Reise

Kanadas grüne Hauptstadt Ottawa

"Radeln, um Freiheit zu fühlen"

Warum nicht mal - Ottawa? Der Regierungssitz Kanadas steht imagetechnisch meist hinter Toronto oder Montreal zurück, zu Unrecht. Auskenner schwärmen, Ottawa sei die grüne Fahrradmetropole Nordamerikas.

Michael Runkel/ Getty Images
Von
Sonntag, 20.10.2019   07:03 Uhr

SPIEGEL: Frau Rasouli, es heißt immer, Ottawa sei im Vergleich zu Städten wie Toronto oder Montreal eine langweilige Regierungsstadt. Sie bieten dort Radtouren an. Lohnt sich das?

Maria Rasouli: Das halte ich für ein Vorurteil. Man sollte sich besser die Zeit nehmen, die Stadt mit eigenen Augen zu entdecken. Toronto und Montreal sind Großstädte mit vielen aufregenden Angeboten. Aber wer raus in die Natur will, ist dort lange unterwegs. In Ottawa dagegen gibt es bereits im Stadtzentrum jede Menge Grün. Zu größeren Parks ist man von Downtown nur 10 bis 20 Minuten unterwegs. Viele Wege führen am Wasser entlang, am Rideau-Kanal oder am Fluss Ottawa. Und obendrein haben wir auch tolle Museen, Kunstgalerien und lokal geführte Restaurants.

Fotostrecke

Kanada: Per Rad durchs grüne Ottawa

SPIEGEL: Welche besonderen grünen Spots in Ottawa verpassen Touristen, wenn sie nicht mit dem Rad unterwegs sind?

Rasouli: Einer meiner Lieblingsorte ist das Arboretum, ein verwunschener Park mitten in der Stadt am Dow's Lake. Er gehört zur Experimental Farm, einer 427 Hektar großen Forschungseinrichtung des Kanadischen Landwirtschaftsministeriums mit Vieh, tropischen Gewächshäusern und Blumenbeeten. Sehenswert sind auch der Wasserfall Hog's Back Falls am Rideau und die Remic Rapic Rock Sculptures Site des Künstlers John Ceprano am Ufer des Ottawa. Diese wunderschönen Orte liegen nur etwa fünf Kilometer vom Parlamentshügel entfernt und sind über Radwege gut erreichbar.

SPIEGEL: Was ist Ihr persönlicher Lieblingsort?

Rasouli: Das hügelige Gelände im Gatineau Park ist eine schöne sportliche Herausforderung. Wenn ich etwas allein unternehmen will, das mich wirklich erdet, radele ich am liebsten dort hin. Er ist nicht weit weg von meinem Zuhause im Zentrum, und unter der Woche hat man dort wirklich seine Ruhe.

Zur Person

SPIEGEL: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, 2015 in Ottawa einen Fahrradverleih und Tourenanbieter zu eröffnen?

Rasouli: Meine glücklichsten Kindheitserinnerungen rühren von meinen Ausflügen mit dem Fahrrad. Ich wollte beruflich etwas machen, das meine Liebe für Ottawa und seine Natur mit diesen Leidenschaften verbindet und mich glücklich macht.

SPIEGEL: Wo sind Sie aufgewachsen?

Rasouli: Im kleinen Ort Sangachin im Norden Irans. In den Wald in der Nähe zu fahren, war eigentlich nicht erlaubt. Aber meine Eltern haben mich ja nicht jede Sekunde im Auge gehabt. Das war das erste Mal, dass ich die Freiheit auf dem Fahrrad für mich entdeckte. Doch als ich elf Jahre alt war, hatte das ein Ende.

SPIEGEL: Was ist passiert?

Rasouli: Ich und eine Freundin sind in Richtung eines Fußballplatzes geradelt. Die Jungs, die dort spielten, gingen zu Fuß dort hin. Wir mussten deswegen langsamer fahren, verloren das Gleichgewicht, fielen vom Rad und lachten. Ein älterer Mann sagte daraufhin zu uns: "Ihr solltet überhaupt nicht mit dem Rad fahren. Die jungen Männer sehen eure Beine." Ich sah die Scham in den Augen meiner Freundin und war auch selbst peinlich berührt. Gleichzeitig dachte ich: Das ist so falsch! Wie kann man ein Kind, das so unbekümmert lacht, so beschämen.

SPIEGEL: Durften Sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr aufs Fahrrad?

Rasouli: Ja, ungefähr. Es sind subtile Zeichen, die dir die Gesellschaft sendet. Meine Eltern sagten, ihr seid nun in der Pubertät, und das kann so nicht weitergehen. Die Macht der Tradition und der Kultur ist wie ein Fluss, dessen Strömung dich in eine Richtung zwingt, in die du vielleicht nicht willst.

