DER SPIEGEL

RAUSCHGIFTHöher, schneller, tiefer

Crystal Meth macht Menschen zunächst zu Überfliegern, dann zu Zombies. Die Droge breitet sich von Tschechien nach Deutschland aus. Das Gefährliche: Die leistungssteigernde Wirkung spricht eine größere Zielgruppe an als Heroin oder Marihuana.
Der Notruf erreichte die Polizei an einem Sonntag um sechs Uhr morgens. Patrick(*) schrie in den Hörer: "Auf mich wird geschossen!" Das Sondereinsatzkommando der Polizei rückte an - und stellte vor Ort fest: Lediglich eine Birne in Patricks Ikea-Lampe war geplatzt.
Nur wenige Wochen später musste doch der Notarztwagen kommen. Der 30-Jährige war in Panik aus dem Fenster im zweiten Stock seiner Altbauwohnung
in Landshut gesprungen. Doppelter Bruch des Schienbeins, gesplittertes Fersenbein. Patrick hatte sich eingebildet, die Mafia sei hinter ihm her. Am Abend desselben Tages war er wieder zu Hause. Erneut nahm er Drogen - wieder sprang er aus dem Fenster. Mit Gipsfuß. Als er in die Psychiatrie eingewiesen wurde, war der gelernte Glaser abgemagert, ungewaschen, fertig mit der Welt. "Ich sah aus wie der Tod", erzählt er.
Patrick will kein Crystal Meth mehr anrühren. Er macht eine Drogentherapie auf einem zur Suchtklinik umgebauten Bauernhof in Aiglsdorf bei München. 25 Prozent der Therapieplätze bei Prop e. V. belegen Kristallsüchtige. Vor drei Jahren waren noch nahezu alle Patienten Heroinabhängige.
Pia(*), bildhübsch, mit Zahnspange, ist erst seit drei Wochen in Aiglsdorf. Die 20-Jährige hat selbst Horrorgeschichten erlebt, die denen von Patrick ähneln, sie erzählt aber lieber vom Anfang, nicht vom Ende ihrer Sucht: "Crystal macht klar und klug und selbstbewusst. Man fühlt sich schön, ist voller Tatendrang. Außerdem nimmt man ab. In zwei Tagen zwei Kilo. Der Sex ist anders. Besser. Problemzonen gibt es nicht mehr. Ich konnte mich selbst beim Sex anschauen und denken: Wow!"
Patrick aus Landshut und Pia aus München haben drei Jahre lang kristallines N-Methylamphetamin geschnupft. Crystal Meth heißt das illegale Zeug umgangssprachlich. Man kann es auch rauchen oder spritzen. Es ist eine aufputschende Droge wie Speed oder Ecstasy, jedoch mit stärkerer Wirkung - und noch stärkeren Nebenwirkungen.
Die Verwandlung vom Überflieger zum Zombie dauert bei vielen Konsumenten nur Monate. Crystal sorgt dafür, dass massenhaft Botenstoffe wie die Glückshormone Serotonin und Dopamin oder das Stresshormon Noradrenalin zur Verfügung gestellt werden. Auf Dauer schädigt N-Methylamphetamin Nervenzellen im Gehirn. Die Konsumenten leiden unter Paranoia und tagelanger Schlaflosigkeit. Sie sind aggressiv, verspüren weder Hunger noch Durst oder Schmerzen. Abhängige verlieren erst Gewicht, später die Zähne und den Verstand.
Heroin und Marihuana waren jahrzehntelang die dominierenden Substanzen auf dem Markt der illegalen Drogen in Deutschland, jetzt verdrängt der Muntermacher Crystal die dämpfenden Stoffe in nicht gekanntem Ausmaß und Tempo.
