DER SPIEGEL

„Franz heißt er, und Franz heiß' ich“

SPIEGEL-Interview mit Parteichef Franz Schönhuber über seine Republikaner *
SPIEGEL: Bei einem Wahlergebnis von 0,2 Prozent, so hört man, hätten Sie sich erschossen. Haben Sie einen Waffenschein?
SCHÖNHUBER: Ich habe keinen.
SPIEGEL: Eigentlich wollten Sie ja "mit Glanz und Gloria" in den Landtag einziehen und mit der CSU eine Koalition bilden. Haben Sie den Zulauf bei Ihren Wahlversammlungen überschätzt?
SCHÖNHUBER: Ich habe die Koalitionsfrage immer offengelassen. Und was den Zulauf angeht, so war es mir selbstverständlich immer klar, wenn ich 2500 Leute beispielsweise in Rosenheim oder in Karpfham hatte, bis zu 3000 sogar, dann sind das keine 3000 Wähler.
SPIEGEL: Wie erklären Sie es sich, daß Sie dann doch aus dem Stand heraus drei Prozent der Stimmen in Bayern einheimsen konnten?
SCHÖNHUBER: Ich erkläre mir das zuerst einmal so, daß es eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien gibt. Besonders viele junge Menschen denken so. Die haben sich uns zugewendet mit der Hoffnung, daß sie den fetten etablierten Parteien durch eine mögliche Konkurrenz wieder Beine machen könnten.
SPIEGEL: Sind die Republikaner eine Neuauflage der NPD?
SCHÖNHUBER: Ich wehre mich mit allen Kräften dagegen, mit der NPD in einen Topf geworfen zu werden. Wir haben mit dieser Partei nichts, aber auch gar nichts zu tun.
SPIEGEL: Welche Parolen haben am besten eingeschlagen?
SCHÖNHUBER: Ich glaube, den meisten Beifall habe ich auf dem moralischen Gebiet erzielt. Zum Beispiel sehe ich die Rauschgiftgefahr als ungeheuer bedrohlich an und fordere die Einführung der gesetzlichen Höchststrafe - lebenslänglich - für Rauschgiftdealer. Auch die Ablehnung von Aufsichtsratsposten für politische Mandatsträger kam gut an. Ich habe weiter großen Beifall bekommen, wenn ich die Verquickung zwischen Wirtschaft, Politik und Kapital angeprangert habe.
SPIEGEL: Wo bleibt das Nationale?
SCHÖNHUBER: Nur langsam. Ich habe auch Beifall bekommen, wenn ich die Einführung neuer Geschichtsbücher in den Schulen gefordert habe, weil über bestimmte Dinge einfach diskutiert werden muß, etwa über die Frage, ob die Alleinschuld-These Deutschlands am Zweiten Weltkrieg so noch haltbar ist.
SPIEGEL: Trifft es Sie, wenn Franz Josef Strauß von Rattenfängern spricht, die mit Schlagworten aus der Weimarer Zeit und mit deutsch-nationalen Untertönen das Publikum verführen?
SCHÖNHUBER: Ich finde es bemerkenswert, daß sich die CSU aufregt, zu Recht aufregt, wenn ein Herr Schröder den Herrn Strauß eine Sau nennt. Aber warum regt sich kein Mensch auf, wenn Herr Strauß den Herrn Schönhuber ein Arschloch nennt? Und wenn Herr Strauß von Rattenfängern spricht, dann kann er ja gleich die Schmeißfliegen dranhängen.
SPIEGEL: Was hat Ihr Wahlkampf gekostet?
SCHÖNHUBER: Das kann ich noch nicht genau beziffern. Wir haben immerhin hohe Kredite aufgenommen, gesichert
durch Bürgschaften, durch Spenden von Menschen, die uns nahestehen.
SPIEGEL: Wer sind Ihre Gönner?
SCHÖNHUBER: Das sind Leute aus der Wirtschaft. Das sind aber auch sehr viele Kleinspender. Wir kriegen Briefe, da sind zehn oder zwanzig Mark drin. Kleinvieh macht auch Mist.
SPIEGEL: Nun bekommen Sie über die staatliche Wahlkampffinanzierung mindestens 1,2 Millionen Mark zurück. Was machen Sie mit dem Geld?
