Wissenschaft
Ausgabe
10/2010

Seuchen

Chronik einer Hysterie

3. Teil: 11. JUNI 2009, WHO-ZENTRALE

REUTERS
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Montag, 08.03.2010   00:00 Uhr

Wieder einmal schaltet sich das Emergency Committee zu einer Telefonkonferenz zusammen. Diesmal geht es um die große, die alles entscheidende Frage: Soll die WHO Stufe 6 der Seuche ausrufen? Ist die Schweinegrippe eine Pandemie?

Stundenlang beraten die 15 rund um den Erdball verteilten Experten. Dann schließlich wendet sich Chan an die Presse. Das Virus sei unberechenbar und könne nicht gestoppt werden, sagt sie. Damit gilt offiziell: Der Grippepandemiefall ist eingetreten, erstmals seit 41 Jahren.

"Ich denke, wir haben alles richtig gemacht", sagt der Vorsitzende Mackenzie rückblickend. Und formal hat er damit sogar recht.

Denn die Regularien besagen, dass Stufe 6 in Kraft tritt, wenn sich ein neues Virus unkontrollierbar in mehreren Regionen der Erde verbreitet. Über die Schwere der Erkrankung sagen sie nichts.

Tatsächlich aber verbinden die allermeisten Seuchenexperten den Begriff der "Pandemie" automatisch mit wirklich aggressiven Viren. Auf der Website der WHO etwa ist in der Antwort auf die Frage "Was ist eine Pandemie?" von "einer enormen Anzahl von Todes- und Krankheitsfällen" die Rede - jedenfalls bis zum 4. Mai 2009. Dann machte ein CNN-Reporter die Seuchenschützer auf den Widerspruch zur eher mild verlaufenden Schweinegrippe aufmerksam, und diese Passage wurde umgehend getilgt.

Auch die deutschen Seuchenschützer haben die offizielle WHO-Definition der Phase 6 offenbar gründlich missverstanden. Bei einer Influenza-Pandemie, heißt es im 2007 aktualisierten nationalen Pandemieplan, handle es sich um "eine lang anhaltende, länderübergreifende Großschadenslage". Sie verursache "derart nachhaltige Schäden, dass die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen gefährdet oder zerstört wird".

Davon kann am 11. Juni 2009 keine Rede sein. Kritiker fragen spöttisch, ob die WHO demnächst auch einen neuen Schnupfen zur Pandemie erklären wolle. "Manchmal denken einige von uns, WHO steht für Welt-Hysterie-Organisation", meint Richard Schabas, einstmals Gesundheitschef der kanadischen Provinz Ontario.

Als Chan ihre Entscheidung fällte, da wusste sie, dass Dutzende Staaten, darunter Großbritannien, China und Japan, eindringlich gewarnt hatten, nicht voreilig die Phase 6 zu verkünden. Hongkongs Gesundheitsminister hatte gefordert: "Das System der Pandemie-Phasen muss überarbeitet werden." Auch Seuchenwächter Mackenzie ist rückblickend dieser Meinung: "Wir brauchen ein Fein-Tuning von Phase 6, bei dem auch die Schwere der Erkrankung mitberücksichtigt wird." Sogar die WHO selbst denkt im Mai darüber nach, die Kriterien in diesem Sinne zu ändern - sieht dann jedoch wieder davon ab.

Die Warnungen verhallen. Warum? Weil Vorschrift nun einmal Vorschrift ist? Weil man lieber auf Nummer sicher gehen will? Fest steht: Eine Partei mit gutem Draht nach Genf hat ein überragendes Interesse daran, dass möglichst schnell Phase 6 ausgerufen wird: die Pharmaindustrie.

"Die Pharmaindustrie hat keine unserer Entscheidungen beeinflusst", sagt Fukuda. Doch Mitte Mai, rund drei Wochen bevor die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt wird, treffen sich in der WHO-Zentrale 30 hochrangige Vertreter von Pharmakonzernen mit WHO-Chefin Chan und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Offiziell geht es darum, wie auch die Versorgung der Entwicklungsländer mit Pandemie-Impfstoff sichergestellt werden kann. Doch für die Impfstoffindustrie ist zu dieser Zeit etwas anderes die Schlüsselfrage: die Entscheidung für Phase 6.

