Leben und Lernen
Ausgabe
27/2017

Experiment Bildung

Was Deutschlands Schulen wirklich besser macht

G8 oder G9, Frontalunterricht oder Freiarbeit, Schreiben nach Gehör oder Fibelverfahren: Die Bildungspolitik war allzu lange das Schlachtfeld der Ideologen. Doch es gibt auch einen pragmatischen Weg.

DPA

Schüler beim Unterricht

Von
Donnerstag, 06.07.2017   05:01 Uhr

Fußball ist ein komplexes Spiel. Kaum einer, der ernsthaft mitreden will, würde im Zeitalter der Laktatwerte und Laptop-Trainer fordern, die Männer müssten halt Gras fressen. Oder elf Freunde sein. Er gäbe damit zu erkennen, dass er nicht auf dem neuesten Stand ist.

Titelbild

Aus dem SPIEGEL

Heft 27/2017
Traut euch!
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

Ganz anders liegt die Sache bei Leistungen im Klassenzimmer, die zu erzeugen mindestens so anspruchsvoll ist wie auf dem Rasen. Geht es um die Qualität der Schule, dominieren Bauchgefühle der Eltern und einfache Erklärungen die Diskussion. Je nach politischer Ausrichtung heißt es dann, die Kinder müssten nur Spaß am stressfreien Lernen haben, oder, am anderen Ende des Spektrums: sich endlich wieder in Disziplin üben. Alles nicht falsch, aber eben noch keine Strategie.

Wie schwer es für die Bildungspolitiker ist, Lehrer und Schüler dauerhaft zu besseren Leistungen zu führen, zeigt das Beispiel Baden-Württembergs. Dort stellte die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) diese Woche ein Programm über "strukturelle Maßnahmen zur Qualitätssicherung an Schulen" vor.

Das klingt technisch und kleinteilig, und gerade deswegen ist es in Wahrheit ein großer Wurf. Ausnahmsweise soll nun nicht die Gymnasialdauer um ein Jahr verkürzt oder verlängert oder noch ein neuer Schultyp eingeführt werden. Stattdessen soll das Lernen künftig stärker von der Wissenschaft begleitet werden.

Ausprobieren, welche Lehrmethoden funktionieren, und dann beibehalten, was wirkt, und abschaffen, was schadet. Für die Bildungspolitik etlicher Bundesländer ist das fast eine Revolution.

Im Land der Tüftler und Denker im Südwesten kommt sie erst spät durch eine schmerzvolle Erfahrung in Gang: Lange Zeit in den Rankings auf einem Champions-League-Platz hinter dem Meister Bayern angesiedelt, stürzte Baden-Württemberg bei einem Ländervergleich 2016 ins untere Mittelfeld ab. Ein neuer Leistungstest bestätigt den negativen Trend: Bei der Vergleichsuntersuchung Vera 3 für Drittklässler verfehlte mehr als ein Drittel der Schüler den Mindeststandard in der Rechtschreibung, ein weiteres Drittel hielt ihn gerade noch ein. Auch in Mathematik fielen die Leistungen der Schüler schlechter aus als früher.

Inzwischen reisen Delegationen von Kultuspolitikern aus dem einst stolzen Baden-Württemberg nach Hamburg oder Schleswig-Holstein, um sich anzusehen, was die Aufsteiger in den Bildungsrankings richtig gemacht haben.

Sie entdeckten: viele unspektakuläre, aber wirksame Maßnahmen. "Wir haben einige Abzweigungen verpasst", sagt Ministerin Eisenmann - auch CDU-geführte Vorgängerregierungen hätten Fehler gemacht.

So lernen Grundschüler im Südwesten von der ersten Klasse an Fremdsprachen, Englisch oder Französisch, je nach Wohnortnähe zu Frankreich. Doch es gilt inzwischen als sehr zweifelhaft, so früh Fremdsprachen zu vermitteln. Viele Länder beschränken sich auf die Klassenstufen 3 und 4. Oder die Rechtschreibmethode Schreiben nach Gehör: Die hat in Baden-Württemberg noch Konjunktur, während andere Bundesländer längst auf einen verbindlichen Rechtschreibkanon setzen.

Solche Experimente, die direkt den Unterricht betreffen, evaluierten die Verantwortlichen in Baden-Württemberg bislang kaum, die Bildungspläne orientierten sich an wolkig definierten, zu erstrebenden Kompetenzen nach dem Motto: Alles kann, nichts muss.

