Reise

Quebec

Karneval in Weiß

Auch in Kanada wird der Karneval kräftig gefeiert. Der Schneemann "Bonhomme" ist für den französisch sprechenden Teil des Landes der Inbegriff der fünften Jahreszeit.

Dienstag, 06.02.2001   12:24 Uhr

Wenn in Rio zum Samba die Puppen tanzen und die Jecken am Rhein mit ihren Umzügen Frohsinn demonstrieren, feiern auch in Québec City die Kanadier ihren "Carnaval". Allerdings sind die tropischen Temperaturen der Copacabana weit entfernt. Bei Schnee, Eis und Temperaturen bis zu 30 Grad minus schlottern die kanadischen Karnevalisten und Touristen im Februar am Wegesrand, wenn Maskottchen "Bonhomme" auf buntgeschmückten Wagen vorbeizieht. Als Höhepunkt gelten Festwagen mit Symbolen europäischer Städte, wo die pummelige Symbolfigur schon auf Freundschaftsbesuch war.

Eigenwillig gibt sich eine andere große Faschingsnummer, die nächtliche Parade. Mehr als 100.000 Zuschauer säumen zähneklappernd den Weg, wenn Wagen und Fußvolk vorüberziehen. Alles ist kräftig mit Werbung durchwachsen und wird von einer Nährmittelfabrik gesponsert, die ihren Kundenstamm aus Kindern und Jugendlichen ansprechen kann. Originalität mit aktuellen Tagesthemen etwa ist unbekannt.

Das Gedränge löst sich danach schnell auf - es ist Zeit, schlafen zu gehen. In den Restaurants indessen wird nach dem besonderen Menü gesucht. Überall stehen die vier Standards auf der Liste: Hühnchen, Steak, Lasagne und gekochter Lachs. Wein gibt es oft in eckigen Flaschen ohne Etikett.

Tags drauf kann man Québec City erkunden. Auf dem Felsen Cap Diamant am St.-Lorenz-Strom erbaut, der an dieser Stelle von See her gesehen enger wird, gilt die Stadt Québec als Wiege Französisch-Kanadas. Wer es sich gönnt, in der Abenddämmerung mit der Fähre nach Levis ans gegenüberliegende Ufer überzusetzen, wird sich lange an die Ansicht erinnern: Glasklar und hell beleuchtet bietet sich in der kalten Winterluft der Aufbau von Ober- und Unterstadt dar, gekrönt vom klotzigen Wahrzeichen Québecs, dem luxuriösen Schlosshotel "Le Chateau Frontenac".

Québec bietet auch außerhalb der Stadt zu Karneval viele Möglichkeiten, interessante Tage zu erleben. Nach zweieinhalb Stunden Busfahrt gen Norden taucht zum Beispiel der breite Saguenay-Fjord auf, der zwischen dem Lac-Saint-Jean und dem St. Lorenz liegt. Als Bleibe bietet sich hier das neue Blockhaus-Dorf Cap au Leste mit fünf Chalets an, 88 Kilometer westlich der Stadt Chicoutimi mit schönem Ausblick über dem Fjord gelegen. Die Unterkünfte sind rustikal: Ein offener Kamin und rot karierte Tischdecken gehören dazu. Das Dorf ist ein Organisationszentrum für Frischluft-Aktivitäten aller Art zu jeder Jahreszeit: Reiten, Jagen und Bergsteigen sind möglich, im Winter Fahrten mit Snowmobil und Hundeschlitten sowie das Eisfischen.

Viel frische Luft tanken die Steher auf den Hundeschlitten. Abgelegene Pisten führen in Wald und Flur und in die stille Weite zugefrorener Gewässer. Die sechs Huskies vor dem Schlitten laufen wie synchron, selbst bei steilem Gefälle hat die stabile Bremse das leichte Gefährt sicher im Griff. Der Höhepunkt des Rundkurses ist für viele die Rast im beheizten Trapperzelt. Auf dem Schneeboden unter dem niedrigen First liegt nichts als etwas frisches Reisig. Die trockenen Holzscheite knacken laut im Ofen, und die heiße Bohnensuppe hat selten zuvor so gut geschmeckt. Von der Hundestation aus kostet diese Erinnerung an frühere Lebensweisen 85 Dollar (etwa 120 Mark) pro Person, das Essen geht extra.

Im Preis eingeschlossen ist der fangfrische Fisch bei den Eisanglern auf dem Saguenay-Fjord. Ihr Schauplatz liegt auf dem über einen Meter dicken Kältepanzer, den der Wasserspiegel über sechs Meter hebt und senkt wie ein riesiges Floß. Der Gezeitenwechsel bewegt auch die auf dem Eis aufgestellten Fischerhütten, die von fern wie Potemkinsche Dörfer aussehen, jedoch alles enthalten, was das Ausharren in der Wildnis erfordert. Nachdem mit einem Motorbohrer ein etwa 20 Zentimeter großes Loch ins Eis gebohrt ist und der Fang an der Angel zappelt, beginnt der lang ersehnte Rückzug zum Grill und der behaglichen Wärme im Häuschen, wo das Gourmet-Rezept von Dorsch und Rotbarsch ausprobiert werden kann. All das gibt es für 60 Dollar (etwa 85 Mark) am Tag.

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