Reise

Insel vor Vancouver Island

Wo man lebt, um der hektischen Welt zu entkommen

Sie gelangen nur per Fähre ans Festland, tauschen Waren aus und bauen, wie sie wollen: Der Fotograf Ryan Walker hat Einwohner einer kleinen Insel in der Salischen See vor Vancouver Island besucht.

Ryan Walker
Von
Montag, 01.07.2019   10:50 Uhr

In den späten Siebzigerjahren verließ Bruce seine Heimat Ontario und zog auf eine abgelegene Insel in der Salischen See, irgendwo zwischen Vancouver Island und der Küste von British Columbia. Dort verbringt er nun Stunden damit, Geweihe zu schnitzen und die Ruhe zu genießen. Er ist froh, die Hektik des kanadischen Festlandes hinter sich gelassen zu haben.

Der Fotograf Ryan Walker hat ihn und andere Einwohner porträtiert und zeigt in seinen Bildern auch die beeindruckende Landschaft des Eilands. Den Namen der Insel will er allerdings aus Respekt vor den Einheimischen nicht verraten: "Viele leben dort, um der hektischen Welt zu entkommen. Die Insel soll so erhalten bleiben, und es sollen nicht immer mehr Menschen kommen."

Die Idee für die Serie entstand durch ein Projekt über einen jungen Mann, der eine starke Verbindung zur Natur hat. Walker wollte weitere Menschen treffen, die alternative Lebensweisen führen. Als ihm zufällig jemand von der Insel in der Salischen See erzählte, wusste er: "Da muss ich hin!"

Über drei Jahre hinweg besuche er die Insel mehrere Male für je zwei Wochen. Als er das erste Mal dorthin fuhr, lernte er gleich auf der Fährfahrt die ersten Einwohner kennen - die Personenschiff ist die einzige Möglichkeit für die Menschen, aufs Festland zu gelangen, und daher auch ein Ort, um sich auszutauschen.

Die ersten Wochen verbrachte der Fotograf nur damit, die Insulaner kennen zu lernen. Erst dann fing er an, sie zu fotografieren. Mit jeder Reise zurück auf die Insel wuchs sein Netzwerk. Anfangs dachte Walker, dass er auf eine idyllische Utopie aus Gleichgesinnten treffen würde. Doch schnell erkannte er, dass die Insel ein Mikrokosmos der Gesellschaft ist: Hippies und Schwindler, Künstler und Rentner, Ärzte und Anwälte, Einsiedler und junge Familien, Arme und Reiche - sie alle leben hier.

Fotostrecke

Leben auf einer Insel: "Es gibt viele wie mich, die zurückkommen"

So verschieden die rund 400 Einwohner sind, so verbindet sie doch alle: die Insel. Ein Einwohner sagte zu Walker, dass er nie etwas mit seinen Nachbarn zu tun hätte, würden sie in der Stadt wohnen. Dafür seien sie zu unterschiedlich. Doch auf der Insel hätten sie enge Freundschaften entwickelt. Viele schätzen laut dem Fotografen die Gemeinschaft, aber auch dass es viel langsamer als auf dem Festland zugehe. Die Menschen würden weniger gestresst wirken.

Dabei bedeutet der Alltag auf der Insel für die Männer und Frauen viel Arbeit: Sie müssen unter anderem Holz sammeln und hacken, ihre Gärten pflegen, renovieren und sich um den reibungslosen Betrieb der alternativen Energiequellen kümmern. Viele Inselbewohner tauschen Arbeitskraft und Waren aus, da es kaum Möglichkeit gibt, Geld auf der Insel zu verdienen. Die Lebensweise der Menschen erfordert allerdings auch nur ein sehr geringes Einkommen.

Auch sonst ist das Insulanerleben mit vielen Herausforderungen verbunden. Es gibt beispielsweise keine asphaltierten Straßen. Sich fortzubewegen, erfordert Zeit und Geduld. In den kalten und nassen Wintern fährt die Fähre weniger häufig, es gibt weniger Aktivitäten in der Gemeinde. Viele haben laut Walker mit der Abgeschiedenheit zu kämpfen, andere schätzen genau diese Isolation. Sie ziehen es vor, ein einsames Leben zu führen und in Ruhe gelassen zu werden.

Einige müssen zumindest zeitweise die Insel verlassen, weil ihre Kinder weiterführende Schulen besuchen. Denn auf dem Eiland werden Schüler nur bis zur achten Klasse unterrichtet. Walker sagt aber auch, dass viele junge Leute zurückkehren würden, sobald sie eine eigene Familie gründen.

Der Fotograf fühlte sich von der Natur angezogen, von dem atemberaubenden Blick auf das Meer und die Regenwälder. "Die Landschaft packt mich jedes Mal - sie ist mystisch und magisch zugleich." Er ist noch mit vielen Einwohnern in Kontakt und will bald auf die Insel zurückkehren.

