DER SPIEGEL

„Unser Endziel ist der Bundestag“

Der Parteivorsitzende Franz Schönhuber über die Zukunft der Republikaner
SPIEGEL: Herr Schönhuber, wollen Sie Bundeskanzler werden?
SCHÖNHUBER: Nein, nicht zum derzeitigen Zeitpunkt. Daß eines Tages die Republikaner aus dem Rahmen einer bisher so beschriebenen Splitterpartei heraustreten, davon bin ich überzeugt. Es könnte sein, daß diese Partei eine Volkspartei wird. Ich bin jetzt 66. Aber ich halte es für denkbar, daß eines Tages, wenn nicht ich, dann ein anderer Republikaner Bundeskanzler wird.
SPIEGEL: Nach Ihrem Erfolg in Berlin werden Ihrer Partei Avancen gemacht. Bundesinnenminister Zimmermann meint: "Die Republikaner sind keine Rechtsextremisten, sie werden vom Verfassungsschutz nicht observiert." Der Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, Alois Glück, hält Sie in Ihrer "Grundhaltung" für einen "Demokraten". Und der Bonner Unionsfraktionschef Dregger ist der Ansicht: "Die Wähler der Republikaner sind gute Demokraten." Das gefällt Ihnen, nicht wahr?
SCHÖNHUBER: Das, was diese Leute sagen, ist richtig. Die Republikaner sind gute Leute, das sind anständige Leute. Etwa die Hälfte der Mitglieder sind Polizisten, Grenzschützer, Bundeswehrangehörige, Beamte. Sie alle haben einen Eid auf die Verfassung abgelegt. Und es ist ja wohl nicht anzunehmen, daß sie einer Partei beigetreten wären, die verfassungsfeindlich ist.
SPIEGEL: Halten Sie diese Unionsmeinungen für Anbiederei an jenen fernen Tag, an dem Sie als Partner gebraucht werden könnten?
SCHÖNHUBER: Soweit voraus spekuliere ich nicht. Die Mehrheitsverhältnisse in der Bundesrepublik werden zunehmend instabiler. Es könnte der Tag kommen, an dem die Freidemokraten ihre bisherige Funktion verlieren. Dann wäre es denkbar, daß an deren Stelle Republikaner rücken. Mit einem Dregger - ich könnte auch andere Namen nennen - könnte ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen.
SPIEGEL: Von Berlin aus werde es "wie ein Strom weitergehen", haben Sie gesagt: rein ins Europa-Parlament, rein in den Bayerischen Landtag, in den Münchner Stadtrat. Größenwahn?
SCHÖNHUBER: Ich möchte mir hier nicht den Anschein eines Phantasten geben. Nächstes Ziel ist für uns der Einzug in das bayrische Parlament. Und CSU-Politiker sagen einem schon, damit müssen wir uns abfinden. Daneben geht es uns um das gute Abschneiden in den Kommunen. Wenn wir in München zum Beispiel mit sechs Abgeordneten vertreten sind, werden wir permanent von der Presse beachtet. Unser Endziel ist der Bundestag.
SPIEGEL: Ist die Zeit reif für eine neue rechte Partei?
SCHÖNHUBER: Ja. Ich sag' jetzt erst mal Bayern. Gehen Sie mit mir heute durch München, dann werden Sie erleben, daß die Leute rufen, stehenbleiben, daß in den Gaststätten applaudiert wird, wenn ich reinkomme. Hier ist eine unglaubliche Bereitschaft vorhanden, aus der Verdrossenheit gegenüber den etablierten Parteien mir - ich sage das vorsichtig - eine Chance zu geben.
SPIEGEL: Wie wollen Sie das mit knapp 9000 Mitgliedern schaffen?
SCHÖNHUBER: Also, zunächst mal leben wir ganz gut. Es gibt uns jetzt fünf Jahre. Wir haben schwere Niederlagen hinter uns gebracht, in Bremen, in Schleswig-Holstein. Wir haben oft verzweifelt dagesessen: Wie schaffen wir's, daß es weitergeht?
SPIEGEL: Eines Tages mit der NPD oder mit der Deutschen Volksunion des "National-Zeitung"-Herausgebers Gerhard Frey?
SCHÖNHUBER: Nie! Ich habe gesagt: Es gibt keine Verbindung mit dem NS-Devotionalienhändler Frey.
SPIEGEL: Die NPD hat den Erfolg in Berlin als "Sieg für alle nationalen Parteien" gefeiert, man habe Ihnen "Leihstimmen" zugute kommen lassen.
