DER SPIEGEL

Verlage„Das tut mir weh“

Wolf Schneider, 89, der bei Gruner + Jahr (G + J) als Verlagsleiter des Stern arbeitete, die Henri-Nannen-Schule leitete und ein Buch zur Geschichte des Unternehmens geschrieben hat, über den Sparkurs des Verlagshauses. Vergangene Woche wurde bekannt, dass auch Beatrix Gerstberger, die damalige Lebensgefährtin des Stern-Reporters Gabriel Grüner, der 1999 bei einer Recherche im Kosovo ermordet wurde, bei Brigitte gehen muss. G + J ist am SPIEGEL-Verlag beteiligt.
SPIEGEL: Gruner + Jahr will die schreibende Redaktion der Frauenzeitschrift Brigitte vor die Tür setzen. Bleiben dürfen vor allem noch Leitungskräfte. Auch bei Geo soll es Kündigungen geben. Ist der Verlag noch der, den Sie kennen?
Schneider: In meinen 16 Jahren an der Journalistenschule habe ich regelmäßig zur Begrüßung verkündet, Gruner + Jahr sei unter Deutschlands großen Verlagen der angenehmste und unter den angenehmen der größte. Der größte ist er ja sowieso nicht mehr, und offenbar hört er gegenwärtig auf, der angenehmste zu sein. Das tut mir weh.
SPIEGEL: Der Gründer des Stern, Henri Nannen, sagte, man müsse im Journalismus das Geld zum Fenster rauswerfen, um es durch die Tür mit der Schubkarre wieder reinzuholen. Gilt das heute noch?
Schneider: Das war zur damaligen Zeit richtig, der Stern verdiente viel mehr als heute. Die Zeiten haben sich geändert. So wahr wie früher kann der Spruch nicht mehr sein.
SPIEGEL: Können Brigitte und Geo unter solchen Bedingungen noch Qualität abliefern?
Schneider: Einen zwangsläufigen Zusammenhang zwischen dem Ausdünnen einer Redaktion und der Qualität gibt es nicht. Aber ein Vorteil kann es unmöglich sein. Und für die Betroffenen ist es eine Tragödie.
SPIEGEL: Sie schreiben gerade an Ihrer Autobiografie. Welche Rolle werden Sie Gruner + Jahr darin zuschreiben?
Schneider: Ich habe ein Herz für Gruner + Jahr, 20 Jahre lang war ich dabei. Und das Klima damals! Aufbruch und Verschwendung. Dass die heute nicht mehr herrschen kann, ist klar. Vor allem aber: Einen wie Henri Nannen kann man sich nicht backen. Er herrschte über die größte, reichste und angesehenste Illustrierte der Welt. Ich habe ihn natürlich nicht geliebt, aber bewundert. Einer wie er könnte vielleicht sogar heute noch den Karren aus dem Dreck ziehen. Vorbei.
Von Mum

DER SPIEGEL 45/2014
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