DER SPIEGEL

IrakDie Straße nach Mossul

Alles ist anders nach dem Siegeszug der ISIS-Kämpfer: Die schiitische Regierung in Bagdad gibt sich kämpferisch, die Sunniten verlieren den Glauben an einen gemeinsamen Staat, die Kurden im Norden wähnen sich ihrer Unabhängigkeit näher.
Es rumst. Im gleißenden Mittagslicht hat Mohsen, der Fahrer, auf der Straße nach Mossul eine der Bodenschwellen übersehen, die zur Abschreckung von Rasern über die Fahrbahn gezogen sind. Zum Glück sei es eine kurdische aus Asphalt gewesen, "die von der Zentralregierung sind aus Beton und so kantig, dass sie einem gleich die Stoßdämpfer ruinieren". Die kurdischen, erzählt er weiter, seien sanfter, aber würden auch ihr Ziel erreichen. "Und in der Politik machen sie es genauso", sagt er grinsend.
Während Sunniten und Schiiten um die Vormacht im Land kämpften, nutzten die Kurden das Chaos der vergangenen Wochen, um ihren Machtbereich dramatisch zu vergrößern.
Zwischen dem de facto unabhängigen Kurdengebiet und Mossul, der Millionenstadt in der Hand der Terrorgruppe "Islamischer Staat im Irak und in Syrien", ISIS, gibt es eine viel befahrene Straße - und Straßen wie diese sind Sinnbild und Bühne des irakischen Dramas.
Über dieses ausgefranste Asphaltband liefen die Vorstöße der Radikalen. Über diese Straße zogen die Flüchtlinge. Und kurdische Peschmerga-Kämpfer rückten ein - all das in den vergangenen drei Wochen, seit die Stoßtrupps der ISIS handstreichartig die Zwei-Millionen-Stadt eroberten.
Von Mossul aus begann die Gruppe ihren Siegeszug quer durch den Nordwesten des Irak, der erst kurz vor Bagdad zum Halten kam. Etwa eine halbe Million Menschen sind seither im Norden geflohen, schätzt die Uno.
Die Straße nach Mossul erzählt auch von den Widersprüchlichkeiten des Geschehens. Kurz vor der Stadt stauen sich am Mittwoch vergangener Woche die Autos am Kontrollposten der kurdischen Truppen. Fürsorglich haben sie in roter Farbe "letzter Peschmerga-Checkpoint!" auf ihr Wachhäuschen gesprüht. Einige verlassene Militärfahrzeuge in der Böschung, daneben Hemden im Staub - das ist alles, was von der irakischen Armee hier übrig geblieben ist.
Doch die Autofahrer fliehen nicht aus Mossul; nein, sie wollen in die Stadt hinein, dorthin, wo die ISIS-Kämpfer sind. Viele der Rückkehrer geben fast identische Antworten: "Da ist alles ruhig, alles normal. Die Maskierten mischen sich nicht ein. Krankenhäuser, Verwaltung, alles läuft normal." Selbst das Rauchverbot von ISIS werde nicht ernst genommen, sagt einer der Autofahrer: "Ich fahre jeden Tag hin und her, und ich rauche immer!"
Das Einzige, was es in Mossul nicht gebe, seien Strom und Benzin. Wobei Letzteres auch in Kurdistan nur nach stundenlangem Warten oder auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist, seit die größte Raffinerie des Landes in Baidschi nördlich von Bagdad umkämpft und abgeschnitten ist.
Die Peschmerga am Checkpoint witzeln über ISIS. "Wir könnten ohnehin nicht mit denen reden. Ich kann doch kein Afghanisch", sagt einer. Der einzige Kontakt zu den Kämpfern sei der durch die Zielfernrohre der Scharfschützen, die 50 Meter weiter hinter einem Sandwall liegen.
Lastwagen mit Nahrungsmitteln, Holz, Altmetall sind in beiden Richtungen unterwegs, Bewohner aus Mossul fahren zum Benzinkauf nach Kurdistan. Mossul in diesen Tagen ist grotesk normal, angesichts der Tatsache, dass die derzeit mächtigste Terrorgruppe des Nahen Ostens dort nun herrscht. Eine Gruppe, die in Syrien mit Massenhinrichtungen und Kopfabhacken ihren Ruf als blutrünstige Fanatiker gefestigt hat. Kann es sein - etwa 1000 Dschihadisten, ausgestattet mit Kalaschnikows und ein paar Flugabwehrgeschützen, montiert auf Pick-ups, kontrollieren seit wenigen Wochen eine Zwei-Millionen-Stadt? Eine etwas abwegige Vorstellung.
"Die haben das schön dramatisch in Szene gesetzt", sagt ein alter Professor aus Mossul, der sich vorsichtshalber nach Arbil ins Kurdengebiet abgesetzt hat. "Aber Sie glauben doch nicht, dass ein paar Tschetschenen, Ägypter und Tunesier allein Mossul unter ihre Kontrolle bringen könnten?" Die ISIS-Kämpfer stünden zwar maskiert an ihren Kontrollposten, "aber ziemlich viele unter ihnen sprechen Maslawi, den örtlichen Dialekt der einstigen Hochburg von Saddam Husseins Offizierscorps".
Die Machtübernahme in Mossul, ebenso wie die in Saddams Heimatstadt Tikrit und anderen Sunniten-Hochburgen, sei kein Eroberungsfeldzug von ISIS gewesen, so der Professor, sondern ein Joint Venture fast aller sunnitischen Kräfte: "Die großen Stämme haben mitgemacht, andere Islamisten ebenfalls, und im Hintergrund haben die alten Kader aus Saddams Baath-Partei die Fäden gezogen."
Entsprechend ruhig sei es jetzt auch in den Orten. Ins Bild passt, dass ISIS keine glaubenseifernden Emire zu ihren Gouverneuren in Mossul und Tikrit ernannt hat, sondern zwei ehemalige Offiziere und Baath-Kader. Und auch General Scherko Abdallah, der kurdische Kommandeur der Truppen in Kirkuk, hält die Version vom Durchmarsch des ISIS nur für die halbe Wahrheit. "Allein können die vielleicht ein Gebiet kurzfristig erobern. Aber um es zu halten, braucht er ein mächtiges Netzwerk, zumal in einer Großstadt wie Mossul. Im Hintergrund haben da Saddams alte Kader mitgewirkt."
Entlang der Straße auf kurdischem Gebiet, in staubigen Zeltlagern, harren immer noch Hunderte Familien aus, vor allem aus den sunnitischen Städten weiter südlich. Aber sie seien nicht vor den Dschihadisten geflohen, beteuern sie, sondern aus Angst vor Luftangriffen auf Malikis Befehl.
"Für den sind wir Sunniten doch keine Menschen", sagt Dschamil, ein desertierter Polizist aus Tikrit. "Nur Schiiten kamen bei uns auf höhere Offiziersposten, nur Schiiten bekamen Staatsaufträge, wir waren Menschen zweiter Klasse." Sein Vater und er flohen mit ihrer Familie, als sie die Jets der syrischen Luftwaffe hörten, die mittlerweile sunnitische Ortschaften im Irak bombardiert haben: "Maliki bittet Assad, uns Iraker zu bombardieren, weil er keine eigenen Flugzeuge hat. Was ist das für ein Staatschef?"
Elf Jahre nach dem Einmarsch der Amerikaner und drei Jahre nach ihrem Abzug scheint der Irak am Ende. Kaum ein Sunnit, kaum ein Kurde im Norden glaubt mehr an eine Zukunft des gemeinsamen Staates. Dabei klingt nicht lodernder Hass mit, sondern eher maßvolle Trauer wie über einen nach langer Krankheit dahingeschiedenen entfernten Verwandten. Der Sunnit Saddam habe die Schiiten unterjochen wollen, der Schiit Maliki die Sunniten. Das Staatsgefüge Irak funktioniere einfach nicht.
Premier Maliki, der bei der Parlamentswahl Ende April ein knappes Drittel der Sitze gewann, aber keine Koalition zusammenbekommt, tut sein Bestes, alle Vorbehalte zu bestätigen: Der Aufforderung aus Washington und Europa, in dieser Stunde nationaler Not eine Einheitsregierung schiitischer, kurdischer und sunnitischer Kräfte zu bilden, schleuderte er in einer Fernsehansprache vergangene Woche entgegen, dies sei ein "Putsch gegen die Verfassung" und ein Angriff auf den "jungen demokratischen Prozess".
Noch hält er sich, und überdies ist er immun gegen Amerikas bewährte Druckmittel. Die Milliarden aus den Ölfeldern machen Bagdad finanziell unabhängig. Wohl nur die Teheraner Führung mit ihrem immensen politischen, religiösen und militärischen Einfluss könnte Maliki stürzen. Doch er ist ihr Mann, und seinen sektiererischen Kurs hat er nicht zuletzt auf ihren Wunsch hin eingeschlagen.
So stehen im Irak die Zeichen weiter auf Zerfall. ISIS verhält sich dabei weitaus strategischer, als es al-Qaida je tat. In Syrien terrorisiert und tötet die Terrorgruppe sunnitische Rebellen, die gegen Baschar al-Assads Regime kämpfen. Im Gegenzug wurde ISIS bis vor Kurzem von Assads Luftwaffe komplett verschont und konnte seine Machtbasis im Nordosten Syriens ausbauen.
Im Irak hingegen behelligt ISIS die Sunniten nicht, sondern hat an manchen Orten Christen und Jesiden umgebracht und auch schiitische Soldaten der Regierungsarmee. Dieselbe Terrorgruppe, dieselben Kämpfer, aber völlig unterschiedliche Ziele. Nach blindwütigen Fanatikern sieht das nicht aus.
Doch wie trügerisch die momentane Ruhe sein kann, auch davon kündet die Straße zwischen Mossul und Arbil: Eben kann es noch ganz ruhig sein, aber nur Stunden später schiebt sich eine Kolonne von Autos aus Mossuls christlichem Vorort Karakosch in Richtung Kurdengebiet. Granaten seien eingeschlagen, heißt es. Manche haben sie gehört, andere kennen nur das Gerücht, aber das genügt. Tausende fliehen in heller Aufregung. "ISIS greift an!", schreit einer. "Sie haben die Kirchen bombardiert!", ruft ein Autofahrer.
Am Ende war es ein kurzer Schusswechsel zwischen ISIS und kurdischen Truppen, die ihre Stellungen mit einem Graben sichern wollten. Doch Jahre der Furcht lassen die Menschen panisch reagieren. Die ganze Nacht lang kriecht ein Konvoi voll besetzter Autos über die Hügel, Kruzifixe an den Rückspiegeln, unverschleierte Frauen auf der Rückbank - und nur wenig Gepäck, Aktentaschen, kleine Koffer, Trinkwasser.
"Wir fliehen ja nicht zum ersten Mal", sagt Jussuf, ein Ladenbesitzer, und er schaut in die Dunkelheit jenseits der Straße.
Von Christoph Reuter

DER SPIEGEL 27/2014
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