Laut Bundeskriminalamt stieg die Zahl derer, die erstmals Crystal probiert haben, im Jahr 2012 um 51 Prozent an. "Damit hat Crystal bei Einsteigern Heroin den Rang abgelaufen", sagt der Bayreuther Suchtmediziner Roland Härtel-Petri. "Crystal überschwemmt unser Land", schreibt er in seinem Buch, das Anfang des Jahres erschienen ist. Von Kritikern gefeierte Serien wie "Breaking Bad", in der ein Chemielehrer zum Drogenboss aufsteigt, hätten "diese scheißfiese, doofe Substanz" für viele erst richtig hip gemacht.
In Oberfranken und Sachsen suchen inzwischen mehr Kristall-Abhängige Hilfe als Alkoholkranke. "Wir brauchen mehr Aufklärung", sagt die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU). Sie hat sich vorgenommen, offen über Methamphetamin-Missbrauch in Deutschland zu sprechen, was ihre Vorgängerin versäumt hat. Die Strategie von Mechthild Dyckmans (FDP), Crystal Meth totzuschweigen, um Experimentierfreudige nicht auf falsche Gedanken zu bringen, ist für Mortler keine Option. Ihr Wahlkreis liegt in Mittelfranken, einer Region, die von Crystal besonders betroffen ist.
Es gebe "Hinweise auf eine Ausweitung der Droge aus dem deutsch-tschechischen Grenzgebiet bis hin in grenzfernere Regionen, insbesondere in deutsche Großstädte", so Mortler. In mehr als 3500 Fällen im gesamten Bundesgebiet beschlagnahmten Fahnder 2012 die verbotene Substanz - achtmal so oft wie noch 2006. Crystal wird meist in Labors in Tschechien hergestellt, durch die chemische Reduktion von Ephedrin, das unter anderem in Hustensaft enthalten ist. Experten schätzen die im Nachbarland produzierte Menge auf etwa sechs Tonnen pro Jahr.
Ermittler fanden die Substanz schon in Beinprothesen, Kindersitzen oder magnetischen Boxen, die Schmuggler an die Autos ahnungsloser Urlauber geheftet hatten. Ein Gramm der Droge kostet in Tschechien 25 Euro, im Grenzgebiet 60 Euro und in weiter entfernten Großstädten 120 Euro. In Nürnberg, erzählt ein ehemaliger Dealer, bekomme man auf der Straße keine anderen Drogen mehr als Crystal. Er habe das Zeug beispielsweise an Steuerberater, Fließbandarbeiter und sogar Polizisten verkauft.
Um "zielgerichtet Präventionsarbeit leisten zu können", präsentiert Mortler in dieser Woche eine Studie des Bundesgesundheitsministeriums zu "Personengruppen mit missbräuchlichem Amphetamin- und Methamphetamin-Konsum". Es ist die erste öffentlich geförderte Crystal-Studie in Deutschland. Wissenschaftler des Hamburger Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung haben Crystal-Konsumenten in Suchthilfe-Einrichtungen, Beratungsstellen und Online-Foren befragt. Ihr Ziel: Nutzergruppen abseits der typischen Drogenszenen auszumachen.
Denn Crystal Meth, das ist die große Sorge von Suchthilfe-Experten und Drogenbeauftragten in Deutschland, spricht eine andere, weit größere Zielgruppe an als betäubende Mittel wie Cannabis oder Heroin. Crystal Meth ist mehr als nur eine chemische Stimmungskanone für perspektivlose Jugendliche vom Land oder eine Feierdroge für Clubgänger in der Stadt. Der Wunsch, leistungsfähiger zu sein, ist ein Suchtmotiv, das ganz unterschiedliche Menschen in die Kristall-Abhängigkeit treibt.
Die Hälfte der Konsumenten, so haben die Forscher ermittelt, gibt neben der "angenehmen Wirkung der Substanz" den Beruf als Motiv für ihren Konsum an. Ein Drittel der Befragten nennt "Schule und Studium" als Grund, zu Crystal Meth zu greifen. Empfohlen werde das gefährliche Dopingmittel von Konsumenten aus dem Bekanntenkreis. "Die häufigsten Zugangswege zu Amphetamin oder Methamphetamin waren Freunde, Bekannte oder Lebenspartner", schreiben die Forscher.
Patrick war in der Umschulung zum Systeminformatiker im Rechenzentrum eines Internetproviders, als er Crystal probierte. Controlling, Rechnungswesen, Informatik, dann ein Langzeitpraktikum von neun Monaten plus drei Monate Prüfungsvorbereitung. Ein Kumpel riet Patrick: "Mit Crystal schaffst du das."
Patrick ließ sich den Stoff für 60 Euro pro Gramm von Dealern aus Chemnitz per Post nach Landshut schicken: "Es ist ein klarer Rausch, den man anfangs gut steuern kann", sagt er. "Ich bin aufgestanden, habe eine Nase gezogen, einen Kaffee getrunken, bin zur Arbeit, habe ohne Pause durchgeschuftet. Mein Chef fand's gut."
Doch Crystal putscht nicht nur auf. Es zieht auch runter. Nach dem Rausch folgt das tiefe Loch. Schon nach einem halben Jahr ließ Patricks Konzentrationsfähigkeit nach. Er kam morgens nicht mehr aus dem Bett, die Paranoia begann, den Job schmiss er hin.
Patricks Zustand verschlimmerte sich, als er von Crystal zu sogenannten Legal Highs wechselte. Methylendioxypyrovaleron hieß die psychoaktive Substanz, die Patrick im Internet bestellen konnte, weil sie in Deutschland nicht als Droge, sondern als Chemikalie für wissenschaftliche Zwecke angeboten wird. Der Stoff war halb so teuer wie Crystal und vom Arbeitslosengeld finanzierbar.
"Methamphetamine bedienen den Zeitgeist", warnt die Suchttherapeutin Annegret Sievert, die in der Reha-Klinik Hochstadt bei Bayreuth Abhängige behandelt. "Wir alle müssen immer mehr Arbeit in immer weniger Zeit erledigen." Die Klinik Hochstadt bietet Fortbildungen für Suchtbeauftragte aus Industriebetrieben an, die wissen wollen, wie man Kristall-Abhängige in der eigenen Belegschaft erkennt. Sievert rät: "Wenn jemand zu gut funktioniert, sollte man misstrauisch werden."
In der Region um Bayreuth werde Crystal im Kollegenkreis herumgereicht, sagt Sievert, bei Handwerkern, Fabrikarbeitern und Lkw-Fahrern. Viele kommen früher oder später ins Büro von Annegret Sievert. Ihr gegenüber sitzen dann oft harte Männer, die nicht unbedingt gewohnt sind, über ihre Gefühle zu sprechen. Sieverts ältester Patient ist fast schon im Rentenalter, ein ehemaliger bayerischer Speerwurfmeister, der mit Methamphetamin anfing, um im Sport und im Beruf mit den Jungen mithalten zu können. 30 Jahre lang hatte er den Stoff genommen.
Doch nicht nur Menschen, die Angst haben, im Job abgehängt zu werden, schnupfen Crystal. Die Studie des Gesundheitsministeriums macht noch eine andere Risikogruppe aus: "konsumierende Eltern".
Wer mit Suchttherapeutinnen wie Claudia Adamczyk aus Erfurt spricht, erfährt: Häufig ist eine frühe Schwangerschaft der Auslöser, mit Crystal anzufangen. Als Mittel gegen Erschöpfung, als Hilfe im Kampf gegen die Kilos auf der Hüfte. "Anstatt sich einzugestehen, nicht alles gleich gut zu schaffen - Kinder erziehen, gut aussehen, Wohnung aufräumen, tollen Sex haben, erfolgreich im Job sein -, gibt Crystal Frauen das Gefühl zu funktionieren."
Adamczyk schätzt den Anteil an weiblichen Konsumenten in der Beratung auf 40 Prozent. Besonders auffällig sei, dass viele der Hilfesuchenden vorher keine anderen harten Drogen konsumiert hätten. "Von Mädchen wird zunehmend erwartet, dass sie ihren Mann stehen, sich Dinge zutrauen und sich durchsetzen", sagt Adamczyk. Dieser Druck mache vielen schüchternen Personen Angst zu versagen. Eine Schülerin, die mit Crystal bessere Klassenarbeiten schreiben wollte, habe gesagt: "Ich will das Gefühl, alles im Griff zu haben." Ein schockierend banaler Grund, harte Drogen zu nehmen. Und doch einer der wichtigsten, warum vielen Frauen das Aufhören so schwerfällt.
Emma(*) ist eine 22-jährige Mutter aus Passau. In der Ecke ihrer kleinen Dachgeschosswohnung stehen ein Barbie-Schloss, Plastikponys und ein riesiges Stofftier-Pferd. Auf dem Glastisch vor dem Fernseher liegt eine Tüte voller kleiner, trüber Kristalle. "Sieht aus wie Crystal", sagt Emma, sei aber nur Streusalz, ein billiges Streckmittel.
Nach der Schwangerschaft wollte auch sie die Dinge im Griff haben. "Scheißanstrengend" sei die Zeit damals gewesen. Frühmorgens beim Bäcker die Ausbildung durchstehen, spätabends ein quengelndes Kind in den Schlaf singen.
Die Konditorin begann, den Stoff selbst zu kochen. "Wer Kekse backen kann, kann auch Crystal herstellen", so heißt eines der einschlägigen Videos im Internet, in denen amerikanische Süchtige zeigen, wie man aus Erkältungstropfen mit einem Bunsenbrenner Crystal herstellt. Gefährlich sei das zwar, "aber passiert ist mir nie was", sagt Emma. Bald produzierte sie nicht mehr nur für den Eigenbedarf und konnte sich eine 240 Quadratmeter große Wohnung über den Dächern Passaus leisten.
Seit einem halben Jahr sei sie clean, sagt Emma und erzählt dann von einem Rückfall vor zwei Wochen. Kristalle bekommt Emma inzwischen vom Nachbarn zwei Häuser weiter. "Passau wird überschwemmt von dem billigen Zeug." Selbst herzustellen lohne sich da nicht mehr.
Emmas Tochter wohnt bei ihrer Großmutter, aber viele "Crystal-Kinder", wie sie in der Studie des Gesundheitsministeriums genannt werden, leben bei Pflegefamilien oder in Heimen. Im oberfränkischen Hof mussten allein im vergangenen Jahr sieben Kinder von ihren kristallabhängigen, häufig aggressiv und gefühlskalt auftretenden Eltern getrennt werden.
Jugendamtsmitarbeitern fällt es oft schwer, einen Suchthaushalt, in dem Crystal konsumiert wird, überhaupt zu erkennen. Crystal-Abhängige stehen unter Strom, wirken durchaus fokussiert. Das "Institut 3L" in Jena bietet seit einem Jahr Fachtage für Jugendamtsmitarbeiter und Sozialpädagogen zum Thema Crystal an. Bei der ersten Veranstaltung vor einem Jahr in Dresden hätten die Teilnehmer "uns fast die Bude eingerannt", sagt die Leiterin Jana Juhran. Das Interesse an Info-Workshops wie "Schwangerschaft und Crystal" sei riesig. Die Hilflosigkeit vieler Jugendhelfer auch.
Juhran erzählt von einem kristallabhängigen Ehepaar, das seinen elfjährigen Sohn zum Dealen schickte. Lange sei das keinem Sozialarbeiter aufgefallen: "Das sind zum Teil so schreckliche Zustände. Die will man gar nicht sehen."
* Name von der Redaktion geändert.
Von Anna Kistner

DER SPIEGEL 11/2014
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