Reise
Planet Erde

Motorradtour in Dsawchan

Ritt zu den Mongolen

Jörg Reuther
Freitag, 14.06.2019   04:35 Uhr

Noch immer sind die Seen von Eis bedeckt, die Nomaden beziehen gerade ihr Sommerlager: Michael Martin geht auf Fotoexpedition im entlegenen Westen der Mongolei.

Am Morgen unserer ersten Zeltnacht empfängt uns Dsawchan mit einem doppelten Regenbogen, der sich über einen weißen Stupa auf einem Hügel spannt. Die Landschaft mit ihren grünen Hügeln und idyllischen Tälern erinnert mich an meine frühere Modelleisenbahn. Kaum ein Baum oder Strauch durchbricht die Monotonie der Steppe, die nach einem harten Winter im Juni zu neuem Leben erwacht.

Am Vortag standen wir am Ende einer Teerstraße, gut tausend Kilometer westlich der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar. In einem rot angestrichenen Haus aus Wellblech bekommen Lastwagenfahrer eine Suppe; eine Piste führt weiter nach Süden in die Stadt Uliastai. Wir folgen einer einzelnen Spur nach Südwesten, um die Region Dsawchan im entlegenen Westen der Mongolei kennenzulernen.

Zur Person

Ich bin auf meinem Motorrad unterwegs und werde von meinen Freunden, dem Fotografen Jörg Reuther und dem Filmer Lars Böhnke, in einem Furgon begleitet. Baljir steuert den unverwüstlichen Geländebus russischen Fabrikats, die Mongolin Bolormaa ist unsere Übersetzerin.

Es wird bereits dunkel, als wir an einem teilweise noch gefrorenen Fluss auf eine Jurte stoßen, die von Vater und Sohn bewohnt wird. Wir fragen, ob wir auf einer Wiese am Fluss unsere Zelte aufschlagen dürfen. Von unserer Übersetzerin erfahren wir, dass die Jurte erst seit zwei Tagen hier steht.

Das Winterhalbjahr verbrachten die Nomaden mit ihren Yaks, Pferden, Ziegen und Schafen in Winterlagern, die mit ihren Steinwällen und ihrer erhöhten Lage einen gewissen Schutz vor der eisigen Kälte bieten. Erst wenige Tage zuvor haben die meisten Viehzüchter ihr Winterlager verlassen und ihre Herden auf Pferden zum Frühlingsplatz getrieben.

Drei Kinder studieren, ein Sohn hilft mit

"Wir werden vier Wochen hier bleiben", erzählt auch Vater Gankhuyag Naidan, "bevor wir ins höher gelegene Sommerlager weiterziehen. Und im Spätherbst ziehen wir dann wieder ins Winterlager." Gankhuyag klagt, dass er bereits zweimal fast alle Tiere im Zuud, in besonders kalten und trockenen Wintern, verloren habe.

Fotostrecke

Fotograf Michael Martin unterwegs: Regenbogen über Stupa

"Beide Male konnte ich die Herde wieder neu aufbauen, heute haben wir wieder 700 Tiere" erzählt er stolz. "Drei meiner Kinder studieren in Ulaanbaatar, nur mein ältester Sohn unterstützt mich." Vorsichtig frage ich nach seiner Frau und erfahre, dass diese als Putzfrau in der Schule des Verwaltungszentrums Uliastai arbeite. Nur so könnten sie in guten Zeiten die Ausbildung der Kinder finanzieren und in schlechten überleben.

Nach dem politischen Umbruch Anfang der Neunzigerjahre hatte der Nomadismus in der Mongolei einen Aufschwung erlebt. Als die sowjetisch geprägten Strukturen zusammenbrachen und die wirtschaftliche Not groß war, besannen sich viele Mongolen ihrer langen nomadischen Tradition. Sie kehrten auf die Weiden zurück, die bis heute in Staatsbesitz sind.

Dann kam der Bergbauboom. Viele Nomadenfamilien gaben das harte Leben unterwegs auf, um in den Minen Geld zu verdienen. Nach einem Korruptionsskandal wiederum wurden viele bereits vergebene Konzessionen annulliert, derzeit steckt der Bergbau in der Krise. Und wieder ist die Rückkehr zur Viehzucht für viele Mongolen eine Option.

