DER SPIEGEL

„Lieber heute als morgen übertreten“

In der bayrischen Provinz wächst die Zahl der Grenzgänger zwischen Republikanern und CSU
Im Leben des Kaufmanns Franz Ludwig Glasauer, 41, hat sich allerhand geändert, seit er sich vor fünf Jahren nach dem Besuch einer Republikaner-Versammlung im "Kollerbräu" zu Landshut entschlossen hat: "Da gehst amoi dazua."
Seine Videothek mit einer Jugend- und einer Erwachsenenabteilung hat er jüngst abgestoßen. Nun leitet er als Geschäftsführer in den gleichen Räumen an der Seligenthaler Straße in Landshut die RVG Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH, ein Unternehmen der Republikaner, an dem er mit einer Einlage von 5000 Mark zu 5,2 Prozent beteiligt ist. Den Rest teilen sich 61 Parteifreunde.
Statt Horror- und Pornofilmen ("Diese Dinge habe ich zuletzt möglichst geringgehalten") gibt es bei Glasauer nun politisches Werbematerial: Bierkrüge, Kugelschreiber, T-Shirts, Jogginganzüge, Flugblätter und das Parteiorgan "Der Republikaner". In der Parteihierarchie steht der Video-Kaufmann nun obenan - als Vorsitzender von Oberbayern.
Am Stammtisch im heimatlichen Burgharting, hart an der Grenze zwischen Ober- und Niederbayern, merkt Glasauer freilich gegenüber früher "keinen Unterschied". Am Sonntag nach der Kirche trifft man sich beim Forster-Wirt zum Schafkopfen, pro Spiel ein Zehnerl, wenn der Pfarrer mittut, ein Zwanzgerl. Der Republikaner: "Als NPDler könnt' ich mich an dem Stammtisch nimmer sehen lassen."
Denn die ganz überwiegend an der CSU orientierten Landbewohner aus Burgharting halten einen Republikaner für ihresgleichen. Und der Stammtischbruder tut wohl gut daran, seine einstige Mitgliedschaft bei den Nationaldemokraten an diesem gemütlichen Ort zu verschweigen. Glasauer: "Das war ja nur ein Vierteljahr, a kloaner Ausflug, a Jugendsünde."
Trotz aller Harmonie beim Forster-Wirt in Burgharting sieht Glasauer einen eklatanten Unterschied zwischen der herkömmlichen CSU und den Republikanern: "Mia müss'n moderater red'n, weil mia als neue Partei noch aufpassen müss'n."
Gerade daran hatte es aber Glasauer bei einigen seiner 64 Auftritte im Europa-Wahlkampf offenbar fehlen lassen. Jedenfalls fing er sich nach einer Kundgebung im "Augustinerbräu" zu Regensburg, auf der er "das Gesindel und den Abschaum" der Demonstranten hinter den Gitterzaun des WAA-Geländes zu verbannen empfahl, einige Strafanträge ein.
"Von Arbeits- oder gar Konzentrationslager habe ich nie gesprochen", präzisiert Glasauer im nachhinein, "aber wenn wir in die Verantwortung kommen, dann wird dieser Spuk zu Ende sein." Bis zur Klärung der Vorfälle - er hatte angeblich auch Berlins Regierenden Bürgermeister Momper als "ausgehungerten Sittenstrolch" und dessen Koalitionspartnerinnen als "grüne Schnall'n" bezeichnet - ruht sein Parteiamt in Oberbayern, und die Parteiführung belegte den ungebärdigen Redner mit einem vorläufigen Auftrittsverbot.
Seitdem arbeitet der ehemalige Video-Händler eher im stillen. So faßte er zum Beispiel bei jenen der 25 Landshuter CSU-Stadträte nach, die nach seiner Kenntnis schon bei den Landtagswahlen 1986 heimlich die Republikaner gewählt haben. Dabei hatte er offenbar mehr Erfolg, als ihm lieb sein kann.
Denn nach dem Triumph bei der Europa-Wahl (Landshut: 18,7 Prozent für die Republikaner) denkt Glasauer schon an eine Art politischen Numerus clausus, um das Gedränge zu bändigen: "Mia können doch net an jeden aufnehma, der sagt, er kummt von der CSU."
Das Gedränge zu den Republikanern kam für die idyllische Isarstadt Landshut eher überraschend. Denn hier bietet die CSU mit dem rechtsgewirkten Wahlkreisabgeordneten Friedrich Zimmermann und dem liberalen Oberbürgermeister Josef Deimer, der schon stets gegen die eigene Parteiführung aufmuckte, ein außergewöhnlich breites politisches Repertoire.
Doch wie in Landshut franst überall im Land der rechte Rand der CSU zusehends aus, überall erweisen sich die Republikaner als Fleisch vom Fleisch der zuletzt auch von Franz Josef Strauß nicht mehr richtig zusammengehaltenen "Sammlungsbewegung zur Rettung des Vaterlands" (CSU-Eigenbeurteilung).
