DER SPIEGEL

Soziale Gerechtigkeit„Ins Knie geschossen“

Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger, 59, wirft Starökonom Thomas Piketty vor, bei seiner Kapitalismus-Kritik falsche Schlüsse zu ziehen.
SPIEGEL: Herr Bofinger, Ihr französischer Kollege Thomas Piketty hat mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" eine Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst. Werden im Kapitalismus die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer?
Bofinger: Piketty hat insofern recht, als unser Wohlstand zunehmend ungleich verteilt wird. Das ist in der Tat ein Problem für die Legitimation einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Leider enthält Pikettys Buch einen fundamentalen Widerspruch: Er stellt eine Theorie auf - widerlegt sie dann aber mit seinen eigenen Zahlen. Damit hat er sich selbst ins Knie geschossen.
SPIEGEL: Laut Piketty ist es eine Gesetzmäßigkeit im Kapitalismus, dass die Rendite aus Vermögen, r, größer ist als das reale Wirtschaftswachstum, g. Seine Formel lautet: "r größer g". Deshalb gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. Was stimmt daran nicht?
Bofinger: Wer sich die Mühe macht, in Pikettys Buch nicht nur das Vorwort zu lesen, findet auf Seite 356 eine Schautafel. Sie zeigt, wie sich r und g historisch entwickelt haben. Demnach stimmt Pikettys Theorie von Christi Geburt bis zum Jahr 1913: Die Rendite des Kapitals lag tatsächlich über dem realen Wirtschaftswachstum; r war größer als g. Doch seit 1913 ist es genau andersherum: Die Kapitalrendite liegt deutlich unter der realen Wachstumsrate, also: r kleiner als g.
SPIEGEL: Piketty sagt, dass sich das Verhältnis in Zukunft wieder umkehren wird.
Bofinger: Das ist seine Prognose. Doch es ist merkwürdig, dass seine Zauberformel ausgerechnet für die am besten dokumentierten hundert Jahre, in denen sich die Marktwirtschaft erst so richtig entfaltet hat, nicht zutrifft, sondern das Gegenteil. Würde ich feststellen, dass meine Theorie und meine Zahlen dermaßen auseinandergehen, hätte ich schlaflose Nächte.
SPIEGEL: Die Financial Times wirft Piketty Tricksereien vor.
Bofinger: Es handelt sich womöglich eher um eine Reihe von Fehlschlüssen. Piketty setzt zum Beispiel Sparen und Investieren gleich. Aber man kann auch sparen, indem man Geld hortet. Genau das geschieht derzeit. Die Vermögenden und viele Unternehmen investieren nicht. Stattdessen sitzen sie auf ihrem Geld wie Dagobert Duck.
SPIEGEL: Piketty schlägt eine Vermögensteuer vor, um das Geld von den Reichen zu den Armen umzuverteilen. Unterstützen Sie diesen Vorschlag?
Bofinger: Eine Vermögensteuer muss auch bezahlt werden, wenn ein Unternehmen Verluste macht. Das kann dessen Substanz gefährden; deshalb bin ich dagegen. Anders ist es bei einer Erbschaftsteuer: Diese ließe sich so ausgestalten, dass auch ein Familienunternehmen nicht in die Knie gezwungen wird, und trotzdem mehr Geld für den Staat hereinkommt, als es heute der Fall ist.
SPIEGEL: Man hätte eigentlich erwartet, Sie würden mit Piketty sympathisieren. Immerhin gelten Sie als der einzige Linke unter den Wirtschaftsweisen.
Bofinger: Hier geht es nicht um Sympathie, sondern um Glaubwürdigkeit. Ich kann als Wissenschaftler doch nicht über einen fundamentalen Widerspruch hinwegsehen, nur weil mir die Grundrichtung gefällt.
SPIEGEL: Stimmt denn wenigstens Pikettys Beobachtung, wonach die Reichen zuletzt immer reicher geworden sind?
Bofinger: In Deutschland ist die Vermögenskonzentration sehr hoch; sie ist höher als in allen anderen Ländern des Euroraums. Aber sie ist seit Jahren konstant. Das größte Problem ist die wachsende Ungleichheit bei der Einkommensverteilung. Weltweit bekommen Arbeiter und Angestellte ein immer kleineres Stück vom Kuchen. Der Anteil der Arbeitseinkommen am Volkseinkommen sinkt seit Jahrzehnten, während der Anteil der Zinseinnahmen und Kapitalerträge steigt. Deshalb haben wir nicht nur ein Gerechtigkeits-, sondern auch ein riesiges Nachfrageproblem.
SPIEGEL: Inwiefern?
Bofinger: Arbeitnehmer geben sehr viel mehr von ihrem Einkommen aus als Unternehmer und Vermögensbesitzer. Die Umverteilung zulasten der Arbeitnehmer führt zu riesigen Geldersparnissen der Vermögenden und bremst so das weltweite Wachstum aus.
SPIEGEL: Zuletzt haben sich die Gewerkschaften mit höheren Lohnforderungen aber durchgesetzt.
Bofinger: Zum Glück! Schon Ludwig Erhard hat sich für eine freizügige Lohnentwicklung ausgesprochen. Die Einkommen der Arbeitnehmer müssen mit dem allgemeinen Wirtschaftswachstum steigen, um Wohlstand für alle zu erreichen. Dass es Deutschland derzeit vergleichsweise gut geht, hat auch damit zu tun, dass die Löhne endlich wieder steigen.
SPIEGEL: Sollten wir also lieber Erhard als Piketty lesen?
Bofinger: Erhard zu lesen ist immer hilfreich.
Interview: Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 23/2014
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