Mountain, ist 1264 Meter hoch. Rund 4,3 Millionen Menschen leben in dem Bundesstaat.
Anreise
Nonstop-Verbindungen nach Kentucky ab Deutschland gibt es nicht. Reisende erreichen Louisville mit Umstieg in den USA.
Reisezeit
Kentucky kann vom Frühjahr bis Herbst besucht werden. Im Juli und August wird es recht warm, die Winter können sehr kalt sein - dem deutschen Klima also ähnlich. Im Süden des Staates ist das Klima sogar leicht subtropisch, in den Bergen im Osten muss mit viel Schnee im Winter gerechnet werden.
Informationen
Kentucky Department of Travel and Tourism, Capital Plaza Tower 22nd floor, 500 Mero Street, Frankfort, KY 40601, (Tel.: 001/800/225-8747, www.kentuckytourism.com)

Simone Andrea Mayer, dpa

insgesamt 15 Beiträge
thinkhard 08.09.2016
1. Whisk(e)y
Na ja, amerikanischer Whiskey gilt bei Kennern eher als Fusel. An die Qualität von schottischem oder irischem Whisk(e)y kommt das US-Destillat nicht heran.
Na ja, amerikanischer Whiskey gilt bei Kennern eher als Fusel. An die Qualität von schottischem oder irischem Whisk(e)y kommt das US-Destillat nicht heran.
ge1234 08.09.2016
2. Deshalb...
... ist er in den meisten Fällen auch nur mit Cola genießbar ;-), was für schottischen und irischen Whisky undenkbar ist!
Zitat von thinkhardNa ja, amerikanischer Whiskey gilt bei Kennern eher als Fusel. An die Qualität von schottischem oder irischem Whisk(e)y kommt das US-Destillat nicht heran.
... ist er in den meisten Fällen auch nur mit Cola genießbar ;-), was für schottischen und irischen Whisky undenkbar ist!
sfuchs75 08.09.2016
3. So ein Quatsch...
...nur weil Scotch Whisky in gebrauchten Fässern lagert, schmeckt er deshalb nicht erdig und rauchig. Der Autor sollte sich vielleicht mal einen reifen Whisky aus First Fill Sherry Casks gönnen. Und danach nochmal bei einem [...]
...nur weil Scotch Whisky in gebrauchten Fässern lagert, schmeckt er deshalb nicht erdig und rauchig. Der Autor sollte sich vielleicht mal einen reifen Whisky aus First Fill Sherry Casks gönnen. Und danach nochmal bei einem guten Islay schlau machen, wie der Rauch in den Whisky kommt ^^
basstomouth 08.09.2016
4.
Wer die Ansicht vertritt, Bourbon ginge nur mit Cola, hat noch nie einen exzellenten Bourbon wie Blanton's Gold, Willets Pot Still Bourbon, William Larue Weller oder George T. Stagg getrunken. Und nur Whisky aus Irland und [...]
Wer die Ansicht vertritt, Bourbon ginge nur mit Cola, hat noch nie einen exzellenten Bourbon wie Blanton's Gold, Willets Pot Still Bourbon, William Larue Weller oder George T. Stagg getrunken. Und nur Whisky aus Irland und Schottland zu trinken, kommt einer Selbstlimitierung gleich, denn dann würden mir ja tolle Whiskies aus Indien, Taiwan und Japan entgehen.
Grorm 08.09.2016
5.
Und selbst Sie vergessen die ganze Reihe guter kanadischer Whiskeys. Schade eigentlich ...
Zitat von basstomouthWer die Ansicht vertritt, Bourbon ginge nur mit Cola, hat noch nie einen exzellenten Bourbon wie Blanton's Gold, Willets Pot Still Bourbon, William Larue Weller oder George T. Stagg getrunken. Und nur Whisky aus Irland und Schottland zu trinken, kommt einer Selbstlimitierung gleich, denn dann würden mir ja tolle Whiskies aus Indien, Taiwan und Japan entgehen.
Und selbst Sie vergessen die ganze Reihe guter kanadischer Whiskeys. Schade eigentlich ...
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