DER SPIEGEL

NACHRUF„Wie dumm der Reichsminister war“

Hundert Jahre wollte er leben, und das mit diesem Lebenslauf: Oktoberrevolutionär von 1917, nächster, ergebenster und dauerhaftester Kumpan Stalins, überlegener Verhandlungspartner Hitlers und Churchills - von beiden ließ er sich Osteuropa abtreten -, am Ende Widersacher Chruschtschows, der ihn aus der KPdSU ausschloß. Hernach genoß er fast ein Vierteljahrhundert lang einen behaglichen Ruhestand auf einer Staatsdatscha im Moskauer Villenvorort Schukowka und wurde sogar wieder in die Partei aufgenommen.
"Begeistert" äußerte er sich über Gorbatschow und bedauerte nur, sich aus Gesundheitsgründen nicht mehr aktiv "nützlich erweisen" zu können - kurz nach seinem 96. Geburtstag, kurz vor seinem Tod am vorletzten Samstag: Dieses ihrer Kinder hat die Revolution auf natürlichem Weg vertilgt.
Wjatscheslaw Michailowitsch Skrjabin, der sich im Untergrund zur Zarenzeit "Der Hammer" (russisch: molot) nannte war der Sohn eines Handlungsgehilfen, Neffe des Komponisten Alexander und Bruder des Malers Nikolai Skrjabin.
Nach seinem Ingenieurstudium in St. Petersburg redigierte "Molotow" im Ersten Weltkrieg das - meist legal erscheinende - Linksblatt "Prawda", Organ einer kleinen Untergrundpartei, der Bolschewiki, deren Anführer im Ausland oder in der Verbannung steckten: Molotows Zeitung sorgte für den Zusammenhalt der rund 10000 Mitglieder.
Als ihr Idol Lenin aus dem Schweizer Exil zurückkehrte und die schleunige Machtergreifung seiner Genossen proklamierte, hielt Molotows "Prawda" einen solchen Coup für "unannehmbar". Aber er gelang, mitorganisiert von Molotow, den die Zentrale an die Wolga schickte, dann in jene Rüstungsschmiede, die heute Gorki heißt, schließlich in die Ukraine.
Nach solchen Bewährungsposten erst holte Parteigeschäftsführer Stalin - dem Molotows Tante einmal ein Versteck vor der Polizei geboten hatte - den peniblen Schreibtischmenschen als Personalreferenten nach Moskau; Regierungschef Lenin nannte ihn den "besten Registraturbeamten in ganz Rußland", er habe eine "dumme und schändliche Bürokratie direkt unter unserer Nase" errichtet.
Stalin gefiel das, gemeinsam machten sie den Resten der Revolution den Garaus. Molotow übernahm die Parteiorganisation der Hauptstadt Moskau, 1930 wurde er Regierungschef. Er zeichnete alle 383 Hinrichtungslisten des Tyrannen ab und beschuldigte 1936 selbst den Oktoberrevolutionär Bucharin, mit dem er Lenins Sarg getragen hatte, des Verrats, Bucharin wurde erschossen.
1939 war die Stalin-Diktatur vollendet. Eine Untersuchungskommission über die Verbrechen der Geheimpolizei NKWD beschloß mit Molotows Stimme, "Übertreibungen" fortan zu vermeiden und "ehrliche Leute" in die Sicherheitsorgane aufzunehmen, an deren Spitze der Massenmörder Berija trat.
Da für die Gesprache mit Nazi-Deutschland ein jüdischer Verhandlungsführer ungeeignet erschien, übernahm Molotow auch noch das Amt des Außenministers Litwinow. Er unterzeichnete jene berüchtigte Allianz mit Hitler, die den Zweiten Weltkrieg ermöglichte und Polen teilte. Molotow über den Pakt-Partner Ribbentrop: "Wir waren riesig zufrieden, als wir durch sein Geschwätz verstanden, wie dumm der Reichsminister war."
Molotow gratulierte 1940 seinem Alliierten Hitler zum Sieg über Frankreich, dann fuhr er zwecks weiterer Beute nach Berlin.
Auf den AA-Staatssekretär von Weizsäcker, Vater des heutigen Bundespräsidenten, machte Molotow "den Eindruck eines gründlichen Arbeiters. Seine Leute sind verschüchtert. Alle haben offenbar auch Angst vor uns". Und er fuhr fort: "Auch von uns aus ist die Beruhigung im Osten wertvoll, nachdem es im Sommer hier Mode war, den Krieg mit den Russen zu wünschen und als nötig zu betrachten."
