Reise

Nil-Abenteuer im Kajak und Raftingboot

Paddeltour XXL

Den Nil von der Quelle bis zur Mündung hinunterpaddeln - das wollte die Extremsportlerin Sarah Davis. Sie überlebte Stromschnellen und einen Flusspferd-Angriff, kapitulierte aber vor etwas anderem. Jetzt ist sie angekommen.

Sarah Davis
Von Susanne Krauß
Dienstag, 07.05.2019   12:02 Uhr

Sarah Davis erstarrt. Alle in ihrem Schlauchboot sind schlagartig still. Knappe zwei Meter neben der Abenteurerin und ihren afrikanischen Teamkollegen reißt ein ausgewachsenes Nilpferd das Maul auf. "This is a fucking unhappy hippo", denkt Davis. Nein, es wirkt überhaupt nicht friedlich. Und dann beißt das tonnenschwere Tier auch schon zu.

Davis hat Todesangst, sie weiß, wie gefährlich die Tiere sind. In Afrika sterben jährlich mehr Menschen durch Nilpferde als durch Löwen. Ein tellergroßes Loch bleibt im Boot zurück. Das Nilpferd dreht ab, Davis und ihr Team retten sich an Land. Es ist Tag sechs ihrer großen Expedition.

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Extrempaddeln auf dem Nil: "Diese Reise hat mein Leben verändert"

Die Engländerin, die für ihren Beruf nach Australien gezogen war, hatte 2016 die Nase voll. Von ihrem Job als Risikoanalystin bei einer Bank. Von der Normalität des Lebens. Da musste doch mehr drin sein, dachte die Mittvierzigerin und beschloss, das Extreme zu suchen. Raus aus der Komfortzone! Ihre Idee: Sie will den Nil entlangpaddeln - teils im Schlauchboot, teils im Kajak. Durch sechs afrikanische Länder. 6853 Kilometer Strecke.

Zweieinhalb Jahre lang bereitet sie sich vor: Sie plant die Strecke, absolviert Survival- und Erste-Hilfe-Trainings und fliegt nach Khartum, um die Sicherheitslage im Sudan zu beobachten. Im Oktober 2018 steht sie schließlich an der Nilquelle in Ruanda. "Die Emotionen haben mich überwältigt", sagt sie. "Ich konnte kaum glauben, dass es endlich losgehen sollte."

Vor ihr liegt ein Trip, den noch keine Frau zuvor geschafft hat - und bei dem Davis Afrikas Schönheit aus der Flussperspektive erleben würde. Der Nil würde sie vorbeiführen an Ruandas grünen Hügeln, an riesigen Tee- und Kaffeeplantagen bis nach Uganda. In Jinja würde sie die weiß schäumenden Bujagali-Stromschnellen hinunterraften, beim Überqueren des Victoriasees die Stille genießen und in Ägypten an Sanddünen vorbeipaddeln.

Bei einem Zwischenstopp - ein paar Tage nach dem Start und genau einen Tag vor dem Nilpferd-Angriff - ist Sarah Davis abends zwar erschöpft, aber glücklich. Die Oberarmmuskeln schmerzen, Nase und Nacken sind trotz Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50 gerötet.

Ihr Raftingboot legt zwischen dichtem Schilfgras und meterhohem Bambus an. Alles muss für die Nacht aus dem Boot, um am nächsten Morgen wieder aufgeladen zu werden. Zelte, Schlafsäcke, Wasserfilter, Campingkocher, Satellitentelefon und GPS-Gerät, drei große Plastiktonnen mit Lebensmitteln, Solarpanel, GoPro-Kamera, Tagebuch und Känguru-Maskottchen.

Sarah Davis hat sich für die erste große Etappe von Ruanda nach Uganda und über den Victoriasee nach Tansania Unterstützung von drei jungen Ugandern geholt, die sich mit den Gewässern (und Nilpferden) gut auskennen. "Sie ist eine beeindruckende Frau", sagt der Ugander Peter. "Aber auch ein wenig verrückt, wenn man bedenkt, dass sie schon beim Anblick eines Huhns erschrocken zur Seite springt."

Einige Einheimische beäugen die weiße Frau mit Kopftuch, wie sie in der Abendsonne ihr Igluzelt aufstellt. Eine Plastikplane zwischen den Bäumen soll den Regen abhalten. In der Nacht zuvor sind die Zelte ihrer Teamkollegen geflutet worden. Das Improvisieren wird zum Tagesgeschäft.

