DER SPIEGEL

ZEITGESCHICHTEAnnalen des Todes

Der ermordete Walther Rathenau, jüdische Suizidopfer aus der NS-Zeit, ein Ost-Berliner Obdachloser, von Skinheads totgetreten - wie in einem Kaleidoskop der Zeitgeschichte sind ihre Schicksale in den Leichenbüchern der Gerichtsmediziner in der Berliner Charité verzeichnet.
Der deutsche Kaiser saß noch auf seinem Thron, als Mediziner in der Mitte Berlins das erste Absturzopfer der modernen Luftfahrt auseinanderschnitten: ihren Erfinder.
Auf dem Seziertisch vor ihnen lag ein wagemutiger Pionier, der mit wackeligem Fluggerät aus Weidenholz, Pappe und Stoff in die Luft gegangen, dann von einer Windböe erfaßt worden und jäh zu Boden gestürzt war. "Opfer müssen gebracht werden", hatte er gesagt. Er wurde zum Opfer.
"Otto Lilienthal, Ingenieur, geboren am 23. Mai 1848, gestorben am 10. August 1896. Todesursache: Wirbelbruch".
So steht es, in altdeutsch-üppiger Handschrift, im Archivbuch des "Instituts für gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität zu Berlin". Dieser Ort, gelegen in der Hannoverschen Straße Nr. 6, gleich neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof, ist auf makabre Weise mit Leichen von historischem Format gesegnet.
Tote beherbergt das zur Ost-Berliner Charité gehörende Institut seit mehr als hundert Jahren. So lange schon sezieren hier Generationen von Gerichtsmedizinern Opfer von Gewalt und Unfällen, auch Selbstmörder und Menschen, die aus zunächst ungeklärter Ursache gestorben sind.
Bis heute erweisen die Gerichtsmediziner den Verstorbenen damit einen letzten Dienst. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft dokumentieren sie Todesursachen mit berufstypischer Pedanterie, öffnen Schädel, Brust und Bauch und klären mit immer raffinierteren Methoden möglichst viele Details der Todesumstände - das hilft, einen Mörder zur Rechenschaft zu ziehen, wenn es einen gibt.
Weit mehr als 150 000 Menschen wurden in den schloßartigen Bau schon hineingetragen, aufgeschnitten und wieder hinausgetragen. Ihre Namen sind zu lesen in Jahrbüchern, die das Institut in seinem muffigen Keller auf- bewahrt. Hier stehen Schränke voller Bücher voller Leichen, jedes Buch dick wie ein Sargdeckel, auf jeder Seite sieben Schicksale, ein jedes abgehandelt als Einzeiler. Zum Beispiel:
"Erika Schmidt, zehn Jahre alt, gestorben am 5. Juli 1951. Todesursache: Ertrinken (Unfall)".
Keine noch so grausame Todesart fehlt in diesem Kompendium. Manche wurden zerquetscht, erwürgt, von Polizisten zu Tode gefoltert, erhängt, zerteilt, vergiftet oder verbrannt. Manche starben an den Wirren der Weimarer Republik, andere an Hitlers Haß, Mielkes Wahn oder den Verwerfungen infolge der deutschen Einheit. Und viele starben an den ganz besonderen Umständen ihrer Zeit: an Fusel, Bomben, Kälte, Terror oder am Schießbefehl, aus Verzweiflung, Übermut oder einfach daran, daß sie zur ungünstigen Zeit das Richtige tun wollten.
Kurz: Die Toten aus der Mitte Berlins erzählen eine schaurige Geschichte - die deutsche Historie aus der nüchternen Perspektive der Forensik.
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Am Montag, dem 8. März, ruft eine Berlinerin Polizei und Feuerwehr in die Bornholmer Straße 9a am Prenzlauer Berg. Sie sorgt sich um ihre Freundin Christa Rossak, 60, von der sie lange nichts gehört hat. Am Nachmittag brechen die Uniformierten die Wohnungstür auf - wenig später klingelt bei Professor Geserick das Telefon.
