Wissenschaft
Ausgabe
10/2010

Seuchen

Chronik einer Hysterie

5. Teil: ANFANG MÄRZ 2010, WHO-ZENTRALE IN GENF

REUTERS
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Montag, 08.03.2010   00:00 Uhr

Der Shoc Room wird inzwischen längst für andere Notfälle gebraucht. Hilfe für Haiti etwa wurde von hier aus koordiniert. Doch oft steht der Raum auch einfach leer.

Die Stimmung bei der WHO hat sich inzwischen merklich entspannt. Die Presseabteilung ist längst nicht mehr rund um die Uhr besetzt. Das Journalistenzelt auf dem Mitarbeiterparkplatz ist abgebaut. IT-Spezialist Jered Markoff kann wieder durchschlafen. Und der Grippe-Experte Keiji Fukuda ist froh, dass er sich wieder seinem Hobby, dem Cellospiel, widmen kann.

Was ist diese Pandemie also gewesen? Alles nur "eine gute Übung für den Ernstfall", wie es der WHO-Berater und Industrielobbyist Osterhaus formuliert? Haben die Behörden alles richtig gemacht, wie der australische Seuchenwächter John Mackenzie meint?

Sicher nicht. Niemand bei WHO, RKI oder PEI kann stolz auf sich sein. Diese Behörden haben kostbares Vertrauen verspielt. Denn wer wird ihren Einschätzungen bei der nächsten Pandemie jetzt noch Glauben schenken?

Vielleicht hätten sich alle ein Beispiel nehmen sollen an Ewa Kopacz, der polnischen Gesundheitsministerin. Die 53-Jährige ist von Beruf Ärztin und Mitglied der liberalen Bürgerplattform. Sie hat den Ruf, keinem Streit aus dem Weg zu gehen.

Als sie in der großen Impfstoffdebatte ans Rednerpult des Sejm trat, hatte sie ein knallrotes Kleid angelegt, eine Kampfmontur: "Als Ärztin ist mein oberster Grundsatz, niemandem zu schaden", sagte sie. Deshalb werde Polen sich gegen den Rest Europas stellen: "Wir werden keinen Impfstoff gegen die Schweinegrippe kaufen."

Die Volksvertreter murrten, doch Polens Gesundheitsministerin blieb hart: "Ist es meine Pflicht, Verträge zu unterschreiben, die im Interesse der Polen liegen oder im Interesse der Pharmakonzerne?"

Inzwischen blickt Europa neidisch auf ihre Standfestigkeit. Rund 170 Menschen sind in Polen an der Schweinegrippe gestorben, weitaus weniger, als die saisonale Grippe jedes Jahr dahinrafft.

+++

Auf dem Dorfplatz von La Gloria im Mexikanischen Hochland wurde inzwischen eine 1,30 Meter große und 70 Kilogramm schwere Bronzestatue errichtet - ein Abbild von Edgar Hernández, dem Wunderknaben, der die Schweinegrippe besiegte.

insgesamt 93 Beiträge
frubi 10.03.2010
1. .
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein [...]
Zitat von sysopFast ein Jahr lang hielt die Schweinegrippe die Welt in Atem. Eine gigantische Impfkampagne sollte ihr Einhalt gebieten. Dabei handelte es sich nur um einen eher harmlosen Virenstamm. Wie konnte es zu solch einer Überreaktion kommen? Eine Rekonstruktion. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,682149,00.html
Ein sehr schöner Artikel bis auf eine Tatsache: Wo bleibt die Kritik? Ich Sachen Schweinegrippe wurde von vorne bis hinten Mist gebaut. Unsere Politiker haben sich als Schergen der Pharmaindustrie geoutet und es passiert rein gar nichts. Wie kann es sein, dass bei Pandemiestufe 6 automatisch Veträge abgeschlossen werden?
andrew64 12.03.2010
2. Schweinegrippe - Chronik einer Hysterie
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über [...]
Dieser ganze Hype wurde doch von den Medien, insbesondere der Boulevardpresse, wie auch den einschlägigen Fernsehsendern geschürt ohne Ende. Jeden Tag neue Horrormeldungen. Nur wirklich seriöse Kreise berichteten objektiv über die "Seuche". Meiner Meinung nach sollten die Kosten, die im Zusammenhang mit der durch die Medien geschürten Hysterie entstanden sind, auch druch die Verursacher (Medien) getragen werden.
Flohru 12.03.2010
3. Ich lach mich kaputt
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses [...]
auf Spiegel-Online ein Artikel laut dem "vor allem die Pharmaindustrie" die Angst vor der Schweinegrippe geschürt habe. Waren es nicht viel eher die Medien, also Leute wie Sie, die sage und schreibe 9 (!) Autoren dieses Artikels, die das wochen- und monatelang sensationslüstern, unabhängig und willentlich getan haben??? Wo bleibt da die Selbstkritik? Und erzählen Sie mir nicht, dass alle Medienvertreter hierzulande und im Ausland auf der Gehaltsliste der Pharmaindustrie stehen, weil das tun sie ebensowenig wie die Politiker, denen angesichts der Medien-Hysterie ja gar nichts anderes übrig blieb als auf den Zug aufzuspringen und nach (Massen-)Impfungen zu schreien.
Lion 12.03.2010
4. Auch Presse/Medien fachten Panik an.....
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. [...]
Die hysterischen Schlagzeilen des letzten Herbstes haben sicherlich zusätzlich zu Ängsten bei vielen Menschen geführt. Dem Speigel ist, ausnahmsweise, hier ebenfalls keine distanzierte und objektive Berichterstattung gelungen. Gleichwohl freue ich mich über diese hier dargestellte Analyse im Nachgang und stimme dem Artikel im Grundton voll zu. Zum Glück bin ich nicht gleich zum Arzt gerannt....
Walter Sobchak 12.03.2010
5.
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als [...]
Und wo bleibt das Robert Koch Institut mit seinem Sprecher hier im Forum der damals 10.000 Tote fuer Deutschland vorhergesagt hat? Und warum ist das ein "Blog" Thema. Ist das dem feinen Journalismus nix mehr wert als ein "Blog"?
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