Reise

Kreuzfahrt in der Antarktis

Eis am Kiel

Schon wenige Sonnenstrahlen erschaffen eine Sinfonie aus Blau und Grün: Mit ihren prächtigen Farbenspielen verzaubern die Eisberge der Antarktis auch Michael Martin. Doch zuvor durchleidet der Fotograf stürmische Zeiten an Bord seines Kreuzfahrtschiffes.

Michael Martin
Dienstag, 27.12.2011   06:48 Uhr

Ich bin fertig mit der Welt. Meine Augen suchen Halt am Horizont, während der Bug gerade mal wieder in einem tiefen Wellental eintaucht und die Gischt bis zur Brücke hochspritzen lässt. Neben mir blickt Andre, der russische Kapitän der "Akademik Ioffe", seelenruhig auf das sturmgepeitschte Südpolarmeer. Ich sehne das Erreichen der Antarktischen Halbinsel geradezu herbei.

24 Stunden zuvor habe ich mit 60 anderen Reisenden Ushuaia in Feuerland verlassen. Noch einmal die gleiche Zeit wird es dauern, bis das russische Forschungsschiff die wegen ihrer Stürme gefürchtete Drake-Passage überquert und die Antarktis erreicht hat. Dabei ist diese Route die bei weitem kürzeste: Von Südafrika aus liegt der Kontinent 4000 Kilometer, von Australien 3000 Kilometer entfernt.

Eine Schiffsreise ist nach wie vor die einzig bezahlbare Möglichkeit, die Antarktis kennenzulernen - und als Lektor eines Fotoworkshops wurde ich vom Veranstalter Polar Kreuzfahrten für die Tour an Bord geholt. Die Kabinen sind in der Vorweihnachtszeit nur zur Hälfte besetzt, die russische Besatzung und die Reiseleiter haben viel Zeit für die Passagiere. Die sind meist jung und unkonventionell, stammen aus 16 verschiedenen Ländern und möchten kein "Traumschiff", sondern eine sichere Möglichkeit, den siebten Kontinent kennenzulernen.

1989 in Finnland als Forschungsschiff gebaut, ist die 117 Meter lange und 18 Meter breite "Akademik Ioffe" bis heute zusammen mit ihrem Schwesterschiff "Akademik Sergey Vavilov" im Süd- und Nordpolarmeer unterwegs, um mit hochempfindlichen Antennen hydroakustische Untersuchungen durchzuführen. Der russische Staat finanziert das Ganze mit den Chartergebühren für Kreuzfahrten wie der unsrigen.

Kontinent der Extreme

Die zweite Nacht in meiner schlichten, aber warmen Kabine ist nicht ruhiger als die erste, dann hat sich das Südpolarmeer beruhigt. Als ich aufs oberste Deck steige, schlägt mir ein eisiger Wind entgegen, auf dem Meer treiben erste Eisberge. Südlich des 60. Breitengrades sind wir bereits offiziell in der Antarktis unterwegs, doch nun taucht Antarctica, wie der Kontinent selbst genannt wird, aus den Wolken auf.

Es ist für mich trotz vieler Reisen weltweit immer noch ein ganz besonderes Gefühl, ein neues Land, in diesem Fall gar einen Kontinent, zum ersten Mal zu besuchen. Ich bin überrascht, wie schroff und hoch die Berge sind, allesamt vergletschert. Auch das Meer ist nun mit einer Eisdecke überzogen, durch die sich das eistaugliche Schiff mühelos einen Weg bahnt. Vorerst. Denn je näher wir der Küste kommen, desto dicker wird das Eis, und bald stehen wir still.

Ich gehe runter auf die Brücke und sehe den Kapitän über den Radarschirm gebeugt. Es scheint Mitte Dezember noch keine Durchfahrt durch den Lemaire-Kanal zu geben. Die "Akademik Ioffe" dreht vor der Petermann-Insel ab und nimmt Kurs nach Norden, um in der sogenannten Gerlache-Straße der Westküste der Antarktischen Halbinsel nach Norden folgen zu können.