Wo andere Bundesländer die Lehrerausbildung an die Universitäten verlagerten, hielt Baden-Württemberg am Sondermodell der Pädagogischen Hochschulen fest. Das wissenschaftliche Niveau dieser Ausbildungsstätten ist umstritten. Bei der Weiterbildung der Lehrer herrscht Wildwuchs, das Kultusministerium zählte 30 verschiedene Akteure, beauftragt von den Regierungspräsidien oder Schulämtern.

Am Geld oder an fehlenden Stellen liegt es nicht: Gemessen an der Schüler-Lehrer-Relation, ist Baden-Württemberg besser ausgestattet als das benachbarte Bayern. Zu viele der rund 100.000 Pädagoginnen und Pädagogen des Landes sind jedoch für andere Aufgaben abgeordnet, etwa in die Schulverwaltung.

Alarmiert durch diese Erkenntnisse, führt die grün-schwarze Landesregierung in allen Schularten wieder zentrale Klassenarbeiten ein. Die Präsentationen, mit denen die Schüler im Südwesten bislang einen Teil der Abiturprüfung bestreiten durften, entfallen, die Kernfächer werden gestärkt. Zwei neue Institute sollen über die Qualität des Unterrichts wachen.

Das Paket zeigt, dass viele Kontroversen linker und konservativer Schulpolitik überwunden sind. Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach dem Pisa-Schock hat die Bildungsforschung viele Erkenntnisse geliefert. Parteiübergreifend setzen erfolgreiche Bundesländer auf verbindliche Standards und überprüfen diese fortlaufend, sie identifizieren Problemschulen und lenken Mittel dorthin.

Dass sich diese pragmatische Strategie allerdings politisch auszahlt, ist zweifelhaft. Die Reformen in Baden-Württemberg werden erst 2019 umgesetzt, bis sie greifen, wird die Legislatur vorüber sein.

Vielen Müttern und Vätern reichen solche Zeithorizonte nicht aus. Sie sind ähnlich emotional wie der unzufriedene Fußballfan vor dem Fernseher. Bei der jüngsten Landtagswahl in Schleswig-Holstein konnte die CDU bei vielen Wählern mit ihrem Vorschlag punkten, wieder G9 in allen Gymnasien einzuführen. Abgewählt wurde damit eine Regierung, die das Land im Norden innerhalb ziemlich kurzer Zeit aus der Abstiegszone auf die oberen Ränge geführt hatte.

