DER SPIEGEL

Skandal im Rathaus

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust entlässt seinen Stellvertreter, weil er sich von diesem erpresst fühlt.
Punkt elf Uhr am 19. August betritt Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust Saal 151 im Rathaus der Hansestadt. Ohne Vorankündigung erklärt der Christdemokrat, dass er sich von seinem Stellvertreter und Innensenator Ronald Schill mit dem Vorwurf der Begünstigung und Homosexualität erpresst fühle und Schill deshalb gerade entlassen habe. Sein Stellvertreter sei "charakterlich nicht geeignet, das Amt eines Hamburger Senators weiterzuführen".
Den einen Meter neben ihm sitzenden Schill würdigt er keines Blickes. Genau 11.03 Uhr verlässt Beust den Raum. Drei Minuten reichen, und Hamburg hat einen der größten Skandale der Nachkriegsgeschichte. "Dreckige Homo-Erpressung" titelt "Bild", "Schill-out" die "taz", "Das rosa Rathaus" der SPIEGEL. Aufgeführt wird ein Lehrstück über Macht und Populismus, Politik und Privatheit sowie die Frage, wo Vetternwirtschaft beginnt.
Seinen Anfang nimmt das Spiel im September 2001, als die CDU sich trotz eines lausigen Ergebnises (26,2 Prozent) bei den Hamburger Bürgerschaftwahlen mit der Partei Rechtsstaatlicher Offensive des Populisten Ronald Barnabas Schill einlässt. Die schillernde Polit-Truppe des als "Richter Gnadenlos" bekannt gewordenen Amtsrichters hat eine Sensation geschafft: von null auf 19,4 Prozent bei einer Landtagswahl.
Um nicht weiter auf den Oppositionsbänken des Hamburger Parlaments zu versauern oder in einer großen Koalition nur die zweite Geige zu spielen, macht Beust Schill zum Zweiten und sich selbst damit zum Ersten Bürgermeister. Die politischen Amokläufe seines Stellvertreters scheint er als notwendiges Übel zu ertragen.
Auf einer Ministerkonferenz fragt Schill, ob man in Deutschland das Gas vom Moskauer Geiseldrama einsetzen könne, das, mit dem 129 Geiseln getötet wurden; im Bundestag hetzt der Populist gegen Flüchtlinge, bis ihm das Mikrofon abgedreht wird. Die Versprechen des Egomanen, in Hamburg die Kriminalität zu halbieren und 2000 neue Polizisten einzustellen, erweisen sich als heiße Luft. Dafür tritt der hoch gewachsene Selbstdarsteller Schill bei Promi-Partys in Erscheinung und muss sich gegen Kokainvorwürfe wehren.
Der Innensenator wird häufig nur für wenige Stunden am Tag im Amt gesehen, er hat ja dafür seinen Staatsrat Walter Wellinghausen, der die Alltagsgeschäfte erledigt. Dumm nur, dass dieser verbotenerweise für Nebenjobs Geld kassiert und sich auch sonst nicht immer ganz korrekt verhalten haben soll. Als der Bürgermeister nun Wellinghausen aus dem Amt entfernen will, droht Schill Beust mit der Behauptung, der habe seinen Liebhaber Roger Kusch zum Justizsenator gemacht.
Beust nennt Kusch einen seiner "langjährigsten Freunde", bestätigt, dass dieser Mieter in einer von ihm gekauften Wohnung sei, besteht allerdings darauf: "Das ist alles - absolut alles." Zu seinem Intimleben verweigert er jeden Kommentar. Die Wähler hätten "keinen Rechtsanspruch, etwas über die sexuellen Präferenzen der Gewählten zu wissen".
Doch in Zeiten von Boulevard-TV und Homestorys gehört das Private zum Politischen. Kusch bekennt sich mittels Presse und TV zu seiner Homosexualität. Beust wird vom eigenen Vater geoutet. Der erzählt der "Welt am Sonntag", sein Sohn habe einen Lebensgefährten, aber aus einer anderen Großstadt. Von den Bürgern erfährt Beust viel Zustimmung. Offenbar stört es kaum noch jemanden, dass manche Männer Männer lieben. Und das ist auch gut so.
Was bleibt ist der Verdacht der Günstlingswirtschaft. Wenn Homosexualität der Untergrund für Filz sei, formuliert der Passauer Politologe Heinrich Oberreuther, müsse das Thema auch angesprochen werden. Hat Ole von Beust Roger Kusch zum Senator gemacht, weil dieser gut für den Job geeignet ist und weil er einen Vertrauten auf dieser Position braucht? Oder hat er einem Freund zum Karrieresprung verholfen? JOACHIM MOHR
Von Joachim Mohr

SPIEGEL Chronik 54/2003
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