DER SPIEGEL

ZEITGESCHICHTE„Rechts vom Führer“

Das Tagebuch des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg dokumentiert dessen dumpfe Gedankenwelt und bietet Einblicke in den zerstrittenen Führungszirkel Hitlers.
Als um ihn herum die Welt im Chaos versank, sinnierte Alfred Rosenberg über Rilke: "Welch eine ferne, in manchem aber doch wieder anregende Welt", schrieb der Reichsminister am 3. Dezember 1944 in sein Tagebuch. Rainer Maria Rilkes "Briefe aus Muzot" zeigten "menschlich schöne Seiten" und beinhalteten "die geistige Aussprache mit Menschen".
Viele Bücher waren Rosenberg nicht geblieben. Ein Jahr zuvor hatten alliierte Bomben seine Villa in Berlin-Schmargendorf zerstört. Aus der Bibliothek seien "nur noch Reste" herausgeholt worden, schrieb Rosenberg, alle "zerrissen, verbeult, noch immer voller Mörtelstücke und Glassplitter". Der Tagebucheintrag vom 3. Dezember blieb der letzte.
Fünf Monate später kapitulierte Nazi-Deutschland. Alliierte Truppen nahmen Rosenberg fest und konfiszierten wenig später seine Aufzeichnungen. In den Nürnberger Prozessen wurde der ehemalige Reichsminister 1946 unter anderem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und erhängt. Seitdem galten die meisten seiner Kladden als verschollen - mehr als sechs Jahrzehnte lang.
Erst im Sommer 2013 entdeckten amerikanische Fahnder die jetzt vorliegenden 425 Seiten. Ein Ankläger aus den Nürnberger Prozessen, Robert Kempner, hatte sie nach den Gerichtsverhandlungen kurzerhand mitgenommen. Dass Rosenbergs Manuskript wiedergefunden wurde, ist auch auf Recherchen des SPIEGEL zurückzuführen. Den Hinweisen, die ein Mitarbeiter entdeckt hatte, war das Washingtoner Holocaust Memorial Museum mit Hilfe von Staatsanwaltschaft und privaten Ermittlern nachgegangen. Im Juni übergab die US-Zollbehörde die Dokumente dem Museum. Nun sind sie erstmals vollständig einsehbar.
Zwar muss die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nicht neu geschrieben werden. Die Tagebücher ermöglichen aber einen umfassenden Blick in die dumpfe Gedankenwelt des Mannes, in dem Wissenschaftler seit langem den Chefdenker der nationalsozialistischen Bewegung sehen.
Seine Notizen, alle handschriftlich, dokumentieren nicht nur die ambivalente Liebe des NS-Ideologen zum "Führer" und seinen fanatischen Hass auf das Judentum. Sie bieten auch Einblicke in den zerstrittenen Führungszirkel Adolf Hitlers. Was Forscher rückwirkend mit dem wissenschaftlichen Etikett der Polykratie veredeln, dem Nebeneinander von wetteifernden NS-Chargen, stellt sich bei Lektüre des Tagebuchs als kleingeistiger Hahnenkampf dar. Joseph Goebbels? Ein Mann, der Minister spielt. Hermann Göring? Erledigt die laufenden Regierungsgeschäfte nicht richtig. Joachim von Ribbentrop? Zu großspurig und ohne politische Gesinnung. Rudolf Heß? Magenleidend und entscheidungsschwach.
So groß Rosenbergs Verachtung für seine Mitstreiter war, so klein blieben die Selbstzweifel. Er, der Nationalsozialist der ersten Stunde, rühmte sich seiner Teilnahme am gescheiterten Putschversuch der Nazis 1923 ("mit der Pistole in der Hand"), genoss später bei Banketts den Sitzplatz neben Hitler ("rechts vom Führer") und war stolz auf die eigene historische Bedeutung ("ein Stück Geschichte der n.s.-Revolution").
Seinen Mentor Hitler lernte der Architekt aus dem baltischen Reval 1919 kennen. Kurz darauf trat er der NSDAP bei. 1923 wurde er Chefredakteur des nationalsozialistischen Parteiorgans "Völkischer Beobachter". Historiker vermuten, dass es seine Hetzartikel über den jüdischen Charakter des Bolschewismus waren, die Hitlers Glauben an die Existenz einer "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung" festigten.
Rosenberg war ein enger Vertrauter des "Führers". 1930 erschien sein Hauptwerk "Der Mythus des 20. Jahrhunderts". Unter Historikern gilt das Buch als eine theoretische Grundlage für den Massenmord an den europäischen Juden. Nach der Machtübernahme der Nazis machte Hitler seinen langjährigen Gefolgsmann 1934 zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP".
Zwei Jahre später, am 11. August 1936, schrieb Rosenberg stolz, der "Führer" habe ihn als "tiefsten Kopf der Bewegung" und "Kirchenvater des Nationalsozialismus" bezeichnet. Nachdem im November 1938 in Deutschland die Synagogen gebrannt hatten, notierte der NS-Ideologe kühl: "Schaden an Volksgut: fast 2 Winterhilfswerke: 600 Millionen!"
Ein Jahr später schloss Hitler mit Stalin einen Nichtangriffspakt: "Ich habe das Gefühl", schrieb Rosenberg, "als ob sich dieser Moskau-Pakt irgendwann am Nationalsozialismus rächen wird." Schließlich habe man die Sowjets "20 Jahre als jüdisches Verbrechertum hingestellt".
Doch Rosenberg ließ sich schon bald von Hitlers militärischen Erfolgen überzeugen. Polen wurde innerhalb kurzer Zeit besetzt, im Osten begann der deutsche Rassen- und Vernichtungskrieg. Am 29. September 1939 schrieb Rosenberg, für den "Führer" seien die Juden das "Grauenhafteste, was man sich überhaupt vorstellen könnte". Hitler wolle Polen dreiteilen: "Zwischen Weichsel u. Bug: das gesamte Judentum (auch a. d. Reich) sowie alle unzuverlässigen Elemente".
Fortan beteiligte sich Rosenberg mit dem ihm unterstellten "Institut zur Erforschung der Judenfrage" und dem "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" an der Plünderung jüdischen Kulturguts in Europa. Nachdem er im Januar 1941 das vom Einsatzstab in Frankreich geraubte Kunst- und Kulturgut begutachtet hatte, notierte er stolz: "Die Kunstschätzer beziffern den Wert auf nahezu 1 Milliarde Mark!"
Einen Monat später organisierte er eine "antijüdische Tagung" in Frankfurt am Main. Es sei "das erste Mal in der europäischen Geschichte", schrieb Rosenberg, dass zehn europäische Nationen planten, "diese Rasse aus ganz Europa auszusondern". Und jetzt stehe "auch die Macht hinter dieser Einsicht in eine geschichtliche Notwendigkeit".
Seinen Wahn von der Vernichtung des europäischen Judentums konnte der Antisemit schon bald in die Praxis umsetzen. Im Frühjahr 1941 machte ihn Hitler zum Leiter des späteren Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete: "Rosenberg, jetzt ist Ihre große Stunde gekommen!" Der notierte gerührt: "20 Jahre antibolschewistischer Arbeit sollen ihre politische, ja weltgeschichtliche Auswirkung erfahren." Hitler habe ihm "das Schicksal eines Raumes ... mit 180 Millionen Menschen" anvertraut, "einen Kontinent". Rosenberg stand im Zenit seines Erfolgs.
Von nun an ging's bergab.
Die verheerende Niederlage der Wehrmacht in Stalingrad 1943 war aus der Sicht des Reichsministers eine "Katastrophe". Rosenberg resignierte zusehends. Seine Eifersucht auf die "Männer der Praxis" in Hitlers Umgebung wuchs.
Der "Führer" wandte sich nach und nach von seinem Chefideologen ab. Vorbei die Zeiten, als er Rosenberg als "Torhüter des Ostens" rühmte und mit den Worten schmeichelte: "Sie sind doch unser Theoretiker." Hitler gab seinem erfolglosen Reichsminister kaum noch Gelegenheit zur Vorsprache.
Rosenberg reagierte auf den Liebesentzug wie ein trotziges Kind. Seine kritischen Sticheleien machten nun auch vor Hitler nicht halt: Der sei mit den "militärischen und außenpolitischen Fragen überlastet", schrieb er im Juli 1943. Der "Führer" werde nur "sehr einseitig unterrichtet". So vermisse das Volk "eine dauernd feste Führung".
Die Macht im Osten musste Rosenberg zu seinem Unmut nicht nur mit Reichsführer-SS Heinrich Himmler teilen ("Ich habe nicht 20 Jahre ein Problem bearbeitet, um Herrn Himmler zu ,beraten'"), sondern auch mit dem berüchtigten Reichskommissar und Gauleiter Erich Koch: Der sei ein "Musterbeispiel wildgewordenen Spießbürgertums" und gerade geeignet "für die Schweinezucht", ätzte Rosenberg. Sein ernüchtertes Fazit: "Alles Mögliche tobt sich in der Ostpolitik aus."
Auch die Liebe des Chefideologen zu seiner Partei war längst abgekühlt. Die NSDAP verliere ihre Gestalt, hatte er schon kurz nach Kriegsbeginn befürchtet: zu viel parvenühafte Protzerei und kleinbürgerliche Schwächlichkeit.
Da das "Dritte Reich" kurz vor dem Zusammenbruch stand, suchte Rosenberg nach Schuldigen für die Misere - und fand sie erneut bei den Männern um Hitler. Die seien "Schädlinge" und betrieben eine Politik ohne Plan: "Keine Sachlichkeit mehr, keine Stetigkeit und keine Kenntnis, weil man dazu Mühe braucht."
Rosenbergs Hass entlud sich vor allem an Propagandaminister Joseph Goebbels. Der lasse "Nigger-Musik wie sonst ertönen und echt-plutokratische Unterhaltungsfilme einer weltstädtischen Filmindustrie abrollen". Goebbels sei "genauso wie seine Produkte". Auch die Partei empfinde bei dessen Treiben Resignation: "Muss denn erst alles Porzellan zerschlagen werden, ehe was geschieht!"
Dass die deutschen Städte in Schutt und Asche lagen, störte Rosenberg wenig, im Gegenteil. Die Bombenangriffe auf Berlin und Hamburg sah der fanatische Nationalsozialist als Wink des Schicksals: "Angesichts dieser Vernichtung der Großstädte erscheint mir für die Zukunft eine Chance für Wiederentdeckung des Ländlichen gegeben."
Dorthin, ins Ländliche, zog sich der Reichsminister nun gern zurück. "Gestern zum ersten Mal in meiner Blockhütte in Michendorf übernachtet", schrieb er im Oktober 1944, "ein Bild tiefsten Friedens, während die Welt herum tobt."
Einen Monat später resignierte Hitlers Chefideologe offenbar vollends. Und er fand noch einmal große Worte. "Ich kann begreifen, dass ein Nietzsche in seiner Welt verrückt wurde", notierte er am 12. November 1944, "er sah alles kommen und konnte es nicht ändern."
Von Felix Bohr und Axel Frohn

DER SPIEGEL 1/2014
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