Reise

Wüstenfotograf Martin

Im Inferno der Kälte

Erst Gluthitze, nun 30 Grad minus: Der Fotograf Michael Martin hat alle Wüsten der Welt bereist, jetzt erkundet er mit seiner Kamera die kalten Einöden - Grönland, Spitzbergen, die Antarktis. Auf SPIEGEL ONLINE schildert er seine Abenteuer im Eis und zeigt exklusiv erste Aufnahmen.

Donnerstag, 25.02.2010   15:18 Uhr

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Fotograf Michael Martin: Wüsten im Fokus
SPIEGEL ONLINE: Sie haben 30 Jahre Wüsten fotografiert, erst jetzt entdecken Sie die eisigen Regionen der Welt. Sind Sie eher der Heißluft-Typ?

Martin: Ja, mir ist Hitze lieber. Aber mit den Augen eines Fotografen gesehen, sind Eis- und Trockenwüsten ähnlich. Das Klare, das Reduzierte hoffe ich genauso in den kalten Regionen zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Der Regenwald dagegen ist nicht Ihr Fall?

Martin: Nein, obwohl ich schon im Kongo und in Südamerika war, fühle ich mich im Regenwald eher beklemmt und bedrückt. Die Wüste hingegen finde ich extrem angenehm. Weil ich - wie so viele Menschen in Europa - ein kompliziertes Leben führe, ist die Wüste das perfekte Gegenkonzept: einfach, nicht verstellt, keine Vegetation, die alles überzieht.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen nach Ihrem umfangreichen Buch über die "Wüsten der Erde" ein neues Projekt in Angriff: "Planet Wüste". Was ist das?

Martin: Ich stelle Eisberg gegen Sanddüne. Das Projekt ist der Versuch, die Trockenwüsten mit Eiswüsten und sogenannten edaphischen Wüsten zu vergleichen. Bei Trockenwüsten fehlt Vegetation wegen des mangelnden Niederschlags, bei Eiswüsten wegen der Kälte. Bei den edaphischen Wüsten liegt es an der Beschaffenheit des Untergrundes.

SPIEGEL ONLINE: Was werden Sie hauptsächlich fotografieren?

Martin: Zum einen geht es um die Menschen - wie haben sie sich an die extremen Bedingungen angepasst? Zum zweiten vergleiche ich Landschaftsformen - und zum dritten ist es für mich ein Abenteuer, unter diesen besonderen äußeren Verhältnissen unterwegs zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Was hat für Sie auf Ihren Reisen Priorität? Fotografie, Geografie oder das Reiseerlebnis?

Martin: Das ist täglich unterschiedlich. Ich bin kein Grenzgänger, der das Abenteuer als Selbstzweck betreibt, um die Herausforderung zu bestehen. Ich möchte Geschichten erleben, Geschichten erzählen und diese gut dokumentieren. Dass das oft abenteuerlich oder gefährlich wird, ist klar, aber ich sehe es nicht als Selbstzweck.

SPIEGEL ONLINE: Welche Erlebnisse sind Ihnen am wichtigsten?

Martin: Die Begegnungen mit Menschen. Im Zeitalter der Globalisierung ist es unglaublich, welch skurrile Dinge man erlebt. Etwa wenn Sie in eine mongolische Jurte kommen: Oben auf dem Dach hängt eine Satellitenschüssel, drinnen laufen amerikanische Soaps im Fernsehen und die Kinder versuchen, sich wie die Fernsehschauspieler anzuziehen.

SPIEGEL ONLINE: Und das dokumentieren Sie dann?

Martin: Ja. Ich habe in meinen Bildern nie versucht, die heile Welt darzustellen - etwa den Buschmann mit Pfeil und Bogen - , sondern habe gezeigt, wie die Wirklichkeit ist. Ich habe als Fotograf keinen romantisierenden Blick, aber auch keinen kritisierenden - ich sehe mich als Chronist.

SPIEGEL ONLINE: Konnten Sie als Chronist der letzten Jahrzehnte die Veränderungen in den Wüstengebieten verfolgen?

Martin: Ja, zum einen den Kulturwandel, zum anderen den Niedergang vieler Lebensräume. An den Wüstenrändern etwa in der Sahelzone, aber auch in China wird das durch die Desertifikation verursacht, die Ausbreitung der Wüsten. Sie wird ausgelöst durch eine totale Übernutzung: zu große Herden, zu viel Brennholzeinschlag, zu hoher Bevölkerungsdruck. Die Desertifikation hat in den letzten 30 Jahren ungeheuer zugenommen. Die Uno geht von einer Milliarde Menschen aus, die davon betroffen sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Trockenwüsten breiten sich aus, die Eiswüsten schrumpfen...

Martin: ... und an beidem ist der Mensch schuld. Bei der Wüstenausbreitung sind es die Einheimischen, welche das Ökosystem der Wüstenränder überstrapazieren. Und der Klimawandel an sich ist ein globaler Prozess, an dem wir alle beteiligt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Eiswüsten werden Sie fotografieren?

Martin: Alle! Da habe ich einen Vollständigkeitsanspruch. Für das Buch "Wüsten der Erde" habe ich 900 Reisetage gebraucht und mit einem riesigen Aufwand vier Jahre lang fotografiert. Bei "Planet Wüste" wird das ähnlich sein: Ich rechne mit dreieinhalb Jahren Reisezeit und 700 bis 800 Reisetagen, um das Projekt flächendeckend und mit Tiefgang zu dokumentieren. Für 2014 plane ich es als mehrsprachiges Buch, als Fernsehserie und als Vortragstournee.

SPIEGEL ONLINE: Wohin gehen Ihre ersten Touren?

Martin: Zunächst stehen die nördlichen Polargebiete auf dem Programm wie Spitzbergen, Grönland, Franz-Joseph-Land, Nordsibirien und Island, dann die Antarktis. Im Kontrast dazu geht es bis 2013 wieder in Trockenwüsten wie Ostsahara, Rub al-Khali, Simpson Desert in Australien und die patagonischen und peruanischen Küstenwüsten. Edaphische Wüsten werde ich in Hawaii, Australien und den USA finden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die Herausforderung bei Reisen ins ewige Eis?

Martin: Ich muss mich völlig umstellen, in der Art zu reisen und in der Ausrüstung. Ich muss von Neuem austesten, welche Grenzen ich habe - diesmal bei Kälte. Ich musste überlegen, welche Handschuhe, welchen Parka, welche Daunenschlafsäcke ich mitnehme. Auch die Logistik, die individuelle Fortbewegung, ist eine Herausforderung. Wo es geht, werde ich mit dem Motorrad unterwegs sein. Es wird aber auch mal der Motor-, der Hundeschlitten oder der Helikopter sein und als Unterkunft mal ein Forschungsschiff oder die wissenschaftlichen Stationen in der Antarktis.

SPIEGEL ONLINE: Und die Sicherheit?

Martin: In den Eiswüsten sind die Verhältnisse sicher - das ist sehr entlastend. In den heißen Wüsten waren früher die Navigation, das Verhungern und Verdursten das Problem. Heute gibt es GPS und bessere Ausrüstung, dafür aber Terrorismus und Banditentum.

Michael Martin wird künftig regelmäßig auf SPIEGEL ONLINE in Wort und Bild von seinen Erlebnissen während des Projekts "Planet Wüste" berichten. Hier finden Sie seinen ersten Blog-Eintrag von Spitzbergen.

Fotostrecke

Michael Martin: Spitzbergen im Schneesturm

Das Interview führte Antje Blinda

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