SPIEGEL: Sind Sie deswegen nach Kanada ausgewandert?

Rasouli: Ich immigrierte nach Ottawa, um meinen Doktor zu machen. Aber der eigentliche Grund war, dass ich verstört darüber war, wie ich als Frau behandelt wurde. Ich fühlte mich jeden Tag wie in einem Gefängnis.

SPIEGEL: Hat sich inzwischen in Ihrem iranischen Heimatort etwas verändert?

Rasouli: Ein bisschen. Ich war vor zwei Jahren zu Besuch bei meiner Familie. Frauen radeln in ihrer Freizeit, aber oft werden sie dabei von Männern begleitet. Fahren sie einmal im Monat oder nur ab und an, wird das toleriert. Aber wenn sie regelmäßig zur Arbeit radeln, fangen die Leute an zu reden.

SPIEGEL: Wann haben Sie das erste Mal wieder auf einem Fahrrad gesessen?

Rasouli: Gleich nach meiner Ankunft in Kanada 2002 - nach einer rund 24-Stunden-Reise. Mein Professor aus dem Iran hatte mir sein Fahrrad nach seinem Aufenthalt in Ottawa hinterlassen. Ich habe mein Gepäck abgelegt und bin sofort losgeradelt, um endlich wieder Freiheit zu fühlen. Ich habe mich augenblicklich in das Land und die Stadt verliebt - so viel Grün, so viel Platz.

SPIEGEL: Machen Sie auch mal längere Touren?

Rasouli: Ja, meistens Mehrtagesausflüge. Empfehlenswert ist zum Beispiel eine Fahrradtour auf dem "Le P'tit Train du Nord" durch das Tal Rivière du Nord. Ursprünglich war dort eine Eisenbahnlinie der Canadian Pacific Railway. Das Schöne an Ottawa ist: Überquert man nur eine Brücke, befindet man sich schon in einer anderen Provinz - und zwar Quebec - und kann auch dort die Radwege entdecken.

SPIEGEL: Anfangs war Ihr Umfeld skeptisch gegenüber der Idee, einen Fahrradladen zu eröffnen. Warum?

Rasouli: Die Saison geht nur von Mai bis Oktober, denn das Wetter im Winter ist oft sehr harsch und unberechenbar. Zudem - so die Kritik - sei die Stadt nicht wie Montreal auf der Bucket List eines jeden Touristen. Aber statt auf die Probleme zu schauen, sah ich eher die Möglichkeit, die touristischen Angebote zu verbessern. In der Region gibt es immerhin 600 bis 800 Kilometer Radwege, für eine bessere Vernetzung setzt sich die Interessenvertretung "Bike Ottawa" ein.

SPIEGEL: Nutzen prominente Politiker oft die Radwege? Etwa Justin Trudeau?

Rasouli: Ich denke, er läuft lieber. Aber man sieht unsere Umweltministerin Catherine McKenna sowie Stadträte oft auf dem Fahrrad, manchmal auch Parlamentsmitglieder. Zum Beispiel Jagmeet Singh, den Parteivorsitzenden der Sozialdemokraten.

SPIEGEL: In Deutschland wird gerade viel über nachhaltige Mobilität diskutiert: Bahn statt Fliegen, Fahrrad statt Auto. Kanada ist ja eher ein Autoland - gibt es denn in Ottawa einen Trend zum Rad?

Rasouli: Definitiv, immer mehr Leute fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit, und neue Fahrradwege werden immer sofort gut angenommen. Ich wünsche mir, dass jeder Ottawa als die Fahrradstadt Kanadas kennt. Alle reden über Amsterdam als ideale Stadt für Radfahrer - aber ich denke, Ottawa hätte das Potenzial, sich diesen Ruf in Nordamerika zu erarbeiten.