SCHÖNHUBER: Das kann kein Mensch prüfen. Frey hat ausdrücklich aufgerufen, die Republikaner nicht zu wählen, weil sie zu weit links stünden. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn wir uns mit jenen einließen, die im Verfassungsschutz als Rechtsextreme eingestuft sind - ob zu Recht oder zu Unrecht. Warum soll ich mich ausgerechnet mit einer Gruppierung einlassen, die ideologisch und biologisch zum Aussterben verurteilt ist, die alten Zeiten nachtrauert. 50 bis 60 Prozent unserer neuen Mitglieder sind zwischen 20 und 30 Jahren. Wären Sie bei unserer Berliner Wahlparty gewesen - Sie fanden bei den anderen Parteien kaum so junge, solche schicken Mädchen wie bei uns.
SPIEGEL: Für CDU-Generalsekretär Geißler sind "die Republikaner eine Extremistenpartei mit Nazi-Parolen, die wir bekämpfen wie die NPD auch".
SCHÖNHUBER: Die Aussage von Herrn Geißler finde ich dümmlich und unverantwortlich. Das ist ein Appell an den politischen Mob. Wenn nur einer von uns verletzt wird, in Berlin wurden ja 12 000 bis 15 000 Chaoten gegen uns aufgeboten, geht das auf sein Konto.
SPIEGEL: Hat denn nicht Geißler recht mit seinem Vorwurf?
SCHÖNHUBER: Wir sehen unseren Standpunkt eindeutig rechts von der Mitte. Es geht nicht an, daß im parlamentarischen Spektrum nur die Mitte existent ist und die Linke. Wie in allen anderen Parlamenten dieser Erde muß es auch hierzulande einen rechten Flügel geben, und diesen rechten Flügel wollen wir demokratisch legitimiert besetzen. Herr Geißler - insoweit nützt er uns - sorgt durch seine Aussprüche dafür, daß es zu Trotzreaktionen der Wähler kommt. Wo sind bei den Republikanern Nazi-Parolen? Die Union erklärt, die Republikaner hätten in der Ausländer- und Asylantenpolitik bei ihr abgeschrieben. Wenn das so ist, dann sind doch die wahren Extremisten in der CSU und in der CDU.
SPIEGEL: Sie waren Unterscharführer der Waffen-SS. Können Sie ausschließen, daß unter Ihren Anhängern und Mitgliedern eine große Gruppe alter und neuer Nazis steckt?
SCHÖNHUBER: Das möchte ich ausschließen.
SPIEGEL: Aber Sie können nicht.
SCHÖNHUBER: Sowenig, wie die SPD ausschließen kann, daß sich Kommunisten bei ihr eingeschlichen haben, sowenig kann ich natürlich über jeden einzelnen ein gültiges Urteil abgeben. Wir hatten am Anfang in der Tat einige Leute, die sich bei uns eingeschlichen haben, die wir mit Härte entfernt haben. Mich nun als Nazi zu bezeichnen, das finde ich infam. Ich habe den Bayerischen Verdienstorden. Den müssen sie mir dann ja nehmen.
SPIEGEL: Wenn es Ihnen so sehr um den deutschen Namen in der Welt ginge, wäre es da nicht angebracht, auf den Job des Parteichefs zu verzichten, weil Ihre SS-Vergangenheit Erinnerung an die NS-Zeit heraufbeschwört?
SCHÖNHUBER: Nein. Das wäre ein Schuldeingeständnis. Ich kann nicht einsehen, daß andere, die bei der Waffen-SS waren, in diesem Staate maßgebende Stellungen hatten und haben, nehmen Sie nur mal den Dortmunder SPD-Oberbürgermeister Samtlebe.
SPIEGEL: Im Ausland macht man keine Unterschiede zwischen Waffen-SS und SS. Die Schönhuber-Partei steht dort für Neonazismus, der Berliner Durchbruch für eine "symbolische Katastrophe", so etwa "Le Monde", oder man liest die Überschrift "Le retour des bruns" - die Rückkehr der Braunen.
SCHÖNHUBER: Dazu hat die Falschdarstellung in der deutschen Presse beigetragen. Es kann doch nur wichtig sein, daß ich sage, ich hab' keine Nazi-Vergangenheit, ich betrachte den NS-Staat als einen absoluten Unrechtsstaat. Rassismus und Faschismus haben uns in die fürchterlichste Katastrophe der nationalen Geschichte geführt.
SPIEGEL: Sie haben einiges an Sprüchen drauf zum Thema "Ausländer raus".
SCHÖNHUBER: Nein, nein. Ich habe gesagt: Die Ausländerfrage kann nicht gesundgebetet werden. Unser Vorschlag heißt in der Ausländer- und Gastarbeiterfrage: Einführung des Schweizer Rotationsprinzips und bei den Asylanten eine Änderung des Artikels 16 im Grundgesetz - was übrigens auch die CSU will.
SPIEGEL: Sie haben in Berlin in dumpfer Fremdenfeindlichkeit geredet.
SCHÖNHUBER: Ich bin nicht fremdenfeindlich. Mein ganzes Leben ist eigentlich ein sehr globales Leben gewesen. Ich habe wahrscheinlich die Hälfte meines Lebens auch arbeitsmäßig im Ausland verbracht. Es fing an, als ich als Soldat Dolmetscher und Ausbilder der Waffen-SS war - ich habe eine sehr große Beziehung zum Ausland und zu fremden Kulturen. Aber das kann mich doch nicht hindern, als Parteivorsitzender die deutschen Interessen vorrangig zu vertreten.
SPIEGEL: Wir glauben Ihnen nicht. Sie geben sich als Demokrat und lassen einen Hetzspot senden, in dem Türkenkinder gezeigt werden zu der Filmmusik "Spiel mir das Lied vom Tod".
SCHÖNHUBER: Ich kann Ihnen Ihre Meinung nicht nehmen. Dieser Spot "Spiel mit dem Tod" zeigte die Tragik einer Stadt mit Toten an der Mauer, mit einem hohen Anteil von Toten, die Fixer waren, mit der Bedrohung, der Kinder in dieser Stadt ausgesetzt sind. Das waren für mich Kinder, ich habe nicht gesehen, daß es türkische Kinder waren.
SPIEGEL: Was halten Sie von Überlegungen des Bundespräsidenten von Weizsäcker, am 1. September, dem 50. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen, nach Warschau zu reisen?
SCHÖNHUBER: Wenn Herr Weizsäcker, übrigens wie Geißler einer unserer Wahlhelfer, nach Warschau reist, soll er den Umweg über Bromberg machen. Dann soll er auch den "Bromberger Blutsonntag"** nicht vergessen, wo Tausende von Deutschen in einer Nacht hingemetzelt worden sind.
SPIEGEL: Für Sie ist die Wiedervereinigung Deutschlands ein "göttlicher Auftrag", zugleich sind Sie gegen die europäische Einigung. Wie anders eigentlich als im europäischen Rahmen könnten DDR und Bundesrepublik zur nationalen Einheit finden?
SCHÖNHUBER: Ich bin der Meinung, diese EG, wie sie sich jetzt formiert, wird die deutsche Teilung zementieren. Sie würde auch den Schwerpunkt Europas verlagern hin nach Südosten und nach dem Süden.
SPIEGEL: Wie soll sich der "göttliche Auftrag" erfüllen?
SCHÖNHUBER: Eine Denkformel wäre etwa, daß die Chance der Deutschen eines Tages darin besteht, sich vorsichtig aus den Blöcken zu lösen, aber nicht hin zur unbewaffneten Neutralität.
SPIEGEL: Soll ein solches neutrales, aber bewaffnetes Deutschland atomare Waffen im Arsenal haben?
SCHÖNHUBER: Grundsätzlich bin ich der Meinung, daß alle A-Waffen - auf jeder Seite! - weg müssen. Aber wenn die anderen auf sie nicht verzichten wollen, brauchen wir sie leider auch. Es muß dann die Waffen- und die Chancengleichheit gewahrt sein. Die A-Waffe ist für uns Republikaner ein Werkzeug des Teufels. Aber es geht nicht an, daß wir uns dieses Werkzeugs entledigen und es anderen belassen.
SPIEGEL: Kaum weniger phantastisch ist Ihre Forderung, die Bundesrepublik solle die EG verlassen, der Binnenmarkt '92 dürfe nicht kommen.
SCHÖNHUBER: Wenn es dazu kommt, dann würden wir erneut einen großen Schub von Arbeitern insbesondere aus der Türkei bekommen. Dann gibt es eine fast unerträgliche Belastung des deutschen Arbeitsmarktes. Aber der Hauptgrund, warum ich diese EG ablehne, ist der Import von Verbrechen, von Rauschgift, von Mafia und Camorra.
SPIEGEL: Der größte Teil des deutschen Exports geht in die EG. Ein Austritt zöge den jähen Absturz für den Wohlstand, für die soziale Sicherheit in der Bundesrepublik nach sich.
SCHÖNHUBER: Wem nützt die EG? Primär den Euro-Multis, den Großkonzernen, aber doch nicht den Kleinhandwerkern, den Bauern, den Arbeitern.
SPIEGEL: Ohne EG ginge es diesen Leuten sehr viel schlechter. Sie nutzen die EG-Verdrossenheit auf dem Lande zur Bauernfängerei.
SCHÖNHUBER: Die Verdrossenheit gibt's ja, nicht nur auf dem Lande.
SPIEGEL: Sie verschweigen wohlweislich, daß die Bundesrepublik durch die EG unterm Strich wesentlich mehr Vorteile als Nachteile hat.
SCHÖNHUBER: Das ist Ihre Version.
SPIEGEL: Meinen Sie nicht, daß Zweifel an Ihrer Politikfähigkeit angebracht sind? Wann und warum haben Sie beschlossen, Politiker zu werden?
SCHÖNHUBER: Halb zog's ihn hin, halb sank er hin. Die Politik, die ich als Journalist fast vier Jahrzehnte begleitet habe, hat mich immer fasziniert. Der Bayerische Rundfunk war mir zu eng geworden, zu provinziell.
SPIEGEL: Dort sind Sie wegen Ihres Bekennerbuchs zu Ihrer SS-Vergangenheit gefeuert worden. Sie schreiben da: "Das ,Heimzahlen' ist nun mal eine starke Motivation."
SCHÖNHUBER: Das habe ich generell gemeint. Ich empfand meinen Weggang vom Bayerischen Rundfunk als die beste Stunde meines Lebens.
SPIEGEL: Sie schrieben auch von Ihrer "ausgesprochenen Ruhmsucht, etwas Besonderes, mit gewöhnlichen Sterblichen nicht Vergleichbares zu sein, den Viehhändlerssohn zu verdrängen und die Herkunft durch besondere Leistungen zu kompensieren".
SCHÖNHUBER: So ist es. Die Memoiren sind Ausdruck meiner Ehrlichkeit, die mir nicht immer in meinem Leben gut bekommen ist. Die "FAZ" hat mich als eine Abenteurernatur beschrieben, die ehrlich zu sich selber sei. Ich habe mich - damals war ich nicht Parteivorsitzender der Republikaner - selber seziert. Ich habe mich, wenn Sie so wollen, auf den Operationstisch gelegt. Sollten andere auch! Wäre besser für die Politik!
SPIEGEL: Da gibt es noch eine Fundstelle in Ihrem Buch:
Meine Hand glitt über ihr Knie, an der Innenseite des Oberschenkels höher, über den Rand des Seidenstrumpfes hinweg, berührte ihr nacktes Fleisch. Sie stöhnte . . . Sie stieß mir das Tor zum Olymp der Liebe auf . . . Sie führte mich nicht auf geraden Wegen, sondern auf kunstvoll verschlungenen Umwegen.
Was sollen Ihre Anhänger, die ja auf Sitte, Recht und Ordnung größten Wert legen, von einem Vorsitzenden halten, der so etwas schreibt?
SCHÖNHUBER: Das sagen ausgerechnet Sie vom SPIEGEL! Wenn auf der linken Seite einer so etwas schreibt, dann ist es Literatur - die Bukowskis, und wie sie alle heißen.
SPIEGEL: Sie vergleichen sich mit Bukowski?
SCHÖNHUBER: Nein, Moment! Auf der linken Seite, wo das sogenannte Four-Letter-Word eine große Rolle spielt, gilt es als Ausdruck einer besonderen Seelenverfassung. Schreibt es einer auf der rechten Seite, ist es Pornographie.
SPIEGEL: Das sagen wir nicht. Aber Ihre Beschreibung paßt nicht so ganz zu Ihrem Programmpunkt über die deutsche Frau.
SCHÖNHUBER: Das war eine Französin übrigens, über die ich geschrieben habe.
SPIEGEL: Die Republikaner schreiben: "Es ist insbesondere der Frau gegeben, durch Wärme und Hingabe ein Klima der Geborgenheit zu schaffen . . .
SCHÖNHUBER: Na und?
SPIEGEL: . . . in welchem Familie und Kinder gedeihen können." Ist Ihnen die Buchstelle inzwischen peinlich?
SCHÖNHUBER: Nein. Ich sage noch mal: Ich find's langsam widerlich, wenn man mir also quasi Brücken bauen sollte, mich zu distanzieren. Ein Rainer Barzel würde das natürlich nicht schreiben, der schreibt's anders. Der wird immer braver. Alles gute Leute. Ich war ein Kind dieser Epoche. Ich habe so gelebt und so geliebt und auch noch anderes. Ich wollte ein Spiegelbild der damaligen Zeit bringen, und zu dem steh' ich. Im übrigen lenken Sie doch nicht ab. Nicht was ich sage oder geschrieben habe ist entscheidend, sondern die Wahlergebnisse.
SPIEGEL: Ein neuer Führer, Anführer auf der Rechten?
SCHÖNHUBER: Sie haben sich gerade noch korrigiert. Ein neuer Vorsitzender auf der rechten Seite, nicht ein Führer.
SPIEGEL: Herr Schönhuber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Von Dirk Koch und Joachim Reimann

DER SPIEGEL 6/1989
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