SCHÖNHUBER: Wir werden sämtliche Kommunalwahlen bestreiten, wir werden die Europawahl angehen, wir werden in Bremen bei der Bürgerschaftswahl und in Schleswig-Holstein antreten, das kostet alles Geld. Die Beteiligung an der Bundestagswahl ist noch offen.
SPIEGEL: Haben Sie ein Motto?
SCHÖNHUBER: "Ja zu Deutschland".
SPIEGEL: Daß Sie in Bayern nicht erreicht haben, was Sie wollten, nämlich in den Landtag einzuziehen, kreiden Sie vor allem dem Fernsehen an, das Sie angeblich totschweigt oder ausblendet.
SCHÖNHUBER: Es ist doch kein demokratisches Procedere, wenn man einen Mann, der am Aschermittwoch in Cham mit 1200 Leuten die höchste Besucherzahl nach Strauß aufweist, im Fernsehen nur mit einem Standbild bringt. Während man die NPD mit 70 Leuten, die ÖDP mit 60 Leuten, die Bayernpartei mit 80 Leuten in einem Statement bringt. Das kann doch nicht normal sein.
SPIEGEL: Neuerdings finden Sie sich im Bayerischen Rundfunk als "Herr Schicklhuber" verunglimpft?
SCHÖNHUBER: Ich finde das ungeheuerlich. Ich heiße Franz Schönhuber, ich heiße nicht Schicklhuber.
SPIEGEL: Franz Xaver Schönhuber.
SCHÖNHUBER: Das hat mein Vater einmal vor dreißig Jahren gesagt. Ich weiß nur, daß ich Franz heiße und daß mein Vater den Xaver einmal hinzugefügt hat, weil er offensichtlich den Xaverius sehr gern mochte.
SPIEGEL: Klingt fast wie Franz Josef?
SCHÖNHUBER Franz Josef ist Metzgersohn, ich bin Metzgersohn. Franz heißt er, und Franz heiß' ich. Manche Leute sagen, die mögen sich deshalb nicht, weil sie sich so ähnlich sind. Ich lege Wert auf die Feststellung, daß ich mich nicht ähnlich fühle.
SPIEGEL: Die Entstehungsgeschichte der Republikaner war geprägt von Fehden und Flügelkämpfen, ja sogar handfesten Schlägereien.
SCHÖNHUBER: Ich finde es besser, wenn man ringt, als so einer satten Partei wie der CSU anzugehören, wo der Franz Josef mit der Peitsche knallt, und alle müssen laufen. Wir haben uns halt echt auseinandergesetzt. Dies ist ausgestanden. Ich habe von vornherein und immer wieder gesagt, wir sind eine Partei rechts von der Mitte. Das ist die Partei, die ich will.
SPIEGEL: Die patriotisch-nationale Variante ist in der Geschichte der Bundesrepublik auch schon durchprobiert worden - mit Anfangserfolgen, aber schließlich ohne Dauer.
SCHÖNHUBER: Das ist richtig.
SPIEGEL: Und das wollen Sie nachmachen?
SCHÖNHUBER: Nein. Die NPD war ja so ungeheuer gestrig in ihrem Zuschnitt. Sie hat nie einen richtigen Schnitt gemacht mit einer unseligen Vergangenheit. Die jungen Leute, die zu uns kommen, sind überzeugte Demokraten, aber sie sagen, es muß einmal Schluß sein, daß wir Deutsche noch Jahrzehnte und Jahrhunderte als Gezeichnete durch die Gegend laufen. Wir wollen wieder ein selbstbewußtes Volk werden. Ich bin immer ausgelacht worden - aber das Wort Patriotismus gewinnt in Deutschland in zunehmendem Maße an Gewicht.
SPIEGEL: Wie hoch schätzen Sie das Gesamtpotential für rechtes Gedankengut unter den deutschen Wählern ein?
SCHÖNHUBER: Das Gesamtpotential schätze ich auf bis zu zwanzig Prozent.
SPIEGEL: In welchem Zeitraum wollen Sie diese zwanzig Prozent erreichen?
SCHÖNHUBER: Wenn Sie darauf abheben, daß ich jetzt 63 Jahre alt bin, so weiß ich eines: Ich sehe die Morgenröte, aber ob ich das alles noch erleben werde, das weiß ich nicht. Das ist mir aber auch gleichgültig. Da werden andere ernten, ich habe halt angefangen zu säen. Ich bin sehr glücklich, daß ich diese Aufgabe habe, alles andere steht in den Sternen.

DER SPIEGEL 43/1986
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung