Reise

Weltenbummler erzählen

Zurück von der Weltreise - und jetzt?

Sie waren Monate und Jahre unterwegs, erlebten die große Freiheit - und sind nun im Alltag zurück. Hier erzählen sechs Weltenbummler von den Schwierigkeiten und vom Glück des Ankommens.

Lena Wendt/ Ulrich Stirnat
Von
Sonntag, 18.08.2019   14:55 Uhr

"Kein Traumstrand der Welt hilft beim Glücklichsein"

Wer: Lena Wendt, 33, und Ulrich Stirnat, 34, aus Hamburg

Das Abenteuer: Zwei Jahre im Landrover durch Westafrika

Lena Wendt: "Die Vorstellung, nach Deutschland zurückzumüssen, hat mir Riesenangst gemacht. Sie ging so weit, dass Ulli und ich uns kurz vor der Rückkehr im Juli 2017 getrennt haben und ich von Marokko aus noch mal zurück nach Westafrika gereist bin. Ich hatte einen Horror davor, in Deutschland wieder in alte Muster und den Alltagstrott zu fallen. Von früheren Reisen wusste ich, wie schnell das geht.

Ulrich Stirnat: Anders als Lena habe ich mich sehr auf das Nachhausekommen gefreut. Mich hat unsere Tour, so spannend sie war, oft auch belastet. Ich habe mich zu oft für uns beide verantwortlich gefühlt, Lena ist eher chaotisch. Diese Konstellation war schwierig. Ich fand es schön, endlich Freunde und Familie wiederzusehen, habe aber auch schnell gespürt, dass ich nicht mehr in mein altes Leben passte. Mit diesem Gefühl habe ich nicht unbedingt gerechnet.

Im Landrover durch Westafrika

Wendt: Ich habe mich während unserer Reise stark verändert. Früher war ich immer sehr hart zu mir selbst, habe bis kurz vor den Hörsturz als Journalistin gearbeitet. In Afrika bin ich viel weicher und offener geworden, meine Prioritäten haben sich verschoben. Das wollte ich mir unbedingt bewahren - wusste aber nicht, wie. Deshalb bin ich geflohen.

Stirnat: Nachdem Lena abgehauen war, habe ich mich erstmals in meinem Leben so richtig mit mir selbst beschäftigt. Meinen Ingenieursjob, den ich wahrscheinlich noch bis zur Rente hätte machen können, wollte ich nicht mehr. Mir ist aufgegangen, wie fremdbestimmt ich eigentlich immer gelebt habe. Nun musste ich eine Antwort auf die große Frage "Was will ich eigentlich?" finden. Ich habe sehr viel meditiert, was neu für mich war. Inzwischen arbeite ich als Hundetrainer und Surflehrer, und ab Herbst teilen Lena und ich unsere Erfahrungen in Seminaren.

Wendt: Die Reise hat uns auseinandergebracht, gleichzeitig sind wir einander näher als sonst irgendjemandem. Auch wenn wir kein Paar mehr sind, touren wir derzeit mit unserem Westafrikafilm "Reiß aus - zwei Menschen, zwei Jahre, ein Traum" durch Deutschland, Österreich und im Herbst durch die Schweiz. Seit sechs Monaten sind wir wieder gemeinsam in unserem Bulli unterwegs, das ist natürlich nicht immer ganz einfach. Einen festen Wohnsitz zu haben, kann ich mir aber momentan nicht vorstellen.

In meinen Job bin ich nicht zurückgekehrt. Wenig Geld zu haben, bereitet mir keine Sorgen. Je weniger Besitz ich habe, umso leichter und freier fühle ich mich. Wir nutzen Foodsharing und tauschen Dinge und Fähigkeiten. Ich habe inzwischen verstanden, dass es eine Entscheidung ist, glücklich zu sein - egal wo: Kein Traumstrand hilft dabei. Ich meditiere jeden Tag und versuche täglich, die beste Version von mir selbst zu sein.

