Wissenschaft
Ausgabe
10/2010

Seuchen

Chronik einer Hysterie

4. Teil: 7. SEPTEMBER 2009, THÜRINGISCHE LANDESVERTRETUNG IN BERLIN

REUTERS
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Montag, 08.03.2010   00:00 Uhr

Sondergipfel in der Berliner Mohrenstraße. Nach und nach treffen die Gesundheitsminister der Länder ein. Es soll um die Frage gehen, ob noch mehr Impfstoff nachbestellt werden soll.

Alle, die gekommen sind, wissen: Es ist Wahlkampf in Berlin, und Ulla Schmidt hat unmissverständlich klargestellt: "Ich möchte, dass jeder, der sich impfen lassen will, auch geimpft werden kann." Und: "Ich erwarte, dass sich die Länder ihrer Verantwortung stellen." Auf keinen Fall will die Ministerin den Eindruck entstehen lassen, sie enthalte der Bevölkerung etwas vor.

Es ist ein warmer Nachmittag im Spätsommer, die Stimmung bei der Sondersitzung aber ist eisig. "Der Bund hatte im Vorfeld massiv Druck auf uns gemacht, mehr Impfstoff zu bestellen", sagt der Hamburger Gesundheitssenator Dietrich Wersich (CDU). "Dabei war uns allen klar, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung äußerst gering war."

Denn inzwischen ist eine Debatte darüber entbrannt, ob Deutschland mit Pandemrix nicht auf den falschen Impfstoff gesetzt habe. Das Präparat enthält einen neuartigen Wirkverstärker, ein sogenanntes Adjuvans, das zusammen mit dem Schweinegrippe-Antigen noch nie in größerem Umfang an Menschen getestet worden ist. Eine Massenimpfung von Millionen Menschen mit einem kaum erprobten Impfstoff? "Das ist ein Großversuch an der deutschen Bevölkerung!", warnt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber des "arznei-telegramms".

Theoretisch, sagt der ehemalige PEI-Chef Löwer, wäre es durchaus möglich gewesen, auch in Deutschland kurzfristig einen Adjuvans-freien Schweinegrippe-Impfstoff zuzulassen. Doch die Verträge über Pandemrix sind schon seit 2007 unterschrieben. Seit der WHO-Entscheidung für Phase 6 sind sie automatisch in Kraft getreten. Deutschland steckt in der Falle.

Missmutig debattieren die Länderminister: 50 Millionen Impfdosen, so meinen sie, seien doch schon bestellt, fast eine halbe Milliarde Euro hat die Länder das bereits gekostet. Ist es da wirklich nötig, noch mehr zu ordern?

Von allen Seiten fühlen sich die Minister unter Druck gesetzt: Zum einen schüren die Medien die Angst vor dem Virus. Vor allem die "Bild"-Zeitung verkündet fast täglich neue Horrorbotschaften. Zum anderen drängen die Pharmafirmen; immer wieder stellen sie Ultimaten.

Gut können sich die versammelten Minister noch daran erinnern, wie der Pharmakonzern Roche die Bundesländer zum Kauf des Grippemedikaments Tamiflu gedrängt hatte. Mit der Betreffzeile: "eilt: Angebot Roche" erreichte sie schon am 30. April um 15.28 Uhr eine E-Mail aus dem thüringischen Gesundheitsministerium: "Roche hat uns soeben mitgeteilt, dass sie noch über einen Bestand von 180 000 Packungen Tamiflu verfügen. Diesen Bestand stellen sie den Ländern bis heute spätestens 16.30 Uhr zur Verfügung, ansonsten werden mit dem Bestand andere Anfragen von Großhandel usw. bedient." Tatsächlich jedoch sind zu keiner Zeit ernsthafte Lieferengpässe bekanntgeworden.

"Mit bis zu 80.000 Todesfällen müsse gerechnet werden"

Aber auch von den Seuchenwächtern im Robert-Koch-Institut (RKI) und im Paul-Ehrlich-Institut geht Druck auf die versammelten Minister aus. "Wir haben uns damals miserabel beraten gefühlt", erinnert sich der Bremer Staatsrat Hermann Schulte-Sasse (SPD). "Die Institute haben uns nicht dabei geholfen, wenn es darum ging, Panikmache zu verhindern."

Immer wieder warteten RKI und PEI mit neuen Horrorzahlen auf. Mit bis zu 80.000 Todesfällen müsse gerechnet werden, hatte es noch im Juni geheißen, und mit einem "Produktionsausfall von 15 bis 45 Milliarden Euro".