Es geht um nichts Geringeres als die Versorgung großer Teile der Menschheit mit Grippe-Impfstoffen. Alles hängt an dieser Entscheidung: Phase 6 funktioniert wie ein Schalter, der die Kassen der Industrie risikofrei klingeln lässt. Denn viele Pandemie-Impfstoff-Verträge sind längst abgeschlossen. Deutschland etwa hat sich schon 2007 dem britischen Konzern GlaxoSmithKline (GSK) gegenüber verpflichtet, GSK-Pandemie-Impfstoff zu kaufen - sobald Phase 6 ausgerufen wird. Das mag erklären, warum Professor Roy Anderson, einer der wichtigsten wissenschaftlichen Berater der britischen Regierung, die Schweinegrippe sogar schon am 1. Mai zur Pandemie erklärte. Was er dabei nicht mitteilte: dass er ein Jahresgehalt in Höhe von mehr als 130 000 Euro von GSK bezieht.

Mitte Juni 2009: Der Deutschland-Chef des Impfstoffherstellers GSK ermahnt Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, "die im Vertrag vorgesehene Belieferung dringend zu bestätigen". Die thüringische Gesundheitsministerin fordert er auf, "uns die vertraglich fixierten Bestellungen der Bundesländer unverzüglich verbindlich zu bestätigen". Ähnliche Schreiben gehen an andere Länder.

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4. Juli 2009: Es wird bekannt, dass Rupert Grint an der Schweinegrippe erkrankt war: "Zuerst dachte ich, ich müsste sterben", sagt der Schauspieler, der in den "Harry Potter"-Filmen Ron Weasley spielt, "doch dann hatte ich nur Halsschmerzen."

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14. Juli 2009: In Deutschland gibt es jetzt offiziell 727 Infizierte, gestorben ist keiner.

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August 2009: Die australische Grippesaison geht zu Ende. Obwohl noch kein Impfstoff existiert, sind dort am Ende nur 190 Menschen gestorben, deutlich weniger als in einer normalen Grippesaison.

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29. August 2009: Eine SPIEGEL-Umfrage ergibt: Nur 13 Prozent der Deutschen wollen sich impfen lassen.

insgesamt 93 Beiträge
frubi 10.03.2010
1. .
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein [...]
Zitat von sysopFast ein Jahr lang hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Eine gigantische Impfkampagne sollte ihr Einhalt gebieten. Dabei handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Wie konnte es zu solch einer Überreaktion kommen? Eine Rekonstruktion. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,682149,00.html
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein gar nichts. Wie kann es sein, dass bei Pandemiestufe 6 automatisch Veträge abgeschlossen werden?
andrew64 12.03.2010
2. Schweinegrippe - Chronik einer Hysterie
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über [...]
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über die "Seuche". Meiner Meinung nach sollten die Kosten, die im Zusammenhang mit der durch die Medien geschürten Hysterie entstanden sind, auch druch die Verursacher (Medien) getragen werden.
Flohru 12.03.2010
3. Ich lach mich kaputt
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses [...]
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses Artikels, die das wochen- und monatelang sensationslüstern, unabhängig und willentlich getan haben??? Wo bleibt da die Selbstkritik? Und erzählen Sie mir nicht, dass alle Medienvertreter hierzulande und im Ausland auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen, weil das tun sie ebensowenig wie die Politiker, denen angesichts der Medien-Hysterie ja gar nichts anderes übrig blieb als auf den Zug aufzuspringen und nach (Massen-)Impfungen zu schreien.
Lion 12.03.2010
4. Auch Presse/Medien fachten Panik an.....
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. [...]
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. Gleichwohl freue ich mich über diese hier dargestellte Analyse im Nachgang und stimme dem Artikel im Grundton voll zu. Zum Glück bin ich nicht gleich zum Arzt gerannt....
Walter Sobchak 12.03.2010
5.
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als [...]
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als ein "Blog"?
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