DER SPIEGEL

KONZERNEDie Gegen-Wette

Durch den Kauf etlicher Springer-Blätter steigt die Essener Funke-Gruppe zu einem der mächtigsten Medienhäuser des Landes auf. Was will die Verlagsspitze mit dem publizistischen Paket eigentlich? Nur Geld verdienen?
Essen ist nicht überall schön. Aber hier, an dieser Adresse, Friedrichstraße 34 bis 38, ist es besonders unansehnlich. Das Haus, in dem die Funke Mediengruppe residiert, hat den Charme eines in den achtziger Jahren vergessenen Landratsamts: braune Alu-Fenster, Türen aus getöntem Glas, Hauswände in gesprenkeltem Granit, der auch prima für Grabplatten geeignet wäre. Drinnen sitzt ein Manager und sagt, das Selbstbewusstsein der Region lasse sich am besten ablesen an dem Ruhrgebietsspruch: "Woanders ist auch scheiße."
Vielleicht war auch das ein Grund dafür, dass das gesamte Unternehmen vor ein paar Monaten umbenannt wurde. Aus der "WAZ-Gruppe" wurde die "Funke-Mediengruppe". Einerseits ging es da um eine neue Eigentümerstruktur, andererseits aber auch ums Image. WAZ stand für "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", stand für "Ruhrgebiet", stand für - siehe oben.
Dass man davon wegwill, ist verständlich. Andererseits: Wofür Funke steht, weiß noch niemand. Und lange - genauer gesagt: bis zum 25. Juli - hat es auch kaum jemanden interessiert. An jenem Tag hat Funke von der Axel Springer AG ein Paket an Zeitungen und Zeitschriften gekauft, darunter das "Hamburger Abendblatt", die "Berliner Morgenpost", die "Hörzu" und "Bild der Frau", für 920 Millionen Euro.
Das Geschäft macht die Funke-Gruppe auf einen Schlag zur Nummer zwei im hiesigen Zeitschriftenmarkt und zur Nummer eins bei den Regionalzeitungen, wenn das Kartellamt zustimmt. Die Provinzgröße wird so zu einem gesamtdeutschen Verlagsriesen, für den 1500 Journalisten arbeiten bei 33 Zeitungen und 177 Zeitschriften mit einer Gesamtauflage von mehr als zwölf Millionen Exemplaren.
Als der Deal verkündet war, redete und schrieb die gesamte Zunft fast nur darüber, was das alles für Springer bedeutet. Vorstandschef Mathias Döpfner suchte die Deutungshoheit und sprach von digitalen Visionen. Verlegerwitwe Friede Springer sekundierte mit düsteren Abschiedsworten: "Das Alte ist vergangen, wirklich vergangen."
Bei Funke redete niemand. Es gab nur ein paar dürre Worte in einer Pressemitteilung. Ansonsten verfestigte sich der allgemeine Eindruck, dass sich ein paar Provinzheinis einen Haufen Ladenhüter hatten andrehen lassen. Als zwei Wochen später Amazon-Gründer Jeff Bezos auch noch das Weltblatt "Washington Post" für nicht einmal ein Fünftel der Summe kaufte, die die Essener für ihr Paket investieren, zurrte die Branche ihr Urteil fest: Funke steht für die, die noch nicht begriffen haben, dass es abwärts geht.
Freitag vergangener Woche dann steht im Richard-Wagner-Saal des Luxushotels Elephant mitten in Weimar Funke-Geschäftsführer Christian Nienhaus und redet erstmals gegen diese Deutung an.
Der Verlag verabschiedet den Chefredakteur eines seiner Titel, der "Thüringischen Landeszeitung". In der Einladung steht etwas von "Epochenwechsel", aber das bezieht sich nur auf das Regionalblatt. Es ist ein Festakt, der zugleich die Wichtigkeit der Institution Zeitung zelebrieren soll. Neben Nienhaus redet auch die Ministerpräsidentin.
Nienhaus entwirft in seiner Rede das Bild der Regionalzeitung mit "Lokalpatriotismus". Mit "Nähe zu den Menschen", die nicht nur postuliert werde, sondern real sei. "Wenn wir diesen Ansatz weiterverfolgen und weiterentwickeln, dann hat Regionaljournalismus eine Zukunft."
"Uns ist bewusst", sagt er zu dem Springer-Deal, "dass diese Rolle mit einer enormen Verantwortung verbunden ist." Und dann folgt ein Satz, der auch an die Chefs der Redaktionen gerichtet ist, die Springer an Funke weiterreicht. "Der Chefredakteur ist frei in der Gestaltung der Inhalte." Das dürfte auch heißen, dass die Chefredakteure allein entscheiden, ob sie Inhalte von anderen Redaktionen, von Newsdesks oder von der bei Springer verbleibenden "Welt"-Redaktion geliefert bekommen.
Als der Deal mit Springer bekannt wurde, mussten sich komplette Redaktionen mit der Frage auseinandersetzen: Kann man Funke trauen?
Der Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", Lars Haider, lud daraufhin einen befreundeten Kollegen zu sich in die Redaktion, um ihm genau diese Fragen zu stellen: Wie ist es eigentlich, wenn Funke eine Zeitung übernimmt? Sparen die alles kaputt? Legen die alles zusammen? Regieren die überall rein?
Der befreundete Kollege war Armin Maus, Chefredakteur der "Braunschweiger Zeitung", die 2007 von den Essenern gekauft worden war. Haider und einer vertraulichen kleinen Runde von "Abendblatt"-Ressortleitern berichtete er von seinem Alltag als Regionalzeitungsmacher im Funke-Reich.
90 bis 95 Prozent der Inhalte produziere er vor Ort, es rede ihm niemand rein, und es dränge ihm auch niemand Zusammenarbeit mit anderen Redaktionen auf, die er nicht wolle, erzählte Maus den verdutzten Noch-Springer-Leuten, denen die Zusammenarbeit mit "Welt" und "Berliner Morgenpost" vor einem Jahr von oben verordnet worden war.
Das Wichtigste sei für ihn: Die Essener hätten Respekt vor der regionalen Marke. Sie wüssten, dass man nicht beliebig Texte von der "WAZ" in die "Thüringer Allgemeine" und zur "Braunschweiger Zeitung" transferieren könne, ohne die Eigenart einer Zeitung zu gefährden. Und: Er habe einen Arbeitgeber, der ans Regionalzeitungsgeschäft glaube.
Jeder Verlag hat sein Image. Springer flieht ins Digitale. Bauer geizt sich an die Spitze. Gruner + Jahr pflegt die Erscheinung der Edel-Postillen-Manufaktur. Burda macht mit Tierfutterhandel im Internet mehr als doppelt so viel Umsatz wie mit dem "Focus". Und wofür steht Funke? Bester Kenner der Zeitungsleser in der deutschen Provinz?
So richtig wissen es auch die Manager, Chefredakteure und Gesellschafter noch nicht, die das Unternehmen lenken. Am liebsten sähen sie sich natürlich als letzte Bastion derer, die noch an die Zukunft der Zeitungen glauben, an den demokratischen Auftrag des Journalismus, an die Unabhängigkeit von Redaktionen und die Einzigartigkeit jeder Regionalzeitung, kurz: "als Last Man Standing", wie ein Gesellschafter das formuliert.
Aber das ist nicht ganz leicht zu vermitteln, weil der Name "WAZ" immer noch für etwas anderes steht. Für sinkende Auflagen beispielsweise - allein beim Flaggschiff "Westdeutsche Allgemeine" rutschte sie um mehr als ein Drittel seit dem Jahr 2000. Er steht auch für Stellenabbau oder die Schließung der Redaktion der "Westfälischen Rundschau" mit 120 Redakteuren Anfang des Jahres. Ebenso für Zeitschriften wie "Die aktuelle", "Frau im Spiegel" oder "Das Goldene Blatt", deren Klatsch- und Tratschgeschichten mit Journalismus meist so viel zu tun haben wie Dosen-Ravioli mit einem Drei-Sterne-Restaurant.
