DER SPIEGEL

Schreckliche Liebe

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Ein Mann zwischen zwei Frauen: Was Traugott an der puppigen Irmtraut einerseits und der herben Freya andererseits findet, ist klar, aber nicht, was die beiden Frauen für diesen zugegeben charmanten Schwächling empfinden und warum sie seinetwegen sogar ihre Freundschaft aufs Spiel setzen. Das aber ist die Konstellation für Helke Sanders neuen Film "Der Beginn aller Schrecken ist Liebe" - eine Liebeserklärung an das Leiden an der Liebe. Als Traugott wieder zu Irmtraut zurückkehrt, leidet Freya - den größten Teil der knapp zwei Kinostunden - über alle Maßen, quält sich (und die Zuschauer) mit der Frage nach dem Warum, verlangt Erklärungen, die sie nicht bekommt, nervt ihre Freunde, will eine solidarische Frauen-Gang gründen, liest "Michael Kohlhaas" zwecks moralischer und methodischer Aufrüstung, fährt ziellos durch die Straßen und lauert dem Geliebten auf; der aber entzieht sich. Eine Frau besteht auf dem Recht, anständig behandelt zu werden, will nicht Opfer sein, doch sie stößt auf Unverständnis. Das kann ihr allerdings auch beim Publikum passieren, denn der Film erzählt keine Geschichte, er demonstriert Gefühle - die noch dazu von einer Stimme aus dem Off kommentiert werden.

DER SPIEGEL 17/1984
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