Das Klingeln ist ein schlechtes Zeichen. Gunther Geserick, 60, der fünfte Institutschef in diesem Jahrhundert, wird nur gerufen, wenn ein Kapitalverbrechen untersucht werden muß.
Geserick ist ein erfahrener Mann, ein Schüler seines Vorgängers, des berühmten Gerichtsmediziners Otto Prokop, 78 ("600 Veröffentlichungen, 40 000 Obduktionen, nie Mitglied einer Partei!"). Noch am Abend, nach Dienstschluß, steht er mit einem Kollegen im Sektionssaal. Christa Rossak liegt vor ihm; schon vier Wochen lang, so stellen sie fest, hat sie tot im Sessel gesessen.
* Im Vordergrund der Dorotheenstädtische Friedhof.
Zweieinhalb Stunden lang beugen sich die Gerichtsmediziner über die Leiche. Anwesend ist ein Sektionsgehilfe, Vertreter von Kripo und Staatsanwaltschaft, auch ein Polizeifotograf ist zugegen. Die Mediziner protokollieren jede Verletzung, ob am oder im Körper, kratzen Spuren aus der Unterseite der Fingernägel, suchen nach geplatzten Blutgefäßen. Mit Skalpell und Kreissäge arbeiten sie ruhig und emotionslos wie Kfz-Gutachter, die ein Autowrack unter die Lupe nehmen. "Stück für Stück", sagt Geserick, "kommen wir der Wahrheit näher."
Die Wahrheit: Obwohl die Verwesung bereits eingesetzt hatte und das Gesicht von Christa Rossak blau und aufgedunsen war, entdecken die Rechtsmediziner Drosselmarken am Hals. Die Frau ist erwürgt worden. Mit professioneller Distanz schreibt Geserick die Befunde in seinen Sektionsbericht; damit ist der Fall für ihn, bis zur Präsentation seines Gutachtens vor Gericht, erledigt.
Ein 49jähriger Bekannter von Christa Rossak hat die Tat wenig später gestanden. Er hatte sie getötet nach einem Streit um Geld für Alkohol. Dann hatte er mit ihrer EC-Karte Geld abgehoben und war zum Karneval nach Köln gefahren.
Geserick mag seinen Job. Seit elf Jahren ist er Chef des Instituts, und obwohl seine Aufgabe immer vor allem darin bestand, Leichen zu öffnen, hat sich in diesen Jahren fast alles verändert: die Arbeitsweise, aber auch die Toten selbst.
Zu DDR-Zeiten hatte Geserick viel Personal (65 Mann) und wenig Gerät, jetzt ist es andersherum. Die Spur des Verbrechens verfolgt Geserick mit Batterien von Computern, DNS-Sequenzern, PCR-Maschinen, Gas-Chromatographen und Fluoreszenz-Mikroskopen, aber nur noch mit der halben Mannschaft.
Zur technischen Aufrüstung gab es nach der Wende keine Alternative. Ost-Berlin ist Teil einer siedenden Metropole geworden. Die Beschaulichkeit der DDR ist dahin, das neue Berlin hektisch, bisweilen brutal. Die Hauptstadt Deutschlands gedeiht, aber schneller noch wachsen Gewalt und Verbrechen, und deshalb gibt es in Berlin gleich zwei weitere gerichtsmedizinische Institute, beide im Westen.
Die Toten aus dem Osten versorgt vor allem Geserick, seine alte Klientel erkennt der Gerichtsmediziner aber kaum wieder. 1990 wurde der erste Drogentote hineingetragen, da hatte der Institutstoxikologe noch keine Ahnung, wie Heroin nachzuweisen ist. Er hat sich darin geübt: Seit der Währungsunion fallen ihm Rauschgifttote Schlag auf Schlag ins Haus.
Auch sonst sahen DDR-Leichen anders aus. "In der DDR", sagt Geserick, "wurde ja viel unprofessioneller getötet."