Nach einigen Verhandlungstagen urteilte von Weizsäcker über das sowjetische Rußland: "Warum soll es nicht neben uns in seinem dumpfen Bolschewismus schmoren? Solange es von Beamten des jetzt hier gesehenen Typs verwaltet wird, ist dieses Land weniger zu fürchten als in der Zarenzeit."
Der weltmächtige Molotow erklärte sich bereit, der Achse Berlin-Rom-Tokio beizutreten - wenn die UdSSR dafür den Balkan bekomme, dazu noch Finnland, den Bosporus und den Ostseeausgang an Skagerrak und Kattegat. Hitler bot nur, was er nie selbst hätte erobern können: den Persischen Golf und gar Indien.
Wegen Fliegeralarms wurde die Aufteilung der Welt zu Berlin im Luftschutzkeller fortgesetzt. "England ist erledigt", so lockte Ribbentrop den Russen mit der Konkursmasse des Empires. "Wenn das so ist", antwortete der ansonsten völlig humorlose Molotow, "warum sitzen wir dann in diesem Bunker, und wer wirft die Bomben auf uns herunter?"
Später nahm Molotow Hitlers Offerte an, doch der wollte nun den Krieg. Am 22. Juni 1941 traf kurz nach Mitternacht in Berlin ein seltsamer Tadel Molotows ein: "Eine Reihe von Anzeichen erwecken den Eindruck, daß die deutsche Regierung unzufrieden _(Mit Ribbentrop, Stalin in Moskau. )
mit der Sowjetregierung sei." 45 Minuten später griffen die Deutschen an.
Nicht Stalin, der sechs Wochen vorher selbst das Amt des Ministerpräsidenten übernommen hatte, sondern Molotow, nur noch Vizepremier und Außenminister, nahm die Kriegserklärung des deutschen Botschafters von der Schulenburg entgegen und sagte: "Das haben wir nicht verdient." Über Radio unterrichtete er, nicht Stalin, die Bevölkerung.
Als Stalins Vize an der Spitze des Verteidigungsrats der UdSSR, speziell für Panzer zuständig, soll Molotow jene Benzinflaschen empfohlen haben, mit denen sich ein Panzer in Brand setzen läßt ("Molotow-Cocktail") und die seinem Namen noch heute ein Andenken bei allen Terroristen bewahren. Seinen neuen Alliierten Churchill beruhigte er auf der Konferenz in Teheran 1943, als Stalin die Exekution von 50000 deutschen Offizieren vorschlug und Churchill empört den Raum verließ: Stalin habe nur gescherzt.
Er protokollierte Rußlands Sieg in Jalta und in Potsdam, aber sein Geschick verließ ihn: Sein "Njet" geriet zum Markenzeichen des Kreml-Buchhalters mit dem goldenen Kneifer. Seine Frau Polina einst Fischerei-Ministerin und Bevollmächtigte für Kosmetik, zeigte offen Sympathie für den neuen Judenstaat Israel: "Ich bin a jiddische Tochter", sagte sie der Botschafterin Golda Meir und wurde dafür in ein Arbeitslager gesteckt. Molotow, der das Außenministerium an den Blutanwalt Wyschinski hatte abgeben müssen, aber Vizepremier blieb, hielt Stalin weiterhin die Treue.
Einmal befürwortete er den - noch immer aktuellen - Vorschlag des Planungschefs Wosnessenski, die Zentralverwaltungswirtschaft zu lockern und Leistungsprämien zu zahlen. "Bevor Sie fortfahren", beschied ihn Stalin, "sollten Sie wissen, daß Wosnessenski heute früh erschossen wurde." Molotow blieb Stalin ergeben, dessen Erben ihn wieder zum Außenminister beriefen.
Mit den alten Kameraden Kaganowitsch und Malenkow - beide leben noch - versuchte er 1957, den Reformer Chruschtschow zu stürzen. Er wurde als Botschafter in die Äußere Mongolei verbannt, später durfte er sich in Wien ergehen, als Sowjetvertreter bei der Internationalen Atomenergie-Organisation. Übermütig empfahl er Stalins Rehabilitierung - und verlor Amt und Partei-Mitgliedschaft.
Sein Parteibuch verbarg er im Tresor seiner Moskauer Stadtwohnung und legte angeblich jeden Monat einen Rubel Parteibeitrag hinzu. Obschon er schließlich als Parteimitglied rehabilitiert wurde, meldete seine "Prawda" sein Ableben nicht. Seine letzte Ruhe fand er nicht an der Kreml-Mauer in der Nähe Stalins, sondern - ohne Staatsakt - auf dem Nowodewitschi-Friedhof, wo auch sein Feind Chruschtschow liegt.
Mit Ribbentrop, Stalin in Moskau.

DER SPIEGEL 47/1986
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