insgesamt 8 Beiträge
großwolke 06.07.2017
1. Traurig, wie wenig Bildung mancherorts mit Bildung zu tun hat.
Die Aufzählung der "Erkenntnisse", nach denen die Bildungspolitik inzwischen reformiert wurde bzw. in manchen Bundesländern erst noch wird ist erschütternd in ihrer Offensichtlichkeit für den auch nur halbwegs von [...]
Die Aufzählung der "Erkenntnisse", nach denen die Bildungspolitik inzwischen reformiert wurde bzw. in manchen Bundesländern erst noch wird ist erschütternd in ihrer Offensichtlichkeit für den auch nur halbwegs von Intelligenz Betroffenen. Nicht zuletzt, weil einige der verworfenen Konzepte, wie das "Schreiben nach Gehör", von Fachleuten vom Start weg als der grobe Unfug identifiziert wurden, der sie sind. Aber auch die Einführung messbarer Standards zur Beurteilung von Lernerfolgen lässt tief blicken, fragt man sich doch, auf welcher intellektuellen Basis deutsche Bildungspolitik überhaupt gestanden hat in den Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg. Vermutlich hat da die Fraktion "haben wir schon immer so gemacht" mit den Anti-Autoritären im Clinch gelegen, und gewonnen wurden die Debatten durch das Renteneintrittsalter. Aber immerhin, schön zu sehen, dass der Glaube an Zahlen und Fakten auch im Bereich Kultus Einzug gehalten hat. Wenn dann jetzt noch der doppelte Boden eingezogen wird in Form von Angeboten für den Sonderförderbedarf, den ein solches auf Effizienz getrimmtes System unweigerlich produzieren wird, dann haben wir eine gute Lösung.
Melba 06.07.2017
2. Lieber Herr Friedmann!
Bei Spiegel Plus erwarte ich gut recherchierte Fakten und Zahlen, weiterführende Verweise und nicht Wolkenreiches. Schon gar nicht erwarte ich unter der Überschrift "Deutschlands Schulen" einen Bericht über Baden [...]
Bei Spiegel Plus erwarte ich gut recherchierte Fakten und Zahlen, weiterführende Verweise und nicht Wolkenreiches. Schon gar nicht erwarte ich unter der Überschrift "Deutschlands Schulen" einen Bericht über Baden Württemberg. Als Auslandsdeutsche mit Kindern hätte mich ein inländischer Vergleich der Schulstrukturen oder auch ein internationaler Vergleich sehr interessiert.
pfzt 06.07.2017
3.
Haha, das ist bisher die beste Beschreibung deutscher Bildungspolitik die ich je gelesen habe. Leider sterben gerade die Anti-Autoritären aus und es erhebt sich prompt wieder der wilhelminische Geist aus seiner Gruft. Wobei [...]
Zitat von großwolkeDie Aufzählung der "Erkenntnisse", nach denen die Bildungspolitik inzwischen reformiert wurde bzw. in manchen Bundesländern erst noch wird ist erschütternd in ihrer Offensichtlichkeit für den auch nur halbwegs von Intelligenz Betroffenen. Nicht zuletzt, weil einige der verworfenen Konzepte, wie das "Schreiben nach Gehör", von Fachleuten vom Start weg als der grobe Unfug identifiziert wurden, der sie sind. Aber auch die Einführung messbarer Standards zur Beurteilung von Lernerfolgen lässt tief blicken, fragt man sich doch, auf welcher intellektuellen Basis deutsche Bildungspolitik überhaupt gestanden hat in den Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg. Vermutlich hat da die Fraktion "haben wir schon immer so gemacht" mit den Anti-Autoritären im Clinch gelegen, und gewonnen wurden die Debatten durch das Renteneintrittsalter. Aber immerhin, schön zu sehen, dass der Glaube an Zahlen und Fakten auch im Bereich Kultus Einzug gehalten hat. Wenn dann jetzt noch der doppelte Boden eingezogen wird in Form von Angeboten für den Sonderförderbedarf, den ein solches auf Effizienz getrimmtes System unweigerlich produzieren wird, dann haben wir eine gute Lösung.
Haha, das ist bisher die beste Beschreibung deutscher Bildungspolitik die ich je gelesen habe. Leider sterben gerade die Anti-Autoritären aus und es erhebt sich prompt wieder der wilhelminische Geist aus seiner Gruft. Wobei die damals wenigstens noch allgemein sehr gut gebildet waren, heute wird nur noch ein großer Bückling vor den Bedürfnissen der Wirtschaft gemacht, ganz ohne staatsbürgerliche Allgemeinbildung.
titoandres 06.07.2017
4. Fehlt hier etwas?
Der Artikel weist wenige Absätze auf, nachdem man den Kauf abgeschlossen hat und kommt eher wie eine Meldung daher. @SPON: Soll Spiegel PLUS ein Erfolg werden, sollten die Leser nicht das Vertrauen verlieren. So hat man den [...]
Der Artikel weist wenige Absätze auf, nachdem man den Kauf abgeschlossen hat und kommt eher wie eine Meldung daher. @SPON: Soll Spiegel PLUS ein Erfolg werden, sollten die Leser nicht das Vertrauen verlieren. So hat man den Eindruck, für sein Geld nichts erhalten zu haben. Hoffentlich macht das keine Schule.
Lempel 06.07.2017
5. Blanker Hohn
In Baden-württemberg können aufgrund verfehlter Bedarfsplanung ettliche Stellen in den Grundschulen nicht besetzt werden, Arbeitsgemeinschaften und Förderstunden können im kommenden Jahr nicht angeboten werden Unterricht muss [...]
In Baden-württemberg können aufgrund verfehlter Bedarfsplanung ettliche Stellen in den Grundschulen nicht besetzt werden, Arbeitsgemeinschaften und Förderstunden können im kommenden Jahr nicht angeboten werden Unterricht muss ausfallen. Um die größten Löcher zu stopfen will Frau Eisenmann den Englischunterricht in den Klassen 1 und 2 abschaffen. Lieber Spiegel, hier von Fortschritt zu sprechen ist blanker Hohn!

© DER SPIEGEL 27/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung

TOP