Mord und Totschlag plagten auch den Arbeiter-und-Bauern-Staat, aber vergleichsweise selten und dann meist in der rohsten Form als "stumpfe Gewalt", so lautet das Fachwort etwa für Schlag- und Hiebverletzungen. Zur Gewalt kam es, wie Geserick erzählt, zumeist aus klassischen Motiven, oft beim Suff, aus Eifersucht, im Streit um eine Frau oder um Banalitäten. Auch Morde nach sexuellem Mißbrauch wurden häufig im Institut dokumentiert.
Die Toten, die der gesamtdeutsche Alltag jetzt ins Institut spült, sind auf andere Weise gezeichnet. "Stich und Schuß", sagt Geserick, "das kannten wir früher kaum."
Vor der Wende kamen Erschossene "von der Grenze", wie die Mauertoten schamhaft umschrieben wurden. Unter äußerster Geheimhaltung brachten Stasi-Offiziere viele von ihnen zur Sektion in die Gerichtsmedizin. Darunter war auch Reinhold Huhn, jener 20jährige DDR-Grenzposten, der 1962 von einem westdeutschen Fluchthelfer mit Schüssen in Herz und Rücken getötet worden war. Prokops Sektionsprotokoll hat den Angeklagten im erst jetzt geführten Mordprozeß vor dem Landgericht Moabit schwer belastet (SPIEGEL 8/1999).
Zehn Jahre nach der Wiedervereinigung gehören Leichen mit klaffenden Löchern in der Haut für die Gerichtsmediziner fast zum Institutsalltag. Schon die in Tabakläden und Kaufhäusern frei verkäuflichen Schreckschußpistolen reichen aus, so haben Gesericks Fachleute festgestellt, um Menschen zu töten. Wenn sie nahe genug an der Haut abgefeuert werden, kann das explodierende Mündungsgas das Herz zerfetzen oder den Schädel sprengen.
Zahllose Gruppen von jungen Berlinern sind mittlerweile bewaffnet - Jugendbanden, Dealer und Mafia-Gruppen, Russen, Türken, Bosnier und Skinheads. Über 40 Vietnamesen aus dem Milieu der Zigarettenschmuggler haben Gesericks Leute bereits seziert. Einmal wurden sechs Leichen in nur einer Nacht eingeliefert, alle hatten den gleichen Tod gefunden - hingerichtet mit einem Schuß ins Genick.
Bei seinem Obduktionsgut, wie er Leichen nennt, wird Geserick immer öfter zum letzten Zeugen einer neudeutschen Brutalität, die selbst ihn als hartgesottenen Rechtsmediziner schaudern läßt. Zum Beispiel die unter manchen Ost-Berliner Jugendlichen beliebte Freizeitbeschäftigung des "Assi-Aufklatschens". Ein Opfer, ein älterer Obdachloser, wurde von angetrunkenen jungen Skins totgetreten.
Immer wieder hatten sie auf den Kopf des am Boden Liegenden getreten - so oft und so stark, daß der Boden unter ihm nachgab. Als die Leiche gefunden wurde, war der Kopf förmlich ins Erdreich gestampft, und als Geserick während der Sektion den Schädel prüfte, wirkte der "wie mit dem Lkw überrollt". Die Wunden aber verrieten eindeutig die Tatwaffen: die harten Profilsohlen von Springerstiefeln.
"Warum tun die Leute so etwas?" fragt sich Geserick, während er sich professionell gefaßt über solche Leichen beugt, sich mit der Rippenschere, einer Art Bolzenschneider, Zugang zum Brustraum verschafft, um anzusehen, wie Sterbenden Rippen gebrochen wurden, wie Nieren durch Tritte zerquetscht wurden, wie ein Baseballschläger ein Schädeldach platzen ließ.
Dabei hatte die Wiedervereinigung so friedlich begonnen. Am 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, war Geserick im Geiste schon vorbereitet auf Dutzende Tote, die sich dann grausig in der Gerichtsmedizin aufstapeln würden wie in einem Frontlazarett, genau wie am 17. Juni 1953, als sowjetische Panzer den Volksaufstand in der DDR niederwalzten. Aber so kam es nicht. Die Mauer fiel, und niemand schoß; im Institut gingen nur die üblichen Fälle ein, Schädelbasisbrüche nach Unfällen und erhängte Selbstmörder.
Auch bei den Suizidenten hat sich die Wende bemerkbar gemacht. Zu DDR-Zeiten waren unter den Lebensmüden zwei Blutdruckmittel ("Obsidan" und "Cordanum") aus der Gruppe der Betablocker sehr gefragt. Jetzt sind diese Handelsnamen verschwunden, dafür aber über hundert Produkte aus der gleichen Stoffgruppe auf dem Markt. Deren Namen prägen sich nicht so gut ein, und darum hat Freitod durch Betablocker stark abgenommen. Erhängen, springen und sich vor die Bahn werfen, das sind die häufigsten Varianten.
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Aus dem Wasser des Landwehrkanals wurde vor fast genau 80 Jahren ein schon angewester, aufgeschwemmter Leichnam geborgen, der von Polizisten als "unbekannte Frauenperson" in die Hannoversche Straße Nr. 6 gefahren wurde. Hier wurde die entstellte Tote entkleidet, untersucht und identifiziert.
"Rosa Luxemburg, Dr. phil., Schriftstellerin. Geboren am 5. März 1870, Todesursache: Nicht festgestellt".
"Die alte Sau schwimmt schon", hatten die Täter nach dem Mord an der Vorkämpferin der deutschen Linken geprahlt. Mehr als fünf Monate hatte Rosa Luxemburg im Wasser gelegen. Freikorpsoffiziere hatten sie auf das übelste gequält. In ihrem Kopf steckte eine Kugel; ihr Körper zeigte Abdrücke von genagelten Schuhsohlen und den Gewehrkolben, mit denen sie geschlagen worden war. Wie keine andere wurde Rosa Luxemburg durch ihren Tod zur Symbolfigur von Kommunisten und Sozialdemokraten. Am gleichen Tag wie sie, dem 15. Januar, war auch ihr Weggefährte erschossen worden - Karl Liebknecht, Sektionsnummer 162/1919.
Diese Gewaltopfer markierten den Anfang einer mörderischen Zeit, in der sich Rechte und Linke auf offener Straße befehdeten, gemäß der Parole: "Willst du nicht mein Bruder sein, schlag'' ich dir den Schädel ein". Unbekannte Tote wurden zu jener Zeit von der Polizei noch im Gebäude öffentlich ausgestellt. Die Leichenschau traf auf gieriges Interesse, Fuhrleute, Straßendirnen und Schulklassen drängten sich vor den gekühlten Vi-trinen.
Auch das sogenannte Mordauto wurde in dieser Zeit von der Kriminalpolizei in Dienst gestellt. Die Limousine enthielt alle Geräte, die Gerichtsmediziner am Tatort brauchen, um an frischen Leichen erste Spuren zu sichern, Textilfasern etwa oder die Körper- und Umgebungstemperatur, denn mit diesen Werten läßt sich auf den Zeitpunkt des Todes schließen.
Das Auto war oft im Einsatz. Von Kommunisten getötet wurden die beiden Polizeihauptleute Franz Lenk und Paul Anlauf (der lokalen KP bekannt als "Totenkopf" und "Schweinebacke"). Die Kugeln trafen sie in den Rücken am 9. August 1931 auf dem Bülowplatz. Einer der Schützen war Erich Mielke, damals 23.
Der unbedeutende SA-Mann Horst Wessel wurde 1930 nach einem Streit mit seiner Vermieterin im Laufe einer sogenannten proletarischen Abreibung angeschossen, sechs Wochen später starb er an den Folgen. Die NSDAP erhob den toten Texter der Nazi-Hymne "Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen" zu ihrem Lieblingsmärtyrer. Andere NSDAP-Mitglieder hingegen ließ Hitler wenig später selbst umlegen: den ideologisch abtrünnigen Nazi-Theoretiker Gregor Straßer etwa oder den machthungrigen SA-Stabschef Ernst Röhm - sie alle lagen auf den stählernen Seziertischen der Berliner Charité.
