DER SPIEGEL

stadtgesprächIm Flow, jo!

41#8239000 Zuschauer in Solna, zwei Elfmeter gehalten, Norwegen 1:0 besiegt, zum sechsten Mal in Folge die EM gewonnen. Woher nehmen die deutschen Frauen die Kraft?
Nadine Angerer, 35, ist der Rückhalt einer jungen Mannschaft. Sie hat fünfmal die EM gewonnen, zweimal die WM, dazu ist die Torfrau Europas Fußballerin des Jahres. Steffi Jones, 40, wurde zweimal Weltmeisterin und ist heute DFB-Direktorin, zuständig für den Frauenfußball.
SPIEGEL: Frau Angerer, was ist am 28. Juli um 17.17 Uhr passiert?
Angerer: Habe ich da den zweiten Elfmeter gegen Norwegen gehalten?
SPIEGEL: Ja, und es sah aus, als würden Sie vor Kraft explodieren. Wo sitzt die Kraft in so einem Moment - in den Beinen, im Kopf?
Angerer: Ich stehe im Tor und sehe diese junge Mannschaft vor mir, alles noch junge Küken. Ich schaue auf die Ränge, sehe die vielen Zuschauer. Dann war der Elfmeter auch noch unberechtigt. In diesem Moment hatte ich den absoluten Willen, das Ding zu halten.
Jones: Du warst ja im ganzen Turnier der mentale Rückhalt dieser Mannschaft. Du warst immer da, das ist schon krass.
SPIEGEL: Macht Erfolg immer stark oder auch mal schwach?
Angerer: Der Punkt ist, man darf nicht den Fehler begehen und sich in der Zeit des Erfolgs ausruhen. Wichtig ist, dass man den Fokus auf das Wesentliche gerichtet hat und immer noch die Motivation im täglichen Training verspürt, Fortschritte zu machen. Wenn ich dazu den inneren Antrieb nicht mehr hätte, wäre ich nicht mehr hier.
SPIEGEL: Frau Jones, Sie arbeiten als Direktorin beim DFB und spielten davor 111 Länderspiele. Das sind zwei Karrieren.
Jones: Ich vergleiche beide nicht miteinander. Das Fußballspielen war ein Lebensabschnitt, der bis 2007 dauerte. Eine tolle Zeit, eine Persönlichkeitsentwicklung. Danach wechselte ich auf die andere Seite, bin seither Funktionärin, Organisatorin, Botschafterin, jetzt ist die Zeit der Hosenanzüge.
SPIEGEL: Welcher Teil der Karriere passt besser zu Ihnen?
Jones: Die eine Karriere hilft der anderen. Ich habe dank des Fußballs nie Angst gehabt, einen Job anzunehmen, in dem ich fachlich eigentlich unerfahren war. Ich bin Direktorin und habe das nicht gelernt. Früher saß ich bei Lidl an der Kasse und habe nun, durch meine aktive Zeit, die Kraft und das Selbstvertrauen zu sagen, ich mach das.
SPIEGEL: Wieso sind die deutschen Fußballerinnen so stark?
Jones: Wir haben über die Jahre stabile Strukturen aufgebaut, wir haben unsere Liga weiterentwickelt. Und wir hatten immer eine gute Mischung aus Spielerinnen. Dafür sorgen unsere Trainerinnen, erst Tina Theune und jetzt Silvia Neid.
SPIEGEL: Sie beide gelten als unangepasste Charaktere. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Erfolg und Eigensinn?
Angerer: Man braucht schon einen starken Charakter. Man muss von dem, was man tut, überzeugt sein, seinen eigenen Weg finden, um zu einer starken Persönlichkeit heranzureifen.
Jones: Aber du bist auch kreativ, Natze. Du bist modisch, immer stylisch. Die Mannschaft funktioniert auch deshalb, weil es in ihr unterschiedliche Typen gibt.
Angerer: Daher kommt ja unser Erfolg. Vielfalt zu leben ist natürlich schlau, daraus ergeben sich Möglichkeiten, und sie schafft gegenseitiges Vertrauen im Team.
SPIEGEL: Liegt es auch daran, dass die Spielerinnen sexuell frei sind und dazu stehen können, homosexuell oder heterosexuell zu sein?
Angerer: Das ist kein Thema für uns. Generell leben wir in der Mannschaft Toleranz und Akzeptanz vor.
Jones: Jede Spielerin hat ein Ziel vor Augen: Sie möchte spielen. Da ist es ganz wichtig, dass man nicht in ihr Privatleben eingreift. Es spielt für uns keine Rolle, ob jemand hetero- oder homosexuell ist, das geht niemanden etwas an. Wenn das jemand öffentlich machen möchte, ist das seine oder ihre Sache.
SPIEGEL: Wenn jemand dauerhaft anderen etwas vorspielen muss, kann das sicherlich auch die Leistung mindern.
Angerer: Na ja, sagen wir es so: Freiheit ist eine absolute Kraftquelle, auf Sexualität bezogen, aber auch generell. Ich wäre nicht so weit gekommen, würde ich nur ein professionelles Leben führen. Ich lasse zwischendurch auch mal fünfe gerade sein.
SPIEGEL: Sie beide sind in einem Alter, in dem der Körper schwächer wird ...
Angerer: (lacht) ... ich warte schon drauf, spüre es aber noch nicht.
SPIEGEL: Haben Sie keine Angst?
Angerer: Das hört sich jetzt blöd an, aber ich habe das Gefühl, meine gute Zeit kommt erst. Ich fühle mich weder alt noch kaputt.
SPIEGEL: Keine Angst vor nix?
Jones: Ich finde, je älter man wird, desto interessanter wird der Mensch. Man hat Erfahrung, daraus erwächst innere Schönheit. Man wird ruhiger, man weiß, wie man seine Kräfte einsetzen kann. Ich freue mich darüber. Ich werde auch gern 50.
SPIEGEL: Und Sie, Frau Angerer?
Angerer: Man wird entspannter, das stimmt. In Situationen, in denen ich mit Anfang zwanzig in Stress geriet, sage ich mir heute: Jo, mach dich mal locker!
Interview: Barbara Hardinghaus, Katrin Kuntz
Von Barbara Hardinghaus und Katrin Kuntz

SPIEGEL Chronik 1/2013
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