Reise

Fototour durch Sibirien

Weiße Hölle im Abendrot

Holpriger Permafrost, Getriebeschaden im Schneemobil: Manch eine Etappe durch den Nordosten Sibiriens war für Fotograf Michael Martin die Hölle. Doch auf dem Meereis der Beringstraße fotografierte er den Himmel auf Erden.

Jörg Reuther
Dienstag, 24.04.2012   06:12 Uhr

Der längste Inlandsflug der Welt durchkreuzt zehn Zeitzonen und führt meist über die menschenleere, schneebedeckte Tundra. Dort, wo das Land auf den gefrorenen Pazifik stößt, taucht als winziger Punkt Anadyr auf. Neun Flugstunden von Russlands Hauptstadt liegt Tschukotka entfernt - wir sind angekommen im äußersten Nordosten Sibiriens. Von dort wollen wir zu den Rentiernomaden der Halbinsel gelangen und mehr über ihr Leben und ihre Kultur erfahren.

Moskau hatten wir bei Schneefall verlassen, nun sorgt das winterliche sibirische Kältehoch für glasklare Luft. Sofort nach der Landung werden unsere permits kontrolliert, die Erlaubnis zur Einreise. Tschukotka ist nicht nur Sperrgebiet, sondern wegen seiner Nachbarschaft zu Alaska auch sogenannte border zone.

Nachdem der Reiseführer "Lonely Planet" Individualreisenden jegliche Hoffnung auf die Erteilung der permits nimmt, habe ich mich an einen ostdeutschen Reiseveranstalter gewandt, der über gute Kontakte nach Tschukotka verfügt. Es traf sich gut, dass der Geschäftsführer Markus Walter selbst einmal in diese Region wollte, und so bildeten er, seine Kunden Martin, Wolfgang und Bo - sowie mein Freund Jörg Reuther und ich - eine Minigruppe, die leichter eine Einreiseerlaubnis erhält. Mit dabei ist auch der russische Arktis-Guide Vitalij aus Murmansk, dessen Russischkenntnisse und dessen gute Nerven uns noch sehr helfen sollten.

Bei Minus 25 Grad Celsius, eisigem Wind und strahlendem Sonnenschein führt die Route vom Flughafen über das gefrorene Meer nach Anadyr. Die 11.000 Einwohner zählende Hauptstadt von Tschukotka ist von sowjetischen Monumentalbauten und modernen Zweckbauten geprägt, die Atmosphäre ist entspannt und weit entfernt von der Trostlosigkeit anderer sibirischer Städte.

Rücksichtslose Russen, milliardenschwere Mäzene

Tschukotka ist doppelt so groß wie Deutschland. Gerade einmal 50.000 Menschen leben hier. 15.000 von ihnen gehören indigenen Völkern wie den Tschuktschen, Inuit und Nenzen an. Die Bevölkerungsmehrheit sind jedoch Russen, die hauptsächlich in der Verwaltung, im Schulwesen oder im Bergbau tätig sind. Die Kolonisation Tschukotkas durch die Russen begann im 17. Jahrhundert. Die von Rentierzucht und Walfang lebenden Völker Tschukotkas leisteten zunächst heftigen Widerstand, konnten aber der russischen Übermacht nicht standhalten. Die Sowjetisierung nahm keine Rücksicht auf die traditionellen Kulturen: Bis dahin autochthon lebende Nomaden wurden zwangsangesiedelt, ihre Kinder mussten in Internatsschulen Russisch lernen.

Für Moskau war Tschukotka strategisch von größter Bedeutung, denn die Entfernung zum damaligen Erzfeind USA beträgt an der engsten Stelle der Beringstraße nur 90 Kilometer. Aber auch die reichen Erz- und Goldvorkommen Tschukotkas machten die Halbinsel für die sowjetischen Machthaber interessant. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Tschukotka in eine tiefe Krise, denn die Transferzahlungen aus Moskau entfielen.

Als Retter der Region gilt der Milliardär Roman Abramowitsch, der im Jahre 2000 Gouverneur von Tschukotka wurde und dessen Steuerzahlungen die aller anderen Bewohner Tschukotkas weit überstiegen. Er wurde im Jahr 2005 im Amt bestätigt und tat bis zu seinem Rücktritt im Jahr 2008 viel für Tschukotka. Sicher nicht uneigennützig, genoss er doch als Gouverneur strafrechtliche Immunität für seine dubiosen Geschäfte.

Bruchlandung im Schnee

Am nächsten Morgen bringen uns zwei UAS-Busse zu einem umzäunten Gelände außerhalb der Stadt. Dort stehen moderne Schneemobile bereit, die von den beiden Mechanikern Sascha und Sergei in der Morgenkälte startklar gemacht werden. Der Gedanke, gleich am ersten Tag 200 Kilometer bei eisigem Ostwind auf einem der lauten und unbequemen Schneefahrzeuge zurücklegen, ist alles andere als einladend. Doch die einzige Alternative wären die im Winter zwischen den Dörfern verkehrenden, tonnenschweren Kettenfahrzeuge mit einem Treibstoffverbrauch von 200 Liter auf 100 Kilometer. Das Schlimmste: In diesen werden die Passagiere brutal durchgeschüttelt und sehen nichts.

Laut knatternd verlassen wir zusammen mit dem russischen Guide Vitalij, der tschuktschischen Übersetzerin Marina und den beiden Mechanikern den Stadtrand von Anadyr und fahren bei schlechter Sicht über eine zugefrorene, von Eisschollen durchsetzte Meeresbucht. Bereits die ersten Kilometer machen uns klar, wie schwer die Schneemobile auf unebenem Gelände zu bewegen sind. Bald haben wir Festland erreicht, wo der unter einer Pulverschneedecke verborgene, holprige Permafrostboden dafür sorgt, dass unsere Fahrzeuge immer wieder umkippen.

Das Wetter ist noch schlechter geworden, das anfängliche Schneetreiben ist längst ein Schneesturm. Unsere Orientierung basiert ausschließlich auf dem GPS-Gerät, das an Vitalijs Gefährt montiert ist. In der unendlichen Tundra sind keine Spuren zu erkennen. Um 15 Uhr stoppt unser Konvoi an einem im Schnee steckenden Leitwerk eines abgestürzten Flugzeugs. "Half way", sagt Vitalij, die Hälfte ist geschafft. Was als Aufmunterung gedacht war, schockt jeden von uns.

Nochmal sechs Stunden Fahrt bis Uekal, dem ersten Dorf nördlich von Anadyr. Wir sind alle erschöpft und durchgefroren. Das Fahren im white out des Schneesturms erfordert höchste Konzentration. Nach einem Becher Tee aus der Thermoskanne ziehen wir bald schon wieder die Startschnur der Schneemobile, die wie Benzinrasenmäher angeworfen werden und mit ihren Zweitaktmotoren auch ähnlich laut sind. Um 23 Uhr, nach 14 Stunden Fahrt durch die weiße Hölle erreichen wir Uekal.

Mit Tischtennis durch den Polarwinter

Auf den ersten Blick wirkt der Ort wie ein Gulag aus den Romanen Alexander Solschenizyns, doch unser Guide Vitalij bringt sein Fahrzeug vor einem hell erleuchteten, modernen Gebäude zum Stehen. Wir treten steif gefroren ein und stehen in einem geheizten, einladend wirkenden Saal. Tischtennisplatten, Fernseher, eine Bühne und eine Lautsprecheranlage zeugen vom Versuch, den Bewohnern im langen, dunklen Polarwinter einen Versammlungsort zu bieten.

Im Ort leben fast ausschließlich Inuit und so werden wir nicht nur mit Kaviar und Wodka, sondern auch mit Speisen wie Walfischstreifen, Robben- und Rentierfleisch empfangen. Die Warmherzigkeit unserer Gastgeber und die gewaltigen Heizungsrohre lassen uns den draußen immer noch tobenden Schneesturm schnell vergessen. Die Nacht wird kurz, denn als ich um 4 Uhr morgens hinausblicke, hat sich das Unwetter verzogen - im Osten beginnt gerade die Dämmerung.

Ich wecke meinen Freund Jörg und so sind wir bei Minus 30 Grad Celsius und klarem Wetter im Ort unterwegs. Wir fotografieren zunächst die gewaltige, verrostete Radaranlage aus dem Kalten Krieg, die sich bedrohlich gegen den Morgenhimmel abzeichnet. Dann wenden wir uns dem gefrorenen Meer zu, ein wackeliger Turm dient am Strand als Ausguck zum Sichten der Wale.

Mittags packen wir die Schlitten mit unseren Taschen und den Treibstoffkanistern und spannen sie an die Snow-Mobile. Tagesziel ist das 120 Kilometer entfernte Egwekinot. Bei strahlendem Sonnenschein fällt das Fahren durch die Tundra und später auf dem gefrorenen Meer deutlich leichter. Aber auch der zweite Tag bleibt nicht ohne Schwierigkeiten. Ein Snow-Mobil hat einen Getriebeschaden und muss zurückgelassen werden, bei einem anderen sorgt ein abgerissener Stoßdämpfer für eine langwierige Reparatur, die sich bis zum späten Nachmittag hinzieht.

Nach Sonnenuntergang fällt die Temperatur wieder unter die Minus-30-Grad-Marke, wir frieren erbärmlich. Auch eine Stunde nach Sonnenuntergang leuchtet das Meereis noch violett, im Westen krönen Venus und Jupiter die Dämmerung. Was für ein Unterschied zum Schneesturm am Abend zuvor, Himmel und Hölle liegen in der Arktis oft nahe zusammen. Trotz der mörderischen Kälte und dem Gefühl totaler Einsamkeit möchte ich an diesem Abend nirgendwo anders sein als auf dem Meereis der Beringstraße.

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