Reise

Weiße Löwen in Südafrika

Popstars der Savanne

Fast so weiß wie Schnee ist ihr Fell - und so selten wie Schnee in der Wüste sind sie: Nur noch zwei Dutzend weiße Löwen leben in freier Wildbahn. Jason Turner kämpft um ihr Überleben.

Fabian v. Poser/ SRT
Von Fabian von Poser
Donnerstag, 24.10.2019   04:53 Uhr

Wer so aussieht, der ist ein Popstar: schlohweißes Fell, blassgelbe Mähne und graue Augen. "Elegant und wunderschön", sagt Jason Turner. Als sein Land Cruiser sich nähert, blicken Matsieng und Zukhara kurz auf. Ihre Köpfe heben sich für einen Moment, dann schließen sich die Augen wieder, ihre Häupter sinken zurück ins Gras. Sie kennen Turner und sein Gefährt.

Es ist ein später Nachmittag im Juli, und die beiden weißen Löwen fläzen träge im Savannengras. Hin und wieder drehen sie sich um und recken ihre runden Bäuche in die Luft. "Hier wurde wohl gerade gefressen", sagt Turner.

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Löwen in Südafrika: Weiß wie Schnee

Jason Turner kämpft für das Überleben einer der seltensten Raubkatzen der Erde, seltener als der sagenumwobene Schneeleopard des Himalaja. 2018 lebten genau 24 weiße Löwen in freier Wildbahn - alle in Südafrika. Gemeinsam mit seiner Frau, der Tierschützerin Linda Tucker, gründete Turner 2002 den Global White Lion Protection Trust (GWLPT). Die Non-Profit-Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Tiere vor dem Aussterben zu retten.

2004 wurden die ersten weißen Löwen in ihr privates Tsau-Naturreservat bei Hoedspruit am Rand des Krüger-Nationalparks entlassen. Heute leben dort elf, also fast die Hälfte der freilebenden Population. Auf einem einsamen Stück Savanne, kaum 20 Quadratkilometer groß. Dazu kommen zwei weiße Löwen im nahen Timbavati-Wildreservat und einer im Krüger-Nationalpark. Die Übrigen leben außerhalb ihres ursprünglichen Verbreitungsgebiets in zwei privaten Wildschutzgebieten bei Kapstadt.

Schwarze Nasen, weißes Fell

Das Fell von Turners Löwen ist fast so weiß wie Schnee. Aber nur fast, denn es handelt es sich nicht um Albinos. "Diese Laune der Natur wird durch ein rezessives Gen vererbt, das nur im Nordosten Südafrikas vorkommt", sagt Turner. "Albino-Löwen besitzen eine rötliche Färbung an Nase, Lippen und Augenlidern. Diese Tiere haben schwarze Nasen, bläulich schimmernde Pupillen und schwarze Linien um die Augen."

Die Farbe Weiß gilt nicht gerade ein evolutionäres Erfolgsrezept. Im Wettbewerb der Arten hat sie mehr Nachteile als Vorteile gebracht, vor allem, wenn man ein Jäger ist und nicht gesehen werden will. Das zumindest dachten Wissenschaftler lange Zeit. Doch in einer siebenjährigen Studie fand Turner, der seinen Abschluss als Master in Wildtier-Management an der Universität Pretoria machte, heraus, dass es zwischen braunen und weißen Löwen keinen signifikanten Unterschied in Sachen Jagderfolg gibt.

Aufzeichnungen von Einheimischen belegen, dass weiße Löwen schon sehr lange im heutigen Krüger-Nationalpark und in der Timbavati-Region leben. Zum ersten Mal von Europäern gesichtet wurden sie 1938. Seit den Siebzigerjahren werden die Tiere wegen ihres Fells und ihrer Knochen gejagt, als Jagdtrophäen gezüchtet und in Tierparks ausgestellt. Zwischen 1993 und 2006 lebte in der Region kein einziger freier weißer Löwe. Heute sind es gerade mal 14 frei lebende Tiere, bei denen das Gen optisch evident ist.

120.000 Euro für einen weißen Löwen

Nur Löwen, die weiß sind oder das Gen für die Farbmutation in sich tragen, können auch weiße Nachkommen zeugen. Nach dem Prinzip von Mendel liegt die Wahrscheinlichkeit, weiße Jungtiere zu zeugen, bei zwei braunen Löwen, die das weiße Gen in sich tragen, bei 25 Prozent. Ist ein Elternteil weiß, der andere braun, liegt sie bei 50 Prozent. Sind beide Elterntiere weiß, werden die Nachkommen mit einer Wahrscheinlichkeit von 100 Prozent weiß.

Doch warum sind die Tiere überhaupt weiß? "Wir wissen, dass farbliche Anpassung eine der ältesten Stellschrauben der Evolution ist. Vielleicht sind die Tiere noch weiß seit der letzten Eiszeit", sagt der Wissenschaftler. Den genetischen Marker dafür fand Turner gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam im Jahr 2013.

