DER SPIEGEL

BayernNeuers Traum

Russen, Hoteliers, Fußballprofis: Wer richtig Geld hat, baut am Tegernsee. Die Idylle des Tals ist zur Beute von Investoren geworden.
An den steilen Hängen über dem südlichen Tegernsee braucht es Männer, die aufs Ganze gehen. Die mehr wagen als andere. Einen wie Manuel Neuer. Welttorhüter, Weltmeister, FC-Bayern-Keeper und Großverdiener.
Neuer, 28, baut gerade zusammen mit seiner Freundin Kathrin Gilch sein Traumhaus. Er baut es hoch über dem See unterhalb des Galaun auf ein Grundstück, das nur wenige bezahlen können. Das Besondere an dieser Adresse ist der Blick übers Wasser bis zum Alpenrand, aber auch, dass kaum jemand hier bauen würde, die Einheimischen schon gar nicht. Selbst wenn sie die Millionen dazu hätten.
Denn die Villa Neuer, neun Meter hoch, an der Südfassade 74 Quadratmeter Fenster, mit Tiefgarage und zwölf Meter langem Pool im Garten, gräbt sich in den Hang des Leebergs. Am Leeberg zu wohnen muss man sich trauen.
Teile des Leebergs nämlich können eines Tages ins Rutschen kommen. Das sagen die Menschen im Tal, die dort geboren sind. Und das sagt das Landesamt für Umwelt (LfU), welches das Gebiet als Georisikozone eingestuft hat. Ein weiter nördlich gelegenes Hangstück hat sich in den Fünfzigerjahren in Richtung See bewegt und eine Allee samt Bäumen mitgerissen.
Der Niederschlag, der im Alpenraum zunehmend als Starkregen auftritt, wirkt wie ein Schmiermittel zwischen den Gesteinsschichten und befördert nach einer Studie des LfU solche Rutschungen. Oben am Galaun hat das Amt Messpunkte eingerichtet, weil Andreas von Poschinger von der zuständigen Fachbehörde schon 2009 fürchtete, dass "sich ein Teil des Bergs verabschiedet und vorbereitet auf einen Felssturz".
Früher weideten dort Kühe; dass jemals Häuser dort stehen würden, glaubte vor einigen Jahren niemand im Tal. Jetzt wachsen mehrere Anwesen aus dem steilen Gelände. Investoren lassen Erdanker in den Boden rammen, um Fundamente und Stützmauern der Villen an den Berg zu nageln. Eine Versicherung, die sogenannte Elementarschäden ersetzt, finden Investoren und Eigentümer trotzdem nur schwer.
Nicht wenige Tegernseer machen sich jetzt Sorgen um den Fußballstar. Und sie wundern sich, mit welcher Begeisterung Stadtrat und Baubehörde Neuers Traumhaus durchgewinkt haben. "Wenn der Leeberg einmal zu rutschen anfängt, wird ihn auch der beste Torwart der Welt eher nicht halten können", warnte der Kolumnist der Lokalzeitung.
Doch die Stadt Tegernsee zweifelt nicht. Der prominente Neuzugang ist ein Gewinn fürs Image. Der Süden der Kommune beheimatet Philipp Lahm, in Bad Wiessee am Westufer steht das Landhaus von Uli Hoeneß. Die drei sind die Zelebritäten zwischen den Reichen und Schönen, Finanzmaklern, Bauträgern, Filmproduzenten, die gerade aus aller Welt hierherziehen. Die Stadt hat Neuer auf das Georisiko hingewiesen. Aber "ob der Berg morgen rutscht oder in tausend Jahren, weiß ja niemand", sagt der Tegernseer Bürgermeister Johannes Hagn. Bauherr Neuer jedenfalls fühlt sich ausreichend über die Risiken informiert.
Die betongestützten Villen am Leeberg gelten vielen gebürtigen Tegernseern als bislang größte Bausünde im Tal. Die neuen Häuser sind zu groß, zu teuer und zu dicht gedrängt, um noch etwas mit alpenländischer Tradition zu tun zu haben.
Doch weder die Kommune, die in Baufragen zustimmen muss, noch das Landratsamt, das Neubauten genehmigt, scheinen dem Landschaftsschutz große Bedeutung beizumessen. Die Bürgermeister stöhnen zwar über "Siedlungsdruck" und "viel zu viele Zweitwohnungen", aber Widerstand gegen die Umwandlung ihrer Heimat in einen Alpen-Themenpark leisten sie nicht. Die Einheimischen am See sind in zwei Lager gespalten. Die einen wollen ihre Tradition bewahren, andere freuen sich über die Wertsteigerung ihrer Grundstücke.
Aus alten Bauernhöfen mit großen Gärten werden teure Wohnanlagen im verkitschten Jodlerstil; wo früher ein Haus stand, stehen jetzt drei mehrgeschossige Häuser; auf Viehweiden in Höhenlage drängen sich Resorts für Gäste, die zu Hause erzählen, sie seien in "traditional Bavaria" gewesen. Was das Tal nicht mehr ist.
Es wird mit seinen rund 23 000 Einwohnern und etwa 325 000 Gästen jährlich der südlichste Nobelvorort Münchens, ein Tiroler-Schweizer-bayerisches Disneyland, in dem russische Manager Immobilien bar bezahlen und arabische Familien die Sommerfrische suchen.
Die Begehrlichkeiten der Mächtigen, sich im Tegernseer Tal niederzulassen, sind nicht neu. Bereits im "Dritten Reich" sicherten sich SS-Reichsführer Heinrich Himmler und Reichspresseleiter Max Amann Adressen in Ufernähe. Die Bauern nennen ihren See seither "Lago di Bonzo".
Nach dem Krieg ging der Bauboom weiter, bis der damalige Landrat Anton Bauer die Flächen um den See zum Landschaftsschutzgebiet erklären ließ. Das Problem dabei: Wo bereits Siedlungen bestehen, greift der Landschaftsschutz nicht. In exponierter Lage in der Kommune genehmigte das Kreisbauamt auch Häuser, welche die Gemeinden lieber nicht erlaubt hätten.
In den vergangenen Jahren sind die Übernachtungen am Tegernsee leicht zurückgegangen. Für das Gastgewerbe jedoch kein Grund innezuhalten. Die Hoteliers sprechen nun von einem "Sanierungsstau", wenn sie Luxusherbergen auf der grünen Wiese durchsetzen wollen.
Zwar steht seit dem Frühjahr der Grüne Wolfgang Rzehak an der Spitze des Landkreises. Er glaubt, der Kreis habe "sein Gesicht verändert", man müsse sensibler mit dem Landschaftsverbrauch umgehen. Doch das kommt reichlich spät. In der Stadt Tegernsee gibt es nur noch einen Metzger, dafür acht Immobilienmakler. Und weniger Kinder bei der Einschulung, weniger Engagierte in den Vereinen, weniger Interesse an Kommunalpolitik.
Trotzdem hat der Landkreis ein weiteres Luxushotel befürwortet. Auf 5000 Quadratmetern ehemaligem Landschaftsschutzgebiet baut die Tegernsee Grund das "Almdorf": sieben Chalets, zwei Hauptgebäude, Tiefgarage, Cigar-Lounge, Sauna, künstlicher Badeweiher.
Die Dorfstraße, die hinaufführt, ist breit genug für einen Mittelklassewagen, solange kein Gegenverkehr kommt. Die Kurven sind eng, links und rechts stehen Bauernhäuser, Erweiterung ausgeschlossen. Wie Baufahrzeuge und die Geländewagen der Gäste das Hotel überhaupt erklimmen sollen, ist nicht geklärt. 780 Tegernseer unterschrieben eine Petition gegen das Almdorf - ohne Erfolg.
Unterhalb des geplanten Projekts stehen bereits Villen dicht an dicht, ein Wildbach musste dafür unter die Erde verlegt werden. Das Wasserwirtschaftsamt plagt seither die Sorge, dass der Bach nach Unwettern Geröll vor dem Rohr aufstaut. Dann würde Wasser in die Häuser schießen.
Auch am Ufer könnte es eng werden. Auf der einzigen Landzunge, die im Süden in den Tegernsee hineinreicht, will die Deutsche Rentenversicherung ihre orthopädische Reha-Klinik abreißen und direkt ans Ufer neue Gebäude stellen. Sonst, droht sie, könne sie die Qualität der medizinischen Versorgung nicht halten.
Der Immobilienboom nimmt dem Tegernseer Tal auch auf andere Weise seinen Charme. Der denkmalgeschützte Gasthof Glasl in Rottach-Egern etwa bot seinen Gästen bislang solide Küche in wertvollen Gewölben. Nun will eine Immobilienfirma den Glasl-Hof in Eigentumswohnungen aufteilen. Das ist profitabler.
Im benachbarten Bad Wiessee baut der Edelgastronom Jupp Brenner in Seenähe den "Brenner Park", eine exklusive Siedlung für Wohlhabende, die Abgeschiedenheit schätzen. Dafür musste ein kleiner Wald abgeholzt werden. Da traf es sich, dass die Bäume als kernfaul ausgemacht wurden. In den Jahren zuvor, als die Tegernseer dort in einem Biergarten saßen, war das nicht aufgefallen.
Ein Investor wird jedoch selbst der aufgeschlossenen Gemeinde Bad Wiessee zu viel: Franz Josef Haslberger, Inhaber der Fixit Baustoff Gruppe mit Standorten in 19 Ländern. Baulöwe Haslberger hat angeblich Hunderte Hektar Wald aufgekauft und will nun die Traditionsalm "Bauer in der Au" mitten im Wandergebiet in einen großen Hof mit Tiefgarage umbauen.
Nur ein Kraut ist gegen die Bauwut der Talgemeinden gewachsen. Vergangenes Jahr ließ die Stadt Tegernsee am Ufer einen Holzsteg errichten. Der sollte in einen Weg bis Rottach münden, damit Besucher am Wasser entlangflanieren und ungeniert in die Villengärten der Seeanwohner blicken können. Doch schon nach gut 200 Metern wurde das Projekt durch ein Ökogutachten gestoppt. Ausgerechnet da, wo der Pfad verlaufen sollte, wächst der Kriechende Sellerie. Die Pflanze, die nur an wenigen Orten gedeiht, steht unter Naturschutz.
Von Conny Neumann

DER SPIEGEL 44/2014
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