DER SPIEGEL
Ausgabe
41/2016

Clintons Wahlkampfberater

"Von allem, was Trump je gesagt hat, gibt es Videoaufnahmen"

Er war Brauereimanager, dann Wahlforscher, nun ist Joel Benenson Top-Stratege in Hillary Clintons Wahlkampfteam. Im Interview verrät er, wie seine Chefin Donald Trump schlagen möchte.

Getty Images

Donald Trump

Von
Samstag, 08.10.2016   18:06 Uhr

Anmerkung der Redaktion: Das Interview wurde geführt, bevor das Video mit Trumps frauenverachtenden Äußerungen bekannt wurde.

SPIEGEL: Mr Benenson, Sie gehören zu den wenigen Personen, die bei Hillary Clintons Vorbereitung auf die Fernsehdebatten anwesend sein durften. Wer hat dabei die Rolle Donald Trumps übernommen?

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Aus dem SPIEGEL

Heft 41/2016
Der Weltmachtkampf
Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

Benenson: Das war Philippe Reines, Clintons Berater. Er war exzellent, er hat Trump sehr gut wiedergegeben.

SPIEGEL: Wie trainiert man für ein Duell mit Trump? Fängt man selbst an zu schreien, den anderen zu unterbrechen?

Benenson: Clinton bereitet sich sorgfältig vor. So geht sie an alles heran. Wir schlagen ihr Themen für die Kampagne vor, etwa Kinderbetreuung oder die Finanzierung der Hochschulausbildung - und sie will dann alle Details wissen. Sie lernt sie, sie fordert uns heraus, weil sie glaubt, dass es auf die Details ankommt. Das hat man auch in der Debatte gemerkt. Trump hat erkennbar seine charakterlichen Probleme und versucht, jeden zu attackieren und zu beleidigen, der nicht seiner Meinung ist. Aber sie war sehr diszipliniert, das ist wichtig in solchen Debatten.

SPIEGEL: Es ist ihr gelungen, Trump zu reizen. Bei welchem Thema springt er am schnellsten an?

Benenson: Wir haben im Wahlkampf gesehen, dass es dafür nicht viel braucht. Er reagiert jeden Tag sehr gereizt. Am Morgen nach der ersten Debatte setzte er eine Reihe von Tweets über Alicia Machado ab...

SPIEGEL: ...die Miss Universe von 1996, die von Trump schon damals wegen angeblicher Gewichtsprobleme als "Miss Piggy" beschimpft wurde.

Benenson: Er hat sie wegen ihres Äußeren angegriffen, wieder und wieder. Es ist unsäglich. Er verliert schnell sein Gleichgewicht. Für einen potenziellen Präsidenten ist das sehr gefährlich.

SPIEGEL: Clinton hatte Trumps Bemerkungen über Alicia Machado während der ersten TV-Debatte angesprochen. Sie zeigten ein Wahlvideo mit Machado, am nächsten Tag trat sie im Fernsehen auf. Das Ganze war bestens vorbereitet. Haben Sie kalkuliert, dass Trump so reagieren würde?

Benenson: Nein, aber wir wussten, dass dies ein extremes Beispiel für seinen Umgang mit Frauen war. Und Trump scheint offenbar nicht bewusst zu sein, dass es von alldem, was er irgendwann einmal gesagt hat, Video- und Audioaufnahmen gibt. Er hat im TV-Studio ja auch behauptet, nie gesagt zu haben, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen sei. Natürlich hat er das! Wie kann man vor 80 Millionen Menschen etwas abstreiten, von dem es Aufnahmen gibt? Seine Selbstwahrnehmung und die Realität haben sich längst entkoppelt. Auch das ist sehr gefährlich.

SPIEGEL: Teilweise wirkte Trump bei dem Duell wie ein alter Mann. Er hat nicht einmal sein Lieblingsthema angesprochen, den Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko.

Benenson: Er hatte zuvor noch geprahlt, dass er sich nicht vorbereite - und dann sah er aus wie ein Auto, dem das Benzin ausgeht. Er war derjenige, der Clintons Durchhaltevermögen angezweifelt hat. Gleichzeitig stand er auf der Bühne und brachte es nicht mehr. Für die nächste Debatte wird er sich besser vorbereiten.

SPIEGEL: Trump droht nun damit, die sexuellen Affären des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton anzusprechen. Macht Ihnen das Angst?

Benenson: Wir bereiten uns jedenfalls darauf vor. Wir wissen, dass er unberechenbar und zu allem fähig ist.

