DER SPIEGEL

MUTTER TERESA

Mit dem martialischen Pomp funèbre eines Staatsbegräbnisses, gebettet auf einer Geschützlafette, wurde die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa, 87, in Kalkutta aus dem Erdendasein entlassen. Dutzende Würdenträger aus aller Welt waren gekommen, um der wie eine Heilige verehrten Ordensfrau die letzte Ehre zu geben, weshalb das gemeine Volk auf Distanz gehalten wurde. Mutter Teresa war 1928 aus Skopje nach Indien gekommen, hatte ihren eigenen Orden gegründet, um an der Front des Elends, in den Slums, zu arbeiten. Im Jahr ihres Todes waren 3600 Schwestern, 400 Brüder und Zehntausende Laien in 122 Ländern im Sinne der Mutter aktiv. Im Sammeln von Spenden war sie virtuos. Sie nahm gern, ohne Ansehen der Person: Die durfte ruhig Nicolae Ceau¸sescu heißen oder Muammar el-Gaddafi. Auch gefürchtete Diktatoren waren für Mutter Teresa "Jesus Christus in seiner erbarmungswürdigen Gestalt" - zu heilen nur durch Liebe.

SPIEGEL Chronik 54/1997
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