Warum die Forscher ihnen denn nichts berichtet hätten über neue Studien, die darauf hinweisen, dass auch eine Einmalimpfung bei der Schweinegrippe auszureichen scheint, empört sich einer der Versammelten. Wenn das zutreffe, könnten die Länder schließlich viel Geld sparen. Denn dann würden die 50 Millionen bereits bestellten Dosen nicht nur für 25 Millionen, sondern für 50 Millionen Menschen ausreichen, eine Nachbestellung wäre damit überflüssig.

Alle Blicke sind nun auf RKI-Chef Jörg Hacker gerichtet. "Die Stichproben sind bisher viel zu klein gewesen", wiegelt dieser ab. Hacker mag solche Situationen nicht. Er ist Wissenschaftler, kein Politiker.

Wenn eine einzige Impfdosis jedoch ausreicht, dann würde dies nicht nur viel Impfstoff sparen. Es wäre zugleich auch ein starker Hinweis darauf, dass die Bevölkerung dem Virus keineswegs wehrlos ausgeliefert ist. Die Gefahr, die von der Schweinegrippe ausgeht, könnte also deutlich kleiner sein als gedacht.

Doch bei keinem im Saal kommt diese Botschaft der Entwarnung an. Am Ende beschließen die Minister widerwillig, beim Pharmakonzern Novartis die Option auf weitere 18 Millionen Impfdosen offenzuhalten.

9. Oktober 2009: Wolf-Dieter Ludwig, Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, erklärt: "Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollten."

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21. Oktober 2009: In giftigem Gelb warnt die "Bild"-Schlagzeile: "Schweinegrippe-Professor befürchtet in Deutschland 35 000 Tote!" Der Professor heißt Adolf Windorfer, und auf Nachfrage gibt er zu, unter anderem von GSK und Novartis Geld zu erhalten. Neben der "Bild"-Schlagzeile prangt eine Anzeige des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller.

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28. November 2009: Die Schweinegrippe in Deutschland flaut ab. Kaum jemand will sich noch impfen lassen.

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8. Dezember 2009: Auf Englands vereisten Straßen wird das Streugut knapp. Paul Flynn, Labour-Abgeordneter im britischen Parlament, schlägt vor, die staatlichen Tamiflu-Vorräte zum Streuen zu verwenden. Eine Untersuchung der Cochrane Collaboration hatte gezeigt, dass die Wirkung des Grippemittels nur schwach ist.

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7. Januar 2010: RKI-Präsident Hacker warnt vor einer neuen Grippewelle. "Der Impfstoff ist nach wie vor notwendig, das Virus ist ja auch noch unter uns."

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26. Januar 2010: Der deutsche Abgeordnete Wolfgang Wodarg kritisiert im Europarat in Straßburg, dass weltweit "Millionen Menschen ohne einen guten Grund geimpft" wurden. Die Ausrufung der Pandemie durch die WHO habe den Pharmakonzernen 18 Milliarden Dollar Zusatzeinnahmen in die Kassen gespült. Allein der Jahresumsatz des Grippemittels Tamiflu ist um 435 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro gestiegen.

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5. März 2010: Die Bundesländer wollen zehn Millionen überflüssiger Dosen des Schweinegrippe-Impfstoffs Pandemrix an Pakistan verkaufen.

insgesamt 93 Beiträge
frubi 10.03.2010
1. .
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein [...]
Zitat von sysopFast ein Jahr lang hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Eine gigantische Impfkampagne sollte ihr Einhalt gebieten. Dabei handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Wie konnte es zu solch einer Überreaktion kommen? Eine Rekonstruktion. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,682149,00.html
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein gar nichts. Wie kann es sein, dass bei Pandemiestufe 6 automatisch Veträge abgeschlossen werden?
andrew64 12.03.2010
2. Schweinegrippe - Chronik einer Hysterie
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über [...]
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über die "Seuche". Meiner Meinung nach sollten die Kosten, die im Zusammenhang mit der durch die Medien geschürten Hysterie entstanden sind, auch druch die Verursacher (Medien) getragen werden.
Flohru 12.03.2010
3. Ich lach mich kaputt
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses [...]
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses Artikels, die das wochen- und monatelang sensationslüstern, unabhängig und willentlich getan haben??? Wo bleibt da die Selbstkritik? Und erzählen Sie mir nicht, dass alle Medienvertreter hierzulande und im Ausland auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen, weil das tun sie ebensowenig wie die Politiker, denen angesichts der Medien-Hysterie ja gar nichts anderes übrig blieb als auf den Zug aufzuspringen und nach (Massen-)Impfungen zu schreien.
Lion 12.03.2010
4. Auch Presse/Medien fachten Panik an.....
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. [...]
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. Gleichwohl freue ich mich über diese hier dargestellte Analyse im Nachgang und stimme dem Artikel im Grundton voll zu. Zum Glück bin ich nicht gleich zum Arzt gerannt....
Walter Sobchak 12.03.2010
5.
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als [...]
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als ein "Blog"?
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