Erkundung per Fotodrohne

Wir verabschieden uns am nächsten Morgen von Gankhuyag und halten uns gen Westen. Dauernd teilen sich die Fahrspuren, die Orientierung gelingt aber mit GPS und digitalen Karten, die auch die Topografie wiedergeben. Unser Ziel ist der See Char Nuur, den nicht einmal Baljir, der Fahrer unseres Geländebusses, kennt.

Tief hängende Wolken und Schneeschauer beeinträchtigen die Sicht. Der heftige Wind teilt immer wieder die Wolken und gibt den Blick auf den noch weit entfernten See frei. Im letzten Licht erreichen wir das Ufer. Zu meinem Erstaunen ist der See immer noch zum großen Teil zugefroren. Schwäne gleiten zwischen Eisfläche und Uferlinie über offenes Wasser.

Nach einer Zeltnacht lassen wir bereits kurz nach Sonnenaufgang unsere Fotodrohnen aufsteigen. Auf den Monitoren sehen wir, dass die Eisfläche eine Insel umschließt, deren Hügel von Dünen überweht sind. Das Aufeinandertreffen von Sand und Eis ist nur in der Mongolei zu finden. Da kein naher Ozean für Temperaturausgleich zwischen Winter und Sommer sorgt, folgt auf einen langen, extrem kalten Winter ein kurzer heißer Sommer - Geografen sprechen von Kontinentalität.

Wir halten uns vom See Char Nuur aus nach Norden und kommen zunächst gut voran. Doch dann schieben sich Dünen in das Tal und blockieren die Piste. Jetzt hilft nur noch, den Luftdruck der Reifen zu reduzieren und Gas zu geben. Immer wieder müssen wir das Motorrad aus dem Sand befreien, dann haben wir das Dünengebiet bewältigt und finden einen schönen Lagerplatz.

Hotel ohne Waschbecken

Nächstes Etappenziel ist Tudewtei, ein sogenannter Sum. Die Planwirtschaft der 70-jährigen sowjetischen Herrschaft prägt bis heute noch viele Strukturen im Land. Die größte Verwaltungseinheit ist der Aimag, zum Beispiel die Region Dsawchan mit dem Aimag-Zentrum Uliastai. Meist nur wenige Hundert Einwohner dagegen haben die sogenannten Sums, wo es Läden, kleine Restaurants, Werkstätten und einfachste Unterkünfte gibt.

Es sind noch einmal 70 Kilometer zum Sum Songino, das sogar ein Hotel besitzt. Die Zimmer bieten Schutz vor der nächtlichen Kälte und eine Steckdose zum Laden der Akkus, aber mehr auch nicht. Die einzige Toilette des Hotels ist ein Holzverschlag auf dem Hof, ein Waschbecken oder ein Restaurant gibt es nicht.

Am nächsten Abend bauen wir trotz Kälte und Wind gerne wieder unsere Zelte auf. Wir haben inzwischen den Aimag Dsawchan verlassen und sind im Aimag Uws. Dort liegen die schönsten Seen der Mongolei.

Der nächste Blog über die Mongolei-Fahrt von Michael Martin folgt in den kommenden Tagen.