Preisabfragezeitpunkt:
13.08.2019, 16:15 Uhr
Ohne Gewähr

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Lena Wendt
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Verlag:
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Seiten:
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"Neue Türen gehen auf, man fällt auf die Füße"

Wer: Jennifer Glas, 42, und Peter Glas, 47, aus München

Das Abenteuer: Eine zweieinhalbjährige Weltreise im Unimog

Jennifer Glas: "Vor dem Nachhausekommen im Oktober 2015 hatten wir ziemlichen Respekt. Würden wir in das Loch fallen, von dem viele Langzeitreisenden berichten? Würde uns in Deutschland nach zweieinhalb Jahren Freiheit die Decke auf den Kopf fallen? Wie würden wir mit dem Alltag zurechtkommen? Vor der Abreise hatte ich meinen Job als Designerin in einer Agentur aufgegeben, Peter seinen als Personalleiter. Eine Wohnung hatten wir auch nicht mehr. Zum Glück konnten wir nach unserer Heimkehr zunächst den Keller von Peters Mutter beziehen und uns von dort aus sortieren.

Peter wollte einen beruflichen Neustart und hat eine dreijährige Ausbildung zum psychologischen Psychotherapeuten begonnen. Inzwischen ist er fast fertig und bereut kein bisschen, die Lernerei mit Mitte 40 noch mal auf sich genommen zu haben. Um Geld zu verdienen, gibt er immer wieder Seminare für Führungskräfte. Ich habe mich als Designerin selbstständig gemacht und muss im Nachhinein sagen: Diesen Schritt hätte ich viel früher wagen sollen.

Im Unimog durch die Welt

Unsere Erfahrung ist: Wer eine Langzeitreise machen möchte, sollte sich nicht von Jobangst zurückhalten lassen. Es tun sich immer neue Türen auf, man fällt auf die Füße. Aus dem Keller sind wir zunächst in eine kleine Zweizimmerwohnung gezogen. Inzwischen leben wir in einem kleinen Haus am Waldrand.

Unsere Reise empfinden wir rückblickend nicht nur als großes Abenteuer, sondern als riesiges Lebensgeschenk. Die intensive Zeit, die wir gemeinsam hatten, nimmt uns niemand mehr. Ich glaube nicht, dass Peter und ich uns durch unsere Reise grundlegend verändert haben. Wir sind immer noch die Alten. Der einzige Unterschied: Inzwischen sind wir zu dritt. Ziemlich genau zehn Monate nach unserer Rückkehr ist unsere Tochter Frida auf die Welt gekommen."

Preisabfragezeitpunkt:
13.08.2019, 16:16 Uhr
Ohne Gewähr

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Jennifer Glas, Peter Glas, Reisedepeschen
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Verlag:
Reisedepeschen Verlag
Seiten:
272
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"Die Reise war eine Beschleuniger"

Wer: Janine Oswald, 29, und Vincent Oswald, 30, mit Greta, 5, und Tilda, 1

Das Abenteuer: Acht Monate Elternzeitreise im Feuerwehrbus durch Europa

Die Oswalds: "Dass wir am Ende unserer Europatour in ein neues Leben starten wollten, war klar. Wir wussten nur nicht, wo. Würde es uns unterwegs irgendwo so sehr gefallen, dass wir bleiben würden? Würde es uns zurück nach Hamburg in eine neue Wohnung, ein anderes Viertel ziehen? Oder nach den Monaten im Bus und in der Natur eher aufs Land?

Roadtrip zu viert

Anfang des Jahres wurde uns in Porto der Bus aufgebrochen, danach haben wir immer stärkeres Heimweh nach dem Norden bekommen. Vor allem Janine hat die Wohnortfrage von unterwegs aus vorangetrieben, Freunde haben uns dann einen echten Glücksgriff beschert: Seit Juni leben wir mit unseren beiden Töchtern und unserer in Portugal adoptierten Hündin Quinta in einem sehr netten Dorf zwischen Lüneburger Heide und Wendland - einer uns komplett unbekannten Gegend.

Die Wohnungsbesichtigung haben die Freunde für uns gemacht, den Mietvertrag haben wir in Genua auf gut Glück unterschrieben. Es ist schon irre, aber alles ist so, wie wir es uns erträumt haben. Wir wurden im Dorf herzlich aufgenommen, die Kinder können unbeschwert draußen spielen, wir sind sofort im Grünen.

Der eigentliche Alltag beginnt aber erst jetzt: Vincent wird nach Hamburg in seine alte Agentur pendeln. Pro Strecke braucht er mit der Bahn eine Stunde und 20 Minuten, früher waren es von Tür zu Tür 40 Minuten. Mittelfristig möchte er sich selbstständig machen. Unsere Tochter Greta, 5, hat einen Kitaplatz, für Tilda, 1, suchen wir noch eine Tagesmutter. Janine ist vorerst noch in Elternzeit und baut sich eine Existenz als freie Fotografin auf.