Der Leichnam Walther Rathenaus, des Außenministers der Weimarer Republik, war schon 1922 im Institut unter der Sektionsnummer 1016/22 geöffnet worden. Er hatte hinten gesessen, im offenen Fond seines Wagens, als die Täter mit ihrem Auto gleichauf fuhren, ihn beschossen und ihm eine Handgranate entgegenschleuderten. Die Täter waren Rechtsradikale, die damals gern den Vers grölten: "Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau." Dieser Mord war ein Fanal.
Spätestens seit Ende der dreißiger Jahre fand der entfesselte Antisemitismus im Leichenkeller der Gerichtsmedizin ein gespenstisches Abbild. Unter den Juden brach eine regelrechte Suizid-Epidemie aus. Nur noch mit Schlaftabletten, Strick oder Sprung glaubten sie, der Verfolgung und drohenden Deportation entfliehen zu können; auch der jüdische Gerichtsmediziner Paul Fraenckel, für kurze Zeit Leiter des Instituts, nahm sich das Leben.
Penibel auf Ordnung bedacht, wie bei Gerichtsmedizinern üblich, wurden die Opfer dieser Selbstmord-Epidemie aufgelistet, mitsamt dem zweiten Vornamen Israel für Männer und Sara für Frauen, die Hitler ihnen zur leichten Identifizierung seit 1938 aufgezwungen hatte. Schnell füllte sich das Leichenbuch.
"Walter Israel Weidenreich, Kaufmann, geboren am 22. April 1913, eingeliefert am 8. Januar 1942. Todesursache: Schlafmittelvergiftung".
Allein am 11. Januar 1942, ein wahllos herausgegriffenes Datum, wurden zwölf Leichen in die Gerichtsmedizin gebracht, sechs von ihnen waren in den Freitod geflüchtete Juden. Im gesamten August 1942 wurden rund 380 Tote eingeliefert, 89 von ihnen trugen jüdische Namen, nur vier starben natürliche Tode.
In den Büchern findet sich kein Hinweis, daß Juden, weil sie Juden waren, von den Gerichtsmedizinern nachlässig seziert worden wären. Zu jeder Leiche gehörte ein Aktenzeichen, unter dem der Fall bei der Staatsanwaltschaft geführt wurde. Und während längst die Züge nach Auschwitz rollten, fahndeten Kriminalisten im Zentrum des Dritten Reichs bisweilen sogar nach Mördern von Juden. Ein Täter, der im November 1942 die Jüdin Vera Korn und ihre Tochter Eva beraubt, getötet und zerstückelt hatte, wurde 1944 hingerichtet.
Es sind solche Widersprüche im NS-Regime, die seine Verbrechen noch unfaßlicher machen. 31 Zwangsarbeiter aus den Niederlanden und Belgien, im Einsatz bei der Firma Steinrück in Berlin, wurden am 4. Juni 1943 bei Tegel erschossen - und dann zur Dokumentation ihrer Wunden in die Gerichtsmedizin gefahren. Mißhandelte KZ-Häftlinge aus Sachsenhausen werden eingeliefert (häufige Todesursache, euphemistisch: "allgemeine Körperschwäche"). Gefangene starben auf Polizeistationen und im Gestapo-Gefängnis, und anstatt ihre Taten zu vertuschen, luden die Täter viele ihrer Opfer in der Hannoverschen Straße Nr. 6 ab.
Während alledem hagelten die Bomben auf die Reichshauptstadt. Seit dem 26. August 1940 füllen ihre Opfer unzählige Seiten im Archivbuch der Gerichtsmedizin. In der Rubrik Todesursache steht schlicht: "Feindeinwirkung", "Fliegerbombe", "Bombensplitterverletzung".