insgesamt 10 Beiträge
nadennmallos 14.06.2019
1.
Coole Tour, schöne Bilder. Aber müssen wir überall mit dem Moped oder Auto hin?
Coole Tour, schöne Bilder. Aber müssen wir überall mit dem Moped oder Auto hin?
ambulans 14.06.2019
2.
es gibt einen phantastischen film (schon etwas älter), der solche eindrücke - innere mongolei, leben und kultur der nomaden, grandiose natur - festhält: "urga" (regisseur leider unbekannt) ...
es gibt einen phantastischen film (schon etwas älter), der solche eindrücke - innere mongolei, leben und kultur der nomaden, grandiose natur - festhält: "urga" (regisseur leider unbekannt) ...
razer 14.06.2019
3.
@nadennmallos "müssen wir überall mit dem Moped hin?" Nö natürlich nicht, aber wenn Sie, wie Michael Martin, zumindest eine top ausgestattete Maschine (BMW R12001250 GS ?) vom Hersteller gesponsert bekommen, daß [...]
@nadennmallos "müssen wir überall mit dem Moped hin?" Nö natürlich nicht, aber wenn Sie, wie Michael Martin, zumindest eine top ausgestattete Maschine (BMW R12001250 GS ?) vom Hersteller gesponsert bekommen, daß hilft schon etwas. Martin ist ein Reiseprofi, der davon lebt. Hier vor allen Dingen an alle KTM-Fans, schon wieder eine dicke BMW GS, die ja angeblich für solche Touren nicht geeignet ist :-).
Papazaca 14.06.2019
4.
@razer. Müssen wir überhaupt irgendwo hin? Michael Martin, der aus dem Machen schöner Fotos einen Job gemacht, kann ich verstehen. Hätte ich Lust, mit diesem Großschiff - und sicher viel Ausrüstung - durch die Gegend zu [...]
@razer. Müssen wir überhaupt irgendwo hin? Michael Martin, der aus dem Machen schöner Fotos einen Job gemacht, kann ich verstehen. Hätte ich Lust, mit diesem Großschiff - und sicher viel Ausrüstung - durch die Gegend zu fahren? Sicher nicht. Aber das ist wie vieles Geschmacksache. Und eine absolute Wahrheit gibt es sowieso nicht. Stimmt, eine KTM oder eine leichtere Yamaha sind mir sympathischer. Aber am besten gefallen mir minimalistische Reisen, nur mit Rucksack und ausreichend Zeit, sich auf das Land und die Menschen einzulassen. Martin macht wahrscheinlich seine Fotos und hat dann seinen Job erledigt. Aber in einer Welt, in der es fast alles gibt, muß man nicht auch noch missionarisch agieren. Hauptsache es gefällt einem selbst und man geht nicht anderen Menschen auf den Keks. Richtig, und dann kann man trotzdem über die richtigen oder falschen Motorräder argumentieren. Aber bitte relaxt und nicht als Klugscheißer oder als Moralist für was auch immer. Ach ja, das eindeutig beste Motorrad ist natürlich mein Mountainbike. Gibt es da Widerspruch?
ambulans 14.06.2019
5. hi, papazaca,
heute mal ein außer-musikalisches thema - kennst du diesen film? hat praktisch alles, was ein aficionado so braucht, ist road movie, macht gegend, menschen, lebensweise und kultur so verständlich, dass es eigentlich [...]
Zitat von Papazaca@razer. Müssen wir überhaupt irgendwo hin? Michael Martin, der aus dem Machen schöner Fotos einen Job gemacht, kann ich verstehen. Hätte ich Lust, mit diesem Großschiff - und sicher viel Ausrüstung - durch die Gegend zu fahren? Sicher nicht. Aber das ist wie vieles Geschmacksache. Und eine absolute Wahrheit gibt es sowieso nicht. Stimmt, eine KTM oder eine leichtere Yamaha sind mir sympathischer. Aber am besten gefallen mir minimalistische Reisen, nur mit Rucksack und ausreichend Zeit, sich auf das Land und die Menschen einzulassen. Martin macht wahrscheinlich seine Fotos und hat dann seinen Job erledigt. Aber in einer Welt, in der es fast alles gibt, muß man nicht auch noch missionarisch agieren. Hauptsache es gefällt einem selbst und man geht nicht anderen Menschen auf den Keks. Richtig, und dann kann man trotzdem über die richtigen oder falschen Motorräder argumentieren. Aber bitte relaxt und nicht als Klugscheißer oder als Moralist für was auch immer. Ach ja, das eindeutig beste Motorrad ist natürlich mein Mountainbike. Gibt es da Widerspruch?
heute mal ein außer-musikalisches thema - kennst du diesen film? hat praktisch alles, was ein aficionado so braucht, ist road movie, macht gegend, menschen, lebensweise und kultur so verständlich, dass es eigentlich überflüssig ist, darauf zu schauen, welche "zeit" denn nun gemeint ist. transzendierend, inspirierend, animierend - call it what ever you want ... mfg, dr. ambulans (alle kassen)
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP