Reise

Skifahren in Alaska

Tiefschnee-Schwünge mit Fjordblick

Girdwood ist berühmt, seit "National Geographic" die Ex-Goldminenstadt in Alaska zum besten Skisportort der Welt gekürt hat. Wegen der Powder-Hänge, des Panoramas - und wegen 15 Metern Schnee pro Winter.

SRT
Samstag, 07.01.2017   10:58 Uhr

Ob man denn einen Polarlicht-Weckruf wünsche, will die Dame an der Rezeption wissen. Nun, nach der langen Anreise steht der Sinn erst einmal nach Schlafen. Aber klar, ein solches Naturphänomen will man sich nicht durch die Lappen gehen lassen.

Der Weckruf erfolgt erst am nächsten Morgen - allerdings in Form von Kanonensalven. Nach der Neuschneenacht werden oben am Mount Alyeska Lawinen abgeschossen, bevor die tiefschneehungrigen Skifahrer und Snowboarder gefrühstückt haben.

Willkommen im 2500-Einwohner-Ort Girdwood, über dem sich der Mount Alyeska erhebt. Das "National Geographic"-Magazin hatte das einstige Goldminenstädtchen in Alaska 2012 zur "Best Ski Town" der Welt gekürt - und damit Aspen, Kitzbühel oder Zermatt auf die Plätze verwiesen. Seither kommen Wintersportler aus aller Welt in Scharen.

Spektakulär ist schon die rund 45-minütige Fahrt von Anchorage, Alaskas größter Stadt, auf dem Seward Highway zum Skigebiet. Sie führt entlang des Turnagain-Meeresarms, in dem sich die schneebedeckten Berge spiegeln. An den steilen Felswänden am Straßenrand haben sich dicke, weiße Eisfälle gebildet, die bis zur Erde reichen. Eine Gruppe von Kletterern bereitet sich gerade auf den Aufstieg vor.

Am Beluga Point sind zu dieser Jahreszeit zwar keine Belugawale zu sehen. Dafür reiten zwei kälteresistente Surfer auf der langen Gezeitenwelle. "Ein bisschen crazy sind wir Girdwoodians schon", sagt die Weltklasse-Snowboarderin Rosey Fletcher-Grunwaldt. "Die Suche nach dem Adrenalinkick ist ansteckend und der Mount Alyeska ist die perfekte Spielwiese dafür."

Die Bronzemedaillengewinnerin bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin galt im Weltcupzirkus als Exotin: "Viele meiner Sportsfreunde wussten gar nicht, dass Alaska zu den USA gehört, geschweige denn, dass es dort ein Skigebiet gibt."

Blick aufs Meer bei jedem Schwung

Rosey schwärmt von ihrem kleinen Heimatort: "Wo sonst hat man bei jedem Schwung das Meer vor Augen?" Und wo misst man im Durchschnitt 15 Meter Schneefall pro Winter? Und wo sind während der Woche die Pisten so leer, als befände man sich in einem Privatskigebiet?

Eine Großkabinenbahn und mehrere leistungsstarke Sesselbahnen erschließen dieses Powder-Paradies, ein Netz mit samtig präparierten Pisten und phantastischen Tiefschneeabfahrten. Ein Großteil davon ist so steil, dass selbst die Powderfreaks ihren Flatterpuls in den Griff bekommen müssen, bevor sie sich in Hänge wie Christmas Chute oder Ruben's Shoulder werfen.

Fotostrecke

Girdwood in Alaska: Pistenspaß mit Powder und Polarlicht

Aber auch Genussskifahrer haben am Mount Alyeska auf den breiten Hauptabfahrten ihre Freude. Auch wenn beim Attribut "Best Ski Town" automatisch Glamour mitschwingt - Girdwood gibt sich völlig uneitel. Schicke Skioutfits sieht man kaum. Offenbar zieht sich jeder drüber, was weit, bequem und warm ist. Ab Frühjahr dürfen es auch gerne Latzhosen und T-Shirts sein.

Der singende Hansi Hinterseer wird Alyeska sicher in guter Erinnerung haben. 1973 stand der Skirennläufer aus Kitzbühel als 19-Jähriger bei einem Weltcup-Riesenslalom hier zum ersten Mal in seiner Karriere auf dem Siegerpodest. Zweimal wurde Anchorage vom amerikanischen Olympischen Komitee als US-Bewerber für die Olympischen Winterspiele gewählt.

Anreise
Zum Beispiel mit United / Lufthansa über Denver oder mit Delta Air Lines über Minneapolis oder mit British Airways und Alaska Airlines über London und Seattle.
Übernachten
Das Viersterne-Hotel Alyeska hat 310 Zimmer und direkten Zugang zum Skigebiet. Übernachtung und Tagesskipass ab circa 110 Euro pro Zimmer. Über Alyeska Accommodations kann man zahlreiche Chalets und Bed-and-Breakfasts buchen. Ein Chalet für vier Personen, fünf Tage kostet ab rund 900 Euro.
Information
Visit Anchorage,
524 W. Fourth Avenue,
Anchorage, AK 99501,
Tel. Visitor Information Center 001/907/257-2363,
www.anchorage.net

Was in den Sechzigerjahren als Skigebiet mit einem Lift begann, entwickelte sich dank einer Handvoll Pioniere mit Visionen und mutigen Investoren zu einem Skiresort von internationalem Format. Das Image von Alaska im Winter, klirrend kalt und stockdunkel, gilt höchstens für Dezember und Januar. Dann tummeln sich überwiegend die sportverrückten Einheimischen auf den Alyeska-Pisten.

Wenn es nachmittags zu dämmern beginnt, wird - zumindest an den Wochenenden - die Nachtbeleuchtung angeschaltet, die das Skigebiet von oben bis unten illuminiert. Danach kann man den Skitag im "The Sitzmark", einem Pub mit Bar, Grill und Livemusik, ausklingen lassen und nahtlos aufs Nachtleben schwenken, das in diesem überaus beliebten "Hangout" diverse Live-Bands bestreiten.

Per Heli in den Tiefschnee

Ab Mitte Februar scheint die Sonne länger als in den Alpen. Dann erobern Skifahrer aus den "Lower 48s", wie die Alaskaner den großen Rest von Festland-USA nennen, den hohen Norden. Auch Besucher aus Europa werden immer zahlreicher. Sie kommen vor allem zum Heliskiing. Unzählige Gipfel können von Girdwood aus mit dem Helikopter angeflogen werden. So gelangen Skifahrer ohne große Umwege auf fast unberührte Hänge.

Schon der Flug ist ein Erlebnis: weiße Gipfel, soweit das Auge reicht, dazwischen das blaue Meer, das sich tief in Fjorde gräbt. Die Skifahrer genießen diesen Ausblick, bevor sie in die Bindung steigen und ihrem Skiguide in die steilen Tiefschneehänge folgen.

Und dann kommt er doch noch, der fast schon vergessene Weckruf, mitten in der Nacht um 2.15 Uhr: Polarlichter! Der Himmel über dem Mount Alyeska leuchtet in sämtlichen Grüntönen. Die Nordlichter mit ihren Schleiern ziehen eine Show ab, die jedes Feuerwerk alt aussehen ließen. Spätestens jetzt ist klar: Der weite Weg hat sich gelohnt.

Brigitte von Imhof, srt

Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP