Reise

Stalin-Museum in Georgien

Ein Tempel für den Massenmörder

Wer die georgische Stadt Gori besucht, staunt nicht schlecht: Das Stalin-Museum verherrlicht den Diktator, den weltberühmten Sohn der Stadt. Und hat damit kommerziellen Erfolg.

Joel Saget/ AFP
Von
Montag, 15.07.2019   04:38 Uhr

"Er hat auch Gedichte geschrieben", sagt die Museumsführerin, und ihre sonst so feste Stimme wird plötzlich ganz weich. Die vielleicht 50-jährige Frau, knielanger Rock, Haarknoten, deutet auf das große Bild, auf dem der Held ihres Museums ein kleines Mädchen väterlich im Arm hält. Er, der "Vater der Völker", der "Generalissimus", der große "Führer" der Sowjetunion, ist nur ein paar Schritte von hier entfernt geboren worden. Er, Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, wie er damals im Jahre 1878 genannt wurde: Josef Stalin.

Der weltberühmte Sohn der georgischen Stadt Gori steht auf einem steinernen Sockel vor dem Stalin-Museum und blickt visionär in die Ferne. Verehrer haben frische Blumen zu den Füßen der überlebensgroßen Statue niedergelegt. Mehrere Teilnehmer einer Reisegruppe aus Frankreich haben zuvor ihre Selfiesticks gezückt, um sich zusammen mit dem Denkmal abzulichten. Dann sind sie hineingegangen in den palastartigen Bau, haben ihre 15 Lari (knapp fünf Euro) Eintritt gezahlt, sind die mit rotem Teppich belegten Marmorstufen hinaufgeschritten: zur nächsten blumengeschmückten Büste des "Woschd", des Führers. Jetzt bekommen sie zu hören, was für ein einzigartiger Mensch er doch war, der Kamerad Stalin.

Was war mit der Hungerkatastrophe in der Ukraine?

"Unter ihm gab es keine Arbeitslosen mehr", erzählt die Museumsführerin den Franzosen. "Bildung war gratis, die Krankenhäuser waren gratis, alle Menschen hatten immer genug zu essen." Es rumort in der Gruppe, ein Besucher fragt nach: "Was war mit der Hungerkatastrophe in der Ukraine?" - "Das waren Trotzkisten. Die haben künstliche Probleme geschaffen", erwidert die Museumsführerin.

Sie lässt nichts kommen auf ihren Stalin. Den vielleicht zweitschlimmsten Verbrecher des 20. Jahrhunderts. 26 Jahre lang hat der Mann aus Gori, 48.000 Einwohner, anderthalb Autostunden nordwestlich der Hauptstadt Tiflis, allein die Sowjetunion beherrscht. Er hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und den Arbeiter- und Bauernstaat zur militärischen Supermacht gemacht. Dabei hat er Millionen Menschen unterjocht, bespitzelt, in Schauprozessen verurteilen lassen. Sie foltern, deportieren, in den Gulags zu Tode schuften oder gleich umbringen lassen - einschließlich eigener Weggefährten. Bis zu 20 Millionen Menschenleben soll der Tyrann Historikern zufolge auf dem Gewissen haben. Zählen konnte sie niemand.

Fotostrecke

Stalin-Museum in Gori: Kommerz mit dem Diktator

Das Stalin-Museum am Stalin-Boulevard Nr. 32 zeigt die dunklen Seiten kaum. Es ist ein Stalin-Tempel. Da sind die Bilder und Wandteppiche: Stalin als junger, blendend aussehender Revoluzzer (sein Portraitfoto ist größer als die Fotos der Kampfgenossen). Stalin mit Lenin (Stalin doziert, Lenin notiert). Stalin umringt von Arbeitern.

Personenkult wirkt noch heute

Da ist die Ausstellung der Geschenke für den Woschd: Vom Reiskorn, auf dem eine Stalin-Hymne verewigt ist, über die Vasen mit seinem Konterfei, bis zu Selbstgestricktem aus Italien. Da ist das nachgebaute Büro: mit Stalin-Reliquien wie seinen Lieblingspapirossi, seinen Aschenbechern, seinem Füllfederhalter, seiner Uniform. Und da ist: der Totensaal. Umringt von Säulen und Stalin-Porträts, angestrahlt von Scheinwerferlicht, erhebt sich in der Mitte des Raumes auf einem Podest eine Totenmaske des Diktators.

Wer das wenige Jahre nach Stalins Tod eröffnete Museum besucht, der kriegt eine Idee, wie immens der Personenkult um ihn war - und bis heute noch nachwirkt. Zwei Besucher haben beim Anblick der Maske Tränen in den Augen.