Andererseits ist in den Gesprächen mit Funke-Leuten spürbar, dass vor allem die Manager und Chefredakteure des Hauses sich vom Kauf der Springer-Blätter einen Wandel des eigenen Unternehmens erhoffen. Weg von "Woanders ist auch scheiße". Hin zu mehr Professionalität, Transparenz, Selbstbewusstsein.
Da wird geradezu geschwärmt über die TV-Gala "Die Goldene Kamera", die quasi mit der "Hörzu" eingekauft wurde. Da wird das "Hamburger Abendblatt" als Vorbild der Transformation einer Tageszeitung ins Digitale gelobt - eine klare Digitalstrategie hat das Unternehmen Funke bis heute nicht. Da wünschen sich Manager den Stolz, mit dem Springer-Leute von ihrem Arbeitgeber reden, für ihren eigenen Laden.
Mehr haben, mehr sein, mehr gelten: Als ob der Springer-Deal keine neuen Probleme schaffe, sondern nur die alten löse.
Die Ruhrpottwurstigkeit hatte im Unternehmen groteske Ausmaße angenommen. Die vier NRW-Zeitungen etwa wurden jahrelang so geführt, dass es unmöglich war, zu erkennen, wer eigentlich das Geld verdient und wer es verliert.
Chefredakteure wurden schon mal aus persönlichem Gefallen ernannt. Und als sich der Konzern daranmachte, Südosteuropa publizistisch zu erobern, ging man waghalsige Konstruktionen mit ehemaligen Staatsbetrieben, Strohmännern und anderen zwielichtigen Partnern ein.
Der Geschäftsführer fuhr irgendwann in einer gepanzerten Limousine. Am Ende brachte das Balkan-Abenteuer außer viel Ärger noch 300 Millionen Euro Verlust.
Um zu verstehen, was die Funke-Leute gerade antreibt, muss man ein paar Schritte in die Vergangenheit gehen, also in jene Zeit, in der das Unternehmen noch WAZ hieß und in einer nahezu perfekten Selbstblockade gefangen war.
Damals gehörte der Konzern noch zu jeweils 50 Prozent zwei Familienstämmen - den Brosts und den Funkes - die im Laufe der Jahre immer mehr Zeit darauf verwendeten, interne Feindschaften zu pflegen. Der Riss im Unternehmen ging derart tief, so erzählen es Manager, dass bis in den Vertrieb hinein jeder Angestellte entweder als Funke- oder als Brost-Soldat galt.
Jahrelang ging das mit Prozessen gegen- und Geheimverträgen untereinander zwischen den Gesellschaftern hin und her. Eine besondere Rolle spielte Günther Grotkamp, Ehemann der Miteigentümerin Petra Grotkamp. Er war mal Geschäftsführer des Unternehmens, bis Ende der neunziger Jahre, und überzog später im Namen seiner Frau die Mitgesellschafter mit Klagen.
Den Kulturwandel leitete dann ausgerechnet seine Frau Petra ein. Nicht nur, dass sie das Unternehmen aus seiner Lähmung befreite, als sie vor gut einem Jahr den 50-Prozent-Anteil der Familie Brost kaufte - für geschätzt eine halbe Milliarde Euro. Seitdem besitzt sie 66,7 Prozent des Konzerns und ist eine der mächtigen Medienfrauen der Republik - eine Liga mit Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn oder Friede Springer.
Petra Grotkamp änderte auch den Stil des Hauses, was ihr zuvor niemand zugetraut hätte. Jahrelang hatte Ehemann Günther in ihrem Namen eher raubeinig agiert. Die von ihren Managern als zurückhaltende Person beschriebene, vor einer größeren Menschenmenge beinahe schüchtern auftretende Ehefrau trat kaum in Erscheinung.
Seit sie jedoch die Mehrheit der Anteile besitzt, tritt Günther Grotkamp nicht mehr an ihrer Stelle auf, und sie nimmt die Aufgaben als Gesellschafterin selbst wahr - freundlich, leise, dabei verbindlich.
Sonst lässt sie zwei Anwälte der Familie agieren, die als ebenso verschwiegen wie rational gelten. Auch der Kauf der Springer-Titel sei mit den Minderheitsgesellschaftern entspannt besprochen und in neuer Eintracht beschlossen worden. "Früher wussten die Gesellschafter voneinander nur die nächsten Gerichtstermine", sagt einer aus dem engsten Führungszirkel. "Heute denken sie auch daran, wann der andere Geburtstag hat."
Die neue Mehrheitsgesellschafterin wolle nach den zermürbenden Jahren voller Prozesse vor allem eines: westfälischen Friede im Unternehmen. Keine Rache, kein Durchregieren, keine Machtallüren. Das Unternehmen ist geeint - und deshalb fühlt es sich im Augenblick auch so stark, dass es selbst einen Kampf mit dem Zeitgeist aufzunehmen wagt. Denn natürlich ist es auch eine Art Wette gegen Springer.
Ob es am Ende wirklich mehr Geld bringt, aus Teilen des Stammgeschäfts auszusteigen und den Erlös in einem Metier anzulegen, in dem man eigentlich Fremder ist. Oder ob es - so die strategische Entscheidung der Funke-Leute - klüger ist, in dem Geschäft zu bleiben, von dem man etwas zu verstehen meint, weil man es seit Jahrzehnten betreibt.
Aus dem Bauch heraus geschah der Kauf jedenfalls nicht. Schon vor Jahren hatten die Konzerneigner ihren 25-Prozent-Anteil am Otto-Versandhandel verkauft. "Das war nicht unsere Welt", wie ein Gesellschafter mit einer Spitze gegen Burda sagt, "weshalb wir unser Glück auch nicht mit dem Handel von Tierfutter versuchen werden."
Der Kaufpreis von 920 Millionen Euro, so ist das interne Kalkül, soll in fünf bis sechs Jahren refinanziert sein. Und da sei ein weiteres Schwinden der Auflagen bereits eingerechnet, so ein Manager. Denkbar sei auch, dass der Konzern seinen 50-Prozent-Anteil an der österreichischen "Kronen Zeitung" verkaufe. Das könnte 150 bis 200 Millionen Euro bringen.
In jedem Fall werden die Funke-Leute ihre alten und neuen Blätter mit kühlem Blick auf Rendite trimmen. Vor allem bei den Zeitschriften wird das Arbeitsplätze kosten.
Doch das ist bloß der Routine-Teil der Arbeit, der jetzt ansteht. Sparen, streichen, Geld verdienen. Die Kür wäre es, dem Laden ein neues Selbstbewusstsein zu geben, das auch ein journalistisches sein muss.
Ende 2015, will die Funke-Gruppe ausziehen aus ihrem angejahrten Firmensitz an der Essener Friedrichstraße, ins neue "Funke Media Office". Bei dem Neubau dominieren die Farben Schwarz, Weiß und Silber, was an den Zeitungsdruck erinnern soll, an Druckerschwärze, silberne Stempel und weißes Papier. Es ist auch architektonisch ein Gegenentwurf zum geplanten Axel Springer Campus in Berlin, der ja vor allem Start-up-Atmosphäre versprühen möchte.
Für den Neubau wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben. Zum Zuge kam schließlich ein Architekturbüro mit einem aufmunternden Namen: "AllesWirdGut".
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 36/2013
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