Antarctica ist ein Kontinent der Extreme - keiner ist kälter, windiger oder trockener. Die tiefste, jemals gemessene Temperatur betrug minus 89,2 Grad Celsius, Windgeschwindigkeiten von über 300 km/h sind keine Seltenheit. Und da kalte Luft kaum Feuchtigkeit speichern kann, weisen viele Gebiete mit 50 Millimeter pro Jahr Niederschlagswerte auf, die mit denen der Sahara vergleichbar sind.

Karges Leben in der Antarktis

97 Prozent der Fläche sind von einem Eispanzer überzogen, der eine durchschnittliche Dicke von 2,3 Kilometern aufweist und sich zum Teil bis zu vier Kilometer hochwölbt. Neben dieser 14 Millionen Quadratmeter großen Eisfläche ist die Hälfte der antarktischen Küsten von Eisschelfen umgeben. Im Winter verdoppelt sich die Eisfläche noch einmal, wenn das die Antarktis umgebende Südpolarmeer zufriert.

Wo der Eispanzer Land freigibt, liegt polare Wüste. Entsprechend artenarm sind Fauna und Flora: Das größte Landtier in der Antarktis, die flügellose Zuckmücke Belgica Antarctica, misst gerade mal zwölf Millimeter, und gerade mal zwei Blütenpflanzen können in geschützten Lagen existieren. Das Leben in der Antarktis findet hauptsächlich an den Küsten statt, dort dafür umso intensiver.

Vier Stunden später laufen wir die Dorian-Bucht auf der Westseite der Wiencke-Insel an. Der Kapitän lässt Anker setzen, ein Ladekran hebt sechs Zodiac-Schlauchboote auf das Wasser, und die 60 Passagiere werden damit an Land gebracht. Zum ersten Mal betrete ich in der Antarktis Land, wenn auch erst eine dem Kontinent vorgelagerte Insel.

Der höchste Punkt einer gletscherbedeckten Landzunge heißt Damoy Point und würde eine gute Aussicht bieten, wäre der Himmel nicht wolkenverhangen. Von hier blicke ich auf die benachbarte Bucht von Port Lockroy. Dort steht das historische Bransfield House, in dem die Briten bis 1962 Forschungen betrieben.

Eisige Berge unter Wasser

Wieder am Strand erwarten mich 4000 Eselspinguine, die in einer Kolonie brüten. Die 70 bis 80 Zentimeter großen Tiere zeigen kaum Angst und nähern sich neugierig. Ihren Namen verdanken sie einzigartigen Lauten, die an Eselgeschrei erinnern. Anhand ihrer Größe und ihres schwarzorangen Schnabels kann man sie leicht von ihren nahen Verwandten, den Adélie- und Zügelpinguinen, unterscheiden.

Als Passagiere und Team wieder an Bord sind, verlassen wir den Neumayer-Kanal und steuern im nordöstlich gelegenen Errera-Kanal die Antarktische Halbinsel an. Während die meisten Passagiere bei einer Pinguinkolonie an Land gehen, bin ich gemeinsam mit der Schweizer Fotografin Daisy Gilardini in einem Zodiac-Boot unterwegs, um Eisberge zu fotografieren.

Endlich teilt sich der Himmel, und die Sonne blitzt zum ersten Mal zwischen den Wolken hervor. Sofort leuchten die besonders stark komprimierten Teile der ansonsten weißen Eisberge in den unterschiedlichsten Blautönen. Wenn ich einen Polfilter auf mein Weitwinkelobjektiv schraube, kann ich durch das glasklare Meerwasser weit in die Tiefe blicken.

Schon bevor wir im Zodiac einem Eisberg wirklich nahe kommen, beginnt das Wasser blau oder grün zu schimmern. So lässt sich erahnen, wie weit sich die Eisberge unter der Meeresoberfläche ausdehnen. Aufgrund der unterschiedlichen Dichteverhältnisse von Süß- und Salzwasser befinden sich sechs Siebtel ihrer Masse unter Wasser.