Dabei sollte aus dem Stalin-Museum einst ein Stalinismus-Museum werden. 2012 kündigte Georgiens Kulturministerium an, die Stätte solle künftig den Opfern Ehre tun. Dass davon bis heute kaum etwas zu sehen ist, liegt vielleicht an Leuten wie Giorgi Sigua. "Stalin ist Teil unserer Geschichte und deswegen eine Touristenattraktion", erklärte der damalige Chef der georgischen Touristenbehörde 2013. "Georgien wird das für seinen wirtschaftlichen Vorteil nutzen." Vor allem auf dem chinesischen Markt könne man Stalin als Touristenattraktion vermarkten, sagte Sigua einmal, "so wie die Juden Jesus Christus verkaufen."

Aber in einem Punkt hatte er recht: Es gibt Stalin-Fans en masse. In Russland beurteilten in einer Umfrage kürzlich 70 Prozent der Befragten die Rolle des Diktators in der russischen Geschichte komplett oder überwiegend positiv. In Georgien erklärten 2016 bei einer Befragung des US-Instituts Pew 57 Prozent der Teilnehmer, Stalin habe eine sehr positive oder überwiegend positive Rolle in der Geschichte gespielt - ungeachtet aller seiner Bluttaten. Und in Gori? Viele Menschen sind stolz auf den Sohn ihrer Stadt. Lokalpolitiker haben mit aller Macht die Umgestaltung des Museums verhindert.

Georgien

Beste Reisezeit
Touristische Hochsaison für Georgien ist der Sommer. Allerdings ist es dann oft drückend heiß. Ruhiger und angenehmer ist es in Gori im Herbst. Auch der Frühling ist zu empfehlen, allerdings kann es dann auch mal länger regnen.
Anreise
Georgiens sehens- und liebenswerte Hauptstadt Tbilisi ist eine gute Basis für einen Tagesausflug nach Gori. Georgian Airways (von Berlin-Schönefeld) oder Lufthansa (von München) fliegen direkt nach Tbilisi, andere Gesellschaften wie Air France, Air Baltic, LOT oder Turkish Airlines bieten Umsteigeverbindungen von vielen deutschen Flughäfen an.

Nach Gori. gelangt man von Tbilisi aus am Besten per Bus. , mit dem Zug. oder dem Sammeltaxi (Marshrutka). Die Fahrt dauert gut eine bis anderthalb Stunden. Gori ist relativ kompakt, das Stalin-Museum ist vom Busterminal und dem Bahnhof je etwa 20 Minuten Fußweg entfernt. Viele Marshrutka-Fahrer setzen Passagiere direkt gegenüber des Museums ab, wenn sie rechtzeitig gefragt werden. In der Stadt kann man für kleines Geld auch mit dem Taxi fahren.

Unterkunft
Auf den bekannten Buchungsplattformen inserieren Privatvermieter Hunderte Appartements in Tiflis. Auch für Gori gibt es hier Angebote.

"Natürlich gab es Tote durch die Repression", sagt die Museumsführerin. "Aber das waren Feinde des Landes." Sie fordert die Gruppe auf, ihr die Treppen herab zu folgen. Die kleinen Räume im Museumskeller, welche auf die Straflager eingehen, erwähnt sie nicht einmal. Statt dessen eilt sie nach draußen: zu Stalins Geburtshaus, einer winzigen Baracke, um die herum schon vor Jahren ein pompöser Säulentempel errichtet wurde. "Stalin war der Chef für die normalen Menschen", referiert die Museumsführerin. "Seine Feinde waren die Millionäre."

Zum Schluss kriegen die Franzosen Stalins gepanzerten Eisenbahnwaggon gezeigt, mit dem der Diktator durch sein Imperium gefahren wurde. Als sie wieder ans Tageslicht treten, wartet unten schon ein Souvenirverkäufer auf die Gruppe. In seinem Köfferchen: Stalin-Kühlschrankmagneten, Stalin-Streichholzschachteln, Stalin-Fotos. Der Diktator lacht oder raucht oder blickt optimistisch in die Zukunft, neben ihm die rote Sowjetfahne mit Hammer und Sichel. Das Geschäft laufe gut, sagt der Souvenirverkäufer.