Weltenbummler auf zwei Rädern

insgesamt 8 Beiträge
eunegin 20.10.2019
1. Warm anziehen! Timing is alles...
Ein netter Beitrag gerade pünktlich zum Start der Radlersaison in Ottawa. Man hätte dafür evtl. noch den "Auskenner"-Hinweis geben können, wie kalt und lang die Winter sort sind. Mütze und Winterreifen nicht [...]
Ein netter Beitrag gerade pünktlich zum Start der Radlersaison in Ottawa. Man hätte dafür evtl. noch den "Auskenner"-Hinweis geben können, wie kalt und lang die Winter sort sind. Mütze und Winterreifen nicht vergessen...
räbbi 20.10.2019
2.
Da unterhalten sich doch zwei intelligente Leute - muß denn der letzte Abschnitt wirklich sein? Mit gut 4 Monaten geschlossener Schneedecke im Jahr und Temperaturen bis unter -30 Grad will man die ideale Fahrradstadt [...]
Da unterhalten sich doch zwei intelligente Leute - muß denn der letzte Abschnitt wirklich sein? Mit gut 4 Monaten geschlossener Schneedecke im Jahr und Temperaturen bis unter -30 Grad will man die ideale Fahrradstadt Nordamerikas werden? Kommt schon, ihr seid zu smart für sowas, ehrlich. Ist ja nett, wenn man Fahrräder für Touristen anbietet und in den Sommermonaten das Auto auch mal stehen lässt, aber dann ist auch gut.
*Querdenker* 20.10.2019
3. Wie war das noch mit dem CO2 beim Fliegen?
Bietet Europa nicht genügend Radwege und Landschaften? Das europäische Radrouten-Netz Eurovelo ist ein Projekt des Europäischen Radfahrer-Verbandes ECF. Bis 2020 werden Radfernwege mit einer Gesamtlänge von über 70.000 [...]
Bietet Europa nicht genügend Radwege und Landschaften? Das europäische Radrouten-Netz Eurovelo ist ein Projekt des Europäischen Radfahrer-Verbandes ECF. Bis 2020 werden Radfernwege mit einer Gesamtlänge von über 70.000 Kilometern entstehen. Frage beantwortet: Warum nichgt mal Ottawa!?
*Querdenker* 20.10.2019
4. Klimakrise
Liebe SPON-Redaktion, glaubt ihr nicht an den Klimawandel oder die Klimakrise? Wäre es nicht einmal angesagter, angesichts von Klimawandel und Kimakrise Reiseziele in Deutschland und in Europa zu bevorzugen anstatt Radeln in [...]
Liebe SPON-Redaktion, glaubt ihr nicht an den Klimawandel oder die Klimakrise? Wäre es nicht einmal angesagter, angesichts von Klimawandel und Kimakrise Reiseziele in Deutschland und in Europa zu bevorzugen anstatt Radeln in Ottawa oder 4 Tage Bärenbeobachtung in Kanada oder so was? Ihr befördert so doch nur die Sehnsucht nach Fernreisen mit Flugzeug und Schiff, beides Klimakiller! Haben wir die Zeit diesen Sehnsüchten mit Kerosin und Schweröl nachzugehen, oder wollen wir eine bewohnbare Erde zurücklassen für unsere Nachkommen?
vothka 20.10.2019
5.
Gehn wir mal von dem "hätte wäre wenn Land" in die Realität und sie zeigen mir die tollen Radwege - das mag zugegeben regional sehr unterschiedlich sein - aber ein Radweg quer durch Europa hilft keinem. NIemand [...]
Zitat von *Querdenker*Bietet Europa nicht genügend Radwege und Landschaften? Das europäische Radrouten-Netz Eurovelo ist ein Projekt des Europäischen Radfahrer-Verbandes ECF. Bis 2020 werden Radfernwege mit einer Gesamtlänge von über 70.000 Kilometern entstehen. Frage beantwortet: Warum nichgt mal Ottawa!?
Gehn wir mal von dem "hätte wäre wenn Land" in die Realität und sie zeigen mir die tollen Radwege - das mag zugegeben regional sehr unterschiedlich sein - aber ein Radweg quer durch Europa hilft keinem. NIemand fährt mit dem Rad mal schnell nach Rumänien. Was mal helfen würde sind anständige Radwege entlang der Landstrassen - AUF BEIDEN SEITEN. Die gibt es zumindest mal im Kölner Raum im bestenfall "eingeschränkt". Das mag für Touring und Mountain Bikes noch alles lustig sein - auf dem Rennrad können sie die bis auf wenige Ausnahmen aber meiden wie der Teufel das Weihwasser - lebensgefährlich nenn ich das was man da vorfindet. Das geht vom Flickenteppich über 5cm+ Schlaglöcher zu Radwegen die eher an einen Schildbürgerstreich erinnern. (vll mal 200Meter lang dann zurück auf die Bundestrasse). Gerne natürlich auch gemeinsam genutzte Rad und Fußwege - da ist dann typischerweise quer über die Fahrbahn die Hundeleine gespannt. Die sind auch alle so richtig breit - jeder Überholvorgang ein Abenteuer in sich - vor allem wenn die glückliche Familie dann noch den Kinderwagen hinten dran hat. Bei älteren bzw. unsichere Personen bleiben sie am besten direkt hinten dran. Heißt dann natürlich auch ~10km/h fahren. Das Ergebnis ist - wie immer - man bleibt direkt auf der normalen Straße. Da schlägt man sich lieber mit den Autos rum als mit dem Blödsinn. Ist immernoch sicherer
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