SPIEGEL: Clinton ist die aussichtsreichste weibliche Präsidentschaftskandidatin in der Geschichte der USA und hat es mit dem unbeliebtesten Gegner aller Zeiten zu tun - trotzdem will keine Begeisterung für sie aufkommen, anders als 2008 bei Barack Obama. Wie erklären Sie sich das?

Benenson: Die Frage hat einen Unterton, der nicht gerechtfertigt ist. Obama war eine einzigartige Persönlichkeit mit einem sehr starken Wahlkampf, der genau in die damalige Zeit passte. Clintons Kampagne passt ebenfalls in die heutige Zeit, aber Journalisten - da sind Sie nicht allein - stellen es immer so dar, als müssten wir mit einem riesigen Vorsprung gewinnen. Präsidentschaftswahlen waren in der Geschichte der USA oft sehr knapp. Auch Obama hat 2008 nur mit 7,2 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen.

SPIEGEL: Und trotzdem fehlt in diesem Wahlkampf echte Begeisterung.

Benenson: Am Ende wird es darauf ankommen, in den einzelnen Bundesstaaten zu gewinnen, um die notwendigen 270 Wahlmännerstimmen zu erhalten. Darauf konzentrieren wir uns. An der Basis sind wir sehr gut organisiert. Und in den umkämpften Staaten sehen wir durchaus Enthusiasmus.

Clinton vs. Trump - Wer liegt in den Umfragen vorn?

SPIEGEL: Die sogenannten Millennials, die zwischen 1980 und 2000 Geborenen, lehnen Trump überwiegend ab, können sich allerdings auch nicht für Clinton erwärmen. Große Teile dieser Generation haben einen sehr kritischen Blick auf die Politik.

Benenson: Auch diese Annahme würde ich zurückweisen. Clinton erhält in Umfragen bei den Millennials annähernd so viele Stimmen wie Obama 2012. Wir sind mit den Millennials noch nicht da, wo wir sein wollen, aber wir sind in Reichweite. Man kann sich immer einzelne Wählergruppen herauspicken. Clinton ist zum Beispiel bei weißen Hochschulabsolventen stärker, als es Obama 2012 war. Doch man gewinnt die Wahl nicht mit einer einzelnen Gruppe, sondern braucht ein Wählerspektrum, das für 50 Prozent plus eine Stimme reicht. Darauf kommt es an.

SPIEGEL: Dennoch wirkt es, als hätte die politische Klasse den Bezug zu dieser Generation verloren.

Benenson: Millennials konsumieren Nachrichten anders und blicken grundsätzlich skeptischer auf das politische System. Inhaltliche Themen sind ihnen wichtiger. Ich glaube, dass die TV-Debatten da sehr helfen werden. Hillary Clinton ist die einzige Kandidatin, die über Themen spricht, die den Millennials wichtig sind.

SPIEGEL: Überrascht es Sie, dass in dieser Generation der Begriff "Sozialismus", den Bernie Sanders gebraucht hat, so positiv besetzt ist?

Benenson: Ich glaube nicht, dass es eine sozialistische Agenda gibt. Die Themen, um die es diesen jungen Wählern geht, sind ein tolerantes Land, Klimawandel und ein gerechtes Steuersystem, das nicht die Reichen bevorzugt. Und einige der Themen wie ökonomische Gerechtigkeit, Fairness und ein soziales Netzwerk, das ihren Lebensalltag erleichtert, sind Teil ihres Alltags. 30 Prozent der Millennials haben bereits Kinder, ihnen sind bezahlte Elternzeit, Kinderbetreuung und gleiche Bezahlung für Frauen wichtig. Diese Themen sprechen wir im Wahlkampf an - im Gegensatz zu Donald Trump.

SPIEGEL: Im Frühjahr haben Sie gesagt, dass Trump aus Ihrer Sicht nahezu keine Chance auf den Wahlsieg habe. Glauben Sie das immer noch?

Benenson: Seine Aussichten auf einen Sieg sind sehr, sehr gering. Deshalb habe ich den Ausdruck "nahezu" gebraucht.

SPIEGEL: Viele Umfragen klingen anders.

Benenson: Schauen Sie auf die Staaten, die für Trump derzeit kaum noch zu gewinnen sind, die er aber holen müsste - Staaten wie Virginia oder Florida, die er gewinnen muss. Wenn wir in Pennsylvania und Virginia siegen, wo wir auf gutem Weg sind, wird es für ihn sehr schwer, 270 Wahlmänner zu holen. Für uns gibt es dagegen viele Wege. Wenn wir zum Beispiel Florida verlieren, reicht es immer noch, Virginia, Pennsylvania und Colorado zu holen.