Im Video: Doku über Josef Stalin - Der stählerne Diktator

Foto: ZDFE
insgesamt 16 Beiträge
labellen 15.07.2019
1. Die bis heute andauernde Glorifizierung Stalins
ist in Russland bis heute ein andauerndes Problem und nur erklärbar mit einem in bezug auf historische Inhalte der Landesgeschichte desolaten Bildungssystem. Nach neueren Untersuchungen haben nur 17 % der Bevölkerung ein [...]
ist in Russland bis heute ein andauerndes Problem und nur erklärbar mit einem in bezug auf historische Inhalte der Landesgeschichte desolaten Bildungssystem. Nach neueren Untersuchungen haben nur 17 % der Bevölkerung ein negatives Bild von Stalin.
radbodserbe 15.07.2019
2. Geschichte wird nicht besser, wenn man sie leugnet oder verdreht
Geschichte wird nicht besser, wenn man sie leugnet oder verdreht, das sollte man auch in Georgien kapieren. Menschen vergessen manches schnell und auch Massenmörder werden so wieder salonfähig oder sogar darüber hinaus. [...]
Geschichte wird nicht besser, wenn man sie leugnet oder verdreht, das sollte man auch in Georgien kapieren. Menschen vergessen manches schnell und auch Massenmörder werden so wieder salonfähig oder sogar darüber hinaus. Täter machen sich zu Opfern und die wirklichen Opfer zu vermeintlichen Täter. Menschen suchen einfache Antworten ohne eigentlich wirklich Fragen stellen zu wollen und man träumt von großen starken vaterländischen Führern. Wahrheit wird zu Fake News und Meinungsfreiheit gilt nur für die eigene Meinung. Herr Höcke müsste begeistert sein, wurde doch mit dem Verzicht eines Stalinismus Museums in Georgien ein nach seiner Definition "Denkmal der Schande" in Georgien verhindert und mit dem Stalin Museum die "Erinnerungskultur um 180 Grad gewendet". Aber vielleicht unterscheidet er ja auch in "gute" und "schlechte" Massenmörder. Ob sich Georgien, ein Land welches schon länger auch sehr vom Tourismus lebt, sich viele Freunde mit dem Museum schaffen wird in der Welt ist unzuzweifeln und bestimmt auch nicht wünschenswert, auch wenn einige Touristen recht schmerzfrei in der Wahl ihrer Urlaubsparadise sind. Dieser Artikel lässt einen mal wieder fassungslos zurück, was 2019 alles noch auf der Erde möglich ist. Das Museum ist ein Schlag ins Gesicht für alle Opfer totalitärer Gewalt und aller Menschen, die von diesem Irrsinn die Schnauze voll haben. Homo sapiens werde deinem Namen endlich gerecht und sei dabei nicht nur vernunftbegabt, sondern nutze sie auch.
kajoter 15.07.2019
3.
Stalin hatte in zwei Punkten sehr viel Glück, denn er lief in beiden dem anderen Massenmörder knapp hinterher. Erster Punkt beinhaltet die Anzahl und den Aufmerksamkeitsfaktor seiner vielen Opfer und der zweite die Frage des [...]
Stalin hatte in zwei Punkten sehr viel Glück, denn er lief in beiden dem anderen Massenmörder knapp hinterher. Erster Punkt beinhaltet die Anzahl und den Aufmerksamkeitsfaktor seiner vielen Opfer und der zweite die Frage des Verursachers des 2. Weltkriegs. Wenn Hitler noch gerissener als Stalin gewesen wäre, hätte er seinen Angriffsbefehl gegen Polen verschoben und ihn erst nach dem russischen Angriff gegeben. Stalins heutiges Image ist aber ebenso geprägt durch Putin. Dieser würde sich als überzeugter Autokrat einen Bärendienst erweisen, wenn er den Diktator Stalin so verurteilen würde, wie es z.B. Chrustchew und Gorbatschow taten - beide aus unterschiedlichen Gründen. Wenn Russland ehrlicher und offener mit seiner eigenen Geschichte gerade um Stalin herum umgehen würde, wäre diese Stalin-Verherrlichung nicht möglich. Aber wie gesagt, das hätte negative Folgen für Putin.
mantrid 15.07.2019
4. Widerwärter Lobpreisung eines menschlichen Monsters
Naja, Geschichte geschrieben und ein einzigartiger Mensch war Hitler auch. Das mit den Arbeitslosen hat er angeblich auch hinbekommen und selbstverständlich auch nur ihm nicht genehme Menschen in Massen umgebracht. So gesehen hat [...]
Naja, Geschichte geschrieben und ein einzigartiger Mensch war Hitler auch. Das mit den Arbeitslosen hat er angeblich auch hinbekommen und selbstverständlich auch nur ihm nicht genehme Menschen in Massen umgebracht. So gesehen hat er nur den Fehler gemacht, einen Krieg zu verlieren. Menschen wie Hitler, Stalin, Mao, Pol Pot usw. sollte man klar als das benennen, was sie waren: Menschliche Monster. Ein Museum haben sie alle nicht verdient und rückwirkende Geschichtsklitterung schon gar nicht,
rivka 15.07.2019
5.
Was für eine Ironie, dass mit dem Museum der Opfer gedacht werden sollte.
Was für eine Ironie, dass mit dem Museum der Opfer gedacht werden sollte.
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