"Es ist für mich eine riesige Herausforderung, nicht alles kontrollieren zu können", sagt Davis, die es in ihrem Job gewohnt war, Projekte bis ins letzte Detail zu planen. Und nun sei das Unvorhersehbare ihr ständiger Begleiter.

Plötzlich unter Spionageverdacht

So wie an jenem Tag, als plötzlich ein Motorboot mit Soldaten auf sie zukommt - Männer mit Kommandoton im Hals und Kalaschnikow über den Schultern. Davis versteht kaum etwas, doch klar ist: Ihr Schlauchboot soll sofort vom Wasser. Kurz darauf werden sie und ihr Team verhaftet. Ihr Boot hatte unbemerkt die Ländergrenze nach Burundi überschritten. Prompt sind sie keine Abenteurer mehr, sondern der Spionage verdächtigt.

"Uns wurden alle Papiere abgenommen, und mehrere Offiziere haben uns verhört", sagt Davis. "Am Ende haben Soldaten unser gesamtes Gepäck und Equipment auseinandergenommen." Bis zur Streichholzschachtel wird alles gefilzt. "Als einer meine Tampons in der Hand hielt und fragte, was das sei, wusste ich nicht, wie ich das erklären sollte." Drei Tage später ist sie wieder auf dem Wasser und kann weiterpaddeln.

"Du kommst bei einem solchen Abenteuer an persönliche Grenzen", sagt Davis. "Du wirst mit dir konfrontiert, wie es im normalen Alltag nie passieren würde." Natürlich gebe es auch Zweifel: "Schaffe ich das physisch? Was, wenn ich krank werde?"

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Und dann sind da äußere Umstände, die alles vermasseln können. Davis verfolgt die Meldungen aus dem Südsudan. Dort nehmen Unruhen und Rebellenangriffe zu, die Bevölkerung flieht. Und Davis muss der Wahrheit ins Auge sehen: Sie wird den Nilabschnitt im Südsudan auslassen müssen. "Das war hart," sagt die Extremsportlerin kurz, ihre Stimme verrät, wie bitter die Entscheidung für sie war. "Aber es lag außerhalb meiner Kontrolle. Und es hat mich dazu gebracht, mir einzugestehen, dass es bei dieser Reise nicht um einen Egotrip geht oder den Guinnessbuch-Eintrag."

Adrenalinschübe und Todesangst

Das Nilabenteuer ist für Davis vielmehr zu einer Suche geworden. Was erfüllt mich wirklich? Was bleibt von den großen Zielen im Leben? Ihre Antwort: Oft sind es die eher unscheinbaren Momente, die sie überwältigen. Wie barfüßige Kinder kilometerweit am Ufer neben ihr her rennen und sie anfeuern. Wie Einheimische sie am Ufer empfangen und ihr heißen Tee und Kekse reichen. Wie sie und ihr Team zusammenwachsen - besonders in kritischen Momenten.

In Tansania rast das Boot von einer starken Strömung getrieben auf einen Wasserfall zu, den das Team nicht erwartet hat. Keiner weiß, wie tief er ist und ob der Boden darunter felsig ist. Stromschnellen peitschen Wasser auf, für eine Rettung an Land ist es zu spät. "In einem solchen Moment mischen sich Adrenalinschübe mit Todesangst", sagt Davis. Alle ducken sich ins Bootinnere, krallen sich an Seilen fest. Ewige Sekunden später ein harter Aufprall auf dem Wasser, das Boot springt noch einmal wie ein Flummi und treibt kurz darauf in ruhigeres Gewässer. Sie haben überlebt.

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Paddling through the Sahara...quite amazing. It’s the most incredible and at the same time challenging experience. The strong headwinds are making the going super tough. Today 60km took 8.5 hours. Done over 800km since leaving Khartoum and most of it into the wind. But I’m still smiling and there’s nothing I’d rather be doing. As someone reminded me when I was struggling a bit - when it’s over you’ll wish you were back there. It was the nudge I needed. So enjoying the moment, following my dream and listening to a lot of very upbeat music!! ��@mackiedoingthings I might need one of your special playlists though!! �� #digdeep #smile #onelife #grateful #sudan #dream #believe #dreambig #succeed #courage #determination #liveyourlife #travel #dreamteam #adventure #followyourdream #passion #purpose #livelarge #lovelife #kayak #fun #fitness #winningwomen #paddlethenile Sponsors and supporters ���� @shawraceteam @kathmandugear @bennettsurfboards @braca_paddles @big_water_safety.equipment @neris.kayaks @borika.mounts @nileriverexplorers @nuzest.aus @vaikobi @peakdynamics #mayohardware #cannoeinnovations @sportslab

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Ende April ist Sarah Davis am Ziel: Sie ist als erste Frau über einen der längsten Flüsse der Welt gepaddelt - mehr als 4000 Kilometer weit. Nur ein einziges Mal ist sie dabei krank geworden: Zwei Tage vor Erreichen des Mündungsdeltas rebelliert ihr Magen. Die Extremsportlerin verliert innerhalb weniger Stunden so viel Flüssigkeit, dass sie ins Krankenhaus muss. Eine Zwangspause kurz vor dem Ziel.

Mit den letzten Kraftreserven kann sie schließlich ihre Fahrt fortsetzen und macht sich auf zur Nilmündung, nur wenige Kilometer von Alexandria entfernt. Als sie dort ankommt, winkt niemand mit Fähnchen, feuert sie niemand an. Nur ein paar junge Ägypter machen Fotos davon, wie Sarah Davis ihr Abenteuer zu Ende bringt. Von den letzten Paddelschlägen, die sie an ihr Ziel bringen.

insgesamt 9 Beiträge
schlüsselkind 07.05.2019
1. Tolle Story, aber...
...journalistisch mal wieder, nun ja... Wüsste schon gerne, wie ein Schlauch(!!)boot ein "tellergroßes Loch" nach einem Nilpferdbiss schwimmend übersteht. Zumindest zwei Worte der Erläuterung für den ab diesem [...]
...journalistisch mal wieder, nun ja... Wüsste schon gerne, wie ein Schlauch(!!)boot ein "tellergroßes Loch" nach einem Nilpferdbiss schwimmend übersteht. Zumindest zwei Worte der Erläuterung für den ab diesem Moment sehr skeptischen Leser wären bei so etwas meines Erachtens naheliegend.
SvenKerkhof 07.05.2019
2.
jedes halbwegs anständige Schlauchboot hat mehrere Kammern, sodass es schwinnfähig bleibt, auch wenn eine Kammer kaputt ist.
Zitat von schlüsselkind...journalistisch mal wieder, nun ja... Wüsste schon gerne, wie ein Schlauch(!!)boot ein "tellergroßes Loch" nach einem Nilpferdbiss schwimmend übersteht. Zumindest zwei Worte der Erläuterung für den ab diesem Moment sehr skeptischen Leser wären bei so etwas meines Erachtens naheliegend.
jedes halbwegs anständige Schlauchboot hat mehrere Kammern, sodass es schwinnfähig bleibt, auch wenn eine Kammer kaputt ist.
sailor60 07.05.2019
3. Bei einem Schlauchboot dieser Bauart
erwarte ich mindestens 5 bis 8 einzelnen Luftkammern. Das macht sie sehr sicher.
erwarte ich mindestens 5 bis 8 einzelnen Luftkammern. Das macht sie sehr sicher.
fatherted98 07.05.2019
4. es fragt sich eher....
....ob diese Story stimmt. Wenn ein Flusspferd zubeißt, dann bohren sich 50 bis 60 cm lange Hauer in ein Plastikboot....und der zuklappende Oberkiefer des Flusspferds wiegt sicher weit über hundert Kilo....wie also hat das [...]
Zitat von schlüsselkind...journalistisch mal wieder, nun ja... Wüsste schon gerne, wie ein Schlauch(!!)boot ein "tellergroßes Loch" nach einem Nilpferdbiss schwimmend übersteht. Zumindest zwei Worte der Erläuterung für den ab diesem Moment sehr skeptischen Leser wären bei so etwas meines Erachtens naheliegend.
....ob diese Story stimmt. Wenn ein Flusspferd zubeißt, dann bohren sich 50 bis 60 cm lange Hauer in ein Plastikboot....und der zuklappende Oberkiefer des Flusspferds wiegt sicher weit über hundert Kilo....wie also hat das Boot mit Fahrer "überlebt" ohne sofort versenkt worden zu sein oder zu kentern (trotz Kammersystem)?....auch setzt das voraus, dass das Boot dem Hauer des Flusspferds einfach wieder entkam und sich nicht verwickelte/festhakte....was wohl ziemlich unwahrscheinlich ist....ziemlich ominöse Story....aber vielleicht war es ja ein "Happy Hippo"!
katzenklopfer 07.05.2019
5. Wow
was für eine Leistung! Was für ein Abenteuer. Respekt. Und die ersten vier Kommentatoren: Anzweifler - Trauriges Gelumpe :)
was für eine Leistung! Was für ein Abenteuer. Respekt. Und die ersten vier Kommentatoren: Anzweifler - Trauriges Gelumpe :)
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