SPIEGEL: Florida und Ohio gelten jedoch seit je als Schlüsselstaaten.

Benenson: Florida und Ohio waren in den vergangenen Wahlen immer knapp, aber selbst ohne diese beiden gibt es verschiedene Szenarien, auf 270 Wahlmänner zu kommen. Um Präsident zu werden, muss Trump Florida, Ohio und North Carolina gewinnen. Wenn er Pennsylvania verliert, muss er Virginia holen. Er muss in New Hampshire siegen und wahrscheinlich auch in Colorado. In Staaten wie Michigan und Wisconsin liegt er deutlich zurück. Wir haben einfach viel bessere Chancen, auf 270 Wahlmänner zu kommen als er.

SPIEGEL: Hat Sie der Zusammenbruch von Hillary Clinton beunruhigt?

Benenson: Bitte sprechen Sie nicht von einem Zusammenbruch, das ist kein zutreffender Begriff. Sie hatte eine Diagnose auf Lungenentzündung und hat das getan, was viele Amerikaner jeden Tag tun: Sie hat die Zähne zusammengebissen und ist trotzdem zu der Gedenkfeier des 11. September gegangen. Danach hat sie sich ausgeruht. Die Amerikaner haben gesehen, wie gesund und tough sie ist. Clinton gibt niemals auf, das wissen die Leute.

SPIEGEL: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man glauben, Sie wären ganz entspannt.

Benenson: Mein Leben besteht daraus, meine Annahmen permanent zu hinterfragen. Ich bin niemals entspannt. Doch ich glaube, dass wir in einem engen Rennen gegen einen gefährlichen, rücksichtslosen Kandidaten wie Donald Trump einen ganz guten Vorteil haben.

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Aus dem SPIEGEL

Heft 41/2016
Der Weltmachtkampf
Brandherd Syrien: Putins Werk, Obamas Beitrag

insgesamt 2 Beiträge
WernerWeb 08.10.2016
1. Wissen ist Macht!
Datenkraken sammeln flächendeckend Daten der gesamten Menschheit, angefangen von Mails, Chats, GPS-Bewegungsprofile, etc. Haben diese Daten erst ein eine Historie von zehn, zwanzig, dreißig Jahren dann hat der der Zugriff auf [...]
Datenkraken sammeln flächendeckend Daten der gesamten Menschheit, angefangen von Mails, Chats, GPS-Bewegungsprofile, etc. Haben diese Daten erst ein eine Historie von zehn, zwanzig, dreißig Jahren dann hat der der Zugriff auf diese Daten hat eine unbeschränkte Macht. Er wird in Zukunft bestimmen können wer als Sieger aus demokratischen Wahlen hervorgehen wird. Jemand war vor zwanzig Jahren in seiner Sturm und Drangzeit in einer Jugendgang oder er hat sich im Suff mal so richtig daneben genommen. Das wird heute wohl kaum mehr jemanden interessieren, es sei den aus dem jungen Menschen von damals ist ein widerspenstiger Politiker geworden der nach den höchsten Staatsämtern trachtet. Dann werden, natürlich rein zufällig, der Presse unangenehme Informationen zugespielt die diese Person in einem ganz schlechten Licht dar stehen lassen. Das der politische Gegner vor zwanzig Jahren mal ein Auto geklaut und einen Mann zum Krüppel geschlagen hat weiß der Informationsgeber zwar auch aber die eigentlichen Taten der Vergangenheit interessieren ihn nicht, er ist nur an der Beeinflussung der Öffentlichkeit interessiert. Denn Wissen ist Macht und noch mehr Wissen ist noch mehr Macht!
arrache-coeur 09.10.2016
2.
"Von allem, was Trump je gesagt hat, gibt es Videoaufnahmen" - Und von Vielem, was Clinton je sagte, gibt es ebenfalls Aufnahmen. Also was solls? Bereits seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Trump ein schwieriger bis [...]
"Von allem, was Trump je gesagt hat, gibt es Videoaufnahmen" - Und von Vielem, was Clinton je sagte, gibt es ebenfalls Aufnahmen. Also was solls? Bereits seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Trump ein schwieriger bis unangenehmer Geselle mit teils abseitigen Ansichten ist. Frau Clinton ihrerseits zeigte in ihren Amtszeiten, dass sie ein menschenverachtendes Weltbild pflegt.

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