Die letzte Eintragung aus Nazi-Deutschland datiert vom 22. April 1945. Die Rote Armee hält bereits Teile der Stadt besetzt, als SS-Männer kurz nach Mitternacht 21 Gefangene aus ihren Zellen führen mit dem Versprechen, sie freizulassen. Die Gefangenen gehören zum Umkreis des Widerstandes vom 20. Juli, unter ihnen Klaus Bonhoeffer und Rüdiger Schleicher. Die SS gibt ihnen nicht die Freiheit, sondern den Genickschuß.
Auf die Vermerke über diese Toten folgt etwas Einmaliges: eine leere Seite im Archivbuch. Noch nie haben die Gerichtsmediziner in ihrer Registratur eine Seite freigelassen. Das weiße Papier deutet an, daß sie von nun an einige hundert Leichen verpaßt haben. Draußen bricht das Chaos aus, und die Mediziner verschanzen sich im Bunker. Häuserkampf, Hitler erschießt sich, die Wehrmacht streckt die Waffen. Einmarsch der Roten Armee.
Vier Wochen später geht der Obduktionsbetrieb weiter wie eh und je. Der Hungerwinter kommt, und wieder entdecken die Gerichtsmediziner in der Sektionshalle Todesarten, die vom Beginn einer neuen Zeit künden: Verhungern, Erfrieren, Vergiftungen mit selbstgebranntem Fusel.
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Institutschef Geserick steigt selten hinab ins Archiv, um sich der Toten der Vergangenheit zu erinnern. Er denkt lieber an die Gestorbenen des Tages. Ihn grämt, daß er nur noch wenige Leichen sezieren darf. In der DDR, wo es zur Obduktion keiner Aufforderung eines Staatsanwalts bedurfte, öffnete das Institut routinemäßig rund
* Mit Beilen eingeschlagene Schädel.
2000 Verstorbene im Jahr. Jetzt sind es nur noch 500, und Geserick fürchtet, daß manches Mordopfer unerkannt als friedlich Entschlafener beerdigt wird.
Schuld daran ist vor allem die oft verpfuschte Leichenschau. "Bis zu 65 Prozent der Totenscheine", sagt Geserick, "sind falsch." Nach bundesdeutschem Recht sind alle Ärzte, ob Sportmediziner oder Kurarzt, zur Leichenschau verpflichtet. Deren Bequemlichkeit, Scheu oder Unvermögen enden nicht selten in Fehlleistungen: "Herzversagen" steht dann auf dem Totenschein, trotz der Einschußlöcher unter dem Hemd. Die Todesursache wird mit "Infarkt" angegeben, obwohl der Tote Würgemale an der Kehle trägt.
Seltsam widersprüchlich ist der Umgang mit Leichen in der Bundesrepublik geworden. Bei einem Großteil wird geschludert. Diejenigen aber, die dennoch bei den Gerichtsmedizinern landen, werden in stundenlanger Sitzung nach vorgeschriebenem Ritual eher überdiagnostiziert. Ganz gleich, ob Unfall, offensichtlicher Mord oder Selbstmord: Jeder Leiche entnehmen die Rechtsmediziner Proben aus Hirn, Leber und Niere, dazu Urin, Hirnflüssigkeit und Blut, das sie nach Alkohol, oft auch nach Giften und illegalen Drogen absuchen. In diesen Punkten möchten sie sichergehen.
Weil aber ein Großteil der Totenscheine falsch ist, geht nicht nur mancher Mörder straffrei aus - auch die Todesstatistik stimmt nicht mehr. Und das fuchst einen peniblen Gerichtsmediziner wie Geserick. Nach über 35 Jahren Berufsjahren und vielen tausend Obduktionen muß er nun bekennen: "Wir wissen nicht, woran die Deutschen wirklich sterben." MARCO EVERS
* Im Vordergrund der Dorotheenstädtische Friedhof. * Mit Beilen eingeschlagene Schädel.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 13/1999
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