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LAUSCHANGRIFFEWanzen für Tito

Die Bundesregierung hat im Kalten Krieg osteuropäische Staats- und Regierungschefs bei Besuchen in Bonn abhören lassen. Das geht aus Unterlagen des Bundesnachrichtendienstes (BND) hervor. Demnach fragte der BND 1974 vor der Visite von Jugoslawiens Staatspräsident Josip Broz Tito beim Kanzleramt an, ob eine Lauschvorrichtung angebracht werden solle. In Bonn regierte damals Kanzler Willy Brandt (SPD). Dessen Kanzleramtschef Horst Grabert beantwortete die Anfrage laut einer Notiz des BND: "Ja, übliches Verfahren, Tatsache darf keinesfalls bekannt werden." BND-Veteranen erzählen, dass sie auch Kreml-Führer Leonid Breschnew und DDR-Chef Erich Honecker bei Reisen an den Rhein mit Wanzen abhörten. Nach Angaben ehemaliger Kanzleramtsbeamter schnitt der BND nur Gespräche von Besuchern mit, die geografisch "aus einer gewissen Richtung kamen", nicht jedoch Verbündete. Der BND begründete die Maßnahmen intern mit dem Hinweis, es handle sich um "Geheimnisträger fremder Mächte"; diese verfügten über Wissen, das für die Sicherheit der Republik "von Bedeutung" sei.

DER SPIEGEL 40/2013
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