DER SPIEGEL

KLIMAAufbruch am Blueberry Hill

Neue Pisten und viel Technik sollen den Harz wieder in ein Juwel des Wintersports verwandeln. Doch der Start ist erst mal gescheitert: Es war selbst für Kunstschnee zu warm.
Die neue Todespiste beginnt auf dem höchsten Gipfel Niedersachsens. Offiziell als "schwarz" und "schwer buckelig" eingestuft, zieht sie sich mit bis zu 60 Prozent Neigung vom 971 Meter hohen Wurmberg Richtung Tal hinab.
Am vergangenen Samstag sollte der "Hexenritt" eingeweiht werden. 16,5 Hektar Wald hat die Stadt Braunlage für ein großes Skigebiet geopfert. Tausende Gäste wurden zum "Opening" erwartet. 97 Schneilanzen standen bereit - lange Aluminiumrohre, die Wasser in die Umgebungsluft pusten, das dort zu Eis erstarrt.
Weiße Pracht im Überfluss - das war der Plan. Sogar einen künstlichen Speichersee haben die Betreiber gebaut. Der Gesamtpreis für das neue Skiparadies liegt bei zwölf Millionen Euro.
Doch dann, am Mittwoch vergangener Woche, kam die Absage - zu warm. Die Berieselungsgeräte brauchen Temperaturen unter zwei Grad minus. Wochenlang hatte der örtliche Tourismusverein getrommelt. Ein Radiosender wollte live übertragen.
Und nun wieder nur Matsch.
Entsprechend zerknirscht gab sich Braunlages Bürgermeister Stefan Grote von der SPD. Allein die Ankündigung, neue Pisten zu schaffen, habe den seit Jahrzehnten währenden Gästeschwund in seiner Heimatstadt gestoppt, erzählt er: "Zuletzt hatten wir acht Prozent mehr Übernachtungen."
Die Gegner des Kunstschnees dagegen sahen sich bestätigt. In Zeiten der Erderwärmung die Alpinisten in den Harz locken zu wollen sei eine "Verzweiflungstat", sagt der Umweltschützer Friedhart Knolle.
Mit Macht hatten die Umweltschützer vom BUND versucht, das Projekt zu kippen. Der Streit ging bis vors Verwaltungsgericht Braunschweig. Doch nach einer Anhörung dort einigte man sich. Die Macher haben sich weiteren Öko-Auflagen gebeugt.
Nur einige Gegner blieben hart. Im August übten Anhänger einer "Earth Liberation Front" ein Attentat aus. Sie zerstörten heimlich Baufahrzeuge und durchtrennten die Kabel für Gondel- und Beschneiungsanlagen.
Grote nennt das einen Akt der Selbstzerstörung.
Mit Bergwandern allein, da ist sich die Branche einig, lasse sich der touristische Niedergang des Harzes nicht stoppen. Auch nicht mit Rentner-Loipen oder Kräuter-Watching. "Natur ist schön und wichtig", meint der Bürgermeister, "aber wir brauchen die Wintersportler zum Überleben."
Eine Million Gäste pro Jahr, die auch nachts blieben, hatte Braunlage mal. Jetzt sind es weniger als 600 000. Zudem darbt die Region demografisch. "Bei den 20- bis 50-Jährigen klafft mittlerweile eine Riesenlücke", erklärt Grote. Stattdessen fühlen sich bedrohte Tiere wie der Luchs und der Sperlingskauz in den entvölkerten Fluren wieder wohl.
Aber die Gegenoffensive der Harzbewohner ist angelaufen. Sie wollen raus aus der Flaute. Einige reden vor lauter Verzweiflung gar von "Aufbruchstimmung".
In jedem Winkel, so scheint es, entstehen derzeit neue Rodelrutschen und Fun-Parks. Selbst im betulichen Thale ist "Downhillspaß" angesagt. Hier wurde jüngst eine künstliche Schneetrasse für Schlauchrutscher eröffnet ("Snowtubing").
Sogar die "Airborder", verehrt als neue "Gladiatoren des Wintersports", rasen mit ihren Luftkissenschlitten (Temporekord: 141 Stundenkilometer) die Harzhänge hinab.
Und auch der Bocksberg bei Hahnenklee stellt jetzt auf Kunstschnee um, für rund 6,5 Millionen Euro. Das Geld kommt aus privater Hand. Die Betonfundamente für einen Sessellift, der pro Stunde 1800 Personen befördern kann, werden derzeit gegossen.
Zwar sei es nicht das Ziel, "alkohol- und ausschweifungsfokussierte Halbstarke" anzuwerben, heißt es bei der Wurmberg-Seilbahn GmbH. Aber vom Image der drögen Senioren-Destination will man sich schon gern lösen.
Dabei hatte alles so gut angefangen damals. Bereits im Jahr 1883 schnallte sich ein Braunlager Oberförster Skier unter - eine Pioniertat im Bismarck-Reich. In den siebziger Jahren war der Westharz von Schülern auf Klassenreise verstopft. Im Ostteil fuhr man mit der Schmalspurbahn.
Dann kam der Einbruch. Zu viel Mief, zu viele Geweihe an der Wand. Wer konnte, fuhr gleich in die Alpen. Selbst Dänen und Holländer hielten kaum noch an. Zurück blieben Kleingärtner auf Tagestour oder Asthmatiker, die sich im Bergwerk von Bad Grund zum Heilatmen einfanden.
Nur einige Städtchen im Osten gingen nach der Wende einen Sonderweg. Das Fachwerkwunder Wernigerode wurde fein rausgeputzt. Quedlinburg erlangte Weltkulturerbe-Status. Von dort werden Besucherrekorde gemeldet.
Aufs Ganze gesehen aber verschratete der Höhenrücken - auch kulinarisch. Nicht eine einzige Käserei stellt dort noch Harzer Roller her. Das Clausthaler Bier wird in Frankfurt am Main gebraut.
Fast tragisch verlief der Niedergang von Schierke, bewohnt von 600 Menschen. Kein Ort liegt näher am berühmten Brocken. In der Weimarer Republik kamen Filmstars und Bankiers aus Berlin in das "Sankt Moritz des Nordens".
Nach der Teilung lag Schierke plötzlich im Sperrgebiet. Nur Linientreue mit Passierschein wurden vorgelassen. FDJ, Stasi und Volksarmee hatten dort Ferienanlagen.
Von dieser "Belagerung", heißt es, habe man sich nie recht erholt. Zwar kommen jährlich rund 1,5 Millionen Tagesgäste, doch viele sind enttäuscht. Die alte Bobbahn, einst ein schneller Eiskanal, ist zur lahmen Abfahrt verkommen, sie heißt heute "Großmutter-Rodelbahn". Beim "Brockenwirt" gibt es Erbsensuppe aus der Gulaschkanone.
Doch inzwischen geht es auch in Schierke voran. Aus Angst vor dem Finanzkollaps hat sich die Gemeinde dem erfolgreichen Wernigerode angegliedert. Ein "Ortsentwicklungskonzept" wurde gestartet. Bagger reißen die Straßen auf. Bis 2018 sollen für 36 Millionen Euro neue Zuwege samt Kurhaus sowie Parkplätze für die Tagesgäste entstehen.
Bürgermeisterin Christiane Hopstock (CDU) hat noch gewaltigere Visionen. Sie weist nach Westen, zum Winterberg. Zu
DDR-Zeiten lag er im Sperrgebiet und verwilderte. Sie will die Hänge wieder fit machen. Mehr noch: Geplant ist, per Lift eine Verbindung zum drei Kilometer entfernten Skigebiet von Braunlage herzustellen.
Schwebend über den ehemaligen Eisernen Vorhang - auf einen Schlag würde so ein Dorado mit 30 Pistenkilometern entstehen.
Der Groll der Umweltschützer soll durch die Tatsache gemildert werden, dass moderne Schneilanzen ziemlich wenig Strom schlucken. Die hundert Schneeröhren in Braunlage verbrauchen pro Winter 200 000 Kilowattstunden - weniger als eine öffentliche Sauna.
Zudem: Die neuen Lifte kommen auch in Frühjahr, Sommer und Herbst zum Einsatz. Dann fahren die "Downwheeler" die grünen Hänge hinauf. Deren neuestes Trendgefährt, der "Monsterroller", kann in Braunlage ausgeliehen werden. Es ist ein Tretroller mit gewaltigen Stollenreifen und Scheibenbremsen.
Überall juckeln Segways durchs Gehölz. In den Lüften schweben derweil die Paraglider.
Wer von den Anglizismen noch nicht genug hat, kann sich an der Rappbodetalsperre, der höchsten Staumauer Deutschlands, mit "Wallrunning" ertüchtigen. Gleich daneben sind seit kurzem zwei mehr als tausend Meter lange Stahltaue über den Abgrund gespannt. Es ist die längste Seilrutsche der Republik. Angehakte rasen mit 80 Stundenkilometern in die Tiefe.
Keine Frage: Der Harz rüstet um vom Spieß- zum Spaßgebirge.
Zwar trifft man noch überall auf Verfall und Geschmacksverirrungen. In Braunlage grüßt die "Tenne am Blueberry Hill". Im Februar lädt die Stadt zum Nacktrodeln. In Sankt Andreasberg werden alljährlich in einem Wettbewerb röhrende Hirsche nachgeahmt.
Doch zwischen die durchgelegenen Pensionsbetten und gehäkelten Eierwärmer mischen sich zunehmend auch schicke Ferienhäuser, Lodges und Luxushotels. Sogar Edelgastronomie siedelt sich an, wenn auch zögerlich. Einige Wirte kredenzen wieder das traditionelle "Gosebier" oder Gulasch vom heimischen "Roten Höhenvieh". Das berüchtigte Café "Brockenblick" in Torfhaus, das den Latte macchiato im Kännchen servierte, ist abgerissen.
Geht es also voran?
In Bad Harzburg jedenfalls wurden kürzlich reiche Investoren aus Russland gesichtet. Wie in Sankt Moritz.
* Nach dem Kälteeinbruch Anfang Dezember.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 51/2013
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