insgesamt 8 Beiträge
Antalyaner 01.07.2019
1.
"Den Namen der Insel will er allerdings aus Respekt vor den Einheimischen nicht verraten" Es sind genau diese Artikel, Fotos etc. etc., die solch einem abgeschiedenen Idyll den Todesstoß versetzen. Im Zeitalter des [...]
"Den Namen der Insel will er allerdings aus Respekt vor den Einheimischen nicht verraten" Es sind genau diese Artikel, Fotos etc. etc., die solch einem abgeschiedenen Idyll den Todesstoß versetzen. Im Zeitalter des Internet braucht man etwa 3 Min, um den "gehüteten" Namen dieser Insel heraus zu finden. Von welchem Respekt wird da gesprochen ?
ruhepuls 01.07.2019
2. Ein "Idyll" - leider nur mit wenigen Menschen möglich
So sympathisch solche alternativen Lebensformen auch erscheinen, so wenig lassen sie sich leider als blueprint (Entwurf) für die Masse verstehen. Sobald "viele" irgendwo leben (müssen), ist es vorbei mit der Idylle. [...]
So sympathisch solche alternativen Lebensformen auch erscheinen, so wenig lassen sie sich leider als blueprint (Entwurf) für die Masse verstehen. Sobald "viele" irgendwo leben (müssen), ist es vorbei mit der Idylle. Insofern kann man für die heute dort lebenden nur hoffen, dass nicht viele herausbekommen, wo genau die Insel ist. Das ist das fatale an solchen Artikeln und an "Aussteigern", die ihr Leben mit Vorträgen über "unberührte Regionen" finanzieren: Sie zerstören, was sie eigentlich lieben, denn sie erzeugen Sehnsüchte in denen, die ihnen zuhören oder über sie lesen.
pek 01.07.2019
3. Wir sind zu viele ...
Das ist der Grund für Kriege, für die Zerstörung unserer Lebensgrundlage und den Verlust des Glücks. Auch auf der Hauptinsel gibt es Plätze von unglaublicher Ruhe, doch wer die wunderbare Straße nach Ucluelet fährt landet [...]
Das ist der Grund für Kriege, für die Zerstörung unserer Lebensgrundlage und den Verlust des Glücks. Auch auf der Hauptinsel gibt es Plätze von unglaublicher Ruhe, doch wer die wunderbare Straße nach Ucluelet fährt landet in einem Ort wo sich der Tourismus breit macht. Alle auf der Suche nach dem "Ursprünglichen". Doch längst gibt es keine weißen Flecken mehr auf der Erde. Vielleicht sollten wir einen neuen Planeten bewohnen?
captaingerd 01.07.2019
4. Utopien müssen sein!
Schön zu wissen, dass es ein paar Leute gibt, die andere Wege gehen! Was sie rausfinden kann sehr wohl nützlich sein für viel mehr Leute. Die leben nämlich nicht das "einfache Leben", sondern ein ziemlich [...]
Schön zu wissen, dass es ein paar Leute gibt, die andere Wege gehen! Was sie rausfinden kann sehr wohl nützlich sein für viel mehr Leute. Die leben nämlich nicht das "einfache Leben", sondern ein ziemlich kompliziertes, das sich nicht so einfach ergibt, sondern herausgefunden werden muss, mit viel Erfahrung und Anstrengung. Ich habe selber acht Jahre in vergleichbaren Bedingungen in einem sehr abgeschiedenen Tal mit rund hundert Gleichgesinnten gelebt. Irgendwo auf einer tropischen Insel, wo, würde ich nicht mal ungefähr verraten. Interessant scheint mir aber, dass diese Lebensweise in Melanesien Standard ist, und keine Ausnahme. Nur, dass es dort nicht Europäer sind, die so leben. Von den Melanesiern könnte die Menschheit viel lernen. Man sollte nicht so viel machen, sondern mehr drüber reden, scheint eine ihrer zentralen Weisheiten zu sein. Wir arbeiten zu viel, das scheint mir der Casus Knacksus zu sein. Wir verdienen dadurch zu viel und mit dem zuvielen Geld machen wir die Welt kaputt! Geldverschmutzung nenne ich das zusammenfassend.
k70-ingo 01.07.2019
5.
Die Gefahr, daß nun, nach diesem einen Artikel, die -tatsächlich nur vermeintliche- Idylle zusammenbricht, ist äußerst gering. Vor Ort ist die Insel mit ihrer Community seit 50 Jahren bekannt. Sie wurde damals gegründet [...]
Zitat von ruhepulsSo sympathisch solche alternativen Lebensformen auch erscheinen, so wenig lassen sie sich leider als blueprint (Entwurf) für die Masse verstehen. Sobald "viele" irgendwo leben (müssen), ist es vorbei mit der Idylle. Insofern kann man für die heute dort lebenden nur hoffen, dass nicht viele herausbekommen, wo genau die Insel ist. Das ist das fatale an solchen Artikeln und an "Aussteigern", die ihr Leben mit Vorträgen über "unberührte Regionen" finanzieren: Sie zerstören, was sie eigentlich lieben, denn sie erzeugen Sehnsüchte in denen, die ihnen zuhören oder über sie lesen.
Die Gefahr, daß nun, nach diesem einen Artikel, die -tatsächlich nur vermeintliche- Idylle zusammenbricht, ist äußerst gering. Vor Ort ist die Insel mit ihrer Community seit 50 Jahren bekannt. Sie wurde damals gegründet von Hippies und Aussteigern. Ebenso lange bekannt ist, daß dieser Lebensstil nicht unproblematisch ist, insbesondere wenn bewußtseinserweiternde Substanzen oder eine ablehnende Haltung gegenüber der Schulmedizin ins Spiel kommen. Deswegen, wegen dieser verzerrten Realitätswahrnehmung, haben Freunde von mir diese Insel bereits Mitte der 70er Jahre wieder verlassen, im Interesse ihrer kleinen Kinder.
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