Fließende Übergänge zwischen den Christsozialen und der neuen Rechten gibt es nicht nur an den Stammtischen des Südstaats, sondern zuweilen auch innerhalb einer Familie.
So hat der CSU-Landtagsabgeordnete Rudi Richter, 61, aus dem fränkischen Fürth seine Ehefrau Ingeborg und den Sohn Klaus-Uwe, beide langjährige Unionsmitglieder, unversehens an die Republikaner verloren. Seither gibt sich der CSU-Vater kleinlaut: "Ich bin ja nicht das Sprachrohr meiner Familie."
Sohn Klaus-Uwe, 30, Diplom-Betriebswirt in einem Wohnungsbauunternehmen, ehedem stellvertretender CSU-Ortsvorsitzender von Fürth-West und nun Republikaner-Chef von Fürth-Stadt, fühlt sich indessen von der väterlichen Union nur ein paar Schritte entfernt.
Mit dem Kreisvorsitzenden der Jungen Union, dem Rechtsreferendar Günther Kahl, 30, verbindet ihn zum Beispiel nach wie vor ein freundschaftliches Duzverhältnis. Beide machten in der Fürther Fußgängerzone Europa-Wahlkampf - nur war der CSU-Stand halt "schräg gegenüber".
Klaus-Uwe Richter, der "vor allem nach dem Tod von Strauß" seine konservativen Wertvorstellungen nicht mehr durch die CSU gedeckt sah, beteuert: "Nicht ich hab' meine politischen Überzeugungen geändert, sondern die." Längst hat er die Europa-Ergebnisse auf das Fürther Rathaus übertragen - acht Sitze für die Republikaner: "Da können wir dann schon ein Wort mitreden."
Geradezu ein Paradebeispiel für die Wahlverwandtschaften zwischen Union und Republikanern ist der stellvertretende Bundesvorsitzende und stellvertretende bayrische Landesvorsitzende der Republikaner, Hans Dorn, 52, aus Lindenberg im Allgäu.
Nach 26jähriger Zugehörigkeit zur CSU wechselte der Stadt- und Kreisrat vor zwei Jahren zu den Republikanern über. Dem Rechtsanwalt, im Parteiorgan "Der Republikaner" als "Bossi des Allgäus" gerühmt, imponieren die sozialistischen und ökologischen Teile des Republikaner-Programms, mit denen er "bei der verkrusteten CSU sofort als Querulant abgetan" worden wäre.
Der Schönhuber-Ersatzmann auf der Europa-Liste, der aus einem kleinen Bauernhof stammt (die 13 Kühe betreut sein Bruder), besucht regelmäßig drei Stammtische in Lindenberg - und auch ihm schlägt überall "ungeahnte Sympathie" entgegen, auch und gerade von ehemaligen CSU-Kollegen. Dorn: "Die wählen uns alle, und einer hat mir sogar 500 Mark gespendet." In seiner Umgebung kennt er "20 bis 30 CSU-Leute, die lieber heute als morgen zu uns übertreten würden".
Anders als sein Vorsitzender Schönhuber, der die Europa-Wahl auf Kundgebungen als eine "reine Geldwahl" abgetan hat und nun über 16 Millionen Mark kassiert, nimmt Stellvertreter Dorn "von den Republikanern keinen Pfennig" (nur beim Parteiverlag ist er mit einer Einlage von 10 000 Mark mit von der Partie). Er betreibt Politik lieber "wie Fahrradfahren oder sonstwas".
Mitleid war hingegen das Motiv für den Münchner Rechtsanwalt Max Michael Gerhart, 51, sich letzten November den Republikanern anzuschließen: "Mir ging's nicht um links oder rechts - ausschlaggebend für mich war, wie mit den Republikanern umgegangen wird."
Als Kreisvorsitzender in Starnberg erzielte er bei der Europa-Wahl "auch schon ein zweistelliges Ergebnis". Und als Autor im Parteiorgan "Der Republikaner" pflegt er auf seine Art den vom Vorsitzenden angestrebten "geläuterten Patriotismus".
Auf eine Weise, die im CSU-"Bayernkurier" schwer vorstellbar ist, wettert Gerhart gegen "Großindustrie und Altparteien" und deren "willfährige Helfershelfer", von denen "uns Grenzwerte, Belastungsnormen und Becquerel verordnet werden, die auf Dauer viel unverdaulicher sein werden als die Verbrechensmoral des Hitler-Regimes".
Gern erörtert er seine "provozierenden Thesen" auch mit seinem Sozius Rudolf Hanauer, mit dem er sich in der feinen Residenzstraße in der Münchner City ein Büro teilt.
Doch der Kollege, mit dem ihn "privat ein gutes Verhältnis" verbindet, reagierte "zunächst mal entsetzt" und "absolut ablehnend". Das gehört sich wohl auch so: Hanauer war von 1960 bis 1978, länger als jeder andere, CSU-Präsident des Bayerischen Landtages.

DER SPIEGEL 28/1989
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