Seine Hoffnung damals: Die weißen Löwen im Nordosten Südafrikas könnten dadurch endlich als vom Aussterben bedrohte Unterpopulation klassifiziert werden, denn auf der Roten Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) werden weiße Löwen bis zum heutigen Tag nicht separat geführt, sondern gemeinsam mit ihren braunen Artgenossen.

Doch Turner hat ein Problem: Im übrigen Afrika hat die IUCN Löwen als "gefährdet" eingestuft. In Südafrika dagegen wurde der Schutzstatus der Raubkatzen gerade auf "nicht gefährdet" heruntergestuft. "Ein Desaster, das die Löwen Südafrikas einem noch größeren Druck aussetzt", sagt Turner. Zudem züchten einige Farmer Löwen wie Hühner.

In Südafrika werden jedes Jahr etwa Tausend Löwen in speziell dafür eingerichteten Aufzuchtstationen beim "canned hunting" erschossen. Der Trophäenpreis für einen normalen Löwen liegt zwischen 4500 und 25.000 Euro, für einen männlichen weißen Löwen bei mehr als 120.000 Euro.

Vier Babys von Gaia

Südafrikas seltenstes Raubtier ist zum Symbol für die Raffgier des Menschen, für das Versagen des Artenschutzes und vor allem für die Ignoranz der Politik geworden. Auch aus diesem Grund haben Turner und seine Frau wiederholt die südafrikanische Regierung aufgefordert, die Schutzmaßnahmen für die vom Aussterben bedrohte Unterpopulation zu erhöhen.

Gemeinsam verfassten beide Petitionen an Tierschützer, Politiker und sogar an den aktuellen südafrikanischen Präsidenten Cyril Ramaphosa. Erst im Februar 2019 legten sie dem Parlament eine Petition vor, die sich gegen das gnadenlose Schlachten der Raubkatzen in Zuchtstationen und gegen die Trophäenjagd in freier Wildbahn ausspricht. Mit Erfolg: Nun befasst sich das Parlament erneut mit dem Thema.

Anreise
South African Airways (www.flysaa.com) fliegt von Frankfurt und München via Johannesburg nach Phalaborwa am Rande des Krüger-Nationalparks. Hin- und Rückflug kosten ab 900 Euro. Nach Johannesburg fliegen ab deutschen Flughäfen auch diverse andere Airlines. Von Phalaborwa geht es mit dem Mietwagen in einer halben Stunde zum Krüger-Nationalpark, in kaum mehr als einer Stunde zum privaten Timbavati-Reservat und zu Turners Tsau Conservancy.
Einreise
Deutsche benötigen für Südafrika kein Visum. Um bei der Einreise das maximal drei Monate gültige "Visitor's permit" zu erhalten, ist ein maschinenlesbarer Reisepass erforderlich, der noch mindestens 30 Tage über das Ausreisedatum hinaus gültig ist.
Beste Reisezeit
April bis Oktober. Im südafrikanischen Sommer zwischen November und März kann es im Nordosten Südafrikas sehr heiß und feucht werden.
Unterkunft
Zum Beispiel in einer der staatlichen Lodges im Krüger-Nationalpark (Tel. 0027/12/4289111, www.sanparks.org) oder in der Motswari Game Lodge im privaten Timbavati-Wildreservat. Sie verfügt über 15 luxuriöse Bungalows mit Bad. Die Übernachtung kostet ab 300 Euro pro Nacht und Person im Doppelzimmer bei zwei Nächten Mindestaufenthalt (Tel. 0027/21/4275900, www.newmarkhotels.com).
Global White Lion Protection Trust
Da es sich um ein wissenschaftliches Projekt handelt, ist die private Tsau Conservancy nicht offiziell für Besucher geöffnet. Es besteht jedoch die Möglichkeit, sich einer Besuchergruppe anzuschließen oder an fünf- und elftägigen Programmen zur Freiwilligenarbeit teilzunehmen. Termine, Preise und Buchung: Tsau Conservancy, Guernsey Road 81 KU, Portion 21, Greater Timbavati, Südafrika, Tel. 0027/15/7930657, www.whitelions.org.
Gesundheit
Besonders in den Regenmonaten zwischen November und März sollte man sich gegen Malaria schützen. Außerdem ist es angeraten, den Schutz gegen Hepatitis A und B aufzufrischen sowie die Vierfach-Impfung gegen Polio, Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten. Auf Trinkwasserhygiene achten!
Weitere Auskünfte
South African Tourism Board,
Friedensstraße 6-10,
60311 Frankfurt,
Tel. 0800/1189118 (kostenlos),
www.dein-suedafrika.de

Es wird Abend. Turner sitzt wieder am Steuer seines Geländewagens. Als die Sonne untergeht, die Grillen wie Kreissägen lärmen, die Savanne gelb aufleuchtet, stoppt der Wissenschaftler erneut. Diesmal hält er bei zwei weiblichen Tieren: Nebu und Zihra aus dem Shidolo-Rudel. Als Turner den Motor abstellt, pressen die beiden ihre Köpfe gegeneinander, umschlingen sich mit ihren kräftigen Schwänzen und lecken sich die Gesichter.