Ob wir auch ohne die Tour auf dem Land gelandet wären? Gut möglich. Die Reise war auf jeden Fall aber ein Beschleuniger und eine Ermunterung, dass im Leben eigentlich alles möglich ist.

Da durch unseren Umzug in den letzten Wochen so viel los war, sind wir kaum dazu gekommen, in Reiseerinnerungen zu schwelgen. Trotz Heimweh und auch einiger sehr anstrengender Tage waren es tolle acht Monate. Im Winter wollen wir Freunde und Familie in unser neues Zuhause zu einer Fotoausstellung einladen. Unser Feuerwehrbus ist bis dahin hoffentlich auch wieder repariert. Er hat auf den letzten 250 Reisekilometern den Geist aufgegeben - und der ADAC musste uns nach Hause schleppen."

insgesamt 62 Beiträge
hansvonderwelt 18.08.2019
1. Alle 5 Kontinente alleine durchquert.
Die Welt auf vielen Reisen zwischen meinem 18. und 30. LEBENSJAHR erlebt und genossen.Der Höhepunkt war die Trampreise durch die Sahara nach Westafrika.Viele tolle,freundliche Menschen und Freunde für's Leben kennengelernt.Auf [...]
Die Welt auf vielen Reisen zwischen meinem 18. und 30. LEBENSJAHR erlebt und genossen.Der Höhepunkt war die Trampreise durch die Sahara nach Westafrika.Viele tolle,freundliche Menschen und Freunde für's Leben kennengelernt.Auf dem Ayers Rock übernachtet,am Kilemanjaro in 4800m gescheitert.Viele Abenteuer und mich selbst erlebt.Danke Leben !
spon-41d-frm9 18.08.2019
2. oh ja
man muss allerdings nicht mal die ganze Zeit unterwegs gewesen sein. Ich habe 9 Reisen gemacht, bin zwischendurch immerwieder daheim gewesen. Von Australien mit dem Greyhoundbus bis Südamerika mit Studiosus war alles dabei. Die [...]
man muss allerdings nicht mal die ganze Zeit unterwegs gewesen sein. Ich habe 9 Reisen gemacht, bin zwischendurch immerwieder daheim gewesen. Von Australien mit dem Greyhoundbus bis Südamerika mit Studiosus war alles dabei. Die letzte Reise in meinem Sabbatical war mit dem Umzugslaster von Leipzig zurück nach München. Nach 3 Monaten in meiner damaligen Firma hab ich gekündigt, und seit fast 9 Jahren bin ich jetzt selbstständig. Leider hat am Ende des Jahres mein bester Freund mir die Freundschaft gekündigt, das gehört wohl auch dazu.
lhr 18.08.2019
3.
"Auf dem Ayers Rock übernachtet" … es ist nie gut die einheimische Kultur zu ignorieren.
"Auf dem Ayers Rock übernachtet" … es ist nie gut die einheimische Kultur zu ignorieren.
outofthebox39 18.08.2019
4. @hansvonderwelt
... AUF dem Ayers Rock übernachtet ...? Also ein Heiligtum der Aborigines geschändet? Und stolz drauf? Solche Weltreisenden braucht es nicht.
... AUF dem Ayers Rock übernachtet ...? Also ein Heiligtum der Aborigines geschändet? Und stolz drauf? Solche Weltreisenden braucht es nicht.
cat69 18.08.2019
5. Ich habe sogar mal 5 Jahre Auszeit gemacht
Kurz vor dem 40. Geburtstag. Gespickt mit vielen Reisen und einem Leben überwiegend in Südafrika. Danach habe ich exakt wieder den gleichen Job angefangen, nehme es aber alles nicht mehr so wichtig. Die Kollegen waren älter, [...]
Kurz vor dem 40. Geburtstag. Gespickt mit vielen Reisen und einem Leben überwiegend in Südafrika. Danach habe ich exakt wieder den gleichen Job angefangen, nehme es aber alles nicht mehr so wichtig. Die Kollegen waren älter, dicker,grauer. Ich empfinde das als riesengrosses Privileg.
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