Reise

Naturwunder Baikalsee

Die blaue Perle Sibiriens

Für die Russen allgemein ist der Baikal das "heilige Meer", für die dort einheimischen Burjaten die "reiche See": Der ökologisch einmalige Süßwassersee liegt im Herzen Sibiriens und wird mit einer scheinbar endlosen Liste von Superlativen beschrieben.

Sonntag, 06.04.2003   12:54 Uhr

Listwjanka - Nach zwei Stunden Fahrt durch die Birkenwälder Sibiriens biegt der Überlandbus aus Irkutsk endlich in weitem Bogen ab. Selbst die Einheimischen recken hier die Hälse, denn auf den letzten Kilometern vor Listwjanka erstreckt sich der Baikalsee in seiner ganzen Schönheit. Wie ein silberner Teppich glitzert das Wasser. Die Sicht ist klar genug, um in 40 Kilometer Ferne am anderen Ufer die Berge Burjatiens erkennen zu können.

Der Baikal, Sibiriens blaues Wunder, ist ein See der Superlative: Mit einer Tiefe von mehr als 1600 Metern ist er der tiefste See der Welt. Kein See ist älter und keiner hat mehr Wasser als er. Liefe der Baikal aus, würde das gesamte Festland der Erde - rein rechnerisch - 20 Zentimeter hoch überschwemmt werden. Mehr als 330 Flüsse speisen den See, der mit einer Fläche von 31.500 Quadratkilometern fast 60 Mal größer ist als der Bodensee.

Mehr als 5000 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt Moskau im Herzen Sibiriens gelegen, scheint der Baikalsee auf den ersten Blick fernab von allen touristischen Routen. Doch der Eindruck täuscht: Die Transsibirische Eisenbahn fährt direkt am Südufer des Baikals entlang. Wer auf der Bahnfahrt von Moskau nach Peking Lust hat, dem "Brunnen der Erde" einen Besuch abzustatten, sollte in der ostsibirischen Metropole Irkutsk aussteigen und sich ein paar Tage Zeit nehmen.

Auf dem Vorplatz des für russische Verhältnisse bemerkenswert sauberen und gepflegten Bahnhofs von Irkutsk warten Dutzende Taxis. "Zum Baikal, nicht teuer!", rufen die Fahrer. Die Preise sind für Russland dennoch deftig: Für die 80 Kilometer lange Strecke werden umgerechnet 30 Euro und mehr verlangt. Wer billiger und landestypischer reisen möchte, fährt vom Busbahnhof Irkutsk aus für rund einen Euro mit dem Bus bis nach Listwjanka.

Obwohl der Ort als das Touristenzentrum am Baikal gilt, ist es dort zu keiner Jahreszeit einfach, als Individualtourist eine gute Unterkunft zu finden. Während der russischen Sommerferien im Juli und August ist fast alles ausgebucht. Kaum bricht Anfang September die Nachsaison an, scheint das mehrere Kilometer lange Küstendorf schon in einen verfrühten Winterschlaf zu verfallen. Nirgendwo an der Uferpromenade werben dann Pensionen um Gäste. Das einzige erkennbare Hotel am Wasser schreckt mit seiner grauen Betonfassade, schmutzigen Vorhängen und Gittern vor den Fenstern westliche Urlauber eher ab.

Aber wer ein paar Brocken Russisch beherrscht, kann sich auf die Tipps der Einheimischen verlassen. Am Dorfende, hinter einer verrosteten Werft, wartet ein schmucker, doppelstöckiger Neubau am Wasser auf Gäste. Umgerechnet 20 Euro kostet hier die Übernachtung, Frühstück inklusive. Toilette und Dusche befinden sich zwar separat auf dem Flur, doch dafür bietet die Pension ohne Namen eine eigene Sauna. Dieses Erlebnis sollte sich kein Baikal-Tourist entgehen lassen: erst bei bis zu 100 Grad Celsius in der Sauna schwitzen und danach gleich ein kühles Erfrischungsbad im See nehmen.

Der Service ist vielerorts noch wie zu Zeiten der Sowjetunion: In der Unterkunft am See kündigte die Gastgeberin zum Frühstück Käse, Würstchen und Spiegelei an. Der Tourist nickt begeistert und wartet nach dem Käsebrot auf die weiteren Gänge - vergeblich. Es gebe Käse, oder Würstchen oder Spiegelei, stellt die resolute Gastgeberin jetzt klar. Am Strand wird dafür überall geräucherter Omul angeboten, ein schmackhafter, lachsartiger Fisch, den es nur im Baikalsee gibt.

Für den schlechten Service entschädigt die Natur: Das mehr als 2000 Kilometer lange Ufer scheint Modell gestanden zu haben für die außergewöhnlichsten Landschaften Russlands. Zerklüftete Küstenstreifen erinnern an die Berge des wilden Kaukasus, wenige Kilometer weiter gleicht ein Sandstrand den Uferpromenaden am Schwarzen Meer. Und an anderer Stelle fühlt sich der Sommerurlauber zwischen Dünen, Möwen und seichten Buchten wie an der Ostsee.

Der Baikalsee ist fast zu jeder Jahreszeit eine Reise wert - die Ausnahmen sind die regnerische zweite Oktoberhälfte und der November. Das Klima ist wesentlich milder als sonst in Sibirien, wo die Menschen nicht selten Temperaturschwankungen von mehr als 100 Grad im Jahr ertragen müssen. Wie ein Meer speichert der See im Sommer die Wärme, die er im Winter wieder abgibt. Von Anfang Januar bis weit in den April ist der Baikalsee so dick zugefroren, dass auf dem Eis ein mit Verkehrsschildern geregelter Straßenverkehr eingerichtet wird.

Faszinierend ist im Sommer eine Fahrt mit der Transbaikal-Bahn von Sludjanka nach Port Baikal. Zwischen steilen Felsvorsprüngen und dem klaren Baikalsee führt sie durch 30 Tunnel, vorbei an ärmlichen Bauerndörfern ohne Straßenverbindung zur Außenwelt und noblen Feriensiedlungen für neureiche Russen. In Port Baikal, wo die unpünktliche Bahn meist erst am späten Abend eintrifft, muss sich der Reisende privat einquartieren. Die als "Hotel Baikal" angepriesene Unterkunft erweist sich als ärmliche, aber saubere Holzhütte, in der eine zahnlose ältere Frau den Besuchern ein Gästezimmer anbietet.

Am folgenden Tag steigt der Urlauber, geweckt von den ersten Hahnenschreien, aus der Kate und hangelt sich einen kleinen Hügel hinauf zur Morgentoilette an einem Brunnen. Der Blick schweift über die qualmenden Schornsteine der Hütten hinüber zum Baikalsee. Die Zeit scheint still zu stehen. Als dann noch ein alter Mann eine Schar schnatternder Gänse über den Dorfweg treibt, glaubt sich der Tourist endgültig in ein längst vergangenes Jahrhundert zurückversetzt.

Von Stefan Voß, gms

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