Auch Nebu und Zihra sind strahlend weiß. Und sie sehen kräftig aus. Gut so, denn langfristig wollen Tucker und er weitere 3500 Hektar Land hinzukaufen und die Zäune zu den umliegenden Reservaten einreißen. "Unser Ziel ist es, den Tieren noch mehr Platz zu geben und ihren Genpool erweitern", sagt der Wissenschaftler.

Und Turner ist zuversichtlich: Im Dezember 2018 hat die weiße Löwin Gaia aus seinem Shidolo-Rudel vier gesunde weiße Junge zur Welt gebracht. Damit ist die seltene Raubkatze natürlich nicht über den Berg. Doch Turner ist sich sicher: Die Tiere haben vielleicht eine Chance, wenn der Mensch ihnen nicht noch weiter zusetzt. "Denn das weiße Gen", so der Wissenschaftler, "das weiße Gen steckt in ihnen."

Fabian von Poser ist Autor des Journalistenbüros srt und wurde bei dieser Reise von South African Airways unterstützt.

srt

insgesamt 5 Beiträge
Leser161 24.10.2019
1. Zucht nicht Schutz
Eine Population zu kreiieren in der ein eigentlich rezessives Gen dominiert hat für mich nichts mit Artenschutz zu tun, es ist das künstliche Aufrechterhalten einer Spielart, weil wir Menschen das irgendwie cool finden, ähnlich [...]
Eine Population zu kreiieren in der ein eigentlich rezessives Gen dominiert hat für mich nichts mit Artenschutz zu tun, es ist das künstliche Aufrechterhalten einer Spielart, weil wir Menschen das irgendwie cool finden, ähnlich der Zucht von Hunderassen, wo ebenfalls Ausprägungen des Wolfes kreiert wurden die normalerweise keinen Bestand hätten.
dianahessen 24.10.2019
2. Respekt
Ich bewundere Menschen wie Jason Turner, die sich unermüdlich für Tierschutz einsetzen. dabei ist es zweitrangig, ob der Löwe weiß, braun oder bunt gestreift ist. Mich stoßen hingegen Menschen ab, die solche stolzen und [...]
Ich bewundere Menschen wie Jason Turner, die sich unermüdlich für Tierschutz einsetzen. dabei ist es zweitrangig, ob der Löwe weiß, braun oder bunt gestreift ist. Mich stoßen hingegen Menschen ab, die solche stolzen und schönen Tiere wie Löwen sinnlos töten um sie als Trophäe zu besitzen. Das muss endlich aufhören! Meinen größten Respekt an Turner und seine Frau, weiter so!
Zarniko 24.10.2019
3. Das Gen.....
... dass sich bei Menschen durchgesetzt hat, die eine Befriedigung dadurch erfahren, in Gehegen groß gezogenen Löwen abzuschießen, ist sicher nicht nur ein rezessives wie bei den weißen Löwen, sondern eine kranke Genmutation. [...]
... dass sich bei Menschen durchgesetzt hat, die eine Befriedigung dadurch erfahren, in Gehegen groß gezogenen Löwen abzuschießen, ist sicher nicht nur ein rezessives wie bei den weißen Löwen, sondern eine kranke Genmutation. Bei Tieren würde man sagen, dass diese Individuen der "Population entnommen" werden müssen, um Schaden von der ganzen Art abzuwenden.
Akonda 25.10.2019
4. Zarniko gestern, 23:54 Uhr 3. Das Gen..... ... dass sich bei Menschen
Es ist eine Schande, dass diese Löwenjagden nicht verboten sind. Man sieht wieder einmal, dass der Mensch das schlimmste Tier auf der Welt ist.
Es ist eine Schande, dass diese Löwenjagden nicht verboten sind. Man sieht wieder einmal, dass der Mensch das schlimmste Tier auf der Welt ist.
Hans58 25.10.2019
5.
Leicht OT: Seit Jahren läuft in Südafrika ein Kampagne gegen die Haltung von "canned lions" (erst dachte ich, es handelt sich um Löwenfleisch in Dosen..) "Canned lions" werden gezüchtet und in kleinen [...]
Zitat von dianahessenIch bewundere Menschen wie Jason Turner, die sich unermüdlich für Tierschutz einsetzen. dabei ist es zweitrangig, ob der Löwe weiß, braun oder bunt gestreift ist. Mich stoßen hingegen Menschen ab, die solche stolzen und schönen Tiere wie Löwen sinnlos töten um sie als Trophäe zu besitzen. Das muss endlich aufhören! Meinen größten Respekt an Turner und seine Frau, weiter so!
Leicht OT: Seit Jahren läuft in Südafrika ein Kampagne gegen die Haltung von "canned lions" (erst dachte ich, es handelt sich um Löwenfleisch in Dosen..) "Canned lions" werden gezüchtet und in kleinen Käfigen gehalten. Gegen einen enormen Preis werden sie zum Abschuss in "freier Wildbahn" frei" gesetzt. Pro Jahr werden damit legal rund 800 Tiere abgeknallt.
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