DER SPIEGEL

Der Schauspieler Fabian Hinrichs plant seinen Oktober

Diesen Sommer war ich öfter im Plötzensee schwimmen, und regelmäßig kraulten zwei Schwimmer in langen, gleichmäßig-kraftvollen Zügen an mir vorbei. Ich bewundere das. Ich habe nicht diese Kondition. Auch deswegen interessiert mich die Fina-Kurzbahn-WM, die am 20. und 21.10. in Berlin stattfindet. Die Erklärung, dass Leistungssportler ausnahmslos Narzissten sind, ist zugegebenermaßen einfach. Dennoch stimmt sie wohl. Ich glaube tatsächlich, dass sportliche Höchstleistungen Versuche darstellen, den fehlenden Glanz in den Augen der Mutter später auszugleichen. Und dass Sport gefördert wird, weil er dumm hält.
Im Oktober ist Slime auf Tour. Ich habe Slime lange nicht mehr gehört, aber mir gefiel an ihren Texten immer, dass sie nicht nach Deutung, sondern nach Verarbeitung verlangen. Zum Beispiel "Linke Spießer"; da singt der Sänger Dirk "das singende Fußballstadion" Jora: "Ihr seid Lehrer und Beamte / seid Gelehrte, sogenannte / ihr schreibt Bücher, seid im Fernsehen / und ihr glaubt, dass wir euch gern sehen / und werden wir mal aggressiv / seid ihr auf einmal konservativ." Auf ihrer neuen Platte "Sich fügen heißt lügen" vertonen Slime Gedichte von Erich Mühsam. Das will ich mir anhören, vielleicht in Chemnitz, da spielen Kotzreiz als Support - dieser Name verlangt auch nach keiner Deutung.
Von Erich Mühsam will ich mir auch die Tagebücher holen, die im wunderbaren Verbrecher-Verlag erschienen sind. Ich glaube, dass sie ein unschätzbares Zeitdokument sind, viel interessanter als seine Gedichte. Mühsam hatte vermutlich nicht viel Zeit, große Literatur zu schreiben, weil er sich um seinen angewandten Anarchismus kümmern musste.
Interessant finde ich auch die Unterwegs-Messe, vom 3. bis 7.10. in der Dortmunder Westfalenhalle. Ich würde gern mit meiner Frau Anne mit dem Fahrrad um die Welt fahren und auf der Messe nach einem geeigneten Rennrad dafür suchen.
Im Radio, auf hr2, gibt es eine Sendung namens Doppel-Kopf, am 8.10. ist dort der peruanische Psychoanalytiker César Rodríguez Rabanal zu Gast. Normalerweise ist die Psychoanalyse ja eine Beschäftigung für Leute aus der Mittel- und Oberschicht, es geht immer um den Libidotrieb. Ich als informierter Laie behaupte aber, dass der Selbsterhaltungstrieb das Grundsätzliche ist, der sogenannte Geldkomplex eben. Daher ist es meiner Ansicht nach außergewöhnlich, dass sich Rabal als Analytiker mit den Auswirkungen des Elends auf die Seele beschäftigt. Er hat darüber auch ein Buch geschrieben, "Elend und Gewalt".
AUFGEZEICHNET VON ANKE DÜRR
Hinrichs, 37, bringt beim Berliner Festival "Foreign Affairs" seinen Monolog "Die Zeit singt dich tot" heraus (ab 20.10., www.berlinerfestspiele.de).

KulturSPIEGEL 10/2012
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