Reise

Fotoessay über Australien

Mythos Outback - aber anders

Wer von Australien träumt, hat zwangsläufig auch sofort die Klischees im Kopf. Fotograf Adam Ferguson ging auf die Suche nach der wahren Identität seines Heimatlands.

Adam Ferguson
Ein Interview von
Donnerstag, 20.12.2018   07:13 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Mr. Ferguson, wir Deutsche denken bei "Outback" an weites Land, Cowboys, Kängurus oder den im Sonnenuntergang leuchtenden Sandsteinmonolith Uluru. Sie aber sind mit ganz anderen Bilder von Ihrer Recherchereise zurückgekehrt.

Ferguson: Heutzutage ranken sich viele romantische Mythen rund um das Outback. Sie prägen die zeitgenössische Idee von Australien und werden in der Populärkultur, in Liedern oder Filmen, gefeiert. Ich aber wollte herausfinden, was es jenseits dieser Klischees bedeutet, dort zu leben. Denn die Realität sieht anders aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Ferguson: Landwirte haben seit sechs Jahren zunehmend mit Dürreperioden zu kämpfen. Kleinere Städte sterben aus, durch die Mechanisierung der Betriebe gibt es nicht mehr so viel Arbeit wie früher. Die jungen Leute zieht es in die Metropolen.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit ist Australien mit der Aufarbeitung seines schwierigen kolonialen Erbes?

Ferguson: Australien ist ja ein Land, das letztendlich gestohlen wurde von seinen ursprünglichen Eigentümern. Diese Erfahrung ist immer noch tief verwurzelt in der Buschkultur, auch wenn in den vergangenen 20 Jahren ein gewisses Umdenken stattfand und Landrechte zurückgegeben wurden. Rassismus und Sexismus sind immer noch sehr weit verbreitet. Die Beziehung zwischen Weißen und Aboriginal-Australiern ist düster, spannungsgeladen und komplex. Das habe ich auf Fotos festzuhalten versucht. Ein anderer Aspekt ist der - wenn man so will - koloniale Kater.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Ferguson: Politisch hat sich Australien immer an Großbritannien orientiert, als eine Art Mutterschiff, auch wenn wir unabhängig operieren. Wenn man in die entlegenen Ecken des Landes reist, begegnet einem immer noch diese Außenpostenmentalität: sich als Weiße alleine auf dem Land durchschlagen zu müssen, das - relativ betrachtet - noch vor Kurzem das Land der Aborigines war.

SPIEGEL ONLINE: Für das Fotoprojekt im Auftrag der "New York Times" reisten Sie rund 16.000 Kilometer durchs Land. Was war die größte Herausforderung dabei, die Realität im Busch einzufangen?

Ferguson: Auch ich fotografiere ja die Archetypen, die in der Populärkultur existieren: den Spurensucher, den Cowboy, den Scherer, den Viehtreiber. Aber ich versuche, sie auf eine Art und Weise darzustellen, die sich von der sentimentalen, nostalgischen Erzählung abhebt. Manchmal stelle ich beim Bearbeiten der Fotos fest, dass diese Klischees trotzdem ihren Weg in die Bilder gefunden haben. Das liegt einfach im Symbolismus, der schon in den Objekten oder Menschen, die ich fotografiere, angelegt ist. Oft sortierte ich solche Fotos wieder aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aufnahmen kamen Ihren Vorstellungen denn am nächsten?

Ferguson: Zum Beispiel das Bild, auf dem ein Mann ein totes Känguru in den Armen hält. Wenn die Leute ans Outback denken, sehen sie lebendige Tiere. Oder Leute mit Cowboyhut. Diesen Kängurujäger aus South Australia habe ich sehr förmlich in Szene gesetzt. Ähnliches gilt für das Porträt einer junge Frau im Bikini, die mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck vor einem Toilettengebäude in der Bergbausiedlung Broken Hill steht. Es ist schön, aber zugleich hässlich. Diese Art von Bildern würde man nie in einem Prospekt sehen, der für das Outback wirbt.

Adam Ferguson

SPIEGEL ONLINE: Welche Begegnung hat Sie besonders bewegt?

Ferguson: Jene mit Daisy Ward. Ich traf sie mitten im Nirgendwo an der Grenze zu Western Australia. Sie brauchte eine Mitfahrgelegenheit nach Hause - in ihre Aboriginal-Gemeinschaft in Warakurna, circa 300 Kilometer entfernt. Aus Dankbarkeit bot sie mir an, dort zu übernachten. Normalerweise benötigt man dafür eine Erlaubnis. Doch als eine der Stammesältesten der Ngaanyatjarra konnte sie mich direkt einladen. Sie zeigte mir den Ort mitten im Busch, an dem sie geboren wurde. Daisy ist eine starke Frau, die noch zu einer Generation von Aborigines-Australiern gehört, die ihrem Land stark verbunden sind; etwas, das unter dem Einfluss der Globalisierung schwindet.

SPIEGEL ONLINE: Als Fotograf waren Sie bislang überwiegend in internationalen Kriegs- und Krisengebieten unterwegs. Warum jetzt Australien?

Ferguson: In gewisser Weise war es Teil einer selbst verschriebenen Therapie. Ich hatte einen Punkt in meiner Karriere erreicht, an dem mich die Berichterstattung über Konflikte und soziale Probleme ernüchterte. Die Arbeit begann, mich auszuzehren. Darunter litt auch meine Liebe für das Geschichtenerzählen und die Fotografie. Ich hatte das tiefe Verlangen, zurückzukehren, meine eigene Heimat zu fotografieren und Dinge, die ich gut kenne. Meine Eltern sind beide im Outback aufgewachsen. Meine Mutter stammt aus dem Bauerndorf Yeoval in New South Wales, in dem schon ihre Großeltern lebten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei Ihrer Recherche etwas Neues entdeckt?

Ferguson: Immer wieder sagten mir die Menschen, quer durch alle Bevölkerungsschichten, dass sie die Isolation mögen. Sie gäbe ihnen Freiheit. Das hat mich überrascht. Ich fragte mich, ob sie sich das nur einredeten, aus dem Gefühl heraus, keine andere Wahl zu haben. Sie zeigten sich sehr skeptisch gegenüber dem Gedanken, jemals in einer Großstadt zu leben. Mit Nachbarn nebenan, Lärm und Umweltverschmutzung.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn diese Isolation empfunden?

Ferguson: Sie fing an, mich verrückt zu machen. Die letzten 15 Jahre habe ich in Metropolen gelebt. Die Stille und die Weite waren mir fast zu viel.

Wie gut kennen Sie sich aus in Australien und seinem Outback? Testen Sie Ihr Wissen im Quiz!

Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP