DER SPIEGEL

KriminalitätDie Dealer KG

Zwei Niederländer sollen deutsche Importeure für Rauschgiftschmuggel in großem Stil benutzt haben.
Jemanden zu jagen, der sich unsichtbar machen kann, ist verdammt schwierig. Martinus C. war so ein Typ, der immer andere vorschickte, sie für sich agieren ließ und selbst im Hintergrund blieb. Der in Europa keinen festen Wohnsitz hatte, kein persönliches Telefon, keine Kreditkarte. "Der Mann war ein Phantom", sagt der Hagener Oberstaatsanwalt Gerhard Pauli.
Zwei Wochen vor Weihnachten jedoch war es mit der Unsichtbarkeit vorbei. In einem Hotel nahe der niederländischen Stadt Tilburg verhaftete die Polizei den 46-Jährigen; in seinem Zimmer fanden die Beamten über 100 000 Euro in bar und eine Schusswaffe, an seinem Handgelenk trug Martinus C. eine Rolex-Uhr für rund 70 000 Euro. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Niederländer vor, Kopf einer Bande zu sein, die über Jahre große Mengen Rauschgift und Grundstoffe zur Herstellung von Drogen nach Deutschland importiert haben soll.
Den Anlass für die Festnahme gaben mehr als drei Tonnen Marihuana, die Zollfahnder im Dezember im Hafen von Antwerpen in einem Schiffscontainer aus Ghana sichergestellt hatten. Zeitgleich mit Martinus C. wurden in Nordrhein-Westfalen ein weiterer Niederländer und zwei deutsche Geschäftsleute verhaftet. Der Fall gehe weit über den üblichen Drogenschmuggel hinaus, betont Oberstaatsanwalt Pauli: "Noch nie haben wir eine Bande aufgedeckt, die mit solcher Professionalität so viele und so verschiedene Stoffe importiert hat."
Die drei Tonnen Marihuana sind einer der größten Funde, die der deutsche Zoll je gemacht hat. Den Marktwert der Drogen, die Martinus C. über seine Organisation in reiner Form oder als Grundstoff ins Land geholt haben soll, schätzen die Strafverfolger auf weit mehr als hundert Millionen Euro. Wie konnte das unbemerkt gelingen?
Rund neun Millionen Container werden allein im Hamburger Hafen jährlich umgeschlagen. Der Zoll muss sich folglich bei der Kontrolle mit Stichproben begnügen. Geschaut wird nach Containern, deren Frachtpapiere verdächtig erscheinen. Die Raffinesse von Martinus C. bestand darin, die heiße Ware von unauffälligen, unbescholtenen und womöglich auch ahnungslosen Firmen in die Bundesrepublik einführen zu lassen.
Ein Gartenbaubetrieb, der Pflanzen importiert, oder ein Energieunternehmen, das Brennstoff ordert, fielen nicht ins Raster der Fahnder. So gelang über eine niederrheinische Firma etwa die Einfuhr von 19 Tonnen eines Pulvers, das als Reinigungsmittel deklariert war, in Wahrheit aber wohl Grundstoffe für rund 40 Millionen Ecstasy-Tabletten enthielt.
Ins Visier des Zolls gerieten die Schmuggler 2012. Damals importierte eine kleine Firma aus dem Sauerland rund 6,2 Tonnen Apaan aus China. Das war seinerzeit zwar noch nicht strafbar. Da die Chemikalie aber fast ausschließlich für die Herstellung von Amphetaminen und der Droge Crystal Meth verwendet wird, schauten die Zollfahnder genau hin.
Zur gleichen Zeit überprüften Beamte in Großbritannien mehrere Lkw aus Deutschland. Sie fanden 240 Kilogramm Amphetamine, 110 Kilogramm Haschisch, 18 Kilogramm Marihuana, 79 Kilogramm Kokain und 123 Kilogramm Heroin - und auch hier führte die Spur ins Sauerland, zu derselben Firma in Plettenberg. Die britischen Behörden ersuchten die Staatsanwaltschaft Hagen um Rechtshilfe, woraufhin die Essener Zollfahndung die Ermittlungsgruppe "Else" gründete.
Die Else ist ein kleiner Fluss, der sich durch Plettenberg schlängelt. Hier sitzt die Vermittlungsfirma, von der diverse Importeure ihre Aufträge erhielten - wobei Firma ein großer Begriff ist für einen Betrieb, der vom Wohnzimmer eines Zweifamilienhauses am Rande einer Nachkriegssiedlung gesteuert wird.
Die Plettenberger Klitsche wird von Marinus G. und seiner Lebensgefährtin geführt. Der 66-Jährige, zweiter Hauptbeschuldigter im Verfahren, soll nach Firmen Ausschau gehalten haben, die für die klandestinen Importe geeignet schienen.
So wie ein Solaranlagen-Unternehmen aus Viersen, das offenbar in Schieflage geraten war, nachdem der Chef einen Arbeitsunfall erlitten hatte. Auf Vermittlung aus Plettenberg importierte der Betrieb Heizradiatoren, deren Mineralöl allerdings ausgetauscht worden war - gegen mehr als eine Tonne Sassafrasöl, das aus einem Lorbeergewächs gewonnen wird und in dieser Menge Grundstoff für 3,5 Millionen Ecstasy-Pillen liefert.
Holz aus Peru, Palmen aus Costa Rica, auf der Suche nach neuen Schmuggelwegen waren Martinus C. und sein sauerländischer Compañero kreativ. Die Tätigkeit als "Logistikmanager" für Drogenproduzenten, so geht aus den Ermittlungsberichten hervor, war anscheinend lukrativ. Die beiden Niederländer sollen 20 Prozent des späteren Warenwerts als Honorar kassiert haben. Zur Tarnung sollen sie ein Netzwerk aus Firmen gebildet haben: manche neu gegründet, manche aufgekauft, manche nur beauftragt.
Auch in Georg R., einem gelernten Landmaschinenmechaniker aus Kevelaer, fanden sie offenbar einen willigen Helfer. In seiner Heimat stand der Mann in dem Ruf, viele Ideen zu haben und wenig Fortune.
Für die Plettenberger Dealer KG schaffte der Geschäftsmann vom Niederrhein Palmkernschalen aus Ghana nach Deutschland. Dass in einer der Ladungen auch die drei Tonnen Marihuana versteckt waren, erklärt sein Anwalt Harald Gruhn, habe sein Mandant nicht geahnt: "Er wusste nichts von den Drogen, er hat an lukrative und legale Geschäfte geglaubt."
Von Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 5/2015
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