Als wir nach zwei Stunden im Zodiac abends auf die "Akademik Ioffe" zurückklettern, ahne ich, warum Naturliebhaber immer wieder in die Antarktis zurückkehren.

insgesamt 2 Beiträge
Ylex 28.12.2011
1. Auf in die Antarktis
Vor Neid erblassen könnte man angesichts des Artikels. Fotoexperte müsste man sein und zu solch einer tollen Schiffsreise eingeladen werden, wie Herr Martin. Leider können nur wenige mal eben zehn- bis zwanzigtausend Euro aus [...]
Vor Neid erblassen könnte man angesichts des Artikels. Fotoexperte müsste man sein und zu solch einer tollen Schiffsreise eingeladen werden, wie Herr Martin. Leider können nur wenige mal eben zehn- bis zwanzigtausend Euro aus dem Ärmel schütteln, um die Antarktis zu erleben. Aber lohnen würde es sich allemal, das kann ich bestätigen, weil ich, natürlich so ganz nebenbei eingestreut, dort schon ein Mal war – es war die wohl beeindruckendste Fahrt meines Lebens. Reiseberichte gehören nicht in diese Abteilung, deshalb nur so viel: Die Antarktis ist faszinierend, für mich die schönste Gegend der Welt. Ich kann nur raten, auf den neuen Kleinwagen zu verzichten, eine alte Kiste mit TÜV zu kaufen, und dann auf in die Antarktis – aber bloß nicht auf einem Riesenkreuzfahrtschiff, das diesen geheimnisvollen Kontinent nur streift, solche großen Schiffe dürfen aus Naturschutzgründen nämlich nicht einmal in den Bereich der antarktischen Halbinsel eindringen, und es werden auch keine Zodiac-Touren angeboten (Zodiac = robustes, stark motorisiertes Schlauchboot). Die russischen Schiffe, wie die "Akademik Ioffe" aus dem Artikel, sind wiederum zu teuer, zumal wenn man zu zweit ist, denn man muss auch noch die An- und Abreise extra bezahlen. Auch die "Bremen", die "Hanseatic" und die Hurtigruten-Schiffe haben Apothekerpreise bei Touren in die Antarktis, doch es gibt kleinere Kreuzfahrtschiffe, die Fahrten zur antarktischen Halbinsel machen und noch bezahlbar sind, außerdem ist bei solchen Schiffen die Zahl der Passagiere auf 500 begrenzt, was Gedränge an Bord und bei den Zodiac-Trips ausschließt. Übrigens wird die Drake-Passage zwischen Südamerika und der Antarktis von vielen Menschen für eine Durchfahrt gehalten, aber tatsächlich ist sie ein etwa 1.000 Kilometer breites Meer, und zwar ein in jeder Jahreszeit unberechenbares. Auf wilde See einschließlich hoher Wellen sollte man sich dort auch im Sommer vorsorglich einrichten. Manche meinen, die antarktische Halbinsel sei zu einem problematischen Tummelplatz für Kreuzfahrtschiffe geworden – da mag tendenziell zwar etwas dran sein, doch diese Einschätzung scheint mir übertrieben. Man kann die Schiffe, die dorthin fahren, noch an zwei Händen abzählen, und es gelten sehr strenge Umweltauflagen. Abgesehen davon liegt die antarktische Halbinsel an der Peripherie der anarktischen Kontinentes, und trotzdem vermittelt sie ein einmaliges Naturerlebnis. Zwischen der Halbinsel und den Booth-Inseln verläuft der Lemaire-Kanal – wer einmal bei gutem Wetter durch ihn hindurch gefahren ist, der wird die majestätischen Aus- und Anblicke nicht wieder vergessen.
Ylex 28.12.2011
2. Ein paar schöne Fotos
Gerade ist mir eingefallen, dass ich ein paar schöne Fotos von der Antarktis im Internet eingestellt habe - wer sie sie sich angucken möchte, hier: Fotos von willi08 - Fotograf | fotocommunity [...]
Gerade ist mir eingefallen, dass ich ein paar schöne Fotos von der Antarktis im Internet eingestellt habe - wer sie sie sich angucken möchte, hier: Fotos von willi08 - Fotograf | fotocommunity (http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/427972/startpic/104) auf den Seiten 10 bis 14 - allerdings sind es alle nur Knipsbilder, mit einer kleinen Digitalkamera gemacht